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28. August 2008, 06:58 Uhr

Clinton erteilt den Ritterschlag

Darauf haben sie alle gewartet: Bill Clinton hat seinen Kampfanzug ausgezogen und Obama die Hand gereicht. In den Vorwahlen war er Obamas erbittertster Gegner, bissiger noch als Hillary. Nun beschied auch er, Obama sei bereit fürs Präsidentenamt. Eine Geste der Versöhnung und Clintons Ticket für die Rückkehr in den Schoß der Partei. Von Jan-Christoph Wiechmann, Denver

Bill Clinton kam mit einer klaren Botschaft nach Denver: "Barack Obama ist bereit, Präsident der Vereinigten Staaten zu sein."© Paul Sancya/AP

Die Versöhnung beginnt schon vor seinem ersten Satz. Bill Clinton steht auf der riesigen Parteitagsbühne vor einer Hintergrundkulisse aus funkelnden Sternen und kommt einfach nicht zu Wort. 20.000 Demokraten in der übervollen Pepsi Arena von Denver wedeln ihre US-Fähnchen und jubeln ihrem einstigen Präsidenten zu. Er bittet um Ruhe, aber sie hören nicht auf ihn. "Setzt Euch", ruft er, aber sie setzen sich nicht. Viele hatten Probleme mit seinen Äußerungen über Barack Obama, aber nun ist davon nichts mehr zu spüren.

Als Clinton endlich anfängt, hat er schon ein halbes Glas Wasser geleert. "I love this", sagt er.

Dann beginnt sein Beitrag zur Versöhnung. Es folgt die stärkste Rede des Parteitags. Vor allem die wichtigste. Sie soll der Schlussstrich unter den Dauerzwist zwischen den Clintons und Obamas sein. Sie soll als Katharsis für die Partei fungieren. "Hillary hat uns deutlich gesagt, dass sie alles tun wird, um Barack Obama zum Präsidenten zu wählen. Das macht zwei aus uns. Oder besser: 18 Millionen, denn wie Hillary will ich, dass all die, die sie unterstützen, nun im November für Barack Obama stimmen werden."

Bill Clinton dokumentiert nicht nur seine Unterstützung für Barack Obama, er erklärt ihn zum besseren "Commander-in-Chief", den besseren Oberkommandierenden. Das haben schon viele Redner vorher getan, aber es klingt anders, wenn ein Präsident das sagt. Es klingt anders, wenn es sein größter Kritiker sagt. Clinton sagt über den Mann, den er für nicht bereit für das Präsidentenamt hielt, dass er nun bereit ist. Ob er es wirklich denkt, bleibt unklar. Aber er sagt es. Und nicht nur einmal. Und nicht nur zweimal. "Barack Obama ist bereit, Präsident der Vereinigten Staaten zu sein."

Lehrstunde vom Ex-Präsidenten

Dann folgt so etwas wie eine Anleitung zum Sieg im November. Obama hat den Ex-Präsidenten nie um Rat gefragt, aber nun gibt er ihn trotzdem. Auf seine Weise ist Clinton immer der beste Lehrer der Nation gewesen. Einer, der mit wenigen Worten die Welt erklärt. Der mit ein paar Begriffen den Sieg skizziert. Es folgt ein kleiner Nachhilfekurs für einen Kandidaten, der sich seit einem Monat in einem kleinen Tief befindet. "Unsere Nation ist an zwei Fronten in Not", sagt Clinton. "Der American Dream ist unter Beschuss zu Hause, und Amerikas Führung in der Welt ist geschwächt." Er nennt sie die zwei großen Themen dieser Wahl. Er wiederholt sie noch zweimal.

Darum geht es, liebes Obama-Team, scheint er zu sagen. Zwei Themen. Ganz griffig. Und dazu braucht ihr Hammersätze, die im Gedächtnis bleiben, Clinton-Sätze, Sätze wie diesen: "People the world over have always been more impressed by the power of our example than by the example of our power."(Ein Wortspiel, zu deutsch: 'Seit jeher fühlen sich die Menschen in aller Welt mehr von der Strahlkraft unserer Nation als von den Demonstrationen unserer Macht angezogen'; d. Red.) Aus dem Publikum kommen nun Rufe: "USA, USA, USA." Und noch so ein Satz: "Die (Republikaner) wollen doch tatsächlich, dass wir sie für die letzten acht Jahre mit vier weiteren belohnen. Lasst uns eine Botschaft schicken, die von den Rocky Mountains durch ganz Amerika widerhallen wird: Danke, aber nein Danke."

