Stadt der Tränen

8. September 2004, 16:44 Uhr

58 Stunden in Todesangst - es war das schlimmste Geiseldrama, das es je gab. Von mehr als tausend Gefangenen starb jeder Dritte. Die Terroristen waren zu äußerster Grausamkeit bereit, Russlands Einsatzkräfte völlig überfordert.

Ein Polizist bringt eine Frau in Sicherheit, die im Schusswechsel von Geiselnehmern und Spezialtruppen des russischen Innenministeriums verletzt worden ist©

Am Tag danach weht der leichte Ostwind den Geruch von verbranntem Fleisch über Beslan. Auf dem Sportplatz der Schule Nr. 1 glitzern die Aluminiumfolien, mit denen einige der Leichen abgedeckt sind. Hunderte von Leichen liegen in drei Reihen. Soldaten und Feuerwehrmänner tragen weitere Tote aus dem zerschossenen Gebäude. Körperteile, die sie nicht zuordnen können, sammeln sie in Säcken. Irgendwo spielt ein Radio russische Volksmusik. Ein Milizionär kniet am Boden und weint. Er hat die Tochter seiner Nachbarin wiedererkannt.

58 Stunden Terror

Spezialisten des Geheimdienstes FSB haben Beweisstücke auf einem Tisch ausgebreitet. Gewehrmagazine, Patronengurte, ein Funkgerät und die verkohlte Hand eines Scharfschützen, umhüllt von einem Lederhandschuh ohne Fingerkuppen. Ein Kühltransporter rollt in den Schulhof, um die nächsten Toten ins Leichenhaus der Bezirkshauptstadt Wladikawkas zu bringen. Wahrscheinlich sind mehr als 500 Menschen bei der Geiselnahme gestorben, die meisten von ihnen Kinder. Es war der schlimmste Terrorakt, den Russland je erlebt hat. Er dauerte 58 Stunden.

Der 1. September ist der erste Schultag nach den Sommerferien. Traditionell ein Festtag. Irina Midsijewa hat den Kindern die Schuluniformen angezogen. Dunkle Hosen, dunkle Röcke, weiße Hemden. Asamat nörgelt über die zu enge Krawatte. Der Siebenjährige geht in die zweite Klasse. Farisa, ein Jahr älter, ist in Mathematik Klassenbeste. Sie möchte unbedingt Blumen mitbringen und schneidet im Garten ein paar Rosen. Die Familie lebt in einem roten Häuschen am Stadtrand. Um neun Uhr steigen Kinder, Mutter und Großmutter Sara in den weißen Skoda. Bis zur Schule sind es zehn Minuten.

Es ist warm. Auf dem Schulhof baumeln Luftballons an Stühlen, Musik spielt. Die Kinder freuen sich auf die "Linejka", das Lineal, ein Fest zum Schulanfang aus Sowjetzeiten, an dem die ganze Stadt teilnimmt. Alle Klassen stellen sich in Reih und Glied auf, die ältesten Schüler begrüßen die jüngsten. Aus Lautsprechern klingt ein Kinderlied: "In der Schule lernen wir, die Schwachen zu achten."

Kurz nach neun setzt Aslan Kudsajew seine Tochter Dsera, 7, auf die Schultern eines älteren Schülers. Auch das hat Tradition: Am ersten Schultag darf eine Erstklässlerin die Schulglocke läuten. Dseras Vater ist stolz, dass seine Tochter ausgewählt worden ist. Er hat sogar die Fotografin der Lokalzeitung eingeladen. Zum Glockenschlag kommt Dsera nicht mehr, weil die ersten Schüsse fallen. Einige glauben zunächst, es sei ein Feuerwerk.

Schüsse und Panik

Zwei Militärlastwagen preschen heran. Vermummte Gestalten springen heraus. Schüsse. Panik bricht aus. Aus einem benachbarten Wohnblock eilt ein Mann herbei. Seine Tochter soll eingeschult werden. Er stirbt im Kugelhagel. Die Terroristen, wahrscheinlich 32, wissen, wohin sie die Menge treiben wollen. Einer von ihnen hält eine Zeichnung in der Hand. Mit Gewehrkolben zerschmettern sie die Scheiben zur Turnhalle. "Da lang, da lang!", brüllen sie. Durch die zersplitterten Fenster klettern die mehr als tausend Geiseln in das Gebäude.

