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Bernie Sanders - der Mann, auf den James Bond setzt

Plötzlich hat Hilary Clinton einen Konkurrenten um die Präsidentschafts-Kandidatur der US-Demokraten. Bernie Sanders, selbst ernannter "demokratischer Sozialist", begeistert vor allem die jungen Wähler. Und hat einen prominenten Unterstützer.

Bernie Sanders mit Hilary Clinton bei Vorwahl in Iowa gleichauf

"Die politische Revolution hat begonnen": Bernie Sanders bejubelt seinen Überraschungserfolg bei den Vorwahlen der US-Demokraten im Staat Iowa

"Bernie, Bernie"-Rufe hallen durch den Ballsaal eines Hotels am Flughafen von Des Moines. Auf Leinwänden laufen die jüngsten Zahlen des Vorwahlrennens der Demokraten im US-Bundesstaat Iowa ein, und mit jedem Zehntelprozent, das den Senator Bernie Sanders näher an die frühere Außenministerin Hillary Clinton heranrücken lässt, steigt die Stimmung. "Es sieht so aus, dass wir praktisch gleichauf sind," sagt Sanders, als er am Montag um kurz vor Mitternacht (Ortszeit) die Bühne betritt. Die "politische Revolution" habe an diesem Abend in Iowa begonnen.

Fünf Stunden vorher hat sich der dramatische Ausgang der Vorwahl bereits in der Aula der Lincoln High School abgezeichnet. Rund 130 Demokraten aus einem Stimmbezirk in Des Moines sind hier zu einem sogenannten Caucus zusammengekommen. Roberta Roney setzt sich zu den Clinton-Anhängern, die sich auf der einen Seite des Saals versammelt haben. "Sie hat mehr Erfahrung als Sanders", sagt die 47-Jährige über die einstige First Lady. Außerdem sei ihr politisches Programm "realistisch".

Roneys Sohn Jacob hat auf der anderen Seite Platz genommen, er trägt ein lilafarbenes T-Shirt und lässt sich Bartstoppeln über der Oberlippe wachsen. Neben ihm hängen Wahlplakate von Sanders. "Bernie ist etwas Neues, ein Außenseiter", sagt der 18-jährige Erstwähler. Außerdem habe der Senator sehr wohl Erfahrung: "Er war für Jahrzehnte im Kongress."

Bernie Sanders gibt "Hoffnung und Leidenschaft"

Der politische Generationenkonflikt in der Familie Roney hat die ganze Demokratische Partei erfasst. Vor allem junge Wähler begeistern sich für den 74-jährigen selbsterklärten "demokratischen Sozialisten", der eine gerechtere Verteilung des Reichtums, eine Abschaffung von Studiengebühren an staatlichen Universitäten und eine allgemeine Krankenversicherung verspricht. "Er ist der einzige Politiker in meinem ganzen Leben, der mir Hoffnung und Leidenschaft gegeben hat", sagt die 31-jährige Andrea Hogan, eine alleinerziehende Mutter mit drei Kindern, bei Sanders' Wahlparty. Der seit 2007 amtierende Senator des Staats Vermont ist sogar noch mehr: Er ist bislang der einzige Politiker in der US-Geschichte, der mit einer derart sozialistischen Einstellung in den Senat gewählt wurde.

Dementsprechend gehört zum Selbstverständnis des in zweiter Ehe verheirateten Vaters eines Sohnes, dass er nicht auf Großspenden setzen möchte. Das wird er allerdings kaum aufrecht erhalten können, wenn der Achtungserfolg von Iowa keine Eintagsfliege bleiben soll. Von prominenter Seite hat er bereits ordentliche Summen bekommen. So spendete James-Bond-Darsteller Daniel Craig 500.000 Dollar an die "Americans Socially United", eine private Organisation, die Sanders im Rennen um die Präsidentschaft unterstützt. Ob das gegen den "Sozialisten" ins Feld geführt werden wird, bleibt abzuwarten. Ohne derartige Unterstützung ist eine Kandidatur um das höchste Amt der USA allerdings praktisch unmöglich.

"Schließt Euch der Revolution an"

An der Lincoln High School liegt Sanders am Wahlabend nach einer ersten Zählung der versammelten Anhänger knapp vorne. Auf der Seite des Senators sitzen 63 Wähler, bei Clinton 62. Sechs sind noch unentschieden und fünf unterstützen Marylands früheren Gouverneur Martin O'Malley, der noch im Laufe des Abend seinen Ausstieg aus dem Präsidentschaftsrennen erklären wird.

"Schließt euch der Revolution an", ruft ein Sanders-Anhänger und versucht, die Unentschlossenen und die kleine O'Malley-Gruppe auf seine Seite zu ziehen. Eine halbe Stunde später zählen die örtlichen Wahlleiter noch einmal durch: Sanders liegt bei 69, Clinton bei 68 Unterstützern. Der Stimmbezirk entsendet sieben Delegierte zu einer überregionalen Wahlversammlung, die wiederum auf Grundlage der lokalen Ergebnisse die Position des Bundesstaates Iowa für den Wahlparteitag der Demokraten im Juli festlegt. Rechnerisch entfallen auf jeden Bewerber 3,5 Delegierte - ein Münzwurf muss entscheiden.


"Wir haben sie auf dem Gipfel getroffen"

Der Zeitung "Des Moines Register" zufolge wird in mehreren Stimmbezirken auf diese Weise eine Entscheidung herbeigeführt. In den meisten Fällen habe der Münzwurf Clinton begünstigt. In der Lincoln High School ist das Glück aber mit Sanders - er erhält vier Delegierte.

In seiner Rede erzählt der Senator später, wie er und sein Team vor neun Monaten ohne Geld und mit geringem Bekanntheitsgrad in Iowa begonnen hätten. "Und wir haben uns mit der mächtigsten politischen Organisation in den Vereinigten Staaten von Amerika angelegt", fügt er mit Blick auf die Clintons hinzu.

Nach Auszählung fast aller Stimmen kommt die frühere Außenministerin in Iowa auf 49,9 Prozent, Sanders auf 49,6 Prozent - und beeilt sich, sich zur Siegerin zu erklären. "Das war wie das Erklimmen einer senkrechten Bergwand mit einer Gegnerin, die in einem wohltemperierten Aufzug gefahren ist", sagt der 26-jährige Sanders-Wahlkampfhelfer Benjamin Erkan mit Blick auf Clintons Ressourcen. "Und wir haben sie auf dem Gipfel getroffen."

Ob Sanders die Kraft hat, den Gipfel letztlich für sich allein zu beanspruchen, muss sich noch zeigen. Nach dem Erfolg von Iowa wurde er noch in der Nacht in New Hampshire, wo in einer Woche gewählt wird, mit Jubel empfangen:


dho/mit AFP
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