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Massenvergewaltigung einer 16-Jährigen - Brasiliens Angst um seine Töchter

Ein Mädchen wird in einer Favela in Brasilien von 33 Männern vergewaltigt. Ihr Schicksal spaltet das Land. Ist die 16-Jährige Opfer der Gewaltkultur? Oder selbst schuld, weil sie Teil einer Partykultur aus Drogen, Sex und Gewalt war?

Von Jan Christoph Wiechmann

Brasilien Gang-Rape Opfer

Das Opfer der Massenvergewaltigung in Brasilien: Beim Sender Al Dschasira  sprach die 16-Jährige anonym

Warum schweigen sie? Warum sagen sie nichts gegen die ? Gegen die 33 Täter, die sich an einem bewusstlosen Mädchen vergingen? Warum positionieren sich die Bürger stattdessen hier am Eingang ihrer Favela wie ein Abwehrschirm und blicken feindselig und schicken schließlich einen jungen Kerl vor, bekleidet nur in Bermudashorts.
"Vergewaltigung - so ein Quatsch", sagt er. "Die Hure hat sich auf Gruppensex eingelassen. Was wisst ihr schon vom Leben in der Favela?"

Die Mutter hat kein Mitleid mit der Tochter

Der junge Kerl sei der falsche Gesprächspartner bei diesem Thema, denkt man. Vielleicht kann nur eine Mutter einer Tochter verstehen, was dem Opfer widerfuhr. Aber die Mutter, die sich hier mühsam zu einem Gespräch überreden lässt, sagt: "Sie ist eine Maria Fuzil - Maria Gewehr. So werden Mädchen genannt, die sich dem Gangleben hingeben."Die Mutter klickt sich durch Facebook-Fotos auf ihrem Handy. Sie zeigen das Opfer posierend mit Sturmgewehren und Pistolen und den Buchstaben CV auf den nackten Pobacken, für Comando Vermelho, Rotes Kommando, dem hier regierenden Drogenkartell. "Null Mitleid", sagt die Mutter.
Es ist Tag zehn nach der Massenvergewaltigung im Armenviertel Barão im Westen der Zwölf-Millionen-Metropole de Janeiro. Nur zehn Kilometer entfernt werden in acht Wochen die Olympischen Spiele beginnen.


Brasiliens große Probleme: Gewalt, Armut, Machismo

Brasilien ist beim Thema Frauenrechte wie bei so vielen anderen Themen - Schwulenrechte, Rassismus, Umweltschutz - ein Land der Widersprüche. Es hatte mit Dilma Rousseff zwar eine Präsidentin, aber nachdem diese durch Korruptionsvorwürfe aus dem Amt getrieben wurde, sind im neuen Kabinett des Playboys Michel Temer nur Männer vertreten. Es gibt durchaus Fortschritte bei Frauenrechten im Land. Aber alle elf Minuten wird in Brasilien eine Frau vergewaltigt.
So will die Geschichte dieser Massenvergewaltigung einfach nicht verschwinden. Sie berührt Brasiliens große Probleme: Gewalt, Armut, Machismo. Sie hat in den Medien einen eigenen Titel bekommen: "Brasiliens schlimmste Vergewaltigung der Geschichte".

Vor dem Parlament in Brasilia versammeln sich Tausende Demonstrantinnen, vor allem aus der Mittelklasse. Sie halten blutgetränkte weiße Unterhosen hoch. Sie fordern ein Ende der alltäglichen Gewalt gegen Frauen. Aber auf Nachfragen wissen sie erstaunlich wenig über den Fall und das Leben im Armutsviertel.
In der Favela Barão dagegen ergreift keiner Partei für das Opfer, das 16-jährige Mädchen mit dem Spitznamen Bia. Niemand traut sich, das vom Kartell auferlegte lei do silêncio zu brechen, das Gesetz des Schweigens.
Der Eingang zu dem hügeligen Slum wird von jungen Gangmitgliedern bewacht, die jeden Passanten eindringlich mustern. Auf den Dächern der Hütten stehen achtjährige Kinder, die als Informanten für das Rote Kommando arbeiten.

