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Hühnchen in Chlor-Sauce

Brüssel hat Hunger auf chemiebehandeltes Geflügel aus den USA. Nicht etwa, weil die Hühnchen besonders gut schmecken, sondern weil eine Importerlaubnis die Handelsbeziehungen mit Amerika verbessert.

Von Johannes Röhrig, Brüssel

  • Johannes Röhrig

Der mit 32 Lebensjahren noch recht jugendliche Europapolitiker Daniel Caspary bricht eine Lanze für den freien Hühnchen-Handel. "EU muss Import von Geflügel aus den USA erlauben", fordert er; die Pressemitteilung hebt ihn als "Handelsexperten der CDU/CSU-Gruppe" aufs Schild der Konservativen im Europäischen Parlament. Die Caspary-Depesche trägt das verheißungsvolle Schlagwort: "Chlorfleisch" und flattert just im Vorfeld des EU-USA-Gipfels auf den Tisch, der kommenden Dienstag stattfindet.

Politik ist besonders in Brüssel eine Disziplin von Geben und Nehmen, so auch in diesem Fall: "Wir müssen strategisch abwägen", hat Caspary festgestellt: "Das wäre ein wichtiges symbolisches Entgegenkommen an unsere amerikanischen Partner." Ob seine Hühnchen-Politik auch abseits von Amerika Anklang findet, zum Beispiel bei der Bevölkerung im badischen Stutensee, wo Caspary im Stadtrat sitzt, ist nicht überliefert.

Der CDU-Politiker kämpft längst nicht allein gegen den guten Geschmack. Die Kommission ist genauso weit: Der britische Handelskommissar Peter Mandelson und der deutsche Industrie-Kommissar Günter Verheugen denken ähnlich über den Import von chemisch behandeltem Hühnchenfleisch und wollen ihn gestatten. Mit dieser Sicht haben sie sich in der EU-Kommission durchgesetzt: Die will das Embargo nun unter bestimmten Bedingungen aufheben.

Chlorwasser wegen laxer Hygiene-Bestimmungen

Die Geflügelindustrie in den USA tunkt Masthähnchen nach dem Zerlegen in eine Chlorlauge, um auch jeden Keim sicher abzutöten. In Europa sind solche Methoden bislang verboten. Hier sind die Hygiene-Bestimmungen bei Haltung, Mast und Verarbeitung der Tiere schärfer als in den USA. Daher reicht es üblicherweise, wenn das Geflügel vor dem Einfrieren oder Kühl-Verpacken nur mit Eiswasser abgespült wird.

Seit nunmehr elf Jahren können amerikanische Betriebe chlorbehandelte Hühnchen und Geflügelteile also nicht in die Union ausführen. Sie sehen hierin eine Marktabschottung. Die EU führte gesundheitliche Bedenken an. Es geht in dieser Frage aber auch um die intensive Art der Massentierhaltung in den USA, die in Europa weitgehend abgelehnt wird. Ein konkretes Gesundheitsrisiko durch das Chlorbad ist nicht nachgewiesen; möglicherweise kommt es durch den Verzehr des auf diese Weise dekontaminierten Hühnchenfleischs aber leichter zu Resistenzen bei Antibiotika.

Mehrzahl der Agrarminister gegen gelockertes Einfuhrverbot

Setzt sich der Vorschlag der EU-Kommission durch, so sollen die Hühnchen im Handel künftig als "chemisch behandelt" oder "mit Chlor behandelt" gekennzeichnet werden. Ob es zur einer Import-Genehmigung kommt, ist allerdings noch offen: Die Mehrzahl der EU-Agrarminister spricht sich bislang gegen die Lockerung des Einfuhrverbots aus; darunter der deutsche Ressortleiter Horst Seehofer (CSU) und sein französischer Amtskollege Michel Barnier. Frankreich führt in der zweiten Jahreshälfte die EU-Geschäfte. Ob es gelingt, auch den weniger kulinarisch geprägten Nationen den Appetit auf Hühnchen in Chlor zu vergällen, hängt nun also an Barnier.

Scheitert der Franzose, dürfte das Chemiehühnchen bald auch aus Deutschen Landen frisch auf den Tisch kommen. Denn was den USA erlaubt wird, kann innerhalb der Union nicht verboten bleiben: So muss Brüssel den heimischen Geflügelbetrieben ebenfalls die chemische Keule in die Hand geben. Hygiene ist teuer, Chlor billig. Da mag sich jeder selbst ausrechnen, welche Art von Hünchen bald im Kühlregal landet. Freihändler wie CDU-Mann Caspary möchten die Entscheidung pro oder contra Chlor-Huhn lieber dem Verbraucher überlassen. Das überrascht wenig. Immerhin zeigt die Erfahrung: Der Verbraucher schluckt alles, wenn der Preis stimmt.

Ach, warum auch nicht! Recht haben sie. Die Amis essen das Hühnchen doch auch und werden nicht krank. Und wenn der fiese Chemie-Sticker mit dem Totenkopf auf der Verpackung nicht so groß ausfällt; und wenn die Folie erst mal vom Fleisch gerissen ist, und die Hühnchenschenkel dann auf dem Grill liegen, und die Sonne hinter Balkonien versinkt: Da sag noch mal einer was gegen den American way of life.

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