"Setzen", brüllen die Rebellen. Es ist so eng, dass Erwachsene die Beine nicht ausstrecken können. "Haltet die Arme hoch! Macht Häschen!", befehlen die Geiselnehmer. Sie montieren selbst gebaute Bomben unter der Decke, an den Basketballkörben und an der Sprossenwand. Es sind zerschnittene Plastikflaschen, mit Nägeln, Schrauben und Sprengstoff gefüllt. Mindestens sechs schließen sie an Stromkabel. Sie lassen sich zentral zünden. Einer der Rebellen kontrolliert den Schalter.

Aus den Lastwagen schleppen die Terroristen Waffen heran, Kisten mit Munition, Maschinengewehre, Granatwerfer. Aslan Kudsajew, der Vater der kleinen Dsera, und etwa 25 andere Männer müssen den Geiselnehmern dabei helfen. Die Terroristen verbarrikadieren den Ausgang mit Bänken und zerschlagen die Oberlichter. Bei der Geiselnahme im Moskauer Theater Nord-Ost vor zwei Jahren hatten russische Sicherheitskräfte die Rebellen mit Giftgas außer Gefecht gesetzt. Das wollen die Terroristen diesmal verhindern.

Spezialeinheiten des russischen Innenministeriums sind gerade bei einem Überlebenstraining 200 Kilometer nordwestlich, als sie per Funk alarmiert werden. Der Hubschrauber ist schon unterwegs. Die Einheit Neun besteht aus 15 Mann, fast alle Tschetschenien-Veteranen. In Beslan besetzen sie die ehemalige technische Akademie. Das verfallene Gebäude liegt der Schule Nr. 1 gegenüber, getrennt durch eine Straße und ein Bahngleis. Sie hängen die Scheiben mit geblümten Gardinen ab, rücken Schränke mit Sandsäcken und einen Tresor als Deckung vor die Fenster. Keine Stunde vergeht, bis sie das erste Mal beschossen werden.

"Ihr Nutten!"

Der Anführer der Terroristen ist groß und muskulös, sein Schädel kahl geschoren. Er trägt einen schwarzen Vollbart und erinnert die Geiseln an Schamil Bassajew, den berüchtigten tschetschenischen Rebellen. Er wird Abdullah gerufen. Als er das erste Mal in der Turnhalle spricht, ist seine rechte Hand bandagiert. Irgendwer muss ihn zu Beginn des Überfalls angeschossen haben. Keiner ist brutaler als Abdullah, keiner redet obszöner. Er beschimpft die Frauen: "Ihr Nutten! Euren Männern ist es egal, wenn ich euch töte." Er sagt: "Ihr werdet bestraft, weil eure Regierung es zulässt, dass russische Truppen durch ossetisches Gebiet nach Tschetschenien einmarschieren."

Irina Midsijewa kauert mit ihren Kindern am Boden. Großmutter Sara hat allen die goldenen Kreuze abgenommen, die sie um den Hals trugen: Die meisten Osseten sind Christen, Tschetschenen Muslime. Viele Kinder weinen und wimmern. "Ruhe!", brüllt Abdullah. "Sonst werdet ihr erschossen!" Ein alter Mann fleht die Kinder an: "Bitte, bitte, seid doch ruhig." Er wiederholt den Satz auf Ossetisch. Abdullah stürzt sich auf ihn: "Was hast du gesagt, du Verräter?" Der Greis muss sich hinknien. Alle müssen mit ansehen, wie ihm Abdullah eine Kalaschnikow in den Nacken hält und abdrückt.

Die Hitze in der Turnhalle ist unerträglich. Die meisten Geiseln haben sich bis auf die Unterwäsche ausgezogen. Die Kinder werden immer lauter, die Geiselnehmer immer nervöser. Sie greifen sich einen schmächtigen Jungen. "Wenn es in zehn Minuten nicht still ist, stirbt er", drohen sie. "Der Junge war voller Angst", sagt Irina Midsijewa. "Nach zehn Minuten wurde er abgeführt. Er kam nie zurück. Seinen Blick werde ich nie vergessen."

Nun müssen die kräftigen Männer unter den Geiseln die Turnhalle verlassen, auch Aslan Kudsajew. Alle, die aussehen, als könnten sie Widerstand leisten. Sie müssen sich in den Korridor hocken, die Hände über dem Kopf verschränkt.

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