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"Brüssel hat entsetzliche Fehler gemacht"

Am Tag nach den Anschlägen in Brüssel schwanken die Kommentare der Presse zwischen Fassungslosigkeit und Durchhalteparolen. Eine internationale Presseschau.

Mehrere Titelseiten der internationalen Presse zum Terror in Brüssel, in Schwarz oder den Farben Belgiens gehalten

Die internationale Presse trauert mit Brüssel

"Berliner Zeitung"

Der Anschlag spricht die Sprache des IS. Es ist der dritte große Anschlag auf europäischem Boden innerhalb eines Jahres. Im Januar 2015 war es die Satirezeitschrift Charlie Hebdo, die Zielscheibe der Attentäter wurde. Dann, im November, die Innenstadt von Paris, jetzt ist es Brüssel. Hier gibt es keine Zufälle. Die Orte sind sorgfältig gewählt. Die Attentäter folgen einem perfiden Plan. Es geht ihnen nicht nur darum, möglichst viele Menschen zu töten. Jedes Attentat zielt mit all seiner zerstörerisch-kriminellen Kraft auf die Grundwerte Europas. Die islamistischen Terroristen zeigen uns mit jedem Anschlag mehr, dass sie uns kennen und verstehen. Und dass sie deshalb in der Lage sind, uns im Innersten anzugreifen und ins Herz zu treffen.


"Süddeutsche Zeitung"

Die große Mehrzahl der Terroropfer weltweit sind selbst Muslime; Millionen Muslime fliehen vor diesem Terror. Wenn allerdings, wie jetzt in Brüssel, mitten in Europa Dutzende getötet werden, ist die globale Aufmerksamkeit deutlich größer als beim alltäglichen Terror im Irak oder in Afghanistan. Öffentlichkeit, die digitale Verbreitung einer Mordtat, vergrößert ihre angestrebte Wirkung. Nie hatten die Fanatiker eine besser ausgeleuchtete Bühne als im Jahrhundert des Internet.

Kein Gott braucht Mörder. Menschen, die sich auf Gott berufen, um andere Menschen zu verletzen und zu töten, sind die größten Gotteslästerer. Sie schaffen sich einen Gott nach ihrem Bilde und versuchen so, ihrem Hass, ihrer Paranoia und ihrer Rachsucht höhere Weihen zu geben. Gläubige wie Ungläubige dürfen gerade auf dieses zutiefst unmoralische Konstrukt nicht hereinfallen. Es ist nicht "der" Islam, der tötet, sondern in Brüssel und Paris war es eine kleine, verblendete Minderheit junger, aggressiver Männer, die sich auf etwas berufen haben, was sie nie verstanden.

"Der Tagesspiegel"

Der IS, dieser verbrecherische Antistaat, der sich gegen jede aufgeklärte Werteordnung richtet, wehrt sich mit allen, wohlgemerkt: allen Mitteln. Je mehr er in Nah- und Mittelost unter Druck gerät, desto weiter wird er ausgreifen in seinen Vergeltungsschlägen, und umso härter werden sie werden. Er will Schrecken verbreiten und Angst. Das ist ihm gelungen.

Dabei wollten die belgischen Sicherheitsbehörden klug sein. Sie wollten auf keinen Fall in zurückliegender Zeit in der großen muslimischen Gemeinde Brüssels eskalieren oder den Muslimen hier wie dort auch nur irgendeinen Grund zur Eskalation bieten. Deshalb haben sie sich zurückgehalten. Hinterher ist man immer schlauer - heute werden sie selbst wissen: Es war ein Fehler. Ein Fehler, den Drahtzieher der Anschläge von Paris so lange nicht festgesetzt zu haben. Der Versuch, die Kontrolle zu behalten, hat zu einem entsetzlichen Kontrollverlust geführt.


"Stuttgarter Zeitung"

"Es mag wie Ohnmacht klingen, ist aber doch eine ganz reale Macht, sogar die stärkste, die wir haben: Wir müssen die Grundlagen des Zusammenlebens aufgeklärter, demokratischer Nationen gegen alle Attacken verteidigen.  Die Antwort auf die terroristische Herausforderung darf nicht sein, über Jahrhunderte erkämpfte Freiheitsrechte und rechtsstaatliche Prinzipien preiszugeben und dabei Gleiches mit Gleichem zu vergelten - in der vagen Hoffnung, dadurch mehr Sicherheit zu erlangen. Terrorismus allein kann keine ideellen Werte zerstören. Deshalb lohnt es sich, an ihnen festzuhalten und für sie einzustehen."

"Nürnberger Nachrichten"

"Wenn die Rituale der Betroffenheit abgespult sind, werden die Menschen in dieser Stadt fragen: warum? Und sie werden sich dabei an die wenden, die Verantwortung tragen, die Beschlüsse zur engeren europäischen Zusammenarbeit zwar schmieden, aber nicht umsetzen und zu Hause die Gärtchen ihrer nationalen Geheimdienste pflegen. Denn zu den ewigen Wiederholungen solcher Terrorakte gehört auch diese Wahrheit: Es hat immer jemand zumindest Indizien gehabt oder sogar Konkretes gewusst. Aber der Austausch, die Weitergabe von Informationen unterblieb. Die Anschläge von Brüssel haben Europa nicht nur getroffen, sondern auch entlarvt."


