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Was finden die nur alle an diesem alten Mann?

Damit hätte wohl keiner gerechnet: Hillary Clinton bekommt im Rennen um die Präsidentschaftskandidatur ernsthafte Konkurrenz. Ausgerechnet von einem 74-jährigen Grantler. Wer ist dieser Bernie Sanders?

Von Niels Kruse

Sanders Frau

Bernie und die Frauen: Der 74-Jährige ist bei jungen, weiblichen Wählern beliebter als Hillary Clinton

Vor einigen Monaten hätten die meisten Amerikaner für den 8. November 2016 wohl auf das Präsidentschaftsduell Hillary Clinton gegen Jeb Bush gewettet. Doch dann mischte Donald Trump das Kandidatenfeld bei den Republikanern auf, und vom Ex-Präsidentensohn und -bruder Bush spricht kaum noch jemand. Mittlerweile muss selbst Clinton, die eigentlich schon für das Rennen ums Weiße Haus gesetzt war, um ihre Nominierung bangen. Ausgerechnet ein 74-jähriger macht ihr das Leben schwer.


Bei der Vorwahl in Iowa lag sie nur 0,3 Prozentpunkte vor ihm, in New Hampshire zog der selbst ernannte sozialistische Demokrat mit zwei Drittel der Stimmen mehr als deutlich davon. Vor allem junge Frauen rennen Sanders die Bude ein - sie waren bislang eine Bank für die frühere Außenministerin, die nun fürchtet, erneut auf den letzten Metern von einem Nobody abgehängt zu werden. Wie schon 2008, als ihr ein gewisser Barack Obama die Präsidentschaftskandidatur vor der Nase wegschnappte.

Wer ist Bernie Sanders und hat er tatsächlich Chancen, für die Demokraten in den Wahlkampf zu ziehen?

Bernie, der New Yorker

Bernies Sanders Vater stammt aus dem südpolnischen Dorf Slopnice. Eliasz Sanders wanderte in den 20er Jahren als 17-Jähriger in die USA aus, genauer nach Brooklyn, New York. Diese Herkunft ist Bernie auch an seinem schweren New Yorker Dialekt anzuhören. Auf Twitter machen sich die Leute bereits lustig darüber, zumal auch seine knarzige Stimme allein schon auffällig genug ist.


Die Eltern lebten bescheiden, der Vater verkaufte Farbe. "Weil das Geld fehlte, gab es Schwierigkeiten in meiner Familie, meine Eltern haben deswegen gestritten", erzählte er einmal. "Das ist etwas, was ich niemals vergessen habe. Und heute gibt es viele Millionen von Familien, denen es genauso geht."

Bernie, der Revoluzzer

Bernie 1990

Hoch die internationale ...: Sanders nach seinem Sieg bei den Wahlen zum Abgeordnetenhaus 1990


Wenn sich ein Trend in diesem jungen Wahlkampf herauskristallisiert, dann der, dass die Amerikaner der etablierten Politprominenz den Kampf ansagen. Donald Trump macht das von rechts - und Bernie Sanders von links. Nichts weniger als eine politische Revolution verspricht er seinen Wählern. Genauer: kostenloser Hochschulbesuch, Krankenversicherung für alle, höhere Besteuerung der Reichen. Mit solchen Positionen, die in Deutschland auch von Sozialdemokraten stammen könnten, erobert der 74-Jährige vor allem die Herzen der jungen Wähler. Was dabei gerne vergessen wird: Auch Bernie Sanders ist tief in Washington verwurzelt und sitzt seit 26 Jahren im Kongress.

