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Stadt der Tränen

58 Stunden in Todesangst - es war das schlimmste Geiseldrama, das es je gab. Von mehr als tausend Gefangenen starb jeder Dritte. Die Terroristen waren zu äußerster Grausamkeit bereit, Russlands Einsatzkräfte völlig überfordert.

Am Tag danach weht der leichte Ostwind den Geruch von verbranntem Fleisch über Beslan. Auf dem Sportplatz der Schule Nr. 1 glitzern die Aluminiumfolien, mit denen einige der Leichen abgedeckt sind. Hunderte von Leichen liegen in drei Reihen. Soldaten und Feuerwehrmänner tragen weitere Tote aus dem zerschossenen Gebäude. Körperteile, die sie nicht zuordnen können, sammeln sie in Säcken. Irgendwo spielt ein Radio russische Volksmusik. Ein Milizionär kniet am Boden und weint. Er hat die Tochter seiner Nachbarin wiedererkannt.

58 Stunden Terror

Spezialisten des Geheimdienstes FSB haben Beweisstücke auf einem Tisch ausgebreitet. Gewehrmagazine, Patronengurte, ein Funkgerät und die verkohlte Hand eines Scharfschützen, umhüllt von einem Lederhandschuh ohne Fingerkuppen. Ein Kühltransporter rollt in den Schulhof, um die nächsten Toten ins Leichenhaus der Bezirkshauptstadt Wladikawkas zu bringen. Wahrscheinlich sind mehr als 500 Menschen bei der Geiselnahme gestorben, die meisten von ihnen Kinder. Es war der schlimmste Terrorakt, den Russland je erlebt hat. Er dauerte 58 Stunden.

Der 1. September ist der erste Schultag nach den Sommerferien. Traditionell ein Festtag. Irina Midsijewa hat den Kindern die Schuluniformen angezogen. Dunkle Hosen, dunkle Röcke, weiße Hemden. Asamat nörgelt über die zu enge Krawatte. Der Siebenjährige geht in die zweite Klasse. Farisa, ein Jahr älter, ist in Mathematik Klassenbeste. Sie möchte unbedingt Blumen mitbringen und schneidet im Garten ein paar Rosen. Die Familie lebt in einem roten Häuschen am Stadtrand. Um neun Uhr steigen Kinder, Mutter und Großmutter Sara in den weißen Skoda. Bis zur Schule sind es zehn Minuten.

Es ist warm. Auf dem Schulhof baumeln Luftballons an Stühlen, Musik spielt. Die Kinder freuen sich auf die "Linejka", das Lineal, ein Fest zum Schulanfang aus Sowjetzeiten, an dem die ganze Stadt teilnimmt. Alle Klassen stellen sich in Reih und Glied auf, die ältesten Schüler begrüßen die jüngsten. Aus Lautsprechern klingt ein Kinderlied: "In der Schule lernen wir, die Schwachen zu achten."

Kurz nach neun setzt Aslan Kudsajew seine Tochter Dsera, 7, auf die Schultern eines älteren Schülers. Auch das hat Tradition: Am ersten Schultag darf eine Erstklässlerin die Schulglocke läuten. Dseras Vater ist stolz, dass seine Tochter ausgewählt worden ist. Er hat sogar die Fotografin der Lokalzeitung eingeladen. Zum Glockenschlag kommt Dsera nicht mehr, weil die ersten Schüsse fallen. Einige glauben zunächst, es sei ein Feuerwerk.

Schüsse und Panik

Zwei Militärlastwagen preschen heran. Vermummte Gestalten springen heraus. Schüsse. Panik bricht aus. Aus einem benachbarten Wohnblock eilt ein Mann herbei. Seine Tochter soll eingeschult werden. Er stirbt im Kugelhagel. Die Terroristen, wahrscheinlich 32, wissen, wohin sie die Menge treiben wollen. Einer von ihnen hält eine Zeichnung in der Hand. Mit Gewehrkolben zerschmettern sie die Scheiben zur Turnhalle. "Da lang, da lang!", brüllen sie. Durch die zersplitterten Fenster klettern die mehr als tausend Geiseln in das Gebäude.

