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22. September 2008, 13:58 Uhr

Bundesregierung verspielt wertvolle Zeit

Mit viel Geld unterstützt die EU Globalisierungsopfer. Doch deutsche Nokia-Beschäftigte werden von dem Fonds nichts haben: Berlin hat kein Geld beantragt - und bald schon will die Kommission die Vergabekriterien verschärfen. Von Johannes Röhrig, Brüssel

Nokia-Mitarbeiter haben nichts vom Globalisierungsfonds der EU© Michael Gottschalk/DDP

Italienische Textilarbeiter sollen Geld von der EU erhalten: 35 Millionen Euro aus dem Globalisierungsfonds will Brüssel bereitstellen, um knapp 6000 Beschäftigten der schwindsüchtigen Branche bei der Suche nach einem neuen Job zu helfen. Das ist eine gute Entscheidung.

Nebenbei weckt die Kommissionsempfehlung pro Italien Erinnerungen, wann eigentlich zuletzt von dem Unterstützungsfonds für Globalisierungsopfer die Rede war: Es war Anfang des Jahres im Zusammenhang mit der Verlagerung der Nokia-Handyproduktion von Bochum nach Rumänien. Damals hatte Kommissionspräsident José Manuel Barroso in deutschen Blättern in Aussicht gestellt, auch die 2300 Bochumer Nokia-Mitarbeiter, die ihren Job einbüßten, könnten auf Geld aus Brüssel hoffen. Dem EU-Politiker brachte das Sympathiepunkte.

Doch das ist auch schon alles: Geld für die Nokia-Beschäftigten wird es wohl nicht geben. Allerdings wäre es ungerecht, die Schuldigen hierfür in Brüssel zu suchen. Die Verantwortung liegt in Berlin. Denn aus dem Globalisierungsfonds gibt es nur dann Geld, wenn das betroffene Mitgliedsland dies bei der EU beantragt. Ein solcher Antrag hätte von Arbeitsminister Olaf Scholz (SPD) kommen müssen. Doch ein entsprechendes Schreiben, das bestätigen Ministerium und Kommission, liege "bislang" nicht vor.

Noch sind die Regeln des Globalisierungsfonds schwammig

Die Bundesregierung verspielt damit wertvolle Zeit. Bis dato sind die Vergabekriterien des Globalisierungsfonds (EGF) noch recht schwammig geregelt: Die Entlassungen müssen "strukturellen Veränderungen im Welthandelsgefüge" geschuldet sein. Diese Formulierung kommt Deutschland im Fall Nokia eigentlich entgegen, denn über das weltweite Lohndumping bei der Handymontage ließen sich vielleicht Argumente finden, wie die Fonds-Kriterien erfüllt werden können. Das ist nicht leicht. Einen Versuch jedoch wäre es wert gewesen.

Diese Möglichkeit ist bald verspielt. Nun will die Kommission die Regeln des Globalisierungsfonds verschärfen. Wenn sie sich bei den Mitgliedsländern damit durchsetzt, dann soll der Fonds explizit nur noch dann greifen, wenn eine Produktion aus der Europäischen Union abwandert. Betroffene eines Firmenumzugs in ein anderes EU-Land, wie im Nokia-Fall nach Rumänien, wären dann vom Fördertopf ausgeschossen. So ist der Fonds eigentlich heute schon gedacht; aber halt noch nicht ausdrücklich fixiert.

Die Regierung verspielt Zeit und Geld

Worauf wartet die Bundesregierung also? Auf schlechtere Zeiten? Vielleicht ist man in Berlin auf die Unterstützung aus Brüssel in Wirklichkeit gar nicht so scharf. Immerhin steuert die EU aus dem Globalisierungstopf nur maximal die Hälfte der erforderlichen Summen für Job-Projekte bei. Den Rest - da gibt es keinen Spielraum - muss der Antragsteller selbst bezahlen.