"De Standaard" (Belgien)

"Die große Aufregung, die durch die Anschläge ausgelöst wurde, kann auch wie ein Hebel für einen Wandel wirken. Die muslimischen Gemeinden müssen dabei eine Hauptrolle spielen. Nicht weil sie unter Verdacht stünden, sondern weil wir gemeinsam eine Gesellschaft bilden wollen. Es bereitet ein mulmiges Gefühl, dass wir soweit noch lange nicht sind, selbst wenn es uns gelingt, den Terrorismus auf eigenem Boden auszuschalten. Das wird ein langwieriger Kampf gegen einen internationalen Feind. Tatsache ist, dass noch so viele Fahndungs- und Sicherheitsmaßnahmen neue Anschläge nicht ausschließen können. Das haben wir in den vergangenen Tagen gelernt. Dennoch fahren wir morgen wieder mit der Metro. Nächste Woche fliegen wir wieder vom Airport Zaventem aus. Wir werden nicht vor Anschlägen sicher sein. Die Angst wird immer dabei sein."

"De Tijd" (Belgien)

"Sicherheitsmaßnahmen allein sind nicht genug. Bloße Gebärden der Macht sind selbst eine sehr ohnmächtige Waffe. (...) Jugendliche, die mit den "Syrienhelden" sympathisieren, die Abdeslam und anderen Terroristen einen Star-Status zumessen - das ist ein immenses Gesellschaftsproblem. Wir kriegen den Terrorismus nur klein, wenn die ganze Gemeinschaft, die Muslime eingeschlossen, sich hinter eine Herangehensweise schart. Mit Polarisierung kommen wir nicht voran."

"De Morgen" (Belgien)

"Losgelassene Jugendliche mit einem Bein in der Kriminalität dürfen nicht glauben, dass sie in der Nachfolge der Abdeslams und Abaaouds eine zweite und heldenhaftere Karrierechance haben. (...) Den Zustrom (zum IS) können wir nur dann effektiv stoppen, wenn wir diesem Typ Jugendlichen vor allem auch eine Alternative bieten können zum Gefühl der Entwurzelung und Entfremdung."

"Le Soir" (Belgien)

"Der Lärm hört nicht auf, er kommt aus allen Richtungen und er überzieht die Stadt wie eine offene Wunde. Krankenwagen, Feuerwehrautos und Polizeifahrzeuge (...) heulen sich mit Blaulicht ihren Weg frei. Die Menschen halten an und schauen, wie betäubt. Ihre Augen sind leer. Sie wissen, dass das alles wahr ist. Sie wissen auch, dass sie es wussten: Dass es passieren würde, dass es passieren musste."

"La Libre Belgique" (Belgien)

"Man hatte sich letztlich an die gedrückte Stimmung gewöhnt, hoffend, dass die Terroristen auf weitere kriminelle, sinnlose, barbarische und blutige Taten verzichten. Oder hoffend darauf, dass sie neutralisiert werden. (...) Aber nein: Brüssel ist direkt ins Herz getroffen worden. Unschuldige sind tot. Sie wollten in den Urlaub oder kamen zurück, sie waren unterwegs zur Arbeit oder zur Schule. (...) Dieses Blutbad erinnert uns grausam und schmerzhaft daran, dass der Kampf gegen den Terrorismus niemals zu Ende sein wird."

"Gazet van Antwerpen" (Belgien)

"Wir sind im Krieg, und ein Krieg erfordert spezielle Maßnahmen. Aber lasst uns diesen Krieg in Gemeinsamkeit führen. (...) Wir kämpfen gegen Terroristen und gegen Fanatiker, die eine Religion missbrauchen, um die Gesellschaft zu zerstören. Und wir kämpfen für eine freie und friedliche Welt. Das muss das Ziel sein, wie mühsam der Weg dorthin auch noch sein mag."

"Le Figaro" (Frankreich)

"Für alle Europäer, Bürger wie Anführer, ist die Botschaft klar. Niemand kann sich vor der terroristischen Sturmwarnung in Sicherheit fühlen, die über den Kontinent hereinbricht. Die Deutschen, die Österreicher, die Griechen und andere, besessen von der humanitären Debatte und der logistischen harten Nuss des Andrangs Hunderttausender Migranten, warfen Frankreich bislang andeutungsweise seine Sicherheits-Besessenheit vor. Sie wurden in die Realität zurückgeholt: Sie sind vielleicht - zweifellos? - die nächsten auf der Liste und müssen sich darauf vorbereiten. Die Bedenken des Europäischen Parlaments und gewisser Hauptstädte gegenüber der Aufstockung des gemeinsamen Sicherheitsapparats sind unentschuldbar geworden. Frankreich darf nicht mehr fast allein sein, im Irak und im Sahel Krieg zu führen: Die magere Unterstützung, die es von seinen Partnern erhalten hat, war eine Schande, sie wird ein Fehler."

