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Gastbeitrag

Menschlich bleiben! Jetzt erst recht

Wie können wir auf die Anschläge in Brüssel reagieren? Echt menschlich ist, sich die Freiheit und Lebensfreude nicht abringen zu lassen. Doch auch ein deutlicher Aufschrei der Muslime ist angebracht.

Ein Gastbeitrag von Alexander Kissler

Mit Blumen und Kerzen trauern Menschen um die Opfer der Anschläge

Mit Blumen und Kerzen trauern Menschen um die Opfer der Anschläge

Warum mussten in Brüssel 31 Menschen sterben, wurden über 200 Menschen verletzt? Warum tun Menschen anderen Menschen eine solche Bestialität an? Nach den gestrigen Anschlägen, für die ein Bruderpaar namens Bakraoui als hauptverantwortlich gilt, fehlt es nicht an Ratschlägen für Polizei, Politik und Geheimdienste. All dies hat seine Berechtigung, Terror ist zunächst einmal eine kriminelle Handlung. Sie verlangt Aufklärung und Bestrafung, Prävention und Nachsorge. Das Bruderpaar selbst kann nicht mehr dingfest gemacht werden. Es sprengte sich am Flughafen und in der Metrostation in die Luft, sich und viele Unschuldige, Zufallsopfer.

Alexander Kissler leitet das Kulturressort beim Monatsmagazin "Cicero"

Alexander Kissler leitet das Kulturressort beim Monatsmagazin "Cicero"

Wie aber gehen wir, wir diesmal nicht Getroffenen, mit den schrecklichen Nachrichten um? Brüssel ist New York ist Madrid ist London ist Paris ist überall. Jede Stadt des Westens kann ins Fadenkreuz derer geraten, die den Westen hassen, deren Leben nur aus Hass zu bestehen scheint, Hass, der eines Tages so groß wird, dass er explodiert. Es ist mehr als nur eine rhetorische Ausflucht, wenn solche Attentate unmenschlich genannt werden. Der Ausdruck weist ins Innere der Tat wie ihrer Wirkung: Da haben Menschen gehandelt, als wären sie keine Menschen. Da haben sich verblendete Fanatiker in Unmenschen verwandelt. Darum sind wir alle gefordert, uns nicht in den Abgrund der Unmenschlichkeit hinein ziehen zu lassen. Wir müssen menschlich bleiben. Jetzt erst recht.

Blauäugigkeit ist nicht das menschliche Maß

"Ungeheuer ist viel, doch nichts ungeheurer als der Mensch", wusste schon der Chor der thebanischen Alten in der "Antigone" des Sophokles, einer Tragödie übrigens. Der Mensch kann Menschen das Leben zur Hölle wie zum Paradies machen. Insofern hat sich an der Grundsubstanz des Homo sapiens seit Jahrtausenden nichts Wesentliches geändert. Die Versuchung zum Bösen, der die mordenden Brüder nachgegeben haben, verlangt eine Antwort von uns. Sie sollte nicht darin bestehen, dass wir uns ebenfalls in Ungeheuer verwandeln. Wir sollten uns und der Welt zeigen, dass wir in gutem Sinne menschlich zu handeln, menschlich zu reagieren vermögen.

Wer menschlich ist, kennt den Menschen, weil er sich selbst kennt. Blauäugigkeit ist nicht das menschliche Maß. Deshalb verlangt der genaue Blick auf den Menschen den Mut, sich den Realitäten zu stellen. Islamistischer Terror heißt so, weil es Terror im Namen des Islam ist. Dieser Terror hat nicht nur etwas mit dem Islam zu tun, er ist die Frucht einer speziellen Lektüre des Korans – einer selektiven Lektüre freilich, die von der großen Mehrheit der Muslime abgelehnt wird. Verzweiflungstaten einer enthemmten Minorität waren die Attentate von Brüssel. Ohne aber deren islamisches Motivgeflecht ernst zu nehmen, werden wir sie nicht begreifen. Und künftigen Versuchen nicht vorbeugen können. Der Islam hat ein Gewaltproblem. Es wird ohne einen deutlichen Aufschrei, ein weit größeres Engagement der Muslime als bisher wider die Brandstifter in den eigenen Reihen nicht einzudämmen sein. Sollte der Islam eine "Religion des Friedens" sein, wäre jetzt ein guter Zeitpunkt, den Beweis anzutreten.

Zeit der terroristischen Bedrohung könnte Zeit einer neuen Mitmenschlichkeit werden

Das menschliche Maß kennt keine Blauäugigkeit – und keine Hysterie. Um keinen Deut sicherer wird unsere Welt, wenn wir nun öffentliche Plätze meiden, den Hobbykeller der Auslandsreise vorziehen und in jedem Muslim einen potentiellen Attentäter vermuten. Nein, echt menschlich ist, wer sich die Freiheit und die Lebensfreude nicht abringen lässt und nach bester Menschenart sich für den Mitmenschen interessiert. Die Zeit der terroristischen Bedrohung könnte die Zeit einer neuen Mitmenschlichkeit werden, unbeschadet aller Herkunft, aller Religion, allen Alters. Groß ist der Mensch da, wo ihm seine Schwester, sein Bruder nicht egal sind. Wo wir mehr als bisher uns umeinander sorgen, aufeinander aufpassen, im Gegenüber den Mitmensch sehen. Dann werden all die Attentate islamistischer Freiheitsfeinde im Rückblick vielleicht sogar von der Größe und nicht der Niedertracht des Menschen erzählen. 

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