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13. September 2008, 10:25 Uhr
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Aufbauhilfe? Nein, Krieg!

Nur knapp entging der junge Taxifahrer dem Tod. Eine Frau und zwei Kinder starben in seinem Auto, als deutsche Soldaten an einer Straßensperre das Feuer eröffneten. In Afghanistan leistet die Bundeswehr längst nicht mehr nur Aufbauhilfe. Sie befindet sich im Krieg.

Der 22-jährige Ismail wurde an der Schulter verletzt. Er verlor zwei Finger der linken Hand, als sein Toyota Corolla am 28. August 2008 bei Kundus von deutschen Maschinengewehrkugeln getroffen wurde© Wakil Kohsar

Er hat das harte Bellen eines Maschinengewehrs gehört, dann heißes Metall an der Schulter und der linken Hand gespürt, erinnert sich der Taxifahrer Ismail, 22. Mit letzter Kraft hat er das Auto noch in eine Einfahrt steuern können. Als er sich umdrehte, sah er ein Blutbad: Die Frau, die er eben noch von einer nahen Hochzeitsfeier nach Hause fuhr, war tot, ebenso zwei ihrer Kinder. Glassplitter, Blut, Hirn lagen überall im Auto, dass er selbst zwei Finger verloren hat, merkte er erst hinterher. "Wer das gesehen hat", wird er drei Tage später in seinem Haus im Dorf Amschi zornbebend sagen, "der kann nur noch an eines denken: Rache!"

Die Schüsse aus dem Maschinengewehr MG3 der Bundeswehr, Kaliber 7,62 Millimeter, die am vergangenen Donnerstag um kurz vor zehn Uhr abends die Schwester des Bräutigams und zwei ihrer Kinder töteten, stehen am Ende einer wochenlangen Kette von Ereignissen. Höhepunkt einer Eskalation, in der die Taliban einen Hauptfeldwebel töteten und mehrere Männer schwer verletzten. In der die Bundeswehr in einen Krieg gezwungen wird, den sie nicht führen will. Bis am Ende ein Soldat nicht die Reifen, sondern die Insassen eines davonfahrenden Fahrzeugs traf. Es ist eine mörderische Falle der Taliban, der sich keine Truppe entziehen kann. Sie greifen so lange an, bis die Soldaten immer schneller zurückschießen - und irgendwann die Falschen treffen.

Lange Zeit ist es in den drei Nordprovinzen ruhig geblieben, nur zwei Prozent aller Anschläge auf die internationalen Truppen finden im Stationierungsgebiet der Deutschen statt. Die Bundeswehreinheiten in Afghanistan haben sich seit 2002 stets als Ordnungstruppe verstanden, nicht als Besatzer, die Krieg führen. Nach der Vertreibung der Taliban durch die Amerikaner und die Truppen der sogenannten Nord-Allianz in der Folge von Nine-Eleven gehörten sie zum Kontingent internationaler Truppen, die den Wiederaufbau des zerstörten Landes fördern und sichern sollten. Die Deutschen wurden vor sechs Jahren mit offenen Armen empfangen, als sie sich daran machten, Brücken zu bauen und die Versorgung von Kranken zu verbessern.

Die US-Piloten töteten immer wieder Zivilisten

Schwierig wurde der Einsatz der internationalen Schutztruppe (Isaf) dadurch, dass die Amerikaner mehr daran interessiert waren, Taliban und Al-Qaida-Mitglieder zu jagen, als den Wiederaufbau in der ihnen zugewiesenen Region zu fördern. Mit ihren Angriffen aus der Luft brachten sie die gesamte Bevölkerung gegen sich auf, weil US-Piloten dabei immer wieder Zivilisten töteten. Das nutzten die Taliban, um sich im Schutz der wütenden Bevölkerung vor allem im Süden des Landes wieder festzusetzen und die fremden Truppen zu attackieren.

Schon bald forderten Militärs und Politiker aus den USA, Kanada und Großbritannien angesichts steigender Verluste, auch die Deutschen sollten sich stärker engagieren. Davor zucken die Politiker in Berlin bis heute zurück. Denn sie scheuen sich aus Furcht vor dem Wähler, offen über die wahren Risiken zu sprechen. Als der internationale Druck immer stärker wurde, erklärte sich die Bundesregierung schließlich im vergangenen Jahr bereit, Tornados in Masar-i-Scharif zu stationieren, um ausländische Truppen mit Aufklärungsflügen zu unterstützen. Und Verteidigungsminister Franz Josef Jung schickt demnächst weitere 1000 Mann zur Verstärkung an den Hindukusch. Denn seit diesem Sommer hat sich die Lage verändert:

Fast täglich kommen konkrete Anschlagswarnungen. Am 6. August sprengte sich ein Selbstmordattentäter südlich von Kundus, als Bundeswehrsoldaten ihr liegen gebliebenes Fahrzeug reparieren wollten. Drei Männer wurden schwer verletzt. Am Mittwoch vergangener Woche starb der Hauptfeldwebel Michael M. auf Patrouillenfahrt, als ein Attentäter per Draht seinen Sprengsatz zündete.

