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Es ist Krieg

Brüssel verstand sich als Bollwerk der Liberalität. Jetzt erreicht der Terrorkrieg die Hauptschlagader der Europäischen Union. Bericht aus einer Stadt im Ausnahmezustand. Von Rolf-Herbert Peters, Brüssel

Ein schwerbewaffneter Soldat steht bei gutem Wetter auf einem Zebrastreifen in Brüssel

Ein schwerbewaffneter Soldat in Brüssel: Die Anschläge galten nicht der Stadt, sondern der ganzen Europäischen Gemeinschaft

Was für ein Mistwetter für einen solch brutalen Tag! Die Sonne gibt ihr Bestes, sie scheint so warm wie noch nie in diesem Jahr. Sie hat Brüssel in ein warmes Licht gehüllt, als wollte sie die Einwohner trösten. Es ist später Nachmittag. Vor dem Europäischen Rat, wo noch vor wenigen Tagen Bundeskanzlerin Angela Merkel um die Flüchtlingsfrage gerungen hat, laden Holzbänke zum Innehalten ein. Sie sind angenehm frühlingswarm. Aber niemand sitzt dort lange. Es ist kein Tag zum Verweilen.

Wenn man von hier aus ein paar hundert Meter die gesperrte Rue de la Loi hinunterschaut, die man die Hauptschlagader der Europäischen Union nennen kann, blickt man auf ein schrilles Konzert aus Blaulichtern. Sirenen gellen wie in einem amerikanischen Katastrophenfilm. Um 9.11 Uhr explodierte in der nahen Metrostation Maelbeek eine Bombe in einem stehenden Zug. Und richtete ein Massaker an. Eine Frau, die in einem nahen Hotel über der Station als Reinigungskraft arbeitet und mit dem Schrecken davonkam, sagt: "Mir sind Arme und Beine um die Ohren geflogen." Rund acht Stunden später rasen noch immer Krankenwagen und Polizeiautos heran. 20 Tote und 106 Verletzte haben die Terroristen hinterlassen.


"Brüssel hat seine Unschuld verloren"

Am Spätnachmittag werden auch 15 Kilometer entfernt am Flughafen Brüssel die letzten Passagiere aus den Gebäuden gebracht. Schon seit dem Morgen sind die Busse und Leichenwagen unterwegs. Hier, vor den Toren der Stadt, nahm der Terror seinen Anfang. Kurz nach acht Uhr explodierten binnen weniger Sekunden zwei Bomben und rissen mindestens 14 Menschen in den Tod. An die 100 wurden teils schwer verletzt. Um kurz nach 16 Uhr hörten die Sicherheitskräfte und Journalisten, die an einer 

Stern-Reporter Rolf-Herbert Peters in Brüssel

Stern-Reporter Rolf-Herbert Peters in Brüssel

Mitarbeiterzufahrt zum Terminal A standen, einen dumpfen Knall. Ein drittes Bombenpaket war gefunden worden, Experten konnten es kontrolliert sprengen. Der Flughafen bleibt geschlossen. Die letzten Beschäftigten machen sich auf den Heimweg. Einer jungen Frau mit dem typischen bunten Schal einer Fluggesellschaft laufen kajalschwarze Tränen die Wangen herab, als sie sich im Renault Espace durch das Gewimmel der Zaungäste kämpft. Ein Polizist, der die Zufahrt zum Flughafengelände sichert, sagt leise: "Brüssel hat seine Unschuld verloren."

Belgiens Hauptstadt war immer eine vor Selbstbewusstsein strotzende Stadt. Sie wollte vor allem eines symbolisieren: Toleranz, Frieden und Freiheit. Das EU-Viertel rund um den Place Robert-Schuman verstand sich als nicht einzunehmendes Bollwerk der Liberalität. Doch nun ist hier der Terror mit Macht angekommen. Der sogenannte Islamische Staat IS hat sich zu dem Massaker bekannt. Der Sprengstoff hat die Metropole in akutes Fieber versetzt. Das Zittern ist überall zu spüren. Nervöse Soldaten und Polizisten säumen die Straße, schreien Menschen an und jagen sie aus dem Regierungsviertel. Es ist Krieg. Terrorkrieg im Herzen Europas. 

Brüssel wirkt heute merkwürdig hilflos

Die 28 Fahnen vor dem Berlaymont-Gebäude, die an diesem frühen Abend des 22. März allesamt auf Halbmast gezogenen sind, machen klar, wem der Anschlag gilt: Nicht der Stadt. Sondern der ganzen Europäischen Gemeinschaft. Den Europäern, die um Toleranz, Frieden und Freiheit ringen. Die anderen Menschen aufnehmen, weil sie vor dem alltäglichen IS-Terror fliehen und in Europa Schutz suchen. Die Lage könnte vertrackter kaum sein für die EU. Sie ist nicht einfach zu lösen mit Direktiven, Deals oder Ratsentscheidungen. Brüssel, die Stadt der Freiheit, wirkt heute merkwürdig hilflos. 

Am Eingang zur Metrostation Maelbeek steht ein Mann in einem weißen Ganzkörperanzug. Er ist Forensiker, sucht seit dem Morgen in der Hölle unter der Rue de la Loi nach den DNA-Spuren des Attentats. Er musste unbedingt an die frische Luft, für ein paar Minuten dem Grauen entkommen. Dann nimmt er einen tiefen Zug aus der Zigarette und steigt wieder hinab. Die Abendsonne taucht die Station in ein goldenes Licht. Was für Farben! Was für ein Mistwetter für einen solch brutalen Tag.

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