"Setzen", brüllen die Rebellen. Es ist so eng, dass Erwachsene die Beine nicht ausstrecken können. "Haltet die Arme hoch! Macht Häschen!", befehlen die Geiselnehmer. Sie montieren selbst gebaute Bomben unter der Decke, an den Basketballkörben und an der Sprossenwand. Es sind zerschnittene Plastikflaschen, mit Nägeln, Schrauben und Sprengstoff gefüllt. Mindestens sechs schließen sie an Stromkabel. Sie lassen sich zentral zünden. Einer der Rebellen kontrolliert den Schalter.

Aus den Lastwagen schleppen die Terroristen Waffen heran, Kisten mit Munition, Maschinengewehre, Granatwerfer. Aslan Kudsajew, der Vater der kleinen Dsera, und etwa 25 andere Männer müssen den Geiselnehmern dabei helfen. Die Terroristen verbarrikadieren den Ausgang mit Bänken und zerschlagen die Oberlichter. Bei der Geiselnahme im Moskauer Theater Nord-Ost vor zwei Jahren hatten russische Sicherheitskräfte die Rebellen mit Giftgas außer Gefecht gesetzt. Das wollen die Terroristen diesmal verhindern.

Spezialeinheiten des russischen Innenministeriums sind gerade bei einem Überlebenstraining 200 Kilometer nordwestlich, als sie per Funk alarmiert werden. Der Hubschrauber ist schon unterwegs. Die Einheit Neun besteht aus 15 Mann, fast alle Tschetschenien-Veteranen. In Beslan besetzen sie die ehemalige technische Akademie. Das verfallene Gebäude liegt der Schule Nr. 1 gegenüber, getrennt durch eine Straße und ein Bahngleis. Sie hängen die Scheiben mit geblümten Gardinen ab, rücken Schränke mit Sandsäcken und einen Tresor als Deckung vor die Fenster. Keine Stunde vergeht, bis sie das erste Mal beschossen werden.

"Ihr Nutten!"

Der Anführer der Terroristen ist groß und muskulös, sein Schädel kahl geschoren. Er trägt einen schwarzen Vollbart und erinnert die Geiseln an Schamil Bassajew, den berüchtigten tschetschenischen Rebellen. Er wird Abdullah gerufen. Als er das erste Mal in der Turnhalle spricht, ist seine rechte Hand bandagiert. Irgendwer muss ihn zu Beginn des Überfalls angeschossen haben. Keiner ist brutaler als Abdullah, keiner redet obszöner. Er beschimpft die Frauen: "Ihr Nutten! Euren Männern ist es egal, wenn ich euch töte." Er sagt: "Ihr werdet bestraft, weil eure Regierung es zulässt, dass russische Truppen durch ossetisches Gebiet nach Tschetschenien einmarschieren."

Irina Midsijewa kauert mit ihren Kindern am Boden. Großmutter Sara hat allen die goldenen Kreuze abgenommen, die sie um den Hals trugen: Die meisten Osseten sind Christen, Tschetschenen Muslime. Viele Kinder weinen und wimmern. "Ruhe!", brüllt Abdullah. "Sonst werdet ihr erschossen!" Ein alter Mann fleht die Kinder an: "Bitte, bitte, seid doch ruhig." Er wiederholt den Satz auf Ossetisch. Abdullah stürzt sich auf ihn: "Was hast du gesagt, du Verräter?" Der Greis muss sich hinknien. Alle müssen mit ansehen, wie ihm Abdullah eine Kalaschnikow in den Nacken hält und abdrückt.

Die Hitze in der Turnhalle ist unerträglich. Die meisten Geiseln haben sich bis auf die Unterwäsche ausgezogen. Die Kinder werden immer lauter, die Geiselnehmer immer nervöser. Sie greifen sich einen schmächtigen Jungen. "Wenn es in zehn Minuten nicht still ist, stirbt er", drohen sie. "Der Junge war voller Angst", sagt Irina Midsijewa. "Nach zehn Minuten wurde er abgeführt. Er kam nie zurück. Seinen Blick werde ich nie vergessen."

Nun müssen die kräftigen Männer unter den Geiseln die Turnhalle verlassen, auch Aslan Kudsajew. Alle, die aussehen, als könnten sie Widerstand leisten. Sie müssen sich in den Korridor hocken, die Hände über dem Kopf verschränkt.