Bernie und seine Fans 

Vor allem junge Menschen aus den großen Städten wie New York und Los Angeles schätzen den alten Mann für seine für amerikanische Verhältnisse unorthodoxen Ideen und sehen sich seiner fundamentalen Systemkritik näher als der etablierten Haltung Hillary Clintons. Unterstützung etwa kommt von Schauspieler Danny DeVito. Das Magazin "Rolling Stone" nannte ihn einen "grantigen Sozialisten", was durchaus liebenswürdig gemeint war. Punkten will er vor allem mit seiner Integrität: "Ob wir nun gewinnen oder verlieren - wir werden es ehrlich tun", sagte er jüngst und vor dem Hintergrund, dass Clintons Wahlkampfmaschine nicht immer mit offenen Karten spielt.


Bernie, der Waffennarr 

Längst nicht alle Amerikaner freuen sich über die liberalen Waffengesetze. Vor allem viele Demokraten wollen den Zugang erschweren, nicht so Bernie Sanders. Als Senator von Vermont vertritt er einen Bundesstaat mit vielen Waffenbesitzern. Zwei Mal hat er bereits für ein Gesetz gestimmt, das Waffenverkäufer vor Klagen schützt. Seine Begründung: Es verhindere, dass die Besitzer von kleinen Waffengeschäften zur Rechenschaft gezogen würden, wenn jemand mit einer Waffe eine Straftat begehe, die sie legal verkauft hätten. Zudem müsse man zwischen Waffenbesitzern auf dem Land und Waffenbesitzern in Großstädten unterscheiden.

Bernie, der Temperamentsbolzen

Sander singt

Und singen kann er auch noch: Als Bürgermeister von Burlington nimmt er 1987 eine Platte mit den Vermont Singers auf, auf der zudem eine Diskussion über seine Philosophie zu finden ist


Mürrische Miene, verbiesterter Blick, schnell auf 180: Bernie Sanders ist so ziemlich das Gegenteil des Politikertyps, deren öffentliche Auftritte von Beratern und Trainern auf Hochglanz poliert werden und die sich in Gesten und Äußerungen kaum noch voneinander unterscheiden. Wenn Sanders spricht, dann wird es auch schnell mal laut, er scheut weder die Konfrontation noch schert er sich um den Eindruck, den er hinterlassen könnte. Seine Anhänger danken es ihm, sie schätzen seine unverstellte und ehrliche Art.

Bernie, der Geldeintreiber

US-Präsidentschaftswahlkämpfe sind eine sehr teure Angelegenheit, die durch Spenden finanziert werden. Donald Trumps Erfolg beruht auch darauf, dass er sein eigenes Geld hat und sich damit nicht in die Abhängigkeit von Großspendern (oft Unternehmen und Banken) begibt. Bernie Sanders verzichtet ebenfalls auf die Mittel von Großkonzernen und erhält seine Zuwendungen von Privatpersonen. Und das durchaus erfolgreich. Im Januar konnte er satte 20 Millionen Dollar eintreiben, Hillary Clinton nur 15 Millionen.

Bernie und die Probleme

Sanders von hinten

Bernie Sanders begeistert jung und alt, doch seine Botschaften kommen eher bei den bürgerlichen Städtern an und nicht so sehr auf dem Land, wo die meisten Amerikaner leben.


Es ist die alte Leier: Linkssein ist gut, aber auch teuer. Seine Pläne, die vor allem den armen Familien und der Mittelschicht zu Gute kommen sollen, gelten als kaum refinanzierbar. Selbst die höhere Besteuerung reicher Gruppen dürften kaum reichen, um das Gesundheitswesen zu reformieren oder kostenlose Zugänge zu Hochschulen zu garantieren. So wird sein Appell nach seinem Sieg in New Hampshire ("Wir haben eine Botschaft gesandt, deren Echo von Washington bis zur Wall Street zu hören sein wird, von Maine bis nach Kalifornien. Und sie heißt: Die Regierung unseres Landes gehört allen Menschen, und nicht nur einer Handvoll Superreichen") zwar gerne gehört werden, doch am Ende, da sind sich die meisten Beobachter sicher, wird er sich der Übermacht von Clintons mächtiger und reicher Wahlkampfmaschine geschlagen geben müssen.



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