Das kranke Herz Afrikas

12. November 2008, 19:30 Uhr

Das Land ist reich an Rohstoffen wie nur wenige andere, und es ist heruntergewirtschaftet wie kaum ein anderes. Nun tobt im Kongo wieder ein Bürgerkrieg, der fast eine Million Menschen zur Flucht zwingt. Was ist nur los in dem afrikanischen Riesenstaat? stern.de beantwortet die wichtigsten Fragen. Von Niels Kruse

Soldaten der kongolesischen Armee: Marodierende Lumpenarmee©

Die Demokratische Republik Kongo ist eines der rohstoffreichsten Länder Afrikas. Wegen Misswirtschaft, Korruption und Bürgerkriegen gehört das zentralafrikanische Land jedoch zu den ärmsten Staaten der Welt. Der Osten des Landes, in dem sich die wichtigsten Bodenschatz-Vorkommen befinden, wird nicht von der Regierung in Kinshasa, sondern weitgehend von verfeindeten Milizen und den Nachbarstaaten der ostkongolesischen Region kontrolliert.

Bei den wieder aufgeflammten Unruhen geht es in erster Linie um die Kontrolle der Vorkommen an Gold, Diamanten, Kupfer und Kobalt. Auch das zur Handy-Herstellung notwendige Coltan gibt es in der mehr als 2,3 Millionen Quadratkilometer großen Republik, die sechseinhalb Mal größer ist als Deutschland.

Seit Jahrzehnten beuten kriminelle Gruppen den Kongo aus. Ihre Milliarden-Gewinne landen meist im Ausland oder in den Taschen der Mächtigen. Viele Menschen arbeiten in Bergwerken als Tagelöhner für weniger als einen Dollar pro Tag. Auch weil fast niemand einen festen Job hat, geht es den rund 63 Millionen Kongolesen schlecht. Etwa ein Viertel der Bevölkerung leidet Hunger.

Bereits der frühere Diktator Mobutu Sese Seko hatte während seiner mehr als 30-jährigen Herrschaft (1965-1997) die Ressourcen des seit 1960 von Belgien unabhängigen Landes ausgeplündert und es so in den sozialen und politischen Zusammenbruch gestürzt. Der Milizenführer Laurent-Désiré Kabila stürzte Mobutu 1997 und änderte den Namen des Landes von Zaire in Kongo.

Die Konflikte führten 1998 zu einem Krieg, an dem sich insgesamt neun afrikanische Staaten beteiligten. Er gilt als der wohl blutigste Krieg seit 1945. Bis 2003 starben mindestens drei Millionen Menschen. Präsident Kabila wurde 2001 erschossen, sein Sohn Joseph übernahm das Amt. 2006 gab es die ersten demokratischen Wahlen, die von den Vereinten Nationen organisiert und überwacht wurden.

mit DPA/AP/Reuters

Wer kämpft gegen wen?

Im Kongo-Konflikt stehen sich die Regierungstruppen des Präsidenten Joseph Kabila und die Soldaten des Rebellenführers Laurent Nkunda gegenüber. Nkunda gehört der Volksgruppe der Tutsi an und hatte bis 2004 als Generals bei der kongolesischen Armee gedient. Daneben kämpfen noch weitere Milizen, wie etwa die Mai-Mai-Nationalisten auf Seiten der Regierungsarmee. Auch Hutu-Kämpfer sollen auf Seiten des kongolesischen Präsidenten stehen. Zwischen den Fronten bewegen sich noch die UN-Blauhelme der Monuc, des UN-Friedenscorps für den Kongo.

Um was geht es?

Offiziell will Laurent Nkunda die Tutsi-Minderheit im Osten des Kongo vor den Hutu-Kämpfern schützen, die sich nach dem Völkermord in Ruanda 1994 in die Region um den Kivu-See zurückgezogen haben. Nkunda wirft der kongolesischen Regierung vor, die Extremisten, die für den Völkermord im Nachbarland verantwortlich sind, zu unterstützen. Doch längst folgt der Bürgerkrieg im Kongo einem reinen Selbstzweck: Der Osten des Landes ist reich an Bodenschätzen, vor allem an Gold, Diamanten und Coltan, das für Laptops, Mobiltelefone und chirurgische Instrumente benötigt wird. Rebellen als auch die Regierung plündern die Rohstoffe nach Belieben, bereichern sich selbst oder kaufen von den Erlösen Waffen. Darüber hinaus gelten die Regierungssoldaten als äußerst undiszipliniert und schlecht ausgerüstet, weswegen sie ihren ausstehenden Sold durch Überfälle und Brandschatzereien "ausgleichen". Zudem wird Rebellenführer Nkunda und Präsident Kibala eine gelinde gesagt, frostige Beziehung nachgesagt.

