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1. Dezember 2008, 16:01 Uhr

"Die Piraten nehmen schnell Reißaus"

Die deutsche Fregatte "Mecklenburg-Vorpommern" muss im Golf von Aden statt Terroristen zu jagen, immer öfter Piraten bekämpfen. stern.de sprach mit Fregatten-Kapitän Kay-Achim Schönbach über seinen Einsatz und wie er die Seeräuber auf einfache Weise in die Flucht schlägt.

Piraten-Attaken, Golf von Anden, Anti-Terror-Kampf

Fregattenkapitän Kay-Achim Schönbach (43), der das Schiff mit 216 Besatzungsmitgliedern befehligt© DPA

Die Fregatte "Mecklenburg-Vorpommern" operiert im Rahmen der internationalen "Operation Enduring Freedom" im Golf von Aden. Statt Terroristen jagen Sie jedoch Piraten. Gibt es einen neuen Einsatzbefehl?

Nein, unser Einsatzbefehl ist unverändert. Wir sind hier vor Ort, um dabei zu helfen, das Seegebiet zu kontrollieren, Frachtschiffe zu überprüfen und so mögliche Verbindungslinien von Terroristen zu kappen. Derzeit wird der Anti-Terror-Kampf in der öffentlichen Wahrnehmung jedoch überlagert von den Meldungen über Einsätze gegen die Piraten.

Die Piraten treiben immer dreister ihr Unwesen, entern sogar Supertanker. Wie kommt es dazu, dass Sie zum Piratenjäger werden?

Erhalten wir per Funk einen Notruf, ist das ein Fall von Nothilfe, der durch das internationale Seerecht geregelt ist. Solange die Piraten noch im Begriff sind, ein Schiff zu entern, sind wir befugt, sie daran zu hindern, gegebenenfalls auch mit Warnschüssen. Gelingt es ihnen trotzdem, auf das bedrohte Schiff zu gelangen, bzw. sie sind bereits an Bord, dann sind uns die Hände gebunden, dürfen wir nicht mehr eingreifen. Das deckt unser Einsatzmandat nicht ab.

Eine Fregatte gegen Piraten-Schlauchboote. Mit welcher Taktik lehren Sie die Seeräuber das Fürchten?

Bisher waren die Frachter, die um Hilfe ersucht haben, so weit entfernt, dass wir unsere Bordhubschrauber losschicken mussten. Sie sind mit einer Fluggeschwindigkeit von bis zu 240 km/h schneller vor Ort. Beim Anflug nehmen die Piraten meistens Reißaus oder haben sich bereits davongemacht. Was uns nicht verwundert. Wir nutzen nämlich den internationalen Anruf- und Arbeitsfunkkanal 16 für eine einfache Taktik. Unseren Hubschraubereinsatz kündigen wir per Funk dem attackierten Frachtschiff an. Das erfahren auf diese Weise auch die Seeräuber, die auf dem internationalen Kanal 16 mithören.

Wird sich die Fregatte "Mecklenburg-Vorpommern" noch mehr dem Kampf gegen die Piraten zuwenden, wenn der Deutsche Bundestag wie vorgesehen noch vor Weihnachten ein entsprechendes Mandat erteilt?

Das ist definitiv nicht der Fall. Wir sind weiter in die Operation Enduring Freedom eingebunden. Am 10. Januar 2009 werden wir sogar das Führungsschiff in diesem internationalen Marineeinsatz, der dann bis zum 11. April von einem deutschen Admiral befehligt wird. Für den geplanten Anti-Piraten-Kampf unter EU-Mandat ist von der Deutschen Marine die Fregatte "Karlsruhe" vorgesehen.

Terroristen, das zeigt die jüngste Vergangenheit, sind zu allem fähig. Wie gefährlich macht das den Kampf gegen Terroristen auf See?

Entscheidend ist, in allen Situationen grundlegend sehr umsichtig zu handeln. Als uns unlängst vier somalische Fischer winkend auf ihre Notlage aufmerksam gemacht hatten, näherte sich unser Beiboot, das auch bewaffnet ist, entsprechend vorsichtig. Das Fischerboot wurde kontrolliert. Dazu haben wir auch einen Dolmetscher an Bord, der alle einschlägigen Sprachen in der Region beherrscht. Erst als alles klar war, leisteten wir die erforderliche Hilfe, versorgten die erschöpften Männer mit frischem Obst. Später nahmen wir ihr Boot in Schlepp und übergaben es der jemenitischen Coast Guard.

Wie kooperativ sind die arabischen Behörden?