"We love you", rufen sie nun im Publikum. Im oberen Rang klatscht stolz seine Frau Hillary. Michelle Obama jubelt. Der Saal vibriert. Dieser Abend soll den Durchbruch bringen in einem bisher eher mäßigen Parteitag.

Auch für Clinton springt etwas ab

Clinton wäre nicht Clinton, wenn nicht auch für ihn etwas übrig bliebe. Er zählt seine eigenen Erfolge in den Neunziger Jahren auf, Erfolge, die er von Obama nicht gewürdigt sah: Frieden, Vollbeschäftigung, Gerechtigkeit. Dies ist auch eine Rede für ihn selber. Er will wieder geliebt werden von seiner Partei.

Und er erinnert an eine wichtige Parallele zu seinem Wahlsieg 1992: "Zusammen haben wir uns durchgesetzt in einem Wahlkampf, in dem die Republikaner sagten, ich sei zu jung und unerfahren, Oberkommandierender zu sein. Na, klingt das bekannt? Es funktionierte 1992 nicht, denn wir waren auf der richtigen Seite der Geschichte. Und es wird 2008 nicht funktionieren, weil Barack Obama auf der richtigen Seite der Geschichte steht."

Bill Clinton erwähnt Barack Obama in seiner Rede 15 Mal. Das ist mehr, als das Obama-Team sich erträumt hatte. Auf eine gewisse Art haben beide Clintons seinen Parteitag gerettet.

Ein dankbarer Obama

Die Obama-Leute hatten Clinton aufgefordert, endlich den ganzen Ärger der vergangenen Monate herunterschlucken, doch das hielt ihn nicht davon ab, noch einmal nachzulegen: Bei einem privaten Lunch am Mittwoch sagte er zu Hillary-Anhängern: "Gestern Nacht, nachdem sie gesprochen hatte, waren alle, die sie unterstützen, froh, dass sie es taten. Und einigen von denen, die es nicht taten, waren traurig." Die Botschaft war klar: Hillary wäre die bessere Kandidatin gewesen.

Bill Clinton soll noch am Vortag mit den Obama-Leuten gestritten haben. Sie wollten, dass er eine Rede zur Nationalen Sicherheit, dem Thema des Abends, hält. Er aber wollte, dass es eine Rede zum Wahlkampfthema Nummer 1, der düsteren Wirtschaftslage, wird. Das Thema, mit dem er 1992 gewann. Das Thema, das seiner Meinung nach die Wahl entscheiden wird. Clinton bekommt schließlich beides in seiner Rede unter. Es wirkt nicht mal verkrampft. Obamas Redenschreiber mögen stark sein, aber vorschreiben lässt Clinton sich nichts.

Später am Abend, nach der Rede des Kandidaten für die Vizepräsidentschaft, Joe Biden, tritt Barack Obama als Überraschungsgast auf. Er bedankt sich bei Joe Biden. Er bedankt sich bei Hillary Clinton. Er bedankt sich bei Bill Clinton. Er winkt ihm strahlend zu. Clinton winkt strahlend zurück.

Zwei Männer und ihr Abend in Denver.

Programm des Parteitags Montag
Tagesthema: "Eine Nation"
Hauptrednerin: Michelle Obama
Weitere Redner: Ted Kennedy und Nancy Pelosi

Dienstag
Tagesthema: "Die Erneuerung der amerikanischen Verheißung"
Hauptrednerin: Hillary Clinton
Grundsatzrede: Mark Warner

Mittwoch
Tagesthema: "Amerikas Zukunft sichern"
Hauptredner: Joe Biden, Vizepräsidentschaftskandidat
Weiterer Redner: Bill Clinton
Wahl des Präsidentschaftskandidaten

Donnerstag
Tagesthema: "Wandel, an den wir glauben können"
Hauptredner: Barack Obama
Weiterer Redner: Al Gore

Von Jan-Christoph Wiechmann, Denver
 
 
KOMMENTARE (9 von 9)
 
