Das Land war einmal der treueste Partner der Sowjetunion. Auf den Zusammenbruch des Ostblocks folgten Jahre von Chaos und Korruption. Doch nun sorgt allein die Aussicht auf den EU-Beitritt für einen Aufschwung. Reise durch ein Land auf dem Weg nach Westen.

Schweizer Touristen nehmen einen Drink auf einem Himmelbett der Bar Tschaika am Sonnenstrand, einem bei Ausländern besonders beliebten Urlaubsziel an der Schwarzmeerküste. Das Bier kostet hier nur zwei Euro, ein Cocktail drei© Reiner Riedler
Der Duft ist schon da. Er hängt über dem Feld, auch der Wind trägt ihn nicht davon. Nedjalka Lasarova spürt ihn schon auf dem Bahndamm, eilig klettert sie über die Eisenbahnschienen hinunter auf den Acker. Es ist fünf Uhr morgens, fast dunkel, die Sonne klebt noch hinter den Bergen. Unten blühen die Rosen. Die Büsche sehen struppig aus, fast wie Heckenrosen, aber die Blüten riechen anders. Ein Acker wie unter einer Seifenwolke. Gleich wird der Geruch auch an den Händen haften, an Hosen und Schürzen. "Solange wir ernten, wäscht sich das nicht raus", sagt Lasarova.
Nedjalka Lasarova ist eine geschäftige, resolute Dame mit einer dicken Brille. Tagsüber passt sie auf den Enkel auf und arbeitet in der Bibliothek. Früh am Morgen aber fährt sie mit ihrem Mann auf das Rosenfeld, zur Ernte. "Das ist Knochenarbeit", sagt sie. Sorgsam knipst sie die Blüten mit der Hand ab und schüttet sie in die Schürzentasche. Gegen zehn Uhr wird der Rosenduft schwächer. Taufrisch müssen die Blätter deshalb in die Fabrik gelangen, wo das Öl aus ihnen gepresst wird. Einen Hektar Rosengarten besitzen die Lasarovs. Ihre Ernte von 800 Kilogramm Blüten reicht nicht einmal für einen halben Liter Öl. Weniger als 1000 Euro bringt das Feld ein, im Jahr.
Die Duftrose, das Symbol Bulgariens, ist verblüht. Früher bewirtschafteten die staatlichen "Agrarkomplexe" 15 000 Hektar Rosen, heute ist davon knapp ein Drittel übrig. Vor zehn Jahren gab die Regierung das Land an die alten Besitzer zurück. "Liquidationskomitees" verteilten die staatlichen Landwirtschaftsbetriebe und machten ihrem Namen alle Ehre. Sie liquidierten das Alte und schufen nichts Neues.

Junge Frauen in blumengeschmückten Trachten werfen Blütenblätter in die Luft. Das Fest in Kasanlak ist der offizielle Auftakt zur Rosenernte© Reiner Riedler
Zurück blieben Ruinen, leere Ställe und Höfe. Ratlose Bauern, die nun zwar ein Feld hatten, aber keine Ahnung, was sie damit tun sollten. Noch heute vergammeln viele Hektar alter Rosenstöcke. Auch die Lasarovs kannten sich nicht aus. "Wir sind Bauern aus Verzweiflung", sagt Nedjalka. Ihr Mann Lasar arbeitete früher in einer Kalaschnikow-Fabrik. Die wurde geschlossen, nur ein paar Arbeiter montieren dort noch Kaffeemühlen. Die Waffenbauer von Karlovo pflanzen heute Blumen.
Bulgarien ist ein schönes Land. Es hat sanfte Hügel und weite, grüne Täler. In Schluchten ducken sich Bergklöster. Die Wälder sind dicht verwachsen, Bären leben dort und Wölfe. Über Felsen kreisen Adler. Es gibt schneebedeckte Gipfel und verwinkelte Dörfer. Bulgarien ist ein stilles Land. An manchen Buchten am Schwarzen Meer sind nur die Grillen zu hören, auf Autobahnen kommt einem manchmal ein Fahrradfahrer entgegen.
Sieht man genauer hin, ist nichts an seinem Platz; ein Leben, wie verrutscht. Auf den Bauernhöfen sind keine Bauern mehr, in den Klöstern kaum noch Mönche, in vielen Fabriken keine Arbeiter mehr. Ganze Täler sind verlassen, nur die Alten sitzen noch vor ihren Häusern oder buddeln im Garten. Fährt ein Auto durchs Dorf, ist das Staunen groß.
Von den knapp acht Millionen Bulgaren verließen 800 000 in den vergangenen Jahren ihr Land. Der monatliche Durchschnittslohn beträgt 159 Euro, das Bruttosozialprodukt entspricht einem Drittel des tschechischen. Noch 1997 wurde in den Läden das Brot knapp. "Das war der Hungerwinter", sagen die Bulgaren. Am schlimmsten sind die Roma dran. In der Hauptstadt Sofia hausen sie in Slums, in Wellblechhütten, zwischen Müll und Dreck. Verirrt sich ein Bulgare in die Ghettos, vermuten die Roma, es sei Wahlkampf. Bulgarien ist ein armes Land.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 44/2005