HOME
Last Call

Boris Johnson im offenen Strafvollzug

Über Boris Johnson ist an dieser Stelle schon ein paar Mal berichtet worden. Ursprünglich dachte die ganze Welt ja, er sei jetzt mal weg. Und zwar so richtig. Falsch gedacht.

Boris Johnson im blauen Anzug - erster Besuch als Außenminister bei der EU

Boris Johnson als britischer Außenminister bei der EU. Ein Aufgabe nach dem Prinzip "You break it, you own it" (Du hast es zerbrochen, es gehört dir)

Er ist wieder da. Nunmehr als Außenminister des noch Vereinigten Königreiches. Viele hielten das für einen Witz, er selbst wohl anfangs auch. Aber es war dann kein Witz, schon deshalb nicht, weil Theresa May, seine neue Chefin, für alles Mögliche bekannt ist, nur nicht für einen ausgeprägten humoristischen Sinn. Man nennt sie auch "Darth Vader". Das könnte glatt von stammen oder von Prinz Philip, dem bislang für alle diplomatischen Entgleisungen Zuständigen. Der Prinz hat jetzt Konkurrenz, und Konkurrenz belebt das Geschäft.

Johnson beleidigte vor einigen Jahren mal ; sie erinnere ihn mit ihren blondierten Haaren und dem Spitzmund an eine Krankenschwester in einer Irrenanstalt. Er rekurrierte damit auf Nurse Ratched in "Einer flog übers Kuckucksnest", einer für ihre drakonischen Zuchtmaßnahmen berüchtigten Pflegekraft aus Ken Keseys Klassiker. Grundsätzlich ähnelt Frau May der Dame aus der Anstalt deutlich mehr als Hillary.

You break it, you own it

Bei Licht betrachtet nämlich befindet sich Boris in einer Art offenem . Er hat den Schaden angerichtet, jetzt darf er auch die Scherben aufkehren. In der amerikanischen Politik prägte Johnsons Kollege Colin Powell dafür den Begriff der "Pottery Barn Rules". "Pottery Barns" sind in den USA sehr verbreitete und beliebte Geschäfte, in denen die Regel gilt: You break it, you own it – wer was zerbricht, zahlt auch dafür.

Nun zahlt Boris. Einer seiner frühen Auftritte in neuer Funktion führte ihn in die französische Botschaft in , wo er eine Rede halten sollte. Und auch hielt, ehe ihn die versammelten Gäste von der Bühne buhten. Das war ein ziemlicher Spaß für die zur Zeit sehr gebeutelten Franzosen.

Erste Reise endete schon in Luton

Seine erste Auslandsreise am Sonntag endete vorzeitig in London Luton, weil sein Flugzeug defekt war und notlanden musste. Der Kurztrip führte ihn im Übrigen nach Belgien zum Außenministertreffen der EU. Die wichtigen Termine in Brüssel erledigen allerdings seine Kabinettskollegen David Davis und Liam Fox, mit denen er sich sogar die Residenz Chevening House in Kent teilen muss und die die Brexit-Verhandlungen leiten. Boris ist zwar offiziell Außenminister, inoffiziell aber nur die Nummer drei. Alles richtig Wichtige will ihm Nurse Ratched dann doch nicht überlassen, obschon er ortskundig ist, weil zeitweise in Brüssel aufgewachsen und später als Korrespondent des „Daily Telegraph“ dort wieder ansässig. Aus dieser Zeit, das nur am Rande, stammt sein Ruf als a) legendärer Unterhalter und b) sagenhafter Lügner. Das erste Treffen verlief dann offenbar glimpflich. Die Teilnehmer lobten den Charme des neuen Kollegen. Er sprach zwischendurch sogar französisch, das kann er fließend. Immerhin.