Über die Wochen und Monate hat sich eine gute Kooperation zwischen den Behörden vor Ort und den Anti-Terror-Einsatzkräften entwickelt. Alle Beteiligten agieren in solchen Situationen sehr schnell und unkompliziert. Das ist ein nicht zu unterschätzender Erfolg dieser Mission.

Wie wirksam erweist sich die "Operation Enduring Freedom" bisher?

Der Erfolg ist nicht exakt zu beziffern, so nach der Maßgabe, wie viel Terroristen wurden dingfest gemacht. Allein unsere Präsenz wirkt abschreckend. Der Erfolg spiegelt sich darin, was wir verhindert haben, wer alles aus der Terrorszene erst gar nicht den Versuch unternommen hat, Waffen, Sprengstoff und ähnliches auf dem Seeweg zu transportieren.

Die Fregatte "Mecklenburg-Vorpommern" wird in Marinekreisen auch "Speerspitze" genannt. Wie kam es zu diesem Zweitnamen?

Ich kann das nur damit erklären, dass wir uns schon bei anderen Einsatzen den Ruf erarbeitet haben, stets sehr schnell und flexibel zu agieren.

Die Mission Die 216 Besatzungsmitglieder der Fregatte "Mecklenburg-Vorpommern" sind als 18. Deutsches Einsatzkontingent im Rahmen der internationalen Anti-Terror-Aktion "Operation Enduring Freedom" am Golf von Aden eingesetzt. Am 21. November 2008 übernahm die Fregatte das Kommando über die Task Group 500.01 der Bundeswehr. Zu den Aufgaben im Anti-Terror-Kampf gehören eine intensive Zusammenarbeit mit den Bündnispartnern, die Überwachung des Seegebiets, die Kontrolle von Schiffsrouten und die Überprüfung von Schiffen. Es geht im Kern darum, mögliche Verbindungslinien und Transporte des internationalen Terrornetzes zu unterbinden. Auf Grundlage des internationalen Seerechts leistet die Fregatte auch Schiffen Beistand, die von Piraten attackiert werden und Nothilfe anfordern. Für den Kampf gegen die Piraten im Golf von Aden und vor den Küsten Somalias plant die Europäische Union unter dem Namen "Atalanta" einen konzertierten multinationalen Einsatz von Seestreitkräften in dem betreffenden Seegebiet. Darüber soll am 8. Dezember in Brüssel entschieden werden. Der Deutsche Bundestag will noch vor Weihnachten über eine Beteiligung entscheiden und das entsprechende Mandat erteilen. Vorgesehen ist, insgesamt 1400 deutsche Soldaten für den EU-Einsatz bereitzustellen. Für die Operation ist von deutscher Seite zudem die Fregatte "Karlsruhe" vorgesehen.

Zur Person Fregattenkapitän Kay-Achim Schönbach übernahm am 23. Mai 2008 das Kommando auf der Fregatte "Mecklenburg-Vorpommern". Der 43-Jährige war zuvor Adjutant (Marine) des Generalinspekteurs der Bundeswehr in Berlin. Erfahrungen an Bord sammelte Schönbach unter anderem als Erster Offizier auf der Fregatte "Schleswig-Holstein" (2004 bis 2006). Er war 1984 zur Marine gestoßen und absolvierte von 1985 bis 1988 ein Pädagogik-Studium an der Universität der Bundeswehr in Hamburg.

Interview: Thomas Schwandt
 
 
KOMMENTARE (10 von 15)
 