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Es ist 16 Uhr, knapp sieben Stunden nach Beginn der Geiselnahme, als die Terroristen sieben der Männer in ein Klassenzimmer im ersten Stock bringen. Eine halbe Stunde später werden auch Aslan und einer seiner Freunde die Treppe hochgedrängt. "Zwei Entführer bewachten uns. Ich sah ihnen an, dass es ernst wird." Einer der Terroristen sagt zu Aslan: "Wir zeigen eurer Regierung jetzt, dass wir keine Witze machen." Als Aslan den Raum betritt, sieht er sieben verstümmelte Leichen.

"Werft sie raus", befehlen die Rebellen. Aslan und sein Freund wuchten die blutigen Körper durch ein Fenster. Aslan hört, wie ein Tschetschene hinter seinem Rücken neue Patronen lädt. "Die sind für uns", denkt Aslan. Er flüstert dem Freund zu: "Wir springen!" Mit dem letzten Leichnam stürzt sich Aslan aus dem Fenster. Er bricht sich das Bein, flieht hinkend, Kugeln jagen durch die Luft. Er kann sich hinter ein Auto werfen und ist gerettet. Sein Freund ist nicht gesprungen. Er stirbt noch am selben Tag.

Hunger und Durst

Von Anfang an geben die Terroristen ihren Opfern fast nichts zu trinken. Manchmal tauchen sie Hemden in Wassereimer und schleudern die Fetzen in die Menge. Gierig saugen die Kinder das Wasser aus dem Stoff. Viele Babys brüllen vor Hunger und Durst. Fatima Izkajewa kann Aljona nicht beruhigen. Das Mädchen ist erst fünf Monate alt. Ihre zehnjährige Tochter Christina ist herzkrank. Schon am ersten Tag verliert sie für kurze Zeit das Bewusstsein. Der dreijährige Muchar hat keine Angst. Fatima erklärt ihm immer wieder, er sei im Zirkus. "Guck mal, wie die Onkel immer in die Luft schießen."

Die Geiselnehmer richten sich im Lehrerzimmer ein. Sie schlafen auf Turnmatten. Manchmal zieht Kaffeeduft aus ihrer Kammer. Fünf Terroristen wachen in der Halle, Gewehre und Zündschnur in den Händen. Sie wechseln sich oft ab. Wenn der Anführer die Turnhalle betritt, erkennen ihn die Geiseln sofort an der verletzten Hand. Den Verband lässt er regelmäßig wechseln. "Nicht wir werden euch töten", ruft er ihnen zu. "Eure eigenen Soldaten werden es tun, wenn sie die Schule stürmen. Dem Präsidenten seid ihr nicht mal Verhandlungen wert."

Immerhin bricht Wladimir Putin seinen Urlaub ab. Seit vier Jahren weiß er, dass der Präsident in Katastrophenzeiten keine Ferien machen sollte. Damals war er am Schwarzen Meer geblieben, während die Welt um die Männer im versunkenen U-Boot "Kursk" bangte. Diesmal fliegt Putin rasch nach Moskau - und schweigt. Am zweiten Morgen des Dramas ist der jordanische König zu Gast im Kreml. Immerhin darf das Volk zuhören, wie Putin dem Jordanier erklärt: "Wir verstehen, dass dies kein Angriff auf einzelne Bürger Russlands ist, sondern auf das ganze Land." Mitgefühl zeigt er nicht. Das Wort Tschetschenien kommt nicht vor.

Es ist Donnerstagabend, am Ende des zweiten Tages, als die Spezialeinheit Neun aus der technischen Akademie abrückt. Sie soll im provisorischen Hauptquartier der Armee, ebenfalls eine Schule, in Bereitschaft bleiben. Ihr Quartier ist ein Klassenzimmer. Um 21 Uhr ist Lagebesprechung. Es ist klar, dass sie die Geiselnahme gewaltsam beenden werden. Es geht nur noch um das Wann und Wie.

Antiterrorkämpfer der Spezialeinheit "Alpha", einer Art russische GSG 9, sollen die Schule stürmen. Die Einheit gehört zum Geheimdienst FSB und war schon im Einsatz, als tschetschenische Terroristen das Nord-Ost-Theater in Moskau überfallen hatten. Die Aktion soll im Morgengrauen stattfinden. Vielleicht schon am Freitag. Über den genauen Zeitpunkt entscheidet Moskau. Und das erst in letzter Minute.