Seit Jahren arbeiten in Kundus, dem am meisten gefährdeten deutschen Militärstützpunkt, deutsche Nachrichtendienstler und ihre Kollegen vom afghanischen Geheimdienst NDS eng zusammen. Doch selten sind deren Hinweise so konkret gewesen wie jener vom vergangenen Donnerstag.

Immer mehr Richtung Brennpunkt

Ein "Sarradscha", ein Toyota Corolla Kombi, eines der gängigsten Fahrzeuge in Afghanistan, sei von Südosten unterwegs nach Kundus; voll mit Taliban und Waffen. "Für den Abend haben die Deutschen uns dringend aufgefordert, einen gemeinsamen Checkpoint in Khanabad einzurichten", erinnert sich Major Abd al-Rahman Aqtasch, der Vizepolizeichef von Kundus: "Warum genau, haben sie uns nicht gesagt." Gegen 21 Uhr beziehen mehrere Dutzend afghanische Soldaten und Polizisten sowie etwa 30 Bundeswehrsoldaten Stellung an der Überlandstraße. Vorerst bleibt alles ruhig: Autos halten an, die Fahrer lassen sich kontrollieren. Bis gegen 21.50 Uhr ein Sarradscha von einem Feldweg auf die Hauptstraße biegt und kurz vor der Straßensperre bremst. Wendet. Davonrast.

Direkt hinter ihm fährt Ismail, auch in einem Toyota Corolla, und begeht den Fehler seines Lebens: Er wendet ebenfalls. "Ich kenne das so. Wenn die ausländischen Truppen an ihrem Checkpoint die Scheinwerfer aufblenden, soll man sich fernhalten", sagt er, "und als ich die ersten Schüsse hörte, bin ich nur noch schneller gefahren." Es ist ein unübersichtliches Terrain voller Häuser, Lehmwälle, Bäume. In jenen wenigen Sekunden, als alles passiert, bewegt sich Ismails Toyota genau zwischen dem entkommenden Wagen und den deutschen Soldaten. Die erst in die Luft schießen, dann, von einem etwa 100 Meter entfernten, gepanzerten Dingo, mit dem Maschinengewehr feuern. Nicht auf die Reifen, sondern auf die Insassen. Außerdem aufs falsche Auto. Der Wagen, dem die ganze Operation galt, entkommt in der Dunkelheit und der Deckung von Ismails Taxi.

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Ausgabe 37/2008

 
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KOMMENTARE (10 von 42)
 