Pamela_1971 (02.12.2008, 17:45 Uhr)
Alle "Terroristen" - außer Mutti...
"Terroristen, das zeigt die jüngste Vergangenheit, sind zu allem fähig. Wie gefährlich macht das den Kampf gegen Terroristen auf See?"
.
=> Soso, ´Terroristen auf See´. Interessant, dass jetzt auch schon gewöhnliche Kriminelle sprachlich unter "Terrorismus" subsumiert werden. Auf was die Bevölkerung damit wohl mal wieder sanft und behutsam eingestimmt werden soll...?
tarpan8 (02.12.2008, 17:05 Uhr)
Rübe ab ?
Ich hoffe Ihr Beitrag war ironisch gemeint. Ansonsten bitte noch die Liste um alle erweitern die der Wirtschaft schaden.
Bankräuber, Raubkopierer, Ladendiebe,
Schmuggler, Steuerhinterzieher,
Fälscher usw..
Ooops, da bleibt ja keiner mehr über.
balldurian (02.12.2008, 16:54 Uhr)
Gegen piraten hilft nur eins ...
... an ort und stelle rübe ab. Alles andere ist wichtigtuerei und zählt nicht ...
davehaasters (02.12.2008, 16:24 Uhr)
sinnlos
statt über diese ganzen Militäreinsätze nachzudenken, könnte man doch einfach überlegen, wie man Schiffe soweit ausrüsten könnte, dass Piraten keine Chance haben an Board zu gehen. Z.B. durch 5 Bewaffnete an Board und ein Sonar, das auch den Bereich hinter dem Schiff abdeckt (Piraten kommen gerne von hinten, weil sie dort vom Schiffssonar nicht erfasst werden). Oder Bewegunsmelder oder was weiß ich. Da gibts doch bestimmg viele Möglichkeiten.
Nichtsdestotrotz gibts nicht nur Gut und Böse, wie vorher schon erwähnt wurde. Die Piraten versuchen z.B. die menschlichen Verluste auf beiden Seiten so gering wie möglich zu halten. Meistens sind es ehem. Fischer, die nach der Leerfischung ihrer Gewässer(durch westmächte) einfach keine andere Lösung gefunden haben und vor allem keine, die so profitabel ist. (Stand alles in einem Stern Artikel)
tarpan8 (02.12.2008, 16:03 Uhr)
War on ....
War on Drugs, War on Terror und nun
War on Pirates. Es findet sich immer ein Grund die Militärmaschine in Bewegung zu setzen. Nach den Hintergründen wird nie gefragt,
hauptsache der militärisch-industrielle Komplex wird befriedigt.
Und wenn dabei Unschuldige, wie von der indischen Marine schon parktiziert, umkommen sind das halt unvermeidbare Kollateralschäden.
Und natürlich ist es richtig ein schon geentertes Schiff nicht anzugreifen. Wäre ich auf so einem
Schiff würde ich nicht sehen wollen wie ein Sonderkommando mich befreit
oder vielleicht versehentlich erschießt, sonder ich würde gern freigekauft werden. Denn was ist schon Geld wenn es um Menschenleben geht ? Achja, ich vergaß, Geld zählt ja mehr als ein Menschenleben.
Malt (02.12.2008, 15:27 Uhr)
Was mich,....
...eher interessieren würde wäre, ob denn die Bundeswehr effektiv schon mal die "Versorgungslinien" der "Terroristen" unterbrochen hat... wieviele erfolgreiche Einsätze, wegen denen die eigentlich dort sind, wurden denn schon absolviert? Das liest man irgendwie nie....
cklasseking01 (02.12.2008, 14:48 Uhr)
@stefan
Da haben Sie wirklich recht.
Denn wenn die Piraten das mal kapieren, daß die Deutschen nur drohen dürfen, werden sie bei dem "Anruf" nur lachen und ihren Beutezug weiter fortführen. Denn wenn sie das Schiff in ihre Gewalt gebracht haben kann ihnen nichts mehr passieren.
Und ein erweitertes Mandat hat ja nichts mit Rambomanieren zu tun. Es ist ja nicht notwendig, gleich das Schiff zu versenken und die Piraten zu töten. Man sollte sie aber verfolgen und dingfest machen dürfen, sonst gibt es über kurz oder lang keine Abschreckung mehr.
ElPrimo (02.12.2008, 14:45 Uhr)
Da muss ich Bertl recht geben...
Die Piraten lachen sich doch bei sowas einen ins Fäustchen. Sobald die auf dem Schiff sind, können die den Kriegsschiffen zuwinken und ganz gemächlich mit dem erbeuteten Schiff davontuckern. Die Logik muss mir mal einer erklären...
yahbluez (02.12.2008, 14:43 Uhr)
Operation Enduring Freedom == sinnlos
es gibt keine "versorgungslinien" von terroristen. Wer sowas verzapft hat von terrorismus NULL ahnung. Sieht man auch daran das die ganze Aktion aller beteiligter Länder NICHTS gebracht hat. internationaler terrorismus ist das political correctness wort für Islamistischer Terrorismus, anderen Terrorismus gibt es zz. nicht. Die marine sollte sich um die sicherheit der seewege kümmern und nicht bei sinnlosen politischen spielchen des Oberidioten Bush zeit vergeuden.
meine meinung
DasBertl (02.12.2008, 14:20 Uhr)
@Ste_fan
völlig richtig. Was dazukommt als hochnotpeinlich ist, das die Marine nicht mehr eingreifen darf sobald die Piraten an Board sind. Ja wasn das fürn Schwachsinn? Da wird in der Regierung diskutiert ob man entführte Flugzeuge abschiessen darf und dann darf die Marine nicht einmal mehr ein Kaperschiff versenken bzw. ein gekapertes Schiff befreien. In welcher Realität leben wir eigentlich?
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