Sturm nicht vor Samstag

Die Dämmerung vergeht ohne Einsatzbefehl. Die Soldaten rücken mit mäßiger Bewaffnung aus, keiner hat mehr als sechs Magazine dabei. Einsatzort ist ein Wohnhaus gegenüber der Turnhalle, etwa 50 Meter entfernt. In den Wohnungen der vierten und fünften Etage haben sich Scharfschützen verschanzt. Die meisten sind überzeugt: Sturm auf die Schule nicht vor Samstag.

In der Turnhalle sagen die Geiselnehmer: "Ihr werdet in einen Hungerstreik für den Abzug der Truppen aus Tschetschenien treten." Die Geiseln bekommen nun gar kein Wasser mehr. Es ist heiß, es stinkt. Fatima darf sich mit ihren drei Kindern manchmal in die Umkleidekabine setzen. Sie beobachtet, wie zwei Terroristinnen auf dem Fußboden beten. Sie tragen Gürtel mit Bomben um die Hüfte, in den Händen Pistolen und Zündkapseln. Wortlos verschwinden die Frauen. Nach einer Weile erschüttern zwei Explosionen die Sporthalle. Die beiden Frauen haben sich in die Luft gesprengt und mehrere junge Männer mit in den Tod gerissen.

Am Nachmittag kommt Ruslan Auschew zu Verhandlungen mit den Terroristen, der ehemalige Präsident der Nachbarrepublik Inguschetien. Die Menschen in der Schule hoffen, dass sie danach wenigstens Wasser trinken dürfen. Auschew schaut auch in die Turnhalle, ruft aufmunternde Worte. Als er geht, weint er.

Die Geiselnehmer erklären sich bereit, einige Babys und Kleinkinder mit ihren Müttern freizulassen. Auch Fatima darf gehen. Aber nur mit der fünf Monate alten Aljona. "Meine große Tochter ist herzkrank", fleht Fatima. "Und mein Sohn ist erst drei. Lassen Sie uns alle frei." Fatima fällt bettelnd auf die Knie. "Wenn du nicht aufstehst", herrscht einer der Männer sie an, "erschieße ich euch alle." Fatima bringt Aljona hinaus. Dann kehrt sie zu ihren Kindern in die Hölle zurück.

Der Durst wird immer unerträglicher. Über 48 Stunden fast ohne Wasser. Hämisch lachend bewerfen die Terroristen sie mit leeren Plastikflaschen und Dosen. "Hier habt ihr was zu trinken." Die Geiseln versuchen, die Flaschen aufzufangen. Wer eine erwischt, pinkelt hinein, um anschließend daraus zu trinken. Andere urinieren auf die Hände oder auf Kleider und saugen sie aus. "Mama, ich sterbe, gib mir Wasser", klagt ein kleines Mädchen. Weinend reicht ihm die Mutter eine Cola-Dose mit Urin. Wer Blumen von der Schulfeier findet, isst Rosenblätter, kaut Stiele. Viele Kinder haben sich die Lippen blutig gebissen.

Die Erwachsenen wünschen sich einen Befreiungsschlag durch die Armee. Und gleichzeitig fürchten sie nichts mehr als das. Als russische Spezialkräfte 2002 das Moskauer Theater Nord-Ost stürmten, starb jede sechste Geisel. Manche Mütter schreiben ihren Kindern die Namen auf den Arm. Alle versuchen, gute Plätze zu ergattern: weit weg von den Bomben, in der Nähe der Ausgänge und Fenster.

Ohne Beine, ohne Arme, ohne Kopf

Gegen Mittag kündigen die Terroristen an, Lebensmittel bringen zu lassen. Sie stellen sogar in Aussicht, Geiseln in Zehnergruppen an die frische Luft zu führen. "Ich glaube, sie geben uns Wasser", flüstert ein Mann. Es sind die letzten Worte, die Irina Midsijewa hört, bevor ein Knall ihr fast das Trommelfell zerreißt. Körper fliegen durch die Luft. In den Armen von Irinas Mutter landet der Torso eines Babys. Ohne Beine, ohne Arme, ohne Kopf.