Eine Version klingt schlechter als die andere

Während das Land von Massenvergewaltigung spricht, sprechen die Leute hier von Massenhysterie.
Das ist der merkwürdige Bruch in dieser Geschichte. Die eine Version, die der Mittelklasse und Staatsanwaltschaft, lautet: Ein junges Mädchen wurde unter Drogen gesetzt und Opfer einer Vergewaltigung durch 33 Männer. Die andere, die der Armen und vieler Männer: Das Mädchen ließ sich auf Gruppensex mit 33 Gangstern ein, um an Drogen zu kommen.
Eine Version klingt schlechter als die andere

Der Weg in die dunkle Welt von Barão führt über eine Kontaktperson: Fernanda, 26, sie wuchs hier auf. Früh am Morgen führt sie durch enge Gassen in die erdrote Armensiedlung am Hang. Barão liegt im feuchten Schatten eines gewaltigen Regenwalds mit unendlich vielen Fluchtwegen für Gangs. An den Hauswänden prangen Graffiti wie "Polizisten verboten" und "Comando für immer". Polizei ist weit und breit nicht zu sehen.


Fernanda sah Bia häufig in der Favela. Sie kennt sie vor allem von den berüchtigten bailes funk, den von Drogengangstern organisierten Straßenpartys mit allerlei Schusswaffen, Drogen und Sex. Sie führt uns zunächst über Kopfsteinpflaster, dann über Sandwege durch ein Labyrinth aus brüchigen Hütten und erreicht schließlich, nach 1200 steilen Metern, den Tatort. Ein kleines Haus, verkleidet mit weißen Platten.
Es ist ein abatedouro - übersetzt Schlachthaus für Hühner, erklärt Fernanda. Es ist der Ort, an den die Drogengang Mädchen zum Gruppensex führt.

Geh nicht, flehte ihre Mutter

Im abatedouro steht ein altes Bett mit einer dreckigen Matratze, ein Fernseher und an der Tür zum Bad in weißer Schrift der Name einer lokalen Gangeinheit: "Bonde do Fubá".
Auf den von den Tätern ins Netz gestellten Videos ist dieser Raum anhand der fleckigen Matratze deutlich zu erkennen. Auch das weggetretene Opfer, auf dessen Stirn die Gangster den Namen der Droge wie ein Brandmal geschrieben hatten - loló. Und auch das Lachen und die Sprüche der Täter sind deutlich zu vernehmen: "Hört zu, wir haben diese hier mit mehr als 30 geschwängert", feixt einer. "Mehr als 30."
Bia selbst kommt nicht aus Barão. Sie lebt mit ihren Eltern und ihrem Sohn in einem Apartmenthaus im Mittelklasseviertel Jacarepaguá, ein paar Kilometer entfernt. An jenem Samstag vor zwei Wochen verließ sie ihre Wohnung am frühen Abend, um zum baile funk in Barão zu gehen.
Geh nicht, flehte ihre Mutter, eine Psychologin.
Ich gehe, sagte Bia.
Ihr drei Jahre altes Kind ließ sie, wie immer, bei den Eltern.
"Das war wie so oft", erzählt ihre Mutter. "Sie wollte ausgehen. Ich dagegen wollte sie in eine Entzugsklinik einweisen lassen."

Brasilien Gang-Rape Täter

Er soll einer der 33 Männer sein, die an der Massenvergewaltigung beteiligt waren: ein 22-Jähriger mit Namen Rai


Bia kommt zum Gespräch hinzu, ein schmales Mädchen mit langen blonden Haaren, sie trägt weiße Shorts und Tanktop, im Arm ihren Sohn: "Ich sehe mich nicht als süchtig", verteidigt sie sich. Ich nehme bala (Ecstasy) und loló (Mix aus Äther und Chloroform). Aber nur einmal im Monat."
Die Mutter kontert: "Sie hat kein Geld für Drogen. Daher setzt sie sich gefährlichen Situationen aus, um ihre Sucht auszuleben - Beziehungen mit Typen, die sie nicht mag."

Nichts rechtfertigt diese Vergewaltigung

Es ist ein schmerzhafter Dialog zwischen Mutter und Tochter. Er wurde von einem Reporter des brasilianischen Senders SBT gefilmt. Er sprach zuerst mit Bia. Dann mit der Mutter. Dann mit beiden zusammen. Bia erzählt die Geschichte eines abenteuerlustigen weißen Mädchens aus Rios Mittelklasse. Die Mutter die Geschichte einer drogenabhängigen Tochter ohne jeden Verstand für die Realität: "Sie hat sich immer mit solchen Typen eingelassen, sie hat ihr Kind von einem Drogendealer bekommen. Da war sie 13."
Es gibt keine Gemeinsamkeit in ihren Geschichten außer einem einzigen Satz: Nichts rechtfertigt diese .
Die Version von Bia geht so: Sie ging nach dem baile funk zu einem Exfreund und hatte Sex mit ihm. Dann wachte sie in einem anderen Haus auf und war plötzlich umgeben von 33 Männern, von denen sie einige kannte.