Boris wird ab sofort in der Welt herumdüsen, die Politiker daheim zu deren Freude eher selten mit seiner Anwesenheit nerven und – wie eine Kolumnistin des "Guardian" spottete - überall reichlich "knackered", also knitterkaputt aufschlagen. Er wird Länder sehen, die er zuvor noch nicht gesehen, wohl aber schon veritabel verhöhnt hat. Das sind recht viele. Der "Independent" beglückte gerade seine Online-Leserschaft mit einer interaktiven Boris-Beleidigungs-Weltkarte. Jede Nation, über die der neue Chefdiplomat irgendwann einmal in irgendeiner Form lästerte, ist darin rot eingefärbt. Man kann demnach sagen, dass die Welt according to Boris ziemlich rot aussieht.

Boris Johnson lobt "fahnenschwingende Negerlein"

Er brachte beispielsweise das Kunststück fertig, sämtliche Commonwealth-Staaten und obendrein auch noch seine Queen zu verunglimpfen mit der zeitlosen Pretiose, die Königin möge die ehemaligen Kolonien recht gern, weil die bei ihren Staatsbesuchen regelmäßig "eine jubelnde Menge fähnchenschwingender Negerlein" zur Begrüßung der Monarchin abstellen. Um das Bild noch abzurunden, dichtete Boris den "Negerlein" auch noch ein Wassermelonen-Lächeln an.

Man muss ihm allerdings lassen, dass er sich nicht nur an Kleinstaaten wie Papua Neuguinea vergreift und vermeintlich pazifische Kannibalismus-Orgien mit der Tory-Partei vergleicht. Sondern auch an echten Großmächten und deren Ortsvorstehern. Russlands Putin erinnerte ihn an den glatzköpfigen Elf Dobby aus den Harry Potter-Filmen. Allerdings – und nicht mal zu Unrecht – nur optisch. Weil Putin ganz im Gegensatz zum putzigen Elf "ein manipulativer Tyrann" sei. Die Chinesen, notierte der neue Außenminister, müsse man schon gar nicht fürchten, weil ihr kultureller Beitrag verglichen mit dem alten Empire gegen null tendiere. Das im Reich der Mitte sehr populäre Ping-Pong hätten sie entgegen landläufiger Meinung auch nicht erfunden. Das waren natürlich die Engländer, 19. Jahrhundert. Sie nannten es Wiff-waff. So macht man sich auf einen Schlag eine Milliarde Freunde, fliegt weiter nach Japan und rennt dort beim freundschaftlichen Straßen-Rugby in Tokio einen Achtjährigen über den Haufen.

Erdogan-Beleidigung per Limerick

Zuletzt siegte Johnson bei einem kleinen Gedichtwettbewerb der Zeitschrift "Spectator". Es ging darum, den türkischen Staatschef Erdogan möglichst formvollendet zu beleidigen. Das kann er ja. Johnson wählte dafür die schöne Form des Limericks. Und reimte:

There was a young fellow from Ankara,
Who was a terrific wankerer.
Till he sowed his wild oats,
With the help of a goat,
But he didn’t even stop to thankera.

Die Übersetzung sparen wir uns. Eine Ziege taucht jedenfalls darin ebenso auf wie in Jan Böhmermanns Original, darüber hinaus aber auch ein offenbar hochbegabter Onanist. Das war im Mai. Boris tourte seinerzeit noch im roten Brexit-Bus durchs Land, schmähte die EU, massierte hier und dort noch Napoleon und Hitler in seine Reden. Und träumte davon, irgendwann Premierminister zu werden.

Diplomatische Beziehungen zu 168 Staaten - noch

Wurde er aber nicht. Wurde die May, die ihn nun um die Welt jagt. Vermutlich und glücklicherweise allerdings nicht so schnell nach Deutschland. Bei seinem letzten Besuch kaufte Boris drei gebrauchte Wasserwerfer für London. Die stehen jetzt irgendwo in einem Schuppen. Johnson jettet unterdessen von A nach B, wenn er nicht gerade in Luton notlanden muss. Und die werten Kollegen vom "Independent" lassen ihren Boris-Beleidigungs-Atlas für Updates wohlweislich offen. Großbritannien unterhält zu 168 Staaten und Territorien diplomatische Beziehungen. Noch. Boris hat ja gerade erst angefangen.

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Partner-Tools