Was diese Explosion ausgelöst hat, ist auch Tage nach der Geiselnahme noch unklar. Vielleicht ist jemand mit dem Kopf an eine der Bomben gestoßen, die von der Decke hingen. Vielleicht ist jemand über den zentralen Zünder gestolpert. Vielleicht war aber auch ein FSB-Agent unter den Männern des Katastrophenschutzes, die einige Tote bergen durften. und die Terroristen hatten Verdacht geschöpft.

Einigen Geiseln gelingt die Flucht durch die geborstenen Scheiben der Turnhalle. Die zwölfjährige Dseraissa springt als eine der Ersten aus dem Fenster. Bleich, verdreckt, halbnackt entkommt sie. Als Sekunden später ihre Freundin hinausklettert, eröffnen die Geiselnehmer das Feuer. Sie treffen das Mädchen ins Bein. Fünf Männer der Spezialeinheit Neun sitzen im Schlafzimmer einer Wohnung gegenüber, als die Bombe detoniert. Im Radio verliest ein Sprecher gerade, die Verhandlungen in Beslan kämen voran. "Die Scheiß-Kinderficker haben die Turnhalle in die Luft gejagt", brüllt ein Scharfschütze den anderen Soldaten zu. Kinderficker - so nennen sie die Terroristen.

Die Wohnhäuser rund um die Schule sind alle unter Beschuss. Soldaten erwidern das Feuer. Ein Alpha-Kommandant rennt durch die Flure: "Hört auf zu schießen, ihr Wahnsinnigen! Die Kinder! Die Kinder!" Aber das Gefecht lässt sich nicht mehr stoppen. Immer mehr Geiseln springen aus den Fenstern der Turnhalle. Die Terroristen müssen in Schach gehalten werden, damit sie nicht in Ruhe zielen können. Soldaten rennen den Kindern und Frauen entgegen, geben ihnen Deckung. Nach 15 Minuten wird die Munition knapp. Junge Gefreite schleppen Nachschub heran.

Die zweite Explosion reißt das Dach herunter. Mütter werfen sich über ihre Kinder. Schutt, Holz und Steine stürzen herab. Dsera, das Mädchen, das die Schulglocke läuten sollte, wird von ihrer Oma gerettet. "Lauf, wenn alle laufen", hatte ihr die Großmutter eingeschärft. Dsera läuft. Die alte Frau läuft nicht. Dsera sieht, dass ihre Großmutter blutet. Sie weiß nicht, dass ihre Oma nicht mehr lebt.

Überall nur Leichen

Gegen 14 Uhr explodiert die dritte Bombe. Ein kleines Mädchen wird aus dem Fenster geschleudert und landet unversehrt auf dem Rasen. Es ist ganz dürr, hat schulterlanges schwarzes Haar und trägt nur noch eine Unterhose. Es steht auf und schaut sich ängstlich um, als suchte es nach seiner Mutter. Dann geht es auf wackligen Beinen zur Turnhalle zurück. Die kleinen Hände klammern sich an den Rahmen des kaputten Fensters, hinter dem Leichen zu sehen sind. Nur Leichen. Ein Scharfschütze beobachtet es durch sein Zielfernrohr. Später sagt er: "Ich habe die ganze Zeit überlegt, ob ich der Kleinen ins Bein schießen soll. Aber bei meiner Munition hätte sie das nicht überlebt."

Irina, ihre Mutter und die Kinder - sie leben. Das einstürzende Dach hat sie nicht einmal verletzt. Sie stehen dicht an die Wand gepresst. Ein Terrorist versucht, sie unter einen der Basketballkörbe zu locken, wo noch eine der Bomben hängt. "Kommt! Hier treffen euch die Kugeln nicht", ruft er. Irina hört nicht auf ihn. Sie glaubt, dass er die Bombe zünden wird.

