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Little England - eine Nation droht zu zerbrechen

Der Brexit ist beschlossen und Großbritannien geteilt. Ein tiefer Riss geht durch das Land. Nicht nur ökonomisch sind die Folgen des EU-Ausstiegs unabsehbar, sondern vor allem auch geistig und kulturell.

Der Brexit ist beschlossen: Eine britische Fahne weht in London

Die britische Flagge symbolisiert die Einheit des Vereinigten Königreichs. Doch Großbritannien ist geteilt wie nie zuvor.

Als die Briten am Freitag morgen aufwachten, war ihre Nation eine andere. Es war über Nacht das Land des Nigel Farage geworden. Jenes Mannes, der Chef der anti-europäischen UKIP-Partei ist und seinen Lebenszweck nur einer Sache widmete: raus aus der EU.

Jenes Mannes, der Wähler am rechten Rand der Konservativen köderte, zur Gefahr für die Tories wurde – und eben nicht unmaßgeblich daran mitwirkte, dass es überhaupt ein Referendum geben konnte. Jenes Mannes, der am Donnerstag um kurz nach zehn Uhr abends noch das "Remain"-Lager vorn gesehen hatte, sich im Laufe der nächsten Stunden immer wieder korrigierte und dann - als sich die politische Landkarte festsetzte – wie im Vollrausch von einem Interview zum nächsten eilte. Der 23. Juni, sprach immer und immer wieder, möge nun ein nationaler Feiertag werden, "Independence Day", nannte er das.

Als die Briten aufwachten, stürzten die Börsenkurse weltweit, ihr geliebtes Pfund sank auf den tiefsten Wert seit Mitte der achtziger Jahre, und der Chef der Bank of England kündigte an, 250 Milliarden Pfund zur Stabilisierung der Märkte bereitzustellen. Trauer in der City. Wer geht? Wer bleibt? Was macht der Markt? Es blühte lediglich die Spekulation.

Eine geteilte Nation

Als sie aufwachten, war die Nation offiziell geteilt. Sie war zerfallen in Jung und Alt, in urban und ländlich. In das überwältigend pro-europäische London, Schottland und Nordirland. Und den Rest. Das weiße und Wales. Das Land, geteilt, mäanderte zwischen Schockstarre und Entsetzen auf der einen und Jubel und Staunen auf der anderen Seite.

Sonne schien am Freitag über , ausgerechnet Sonne nach den Regenfluten vom Vortag. Blauer Himmel begrüßte ein anderes Land, und das passte so gar nicht zur allgemeinen politischen Großwetterlage.

Morgendliche Strahlen fielen auf das Gesicht von David Cameron, der nach durchwachter Nacht schließlich vor die Haustür in Downing Street trat, gezeichnet von der Niederlage, die er einräumte und sodann erklärte, das Schiff brauche einen neuen Kapitän. Rücktritt alsbald. Er hätte als großer Premier in die britische Geschichte eingehen können. Statt dessen wird er eingehen als jener Premier, der Europa verlor und die Tür öffnete für Boris Johnson, bis Mai noch Bürgermeister von London. Und alsbald womöglich neuer Premier.

Vergleiche mit den Nazis

Sonne beschien auch Johnsons Gesicht, als er sein Haus im Londoner Norden verließ, ins typische Blitzlichtgewitter trat, aber untypischerweise nicht stoppte, um Fragen der vielen Reporter zu beantworten, und sogar ausgebuht wurde von Londoner Passanten. Johnson begab sich subito auf sicheres Terrain, ins Hauptquartier der "Leave"-Fraktion in Westminster. Und als sich dort die prominenten Out-Befürworter den Kameras stellten, sahen sie keineswegs so aus wie die großen Gewinner der Nacht. , Justizminister Michael Gove und ihre deutschstämmige Labour-Kollegin Gisela Stuart sahen vielmehr so aus, als dämmere ihnen erst jetzt, was da auf ihr Land zukommt. Als ahnten sie, dass sie etwas losgetreten haben. Aber noch nicht genau wissen, was genau.

Über allem schwebte die Mutter aller Fragen. Wie konnte das passieren?