chatahootchee (28.08.2008, 17:21 Uhr)
JOE BIDEN HAT AUCH GEASGT,
dass BHO noch nicht reif ist fuer die Praesidentschaft.
Die Clintons halten sich doch bloss den Ruecken frei.
Johann58 (28.08.2008, 16:32 Uhr)
@chatahootchee
Immerhin ist die Bilanz von Bill Clinton durchweg positiver als die von George W. Bush. Was man ihm ankreiden kann sind die drastischen Kuerzungen im Sozialen Bereich und sicher auch dass er Bin Laden nicht wirklich verfolgt hat. Ansonsten ein prosperierendes Land mit positivem Haushalt. Joe Biden hat gestern deutlich gesagt wie es um die USA aktuell steht und dem ist wenig hinzuzufuegen.
die_maus (28.08.2008, 14:34 Uhr)
nun...
...wenn man Kommentare wie den von MRP66 liest, dann fragt man sich wirklich, warum hier ueberhaupt berichtet wird. Es scheint sinnlos, gewissen Teilen der deutschen Bevoelkerung auch nur einen Hauch von Wissen ueber die Politik und Gesellschaft der USA zu vermitteln, weil einerseits jeder Versuch der sachlichen Information eh nur auf taube Ohren und dumme Vorurteile stoesst, andrerseits die Berichterstatttung selbst so oberflaechlich ist und in genau diesselbe Kerbe haut.
"Ist doch egal ob Demos oder Reps, die Politik bleibt unter dem Strich immer die Gleiche, nur in andere Worte verpackt" - bei so hirnrissigen Kommentaren kann man sich nur noch an die Stirn greifen. Aber gut, nur immer schoen alles durch die schwarz-rot-goldene Brille sehen, und mit arrogant- deutscher Spiessermiene 300 Millionen Menschen als verlogene Gesellschaft bezeichnen.
chatahootchee (28.08.2008, 14:17 Uhr)
ICH BIN VERWUNDERT
nicht ueber die Berichterstattung als solches, aber ueber die Einseitigkeit. Clintons Rede, welche eigentlich nur eine Aufzaehlung von Parolen zum Aufkleben auf die Stossstange oder Heckscheibe war, ist Schlagzeile und Reklame fuer BHO in jeder Nachricht.
MRP66 (28.08.2008, 13:05 Uhr)
Wen interessiert das schon?
Diese verlogene Gesellschaft, die sich vorher die übelsten Argumente an die Ohren werfen, um dann wieder lieb Freund zu sein. Dies ist ein Spiegel der amerikanischen Gesellschaft. Ist doch egal ob Demos oder Reps, die Politik bleibt unter dem Strich immer die Gleiche, nur in andere Worte verpackt. Aber da sieht man mal wie die deutschen Medien gestrickt sind, wenn dies die Headlines sind.
SirDidimus (28.08.2008, 12:20 Uhr)
DonFuego
ich muss chelestex recht geben. warum muss jeder furz bekannt gegeben werden? wahlkampf in russland wird uns ja auch nicht detailreich dargestellt, und da das eh alles irgendwie showmäßig ist, hat das alles, was gesagt wird, auch einen ähnlichen stellenwert. vorher zig wochen clinton vs. obama, jetzt obama vs. cain.
mir persönlich kommt es aus den ohren raus. und ich bin mir sicher, dass sich kein amerikaner für den deutschen wahlkampf interessiert.
chelestex (28.08.2008, 12:20 Uhr)
@DonFuego
War ja klar, dass wieder diese Argumente kommen; auch geht es doch nicht darum wer recht hat. Im Übrigen stehen derlei Artikel (leider) permament als Leitartikel auf der Seite, wem das noch nicht reicht, der kann weiter unten den nächsten lesen, wo natürlich ganz sicher viele neue Infos stehen. Die fehlenden Kommentare zeigen mir, dass sich auch andere Leser eher weniger dafür interessieren ob und was Hillary u/o Bill Clinton über Obama sagen. Da ich Stern.de nunmal gern besuche und lese, möchte ich einfach darauf hinweisen, dass mir diese Form der Berichtersttung missfällt. mfg
DonFuego (28.08.2008, 12:06 Uhr)
@chelestex
Mich interessierts aber. Und nun? Wer hat nun Recht?
Dafür, dass Sie sich das schon lange nicht mehr durchlesen ist es erstaunlich, wie Sie auf diese Seite gekommen sind ;-)
chelestex (28.08.2008, 11:48 Uhr)
@Redaktion
Liebe Stern-Redaktion,
was mir seit geraumer Zeit auffällt: es wird nahezu täglich über den Wahlkampf der US-Demokraten berichtet. Zu jeder noch so nichtigen Information wird ein Artikel veröffentlicht. Dabei geht der Informationsgehalt gegen null & das alles gleicht eher schon einer Hofberichterstattung. (Der traugige Höhepunkt der dt.Medien war zweifelsohne der Obama-Berlin-Besuch). Ich les mir das schon lange nicht mehr durch. Gern würde ich mir (und sicher auch viele andere Leser) ein Bild von McCain & Obama machen, was bei ihrer Form der Berichterstattung aber nur schwer möglich ist. Gibt's keine anderen Themen, die uns eher tangieren sollten? Stichworte: Russland, Bundeswehr-Anschlag, Kölner-Großmoschee, Ypsilanti, Popularität der "Linken", misslungene Integration...
mfg
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