33?

"Ich zählte sie."

Was passierte dann?

"Ich weinte. Ich schlug auf sie ein. Aber keiner hörte auf. Sie sagten: Du magst das doch, Flittchen. Du bist eine Schlampe."

Und was dachtest du?

"Wie ich hier lebend rauskomme. Ich dachte, die werden mich erhängen."

Dann schlief sie wieder ein.
Erst nach Stunden erwachte sie erneut, blutend und verwirrt, die Männer waren weg. Da stieg sie den Hügel hinab nach Hause. Ihren Eltern erzählte sie nichts. Bis heute gibt sie nicht preis, wer die Täter waren, aus Angst. Ihre Beziehung zu der Drogengang beschreibt sie weiterhin als "Freundschaft". Erst Tage später landen die Videos im Netz und damit auch bei Eltern, Freunden und den Bewohnern von Barão. Da geht die Geschichte um die Welt.

Berüchtigte bailes funk im Schlachthaus

Haben Sie je gedacht, dass Ihrer Tochter etwas so Schlimmes widerfahren könnte, wurde die Mutter gefragt.
Ihre Antwort: "Ich befürchtete sogar noch Schlimmeres."
Von hier oben, vom Tatort aus, hat man den besten Überblick über die Favela und die beiden Zugangsstraßen. Nebenan liegt das Machtzentrum der Drogengang, genannt boca. Hier oben versammeln sich die Gangster. Von hier aus regiert ihr Chef, der dono, wie ein absoluter Monarch. Sie nennen ihn Da Russa oder Lobo Mau, der böse Wolf. Für seine Ergreifung hat die 1000 Real ausgesetzt, gerade mal 250 Euro.
Hier oben, nicht weit vom "Schlachthaus", veranstalten sie auch die berüchtigten bailes funk. Ihre Schusswaffen tragen die Dealer dann über den Schultern wie Trophäen, die Drogen stellen sie offen zum Verkauf, als seien es normale Getränke, aus Boxen dröhnt ihr selbst geschriebener Rap. Entweder funk proibidão über das wahre Leben der Gangster. Oder funk putaria über ihren Sex mit willigen minderjährigen Mädchen.

Sie haben Geld, große Augen und sind naiv

Über Bia haben sie nach der Tat sofort einen Rap geschrieben: "Mehr als 30" heißt er - in Anspielung auf die Zahl der Vergewaltiger.
So funktioniert ihr Leben: Die Bandenmitglieder begehen Verbrechen und schaffen eine eigene, pervertierte Realität. Dann schreiben sie darüber einen Rap. Und mit diesem Rap verdienen sie wiederum Geld. Es ist so was wie das Vergolden ihrer Verbrechen. Das Vermarkten ihrer Bestialität.
Viele Gäste der bailes funk kommen wie Bia aus der Mittelklasse oder den Reichenvierteln der Zona Sul, aus Strandorten wie Copacabana oder Ipanema. Für sie sind die sonst verbotenen Feste eine Art Abenteuer. "Wir nennen diese schicken Mädchen Patricinhas", erklärt Fernanda. "Sie bringen jede Menge Geld und große Augen und sind unglaublich naiv."

Sie sind 13 und geben sich Gangstern hin

Beim Mittagessen erzählt Fernanda vom Aufwachsen der Mädchen in Barão, und mit jedem nüchtern dahingesprochenen Satz klingt es deprimierender. Mädchen sind hier in erster Linie unterwürfige Wesen. Entweder "Gangsterbräute", mit gehobenem Status und Geld, aber doch wie Eigentum. Oder sie halten sich aus dem Gangleben heraus, leben aber mit der ständigen Angst, dass ein Gangster einen Blick auf sie wirft. Als im vergangenen Jahr ein 14-jähriges Mädchen angeblich verabredeten Sex verweigerte, wurde es per Kopfschuss getötet - im selben "Schlachthaus", in dem auch Bia landete.
Und dann gibt es Maria Fuzil, "Ganghuren", wie Fernanda sie nennt. Sie geben sich mehreren Bandenmitgliedern hin. Sie tätowieren sich Pistolen auf die Oberschenkel. Sie sind erst 13 oder 14 und stolz, wenn Gangster Songs über ihren bacanal schreiben, den Gruppensex, und sie damit zu lokalen Berühmtheiten aufsteigen. Sie geben sich Künstlernamen und stellen die Nacktfotos auf Facebook.
"So eine soll Bia gewesen sein", sagt Fernanda und zeigt dazu ein paar Fotos.