In der Tür zum Kraftraum sieht sie einen Soldaten. Er kniet auf dem Boden und gibt Zeichen. Die vier kriechen zu ihm, gelangen durch ein Mauerloch ins Freie. In den Tagen danach wird Irina nur noch im Auto durch die Stadt fahren. "Dafür, dass ich überlebt habe, fühle ich mich schuldig", sagt sie. "Ich habe Angst, meinen Nachbarn zu begegnen und sie zu fragen, wie es ihnen geht." Ihr Sohn Asamat macht einen aufgeweckten Eindruck, als hätte es die Geiselnahme nie gegeben. Seine Schwester schreit manchmal hysterisch. Und manchmal dauert es Minuten, bevor sie auf eine Frage antwortet. Sie sagt: "Ich will nie wieder in die Schule gehen."

Das Gefecht dauert, bis es dunkel wird. Was ein diszipliniertes Kommandounternehmen hätte werden sollen, endete im Chaos. Denn Dutzende von Männern aus Beslan, bewaffnet mit Jagdgewehren und Karabinern, stürzten sich in den Kampf, um ihre Angehörigen zu befreien.

Lynchjustiz und eine Festnahme

Gegen 18 Uhr haben die Elitetruppen alle Stockwerke unter Kontrolle. Trotzdem gibt es noch Befürchtungen, Terroristen könnten sich unter Trümmern versteckt halten. Ein Panzer soll Aula und Schulhof unter Beschuss nehmen. Viermal schießt er. Danach ist jedes Überleben ausgeschlossen. Ob Terroristen lebendig gefasst worden sind, ist unklar, auch wenn das russische Staatsfernsehen einen angeblichen Geiselnehmer vorgeführt hat. Mindestens 30 Geiselnehmer sind tot. Unter ihnen auch der Anführer. Umstritten ist, ob es einigen gelungen ist, zu entkommen. Ein paar lieferten sich in einem Haus im Süden Beslans eine Schießerei. Von anderen heißt es, sie seien gelyncht worden. Ein Geiselnehmer soll sich mit einem Arztkittel ins Freie gerettet haben. Als die Menschenmenge ihn stellte, behauptete er, Kinder gerettet zu haben. Aber er trug noch seine Scharfschützenhandschuhe und die Munitionstaschen.

Als die ersten Retter in die Sporthalle kommen, riecht es nach Tod. Rauch und Staub hängen wie Nebel über der Ruine. "Wir sahen einen kleinen Jungen über Tote krabbeln", erzählt ein Anwohner. "Wir hoben die Metallplatten des Dachs und sahen darunter eine Schicht verkohlter Leichen. Dutzende, Hunderte." Auf Tragen schleppen sie zunächst die Verletzten hinaus. Frauen voller Blut, verstümmelte, verbrannte, angeschossene Kinder.

Als Beslan am Tag nach der Katastrophe zu sich kommt, fehlen in manchen Wohnblocks bis zu 40 Menschen. Überall in den Innenhöfen hört man Frauen und Kinder schluchzen und weinen. In fast jeder Straße der 30 000-Einwohner-Stadt gibt es Tote zu beklagen. In manchen Straßen lehnt an jedem dritten Haus ein Sarg. Die Stadtverwaltung hat einen Acker zum Friedhof erklärt. Der alte ist viel zu klein.

Im Leichenschauhaus der Bezirkshauptstadt Wladikawkas ist nicht genug Platz für die Toten. Nur 300 passen hinein. Die anderen werden zur Identifizierung im Hof aufgebahrt. Hier sucht Ruslan Izkajew nach seiner Frau Fatima, seiner herzkranken Tochter Christina und seinem Sohn Muchar. Fünf Krankenhäuser hat er abgefahren. Er las die gekritzelten Namenslisten der Verletzten und betrachtete die Fotos von Kindern, die im Schock ihren Namen vergessen hatten. Fatima, Christina und Muchar waren nicht dabei.

Verstümmelt bis zur Unkenntlichkeit

Er öffnet die Leichensäcke und betrachtet die Überreste der Toten. Eltern erkennen ihre Kinder nur noch an Kleidungsfetzen, an Ohrringen, an Narben. Viele Leichen erkennt keiner. Sie sind verbrannt, verstümmelt bis zur Unkenntlichkeit. Ruslan findet Fatima und Christina. Seine Frau und seine Tochter sind tot. Doch Suchar lebt. Helfer haben den Dreijährigen in der Turnhalle entdeckt. Er saß neben einer Leiche.

Andreas Albes und Bettina Sengling/print

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