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24. Mai 2008, 15:15 Uhr

Fluthilfe spült Geld in britischen Haushalt

Ein Jahr ist es her, dass eine Flutkatastrophe den Südwesten Englands heimgesucht hat. Nun unterstützt die EU mit über hundert Millionen Euro die Opfer der Überschwemmungen. Doch das Geld wird offensichtlich von der britischen Regierung abgezweigt. Von Johannes Röhrig, Brüssel

"Wir haben Euch nicht vergessen", sagt Fluthilfeminister John Healey. Doch das Geld erreicht die Flutopfer nicht© Dominique Faget/AFP

Knapp ein Jahr nach der Hochwasser-Katastrophe im Südwesten Großbritanniens konnten 5500 Familien noch immer nicht in ihre Häuser zurückkehren. Das meldete in diesen Tagen die BBC. Der britische Fluthilfeminister John Healey habe die damals von den Überschwemmungen besonders stark betroffene Region South Yorkshire besucht und den Menschen endlich Linderung der Not versprochen. "Wir haben Euch nicht vergessen", soll Healey einer Familie gesagt haben, die notdürftig in einem Wohnwagen untergebracht ist.

Das klingt rührend und macht Mut. Die Wahrheit jedoch sieht anders aus.

Regierung steckt Fluthilfe in den Haushalt

Was Healey den Menschen vor Ort verschweigt: Die britische Regierung plant, einen Großteil der Fluthilfe, die sie von der Europäischen Union bekommt, nicht an die Opfer auszuzahlen, sondern einzubehalten. Statt mit dem Geld Häuser in Stand zu setzen werden nun Haushaltslöcher gestopft. Das ist ein Skandal.

Wegen der Hochwasser-Schäden hatte Großbritannien kürzlich 162 Millionen Euro an Hilfe aus dem EU-Solidaritätsfond zugesprochen bekommen, umgerechnet 110 Millionen Pfund. Von dieser Summe will die britische Regierung jetzt lediglich 31 Millionen Pfund an die betroffenen Regionen auszahlen.

EU unterstützt britischen Finanzminister

Innerhalb der EU sorgt der dreiste Plan für Protest. Die Grünen-Abgeordnete Helga Trüpel alarmierte den Haushaltsausschuss des EU-Parlaments. Der britische Europa-Parlamentarier Richard Corbett, selbst Mitglied der regierenden Labour-Partei und aus dem Wahlkreis Yorkshire, kritisierte: "Der Rest der EU dürfte ziemlich erstaunt darüber sein, dass der Haupteffekt der Solidarität nun darin liegt, den britische Finanzminister zu unterstützen."

Wer etwa glaubte, die britische Regierung fühle sich nun auf frischer Tat ertappt, irrt jedoch gewaltig. London leitet das Geld aus dem Hilfsfond keineswegs heimlich um. Die Aktion entspringt offizieller Politik. Begründet wird der Griff in die Fondskasse mit Effekten des so genannten "Britenrabatts".

Briten fühlten sich benachteiligt

Großbritannien ist innerhalb der Gemeinschaft ein Nettozahler: Als wohlhabende aber an Agrarwirtschaft arme Nation erhält das Land traditionell weniger Subventionen zurück als sie in den EU-Haushalt einzahlt. Vor allem im Vergleich zu Frankreich fühlten sich die Briten deshalb lange benachteiligt.

Seit 1984 ist das anders: Damals handelte die damalige Premierministerin Margaret Thatcher einen Abschlag auf die Nettozahlungen aus ("I want my money back"). Seitdem erhält das Land von jedem Euro, den es an Brüssel zahlen müsste und der die Summe der zurückfließenden Subventionen übersteigt, exakt 66 Cent zurück. Seit Einführung des Britenrabatts flossen so bereits 69 Milliarden Euro an London. Andere EU-Länder müssen für diese Zahlungen aufkommen. Bis 2013 soll der Rabatt reduziert werden.