Auch mit der Polizei redet das Opfer nicht

Sie beweisen keineswegs, dass Bia dem Sex zugestimmt hat, wendet man ein. Man hält Fernanda die Fotos der Polizei entgegen. Sie zeigen die ohnmächtige Bia, die von den Tätern begrapscht und ausgelacht wird.
"Sie hätte sich nie auf die Gang einlassen dürfen", entgegnet Fernanda. "Jedes Mädchen hat die Wahl." Es ist eine schier unerträgliche Situation. Keine Frau hier in Barão verteidigt das Opfer.
Man hört diese Sätze oft in den Favelas von Rio. Das Leben ist roh und brutal und verläuft nach dem Motto: Wer sich mit Gangs einlässt, steht mit einem Bein im Grab. Vergangene Woche brach es aus Chefermittlerin Cristiana Bento heraus: "Dass Dealer nicht vergewaltigen, ist eine Lüge. Sie erlauben es zwar anderen Leuten nicht, tun es aber selbst. Und die Mädchen reden nicht darüber, aus Angst. Auch mit uns redet das Opfer nicht mehr."

Erfolge gibt es - in Nähe der Olympiastätten

Barão gehört zu den am härtesten umkämpften Favelas Rios. Zwölf Menschen wurden binnen zwei Jahren von Drogengangs getötet. Gerade erst hat das Rote Kommando die Macht von der im Osten Rios herrschenden Miliz übernommen, einer Art Mafia aus ehemaligen Polizisten, Feuerwehrleuten und Türstehern. Der Übergang vom Staatsschutz zum Staatsfeind ist in Brasilien oft fließend.
In den kommenden Wochen vor den Olympischen Spielen wird man viel von der Befriedungskampagne in Rio hören. Die Militärpolizei stationierte 9500 Polizisten in 38 Favelas und hat durchaus Erfolge vorzuweisen. Aber die meisten liegen nahe der Reichenviertel und Olympiastätten.
Die Favelas der Peripherie - wie Barão - stehen weiter unter der Führung der Drogenkartelle. Sie sind so etwas wie Parallelgesellschaften, rechtsfreie Orte. Oder eher: Orte, die nach einem archaischen Recht, einer Art Stammesrecht funktionieren.

"Ich fühle mich wie Müll"

Der dono, der Drogenboss, legt die Gesetze und Regeln fest, er verleiht Geld an Bürger und bezahlt seine Truppen. Er besticht die Polizei und klärt Ehestreits, er sanktioniert mit Schlägen und Verweisen, bezahlt aber auch medizinische Operationen, wie etwa die von Fernandas Mann, der einen Motorradunfall hatte. Er ist Bürgermeister und Sponsor zugleich, Richter und Henker. Verrat wird mit dem Tod bestraft. Ebenso Vergewaltigung.
Und was ist mit dieser Massenvergewaltigung? "Für die Gang war es keine", antwortet Fernanda. "Es war Sex im gegenseitigen Einvernehmen. Sonst hätte es längst Hinrichtungen gegeben."
Bia und ihre Eltern sollen jetzt in einen anderen Bundesstaat gebracht werden. Sie sollen unter einem anderen Namen ein neues Leben beginnen können. Derweil sucht die Polizei nach den Tätern. Sieben sind identifiziert, erst zwei sitzen in U-Haft.
"Ich fühle mich wie Müll", sagt Bia dem TV-Reporter. "Leute stellen es so dar, als hätte ich die Schuld." Sie blickt in diesem Moment auch ihre Mutter an.

Was wünscht sie den Tätern, wird sie gefragt.

Sie zögert.

Welche Strafe?

"Keine vom brasilianischen Staat."

Dann, nach einer kurzen Pause, sagt sie:

"Dass sie mal eine Tochter haben."


Diese Reportage ist erschienen im aktuellen stern




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