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22. April 2009, 15:23 Uhr

"Ich bin froh, dass ich nicht Gott bin"

Desmond Tutu befürchtet das Schlimmste vom Ausgang der Wahl in Südafrika: Er würde sich schämen, wenn ANC-Kandidat Jacob Zuma Präsident würde - was sehr wahrscheinlich ist. Im Interview sagt der Friedensnobelpreisträger: "Inzwischen gibt es interessante Alternativen."

Südafrika, Wahlen, Jacob Zuma, Desmond Tutu

Desmond Tutu kritisiert die Partei Nelson Mandelas: "Der ANC muss mehr über die Menschen nachdenken"© Peter Klaunzer/EPA

Herr Erzbischof, gehen Sie heute wählen? Vor einem halben Jahr wollten Sie die Wahl boykottieren.

Ja, ich denke schon. Damals war ich sehr traurig über die Situation in unserem Land. Bisher habe ich immer für den Afrikanischen Nationalkongress, den ANC, gestimmt, obwohl ich kein Mitglied irgendeiner Partei bin. Und es gab damals keine echten Alternativen, für die man hätte stimmen können. Inzwischen gibt es interessante Alternativen.

Sie werden also den "Congress of the People" (Cope) wählen, die Partei, die sich vor einem halben Jahr vom ANC abgespalten hat?

Ich werde für die Partei stimmen, die mir sagt, wie sie gegen die politische Verschmutzung vorgehen wird.

Diese Partei wird aber nicht gewinnen, sondern der ANC mit Spitzenkandidat Jacob Zuma.

Das stimmt. Es gibt immer noch genügend Leute, die es für eine Gotteslästerung halten, ihre Stimme nicht dem ANC zu geben. Wegen allem, was er für die Befreiung des Landes getan hat. Natürlich muss man es sich zweimal überlegen, ob man gegen die Partei Nelson Mandelas stimmen kann. Es ist jedoch eine gute Sache für die Entwicklung unserer Demokratie, wenn Leute auch andere Parteien wählen. Wir waren ja fast schon ein Einparteienstaat. Der ANC muss mehr über die Menschen nachdenken, die er regiert. Wenn man zu viel Macht hat, verliert man seine Bescheidenheit.

Sie sagten, Sie würden sich schämen, wenn Jacob Zuma Ihr Präsident würde. Was beschämt Sie an ihm?

Ich hatte gehofft, dass all die Vorwürfe, die gegen ihn erhoben wurden, vor Gericht geklärt werden. Das wäre die beste Weise gewesen, die Korruptionsverdächtigungen aus der Welt zu schaffen. Wenn man unschuldig ist, hat man einen Prozess ja nicht zu fürchten. Wie die Staatsanwaltschaft nun die Anklage gegen Zuma fallen ließ - das hat mehr Fragen aufgeworfen als Antworten gegeben.

Vor zwei Jahren wurde Zuma von vielen scharf kritisiert. Inzwischen scheinen selbst Kritiker ihr Herz für ihn entdeckt zu haben. Wundert Sie das?

Politik ist eine interessante Sache. So mancher Kommentator hofft gegen alle Indizien, dass Zuma klug genug sein wird, gescheite Leute um sich zu scharen. Er ist ja auch ein warmer Mann, der einen viel besseren Draht zu Menschen hat als sein Vorgänger. Aber wenn man ihn etwa mit Barack Obama vergleicht - wie soll er dem das Wasser reichen?

Es gibt nicht viele Obamas auf dieser Welt.

Gewiss. Aber ich hätte gehofft, dass Zuma nicht mit diesem ganzen Ballast ins Präsidentenamt einzieht. Er kommt mit einem Handicap, und das ist traurig.

Und dass sich Nelson Mandela mit einem T-Shirt mit Zuma-Aufdruck gezeigt hat? Wurde der alte Mann missbraucht?

Mandela sagte einmal, dass er sich, wenn er in den Himmel kommt, als erstes dem dortigen ANC-Ortsverein anschließen wird. Er ist ein unglaublich treues Parteimitglied - das grenzt schon fast an blinde Loyalität.

Als Sie kürzlich die ANC-Führung dafür kritisierten, dass sie sich zunehmend wie Götter fühlten, reagierte besonders die Jugendliga harsch: Sie sei von Ihrem "Geschwalle angewidert".

Diese Kinder haben viele Menschen enttäuscht. Auch in der Art, wie sie mit Ex-Präsident Thabo Mbeki umgesprungen sind. Darüber bin ich traurig.

Lesen Sie auf der zweiten Seite, was Tutu von der Fußballweltmeisterschaft in seinem Land hält.

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KOMMENTARE (5 von 5)
 
herrfreitag (22.04.2009, 19:31 Uhr)
Bischof Tutu...
...ist eine sehr kluger und warmherziger mann.
es müssten mehr männer seines schlages geben.
Katastrophenjunkie (22.04.2009, 17:28 Uhr)
AIDS...
Jedenfalls ist es doch so, dass dieses Problem - Zuma - sich mittelfristig selbst lösen wird. Eine übermäßig hohe Lebenserwartung wird er sicher nicht haben, wenn er sich per Dusche vor AIDS schützt...
carstenkapstadt (22.04.2009, 16:54 Uhr)
@Hautsache: kein Apartheid
tolle Einstellung! Der ANC sorgt seit langer Zeit fuer die "schwarze Apartheid"!! Das ist natuerlich vollkommen in Ordnung .....
Angel_of_Mercy (22.04.2009, 15:56 Uhr)
Nicht wundern
Es war doch absehbar, dass auch Südafrika zur Religion des heiligen und schnöden Mammons konvertiert mit all seinen Auswirkungen, wie Mehrklassengesellschaft, Korruption und sozialen Ungerechtigkeiten.
Auch ein Desmond Tutu ist nicht unfehlbar, aber er ist eine echte Persönlichkeit und verdient den Respekt der Weltöffentlichkeit. Ein Mensch, dessen Rat und Meinung beherzigt werden sollte.
eurokrat (22.04.2009, 15:37 Uhr)
Hautsache: kein Apartheid
Südafrika wird wohl das nächste Zimbabwe doch Hauptsache: kein Apartheid mehr! Und Armut ist die Ursache des Terrors, ist doch klar. Welch Glück dass Tutu sich nicht über Verhütungsmitteln und den Kampf gegen AIDS äusserte... darauf hätte er wohl auch ganz gewagte Antworten draufgehabt.
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