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20. Januar 2009, 16:13 Uhr

UN-Chef schockiert über zerstörtes Gaza

Mit den Kämpfen zwischen Israel und der Hamas im Gaza-Streifen hat er sich viele Stunden beschäftigt. Doch erst durch einen Besuch in der zerstörten Gaza-Stadt hat der Krieg den UN-Generalsekretär wirklich erreicht. "Ich bin schockiert, mir fehlen die Worte", sagte Ban nach einem Gang durch die Straßen.

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Ein Junge in den Trümmern von Gaza: UN-Generalsekretär Ban Ki Moon war beim Besuch der Stadt schockiert© Jerry Lampen/Reuters

UN-Generalsekretär Ban Ki Moon hat sich am Dienstag in den Trümmerfeldern von Gaza-Stadt ein Bild vom Ausmaß der Zerstörung durch die dreiwöchige israelische Militäroffensive im Gaza-Streifen gemacht und zeigte sich fassungslos. "Es ist herzzerreißend, es ist schockierend, mir fehlen die Worte", fasste er seine Eindrücke auf einer Pressekonferenz vor der Ruine des von Israel zerstörten UN-Lagerhauses zusammen.

Helfern und Journalisten, die inzwischen im Gaza-Streifen eingetroffen sind, wird zunehmend klar, mit welcher Brutalität die hochgerüstete israelische Militärmaschinerie bei ihren Angriffen mitunter vorging. Manche Zwischenfälle veranlassten UN-Vertreter und Menschenrechtsgruppen sogar, den Verdacht von Kriegsverbrechen zu äußern.

Schockierende Einzelschicksale

Als schockierend empfunden wurde etwa die Geschichte, die die 35-jährige Sinad Samuni im Gaza-Viertel Saitun einer Gruppe von Reportern erzählte. Die ganze Nachbarschaft liegt nach den schweren Bombardierungen in Schutt und Asche. Während der Luft- und Artillerieangriffe, die am 27. Dezember begannen, hatte sich die Familie Samuni - mehrere Erwachsene und 20 Kinder - voller Angst in ihrem Haus zusammengekauert. Eine Granate schlug im Dachboden ein, verletzte aber niemanden, so ihr Bericht. Am 4. Januar, dem zweiten Tag der Bodenoffensive, seien israelische Soldaten in das Viertel eingerückt. "Um halb sieben Uhr früh trommelten sie bei uns an die Tür", berichtete Samuni.

Ihr Mann Atijeh (46) sei mit erhobenen Händen, den Personalausweis hochhaltend, zur Tür gegangen. Trotzdem sei er noch im Gang von den Soldaten niedergeschossen worden. Als diese die Wohnräume erreichten, hätten die Frauen und Kinder in Panik geschrieen. Die Soldaten hätten aber weiter geschossen. Samunis vierjähriger Sohn Ahmed und seine Schwester Amal seien getroffen worden. "Ahmed starb blutend in meinen Armen", erzählte seine Mutter unter Tränen. Amal liege mit einem Kopfschuss im Krankenhaus. Rettungskräfte seien nicht gekommen. Die Israelis hätten in einem gegenüberliegenden Haus Stellung bezogen, niemand habe in ihre Schusslinie geraten wollen.

Atijeh Samuni habe zwei Wochen lang tot im Gang des Hauses gelegen. Als der Leichnam geborgen wurde, habe er bereits zu verwesen begonnen. Das getrocknete Blut der Kinder sei noch an den Wänden zu sehen gewesen. An den Außenmauern hätten die inzwischen abgezogenen Soldaten verhöhnende Graffiti-Schmierereien hinterlassen.

Drei Tage vor dem Ende der Offensive beschoss das israelische Militär nach Angaben von Mitarbeitern der Vereinten Nationen das große UN-Lager im Gazastreifen mit Phosphorgranaten. Der Einsatz dieser Waffe, die schwer zu löschende Brände und bei Menschen furchtbare Brandverletzungen auslöst, ist in bewohnten Gebieten völkerrechtlich verboten. Der Sprecher des UN-Hilfswerks UNRWA, Chris Gunness, forderte eine Untersuchung, um zu ermitteln, ob Israel mit dem Beschuss des UN-Gebäudes sowie mehrerer Schulen voller palästinensischer Flüchtlinge - am 6. Januar starben bei einem solchen Zwischenfall mehr als 30 Menschen - Kriegsverbrechen beging. Auch Ban forderte am Dienstag eine "umfassende internationale Untersuchung" bezüglich der zivilen Opfer.

Israel wappnet sich für Klagen

Israel hielt dagegen, die radikal-islamische Hamas habe die Zivilbevölkerung im Gazastreifen als "Schutzschild" missbraucht. Tatsächlich nutzte die Hamas etliche Moscheen als Waffenlager, was gleichfalls als Verstoß gegen das Kriegsrecht gilt. Die Vorwürfe der israelischen Armee, Militante hätten "aus der Nähe" der beschossenen Schulen und UN-Gebäude gefeuert, klingen hingegen nach Ansicht von Menschenrechtsorganisationen nicht immer überzeugend.

Jedenfalls bereitet sich das israelische Verteidigungsministerium nach einem Bericht der "Jerusalem Post" auf mögliche Anklagen gegen führende Militärs vor. Ein eigenes Juristenteam werde vom Militär aufgenommenes Filmmaterial und Geheimdiensterkenntnisse sichten, um "Argumente vorzubereiten, die Anschuldigungen betreffend Kriegsverbrechen entkräften sollen", zitierte das Blatt einen namentlich nicht genannten Beamten des Ministeriums.

DPA
 
 
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