Dirk_37 (15.09.2008, 11:07 Uhr)
@Lazarus
Ich denke wir liegen gar nicht so unterschiedlich in der Betrachtung, dennoch sehe ich eine Ungereimtheit in Ihrer Argumention. Richtig ist: derzeit gibt es keine allgemeine Mobilmachung. Richtig ist aber auch, das man die Situation heute nicht mit der vor 70 Jahren vergleichen darf, das wäre ein fataler Trugschluß!
Und Verfassungswidrig ist der Einsatz nicht, sonst hääte längst die Judikative dazwischengefunkt, so was war 1939 auch nicht möglich.
Was soll also der einzelne Soldat machen, wenn der Dienstherr einen Einsatz befiehlt, der im Bundestag demokratisch abgesegnet wurde und er davon seine Familie ernährt? Da rufe ich mir die Tornadopiloten ´91 ins Gedächtnis, die nicht mal einen Einsatzbefehl hatten und trotzdem den nicht ausgesprochenen (weil politisch damals nicht durchsetzbar) Befehl verweigerten und den Dienstausweiß öffentlich verbrannten. Übrigens dieselben, die heute im Dienst der Lufthansa etc. ganz gutes Geld verdienen und damals in einer ruhigen Bundeswehr einen noch ruhigeren Dienst geschoben haben!
Das den Linken damit heutzutage ein Bärendienst erwiesen wird ist mir auch klar, jedoch was soll die Regierung machen? Totaler Rückzug würde den Taliban und deren Verbrechern erst recht Tür und Tor öffnen, ich weiß auch nicht was richtig ist jedoch ist die Büchse der Pandorra bereits geöffnet. MfG Dirk
lazarus06 (15.09.2008, 00:27 Uhr)
@Dirk_37 Gut.. um der Wahrheit die Ehre zu geben
Ja..da mir die Haut näher als das Hemd ist. Was jedoch immer noch die Frage offenläßt,warum verlangt mein Dienstherr von mir Verfassungswiedrieges Verhalten ? Sollte ich den Verstand einsetzen dessen fehlen wir bei der Kriegsgeneration vermissten den selbst Kohl sprach "von der Gnade der späten Geburt" in dem Zusammenhang auf die Greultaten angesprochen,und da ja keine Allgemeine Mobilmachung vorliegt den Dienst quttieren ehe ich Schuld auf mein Gewissen lade ? Das dieser Kriegseinsatz nur mit den Sozialdemokratischen und Grünen Stimmen machbar war hab ich denk ich auch oft genug betont.(Daraus Resultiert meiner Meinung auch das SPD Dillema den eine 4te Wirtschaftspartei braucht hier keiner,was natürlich den LINKEN zu gute kommt und begünstigt. Zum Schluß nochmal .. war nie Links oder Rot habe bis zum Kohlschen Bimbesskandal als Kleinunternehmer CDU gewählt .. nun bin ich mangels Alternativen " Heimatlos" .. und es bleit der Ätzende Sarkasmus
Dirk_37 (14.09.2008, 22:37 Uhr)
@lazarus
Mir ist Ihr Sarkasmus nicht entgangen, keine Frage:-) Wenn aber nur noch sarkastisch oder ironisch argumentiert wir dann siehts auch böse aus.
Sie lamentieren an der derzeitigen Regierung, wollen aber nicht einsehen das es eben Rot-Grün war, der den Mist angezettelt hat. Und was wäre wenn,ja wenn damals die Schwarzen,die Gelben oder die Hellblauen in der Verantwortung gewesen wären..? Das ist Spekulation und auf der Grundlage, gepaart nur mit Sarkasmus kommt man auch nicht weiter!
Deswegen, obwohl ich Sarkasmus an sich gern habe, sollte man ab und an auch wieder zur Sachlichkeit finden, meinen Sie nicht? Meine Frage haben Sie allerdings nicht beantwortet: hätten Sie nicht geschossen? MfG Dirk
PS: Natürlich müssen Sie nicht antworten, interessant wär eine ehrliche Antwort aber schon. Und bitte nicht den billigen Versuch in der Art "ich wäre gar nicht dort weil...", das meine ich nicht damit! Setzen Sie sich damit auseinander ob das Verhalten der Soldaten richtig oder falsch war; ich für meinen Teil hätte wohl geschossen, weil mir einfach mein eigenens Leben wichtiger wäre als das von vermeintlichen Selbstmördern. Und offensichtlich war das der Eindruck der Schützen, also habe sie in meinen Augen richtig gehandelt.MfG Dirk
042020 (14.09.2008, 18:25 Uhr)
@provocateur
"Full Metal Jacket"
glaube du hast den film nach der deutschen ubersetzung gesehen. was du hier schreibst ist nicht im englishen soundtrack.
eben wieder mal typisch deutsche anti ami B/C
Gisella (14.09.2008, 12:08 Uhr)
@durant
-war mal eben weg-als ich dann Deine Meinung gelesen habe- meine über die Politik der Bush -Administration hat sich nicht geändert- mit dem 9/11 hat die ganze Sch... angefangen- und solltest Du da leben- dann mach endlich Deine Augen auf- . Raus aus Afghanistan und das so schnell wie möglich.
nese (14.09.2008, 10:58 Uhr)
@Mobat
Schon mal was von Sarkasmus gehoert???
Mobat (14.09.2008, 04:53 Uhr)
Geschichte wiederholt sich
Es ist schön, daß wir hier alle ohne Maulkorb oder Zensur über das Thema diskutieren, nicht wahr? Ohne daß und ein Nachbar denuziert oder morgens um vier nette Herren mit Schlapphut auf nimmerwiedersehen verschwinden lassen. Und warum ist das so? Weil damals die freie Welt meinte, daß wir hier ein Unrechtsregime vor 60 Jahren hatten. So ziemlich dieselben Staaten sind nun in der ISAF in Afghanistan vertreten, um Extremisten/Terroristen zu fangen und Terrorausbildungslager zu schließen. Das das nicht so klappt und warum nicht, mag auf einem anderen Blatt stehen.
Wenn es den Kritikern dieses Einsatzes nicht passt, stürzen Sie doch unsere Regierung, oder wandern Sie nach Afghanistan aus, um unseren "Killern" das Handwerk zu legen. Oder geht es Ihnen mit den vom Grundgesetz garantierten Freiheiten vorm Fernseher/Computer zu gut? Schade eigentlich, so wie manche argumentieren mußte Afghanistan echt ein Paradies sein vor knapp 8 Jahren, nicht wahr?
flyingfree (14.09.2008, 01:00 Uhr)
@heiner5362
Finstere Aussichten heiner5362.
Die schlimmsten Politiker, die an den langen Fäden, sind gleichzeitig die Beliebtesten.
Der Massendroge Privatfernsehen, Hilde, Friede, Intendanten, "Meinungsforschungs-Institute" sei Dank.
OnceKnown (13.09.2008, 23:05 Uhr)
@heiner5362
Sie sind 15 Minuten zu spät.
heiner5362 (13.09.2008, 21:02 Uhr)
wir spielen krieg
und ab 6:00 wird scharf zurückgeschossen.
was haben wir da eigentlich rumzuballern ?????????????
bushies terroristen verjagen, na hallo.
wenn es terroristen zu verjagen gibt dann mal ab nach nordamerika ihr schlusen.
 
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