"La Croix" (Frankreich)

"Die Terroristen wollten zeigen, dass sie in der Lage sind, in sehr kurzer Zeit nicht nur die Hauptstadt von Belgien zu treffen, sondern auch die Stadt, in der die zentralen Institutionen der Europäischen Union sitzen. (..) Es ist Europa, das getroffen wurde. Und es ist an Europa, darauf zu antworten. Es ist extrem dringend, die Zusammenarbeit zwischen den Polizei- und Nachrichtendiensten der Europäischen Union zu verstärken. (...) Das alte Europa muss auch seiner humanistischen Tradition Treue zeigen, die heute noch von der Persönlichkeit Erasmus symbolisiert wird, der sich 1521 lange in Brüssel aufhielt. Wenn es als Opfer blinder Gewalt der Verlockung der Rache und des Sündenbocks nachgäbe, würde es sich selbst Gewalt antun."

"De Telegraaf" (Niederlande)

"Die entscheidende Frage ist, wie wir uns gegen einen offenbar unsichtbaren Feind wappnen. Mehr Absicherung und Kontrolle sind nötig. Aber dies ist nur ein Teil der Lösung. Das frühere Aufspüren der Terrornetzwerke ist ausschlaggebend und dies ist in erster Linie Aufgabe der Geheimdienste. Kein Land kann das allein. Internationale Zusammenarbeit ist von größter Wichtigkeit und hier muss dann auch kräftig investiert werden. Terrornetzwerke sind weit verzweigt und werden zum Teil von radikalisierten Syriengängern gespeist. Sobald die Behörden nur nebeneinanderher arbeiten, bleiben Anschlagspläne unter dem Radar. Genau das ist der Vorwurf an die diversen staatlichen Behörden, die für die Sicherheit in Belgien verantwortlich sind."

"Tages-Anzeiger" (Schweiz)

"Die Erschütterung wird weit über die belgische Hauptstadt hinaus zu spüren sein und lange anhalten. Die Attentäter haben in Brüssel zugeschlagen, in Sichtweite der EU-Schaltzentrale und am Flughafen in direkter Nachbarschaft zum Nato-Hauptquartier. Sie wollen Angst und Schrecken verbreiten. Es ist ein Anschlag ins Herz Europas, nahe dem Machtzentrum der EU. [...]

In nächster Nähe haben noch am Freitag im bunkerähnlichen EU-Ratsgebäude die Staats- und Regierungschefs am Gipfel mit dem Ministerpräsidenten Ahmet Davutoglu den Flüchtlingspakt mit der Türkei besiegelt. Die Europäer bemühen sich fieberhaft darum, die Kontrolle über die Außengrenze zurückzugewinnen, um die Reisefreiheit im Innern zu verteidigen. Ob das klappt und Schengen gerettet werden kann, war schon vor dem Türkeideal offen. Nach dem Anschlag im Zentrum Europas dürfte der Ruf nach Kontrollen an den Binnengrenzen noch lauter werden und Schengen ernsthafter denn je in Gefahr sein. Ein Europa, das sich abschottet und in Angst erstarrt, ist das Ziel der Attentäter."

"Der Standard" (Österreich)

"Den Terroristen geht es darum, Europa zu verändern. Sie wollen die Gesellschaft spalten, Misstrauen säen. Mit den Anschlägen wollen islamistische Attentäter und ihre Drahtzieher erreichen, dass alle Muslime unter Generalverdacht stehen. Der Islam wird zum Feindbild, muslimische Mitbürger zu Verdächtigen. Solche Anschläge schüren Ressentiments, und auch der Rechtspopulismus nimmt zu. Je mehr Angst vor Muslimen herrscht, so das perfide Kalkül, desto mehr Ausgrenzung und Diskriminierung - und das wiederum treibt Organisationen wie der Terrormiliz IS Sympathisanten und Kämpfer zu."

"Adevarul" (Rumänien)

"Die logische Frage ist, welche die nächsten Ziele in Europa sind, denn ... es gibt keinerlei Zweifel daran, dass der Plan (für neue Terroranschläge) weiter umgesetzt wird. Aber die Reaktion der EU-Verantwortlichen ist auch diesmal, Beileid auszusprechen nach Schablonen, die es in allen Kanzleien für solche Anlässe gibt. Bisher jedenfalls hat man noch nichts von einer geplanten Krisensitzung gehört, und sei es auch nur der EU-Innenminister. Und wenn die Damen und Herren Minister um ihre hochwohlgeborene Haut fürchten, haben sie die Auswahl unter mehreren hyper-gesicherten Örtlichkeiten. Die permanente Unentschlossenheit der Europäer ist ein himmlisches Manna von dem jene profitieren, die einen breiten Krieg gegen Europa begonnen haben. Und dieser Krieg ist, wie IS stets erklärt, erst am Anfang."



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