Wie sieht die Situation derzeit aus?

Die Kämpfe spielen sich vor allem am Kivu-See ab, einer Region so groß wie Frankreich, gelegen in der Grenzregion zwischen Kongo, Ruanda und Uganda. Anfang 2008 hatten die Rebellen unter General Nkunda und die Regierung in Kinshasa Frieden geschlossen, der allerdings nur kurz anhielt. Seit Ende August flammte die Feindschaft wieder auf. Seitdem kommt es immer wieder zu Kämpfen zwischen den Aufständischen und der Regierungsarmee. Mittlerweile sind schätzungsweise 800.000 Menschen auf der Flucht vor den Truppen - gleich welcher Herkunft. 60 Prozent der Flüchtlinge sind Kinder - ein Großteil von ihnen hat die Eltern im Krieg verloren. Die Situation in den Lagern ist katastrophal: Es fehlt an Wasser, Lebensmitteln und Medikamenten. Für nicht wenige der Menschen sind Plastikplanen der einzige Schutz vor dem Tropenregen. Die UN meldet erneut Cholera-Fälle in einem Camp nahe der Provinzhauptstadt Goma. Mediziner fürchten, dass sich diese und andere Krankheiten zu Epidemien ausweiten könnten. Teilweise mussten die Hilfsorganisationen ihre Arbeit einstellen, weil ihre Sicherheit nicht mehr garantiert werden konnte. Außerdem werden Massenvergewaltigungen als Kriegswaffe von allen Konfliktparteien eingesetzt. Unicef meldet die zunehmende Rekrutierung von Kindersoldaten. Allein in der vergangenen Woche habe es zwei Wellen des Terrors gegeben, teilten die UN mit. Zuerst fielen demnach die auf Seiten der Regierung kämpfenden Mai-Mai-Milizen über Kiwanja her und brachten Bewohner um, denen sie Unterstützung der Tutsi-Rebellen von Laurent Nkunda vorwarfen. Dann übernahmen die Rebellen die Kontrolle über das Gebiet, rund 80 Kilometer nördlich von Goma, und töteten Einheimische, die sie der Zusammenarbeit mit den Milizen beschuldigten. Außerdem wurden Häuser geplündert und in Brand gesteckt. Der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch lagen Informationen über mehr als 50 Tote vor. Augenzeugen sagten der Nachrichtenagentur AP, die Rebellen hätten viele ihrer Opfer mit Kopfschüssen regelrecht hingerichtet.

Welchen Einfluss haben die Nachbarstaaten?

Ein Schlüsselstaat in dem Konflikt ist Ruanda. 1994 hatten Hutu-Extremisten hier den Völkermord an der Tutsi-Minderheit begangen. Die Hutu-Killerkommandos flüchteten schließlich in den Osten des Kongo, wo sie bis zum heutigen Tag rauben, morden und vergewaltigen. Unter den Namen "Front Democratique pour la liberation du Rwanda" (FDLR) versuchen die 15.000 Kämpfer Ruanda von der Herrschaft der Tutsi zu befreien, die nach dem Ende des Genozoids das Nachbarland regieren. Die Vereinten Nationen werfen Ruanda vor, die Tutsi-Rebellen im Kongo zu unterstützen. So sagte eine UN-Sprecherin, dass beim Vormarsch der Aufständischen in die Provinzhauptstadt Goma, Panzer und Artilleriegeschütze von Ruanda aus die kongolesische Armee beschossen hätten. Der Kongo wirft dem Nachbarstaat schon länger vor, General Laurent Nkunda zu unterstützen, was Ruanda stets abstreitet. Anderen Meldungen zufolge sollen bereits angolanische Soldaten im Kongo gesehen worden sein. Angola ist ein traditioneller Verbündeter des Kongo. Im Krieg von 1998 bis 2002, bei dem schätzungsweise vier Millionen Menschen ums Leben gekommen sind, hatte der Präsident Joseph Kabila und dessen damals amtierender Vater Laurent Rechte am Diamant- und Kupferabbau an Simbabwe und Angola verkauft - im Gegenzug für deren militärische Unterstützung. Gerüchte, Simbabwe würde erneut seine Truppen mobilisieren, wies das Land zurück. An dem Krieg, der vor zehn Jahren begann, waren insgesamt neun afrikanische Länder beteiligt.

Kommen weitere Friedenstruppen in den Kongo?