Wer in den Tagen und Wochen vor der Abstimmung durch Großbritannien reiste, spürte diesen tiefen Riss. Wer London verließ, fühlte sich wie in einem fremden Land. Ein Land, in dem eben eine scharfe Rhetorik verfing, die Michael Gove, aber auch Boris Johnson bemühten und die dann wiedergekäut und verstärkt wurde von den überwiegend konservativen Zeitungen. Die trommelten fast geschlossen pro Brexit mit Zeilen wie: "Die Immigranten-Lüge", "80 Millionen Türken wollen zu uns", "92 Prozent im Königreich sind gegen die ". Außerdem und immer und immer wieder auch Vergleiche mit Krieg und den Nazis. "D-Day", nannte Gove tags vor dem Referendum die Abstimmung. Und verglich Experten, die vor den Folgen eines Austritts warnten, mit Nazi-Wissenschaftlern, die sich an der Entmystifizierung von Albert Einstein abgearbeitet hatten.

"Dies ist nicht mehr mein Großbritannien"

So ging das über Wochen und Monate. Großbritannien erlebte ein "all-time-low" der Debattenkultur. Es war ein Rückfall in schlimmste revanchistische Zeiten. Und es hat offenkundig funktioniert.

Das Echo dieser Worte brach sich vor allem in ländlichen Gegenden und jenseits der vergleichsweise liberalen Metropolen. Aber selbst dort in den traditionellen Hochburgen der Labour-Party wählten viele eben nicht "Bleiben". Labour ist noch einer der vielen Verlierer dieses Tages.

Tim Farron, der Vorsitzende der Liberal Democrats, ist an Kummer gewöhnt. Seine Partei wurde bei den Parlamentswahlen im vergangenen Jahr furchtbar abgestraft. Aber diese Niederlage saß tiefer. Cameron löste seine Enttäuschung staatsmännisch und konsequent mit seinem Rücktritt. Farron dagegen bekannte sich angenehm offen und ehrlich zu seiner Fassungslosigkeit. "Ich bin niedergeschlagen und wütend", sagte er. Er fühlte sich betrogen von den Konservativen, die jahrzehntelang unentwegt gegen die EU gewettert hätten, darunter auch und explizit David Cameron. Er fragte auch, wo Labour gewesen sei und deren Vorsitzender Jeremy Corbyn, "weitgehend unsichtbar", ohne "Rückgrat". Auch Corbyn sei mitschuldig am Wahldesaster. Und er sorgte sich um die jungen Leute, überwältigend pro-europäisch, die von den Alten überstimmt und um eine Zukunft als EU-Bürger beraubt wurden. Tim Farron schloss mit dem Satz: "Dies ist nicht mehr mein Großbritannien."

Die Frage wird sein, ob sich sein Großbritannien erholt. Nicht nur ökonomisch sind die Folgen noch unabsehbar. Sondern auch und vor allem geistig und kulturell.

Zweites Unabhängigkeitsreferendum für Schottland?

Die Frage wird auch sein, ob die Briten an dem Tag, als sie die EU verließen, nicht vielmehr die nationale Spaltung einleiteten. Nicola Sturgeon, die Chefin der "Scottish National Party", kündigte als Konsequenz des Brexits sofort die Option eines zweiten Unabhängigkeitsreferendums  für die kleine Nation im Norden der Insel an. Das hatte sich ihre Partei erst im Mai für den Fall der Fälle ins Manifest geschrieben. Nun ist der Fall der Fälle. Aus Großbritannien könnte also Little England werden. Und aus dessen Bewohnern "Little Englanders", eine Bezeichnung, gegen die sich die "Brexit"-Befürworter vehement wehrten, weil Synonym für Rückständigkeit und Kleingeisterei.

Der Brexit baut neue Mauern auf

Es werden, das ist keine Frage, auf jeden Fall aufregende Zeiten in Britannien. Ein neuer Premier wird kommen, den harte Verhandlungen mit der EU erwarten. Die Hauptstadt London wird sich weiter entfremden vom Rest der Nation, durch Nordirland und die Republik könnte wieder eine Grenze laufen wie zu Zeiten des Bürgerkriegs. Mauern plötzlich wieder, vor allem in den Köpfen.

Als die Briten am Freitag aufwachten, war nichts mehr wie es war. Sie haben es so gewollt.

Und müssen nun damit leben. Wohl. Oder übel.

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