************************ Entscheidungen fallen in Brüssel nicht gerade im Eiltempo; oft geht ein Gesetzesvorschlag über Jahre durch die Instanzen. Wenn es um eine nette Geste geht, ist die Kommission hingegen nicht auf Parlament und Mitgliedsländer angewiesen und daher fix. Bisweilen zu fix, wie sich am vergangenen Sonntag zeigte.

Am Sonntagmorgen um 11.19 Uhr mitteleuropäischer Zeit schickte Kommissionspräsident José Manuel Barroso via Pressemitteilung seine "wärmsten Glückwünsche" an den vermeintlich neuen Ministerpräsidenten Japans, an den bisherigen Außenminister Taro Aso. Das Problem: Aso wurde erst an diesem Montag von seiner Partei für das Spitzenamt vorgeschlagen; die Wahl zum Ministerpräsidenten im Parlament steht erst am Mittwoch an.

Zwar zweifelte schon am Wochenende niemand mehr ernsthaft daran, dass der Politiker parteiintern das Rennen machen würde. Aber peinlich ist die Depesche der Kommission trotzdem. Immerhin dauerte es mehr als acht Stunden, bis in Brüssel auffiel, dass in Tokio ja noch gar nicht gewählt wurde. Sonntagabend kurz vor 20 Uhr zog die Kommission die warmen Glückwünsche zurück. Begründung für den Fauxpas: ein technisches Versehen.

Johannes Röhrig

Johannes Röhrig Johannes Röhrig ist stern-Korrespondent in Brüssel. In seiner Kolumne "Brüssel en bloc" schreibt er regelmäßig über Figuren, Hintergründe und Skurrilitäten im EU-Zirkus.

Von Johannes Röhrig, Brüssel
 
 
KOMMENTARE (5 von 5)
 
ecomoc4u (23.09.2008, 19:33 Uhr)
otto normal
morgens in brüssel eintragen, tagegeld kassieren und sofort wieder nach hause fliegen. wir alle wissen was für zustände in brüssel herrschen. die eine hälfte ist gar nicht vorhanden, die andere hälfte weiss von nichts...jedes jahr zig millionen an unverbuchten euros. bürgerverachtende erlasse, etc...
.
brüssel ist nicht mehr das europäische volk, das war ein traum. stattdessen hat die europäische elite unsere idee in eine angriffsplattform
verwandelt. von der bastille in brüssel zusammen mit den neocon/zionisten in washington, haben die bilderberger alles im blick. soweit das auge reicht, bürger ohne rechte. wartet nur bis mcbush kommt...
CheSmittyVara (23.09.2008, 15:38 Uhr)
Volksverräter, nicht -vertreter,
sollte man unsere lieben Abgeordneten nennen. Das einzige Problem, das ich habe: Politik ist wie eine Seuche, einmal damit infiziert, wandelen sich Männlein und Weiblein unweigerlich und in Rekordtempo zu einem(r) egoistischen, ausschließlich auf den eigenen Vorteil bedachten Menschenklon, der von der Normalität so weit entfernt ist, wie die ERrde von der Sonne. Wen sollte man dann noch wählen?
dritte_Person (23.09.2008, 15:08 Uhr)
Nicht wirklich verwunderlich ...
... dass die Bundesregierung hier keinen Handlungsbedarf sieht. Warum auch?
Es geht ja nur um den stinknormalen Steurzahler. Nicht um Politiker, Spitzenverdiener und Wirtschaftsbosse, die vor Lachen nachts nicht in den Schlaf kommen.
Braucht es eigentlich noch mehr, um bei den nächsten Wahlen die Wahlkreuze an der richtigen Stelle zu setzen?
Countryjoe (23.09.2008, 14:58 Uhr)
Hartz4
Die Regierung und ihre Lobbyisten scheinen eher daran interessiert zu sein, die Leute schnellstens in Hartz4 zu bekommen. Da wären Fördermittel doch hinderlich.
crestflight (23.09.2008, 13:59 Uhr)
Tschuldigung, von was träumen Sie in der Nacht
Hier geht es um Ottonormalmalocher und nicht um die Diäten irgendwelcher Sesselfurzer.
Mal was unternehmen - gehts noch?
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