Die Monuc, (United Nations Mission in the Democratic Republic of Congo) ist der derzeit größte Blauhelm-Einsatz der Vereinten Nationen. Sie umfasst 17.000 Soldaten, vor allem aus Indien, Pakistan, Bangladesch und Uruguay. 5000 von ihnen sind in der Krisenregion am Kivu-See stationiert, in der Provinzhauptstadt Goma 700. Immer wieder wirft der Kongo den Monuc-Truppen vor, zu wenig zum Schutz der Bevölkerung zu tun: "Die Menschen werden abgeschlachtet, und die Blauhelme haben nichts getan", sagte ein Regierungssprecher jüngst wieder. Bei den jüngsten Angriffen in Nord-Kivu gerieten die UN-Soldaten nach Angaben ihres Sprechers Jean-Paul Dietrich selbst unter Beschuss. Sie schossen zurück und brachten Mitarbeiter von Hilfsorganisationen in Sicherheit, die Bevölkerung konnten sie aber nicht retten. "Leider können wir nicht jede Person in den Kivu-Provinzen schützen", räumte Doss ein. Die Blauhelme gelten als schlecht ausgerüstet und sind selbst oft in illegale Machenschaften, wie den Goldschmuggel verwickelt. Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" schrieb vor kurzem, dass etwa in Uruguay Zivilisten, die per Zeitungsannonce gesucht wurden, als Soldaten in den Kongo geschickt wurden.

Wird die Präsenz der UN-Soldaten erhöht?

Eine Entsendung zusätzlicher Monuc-Kräfte ist nach Angaben des stellvertretenden Monuc-Chefs Ross Mountain in naher Zukunft nicht geplant. Daher wollen die Vereinten Nationen durch Umverteilungen innerhalb der Friedenstruppe ihre Soldaten in der Krisenregion Nord-Kivu aufstocken. Frankreich fordert ein härteres Vorgehen der Friedenskräfte gegen die Aufständischen. Zuvor hatte die Regierung in Paris bereits den Einsatz einer EU-Truppe vorgeschlagen, dies wird aber von mehreren anderen europäischen Staaten abgelehnt. So haben die Briten dieser Forderung bereits eine Absage erteilt. Auf dem Gipfeltreffen der südafrikanischen Staaten, wurde nun beschlossen, eine afrikanische Friedenstruppe in die Kriegsregion zu entsenden. Unklar ist bislang allerdings, ob sie ihren Einsatz im Rahmen des UN-Mandats ausführen würde. Rebellenführer Nkunda hat inzwischen die Blauhelme davor gewarnt, sich auf die Seite der Regierung zu schlagen. Die Soldaten müssten eine unabhängige Rolle in dem Konflikt im Osten der Demokratischen Republik Kongo einnehmen. Sonst drohe ihnen das gleiche Schicksal wie den Regierungstruppen, sagte er der Nachrichtenagentur Reuters.

Ist eine Lösung in dem Konflikt in Sicht?

Die sich zuspitzende Lage in der Krisenregion, die Hilflosigkeit der UN-Truppen und die seit Jahrzehnten verfahrene Situation lassen eine Lösung in naher Zukunft kaum erwarten. Zwar läuft die internationale Großdiplomatie zur Höchstform auf, aber mehr als Appelle und Drohungen ("Zusammenarbeit aller bei der Suche nach einer Friedenslösung", so Papst Benedikt XVI.; "Wer in dieser Region ethnisch motivierte Gewalt forciere, werde zur Verantwortung gezogen. Die Absicht, eine ethnische Bevölkerungsgruppe ganz oder teilweise zu vernichten, ist ein schweres Verbrechen", so der Sprecher von UN-Generalsekretär Ban Ki Moon) sind bislang nicht zu vernehmen. Auch hat es in der Vergangenheit immer wieder Friedensabkommen zwischen den verfeindeten Partei gegeben, die aber nie lange gehalten haben. Was auch daran liegt, dass bei den Gesprächen immer nur die hochgerüstesten Armeen teilnehmen, nie aber die normale Bevölkerung. Politisch ernst genommen wird also nur derjenige, der Waffen hat. Und Präsident Joseph Kabila ist zu schwach oder nicht willens, die Rebellen zu entwaffnen, zumal er nicht einmal seinen Versprechen nachkommt, für jede abgegebene Waffe Geld zu zahlen. Für die Rebellen lohnt sich der Krieg also viel mehr, als er ihnen schadet. General Nkunda zahlt ohnehin mehr Sold als die Regierung. Außerdem sind die Profite aus den zahllosen Rohstoffen allzu verlockend, als das sie eine Partei der anderen überlassen würde. Es deutet also nicht viel darauf hin, als dass der Dauerkrieg im Kongo schnell gestoppt werden könnte.

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