Milliarden fest eingeplant

Das britische Finanzministerium plant solche Kickback-Milliarden fest im Haushalt ein. Steigen allerdings unvorhergesehen die Subventionen, dann verringert sich der Rabatt. Dieser Effekt stellt sich nun bei der Fluthilfe ein, die einer Subvention gleichkommt. London meint daher, zwei Drittel der 110 Millionen Pfund aus Brüssel wären ohnehin an das Land zu überweisen gewesen. Diese Summe stehe folglich dem allgemeinen Haushalt zu. Außerdem behält der Finanzminister weitere 19 Millionen Pfund ein - rechnerisch der eigene britische Finanzierungsanteil an der Hilfssumme.

Er sei über diese Art von Politik "tief betroffen", schrieb der Labour-Abgeordete Corbett an Fluthilfe-Minister Healey. Die britische Regierung hatte versucht, den Abschlag auf die Hilfsgelder als Automatismus darzustellen, für den EU-Regelungen verantwortlich seien. Das ist schlicht falsch: Niemand in der Union zwingt die Briten dazu, das Gros des Geldes einzubehalten. Wenn in Yorkshire weiterhin Menschen in Containern und Wohnwagen leben müssen, dann liegt die Verantwortung dafür nicht in Brüssel. Sie liegt in London.

Johannes Röhrig

Johannes Röhrig Johannes Röhrig ist stern-Korrespondent in Brüssel. In seiner Kolumne "Brüssel en bloc" schreibt er regelmäßig über Figuren, Hintergründe und Skurrilitäten im EU-Zirkus.

Von Johannes Röhrig, Brüssel
 
 
KOMMENTARE (6 von 6)
 
elliottsmith (25.05.2008, 02:03 Uhr)
Kein Wunder...
...dass die Briten die EU nicht leiden können, wenn die nationalen Politiker Eu-Hilfszahlungen umleiten, zweckentfremdet damit laufende Ausgaben damit decken und dann auch noch der EU den schwarzen Peter zuschieben.. Aber die leben ja auch immer noch im British Empire was will man da erwarten?
Kommentator21 (24.05.2008, 20:04 Uhr)
Beispiel der Gier der Eu Gangster
...sich an Hilfsmitteln tausender Steuerzahlern zu bereichern und diese Zweckentfremdet umzuleiten,. Gibt es kein Aufschrei aus Berlin, oder Strafzahlungsandrohungen aus Brüssel? Ein kleiner Vorgeschmack auf das nächste Jahr , wo der EU Vertrag in Kraft tritt. Im Gegensatz zu Miramar, wo es gerade Verfassungsreferendum gab , gibt es dies in der BRD nicht. Die BRD Bürger sind entmündigte Bürger,oder anders gesagt rechtlose Sklaven der EU Mafia.
Oetker333 (24.05.2008, 17:10 Uhr)
Labour am Ende
Labour hat seine Prinzipien verraten. Sie nähern sich langsam der rechten Mitte zu. Sogar die Liberaldemokraten sind schon linker als die Labour.
Mensch.Student (24.05.2008, 16:43 Uhr)
Typische Britisch ...
Reich mir die Hand wenn ich dich brauche aber verlang nicht nach meinem wertvollen Finger wo ich einen teuren Ring habe den du stehlen könntest. Wenn Deutschladn den Briten nachahmen würde wäre der Traum eines Europas wohl bald zu Ende ...
JoeausderHeide (24.05.2008, 16:39 Uhr)
Oder auch..
...Mangel an Naechstenliebe.
JoeausderHeide (24.05.2008, 16:38 Uhr)
Dies ist wirklich keine Ueberraschung...
...aber dennoch absolut unakzeptabel. Und doch so typisch britisch. Das ganze Jahr wird "Europe" schlecht geredet auf der Insel, das Geld aber nur zu gerne missbraucht. Hier zeigt sich mal wieder das es auf dieser Insel keinerlei soziales Gewissen gibt. Ein Beispiel sind Unimensen. Waehrend man in Deutschland als Studierender ein Mahlzeit fuer ca. 2Euro bekommt (natuerlich subventioniert durch Asta, etc.) herrscht hier in der Mensa der pure Kapitalismus. Starbucks Coffee fuer £3 und ein Sandwich fuer £4.20.
England wird es nie lernen, dass die Probleme in der Gesellschaft mit mangelndem Sozialbewusstsein und Gemeinschaftsgefuehl zusammenhaengen.
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