Nur knapp entging der junge Taxifahrer dem Tod. Eine Frau und zwei Kinder starben in seinem Auto, als deutsche Soldaten an einer Straßensperre das Feuer eröffneten. In Afghanistan leistet die Bundeswehr längst nicht mehr nur Aufbauhilfe. Sie befindet sich im Krieg.

Der 22-jährige Ismail wurde an der Schulter verletzt. Er verlor zwei Finger der linken Hand, als sein Toyota Corolla am 28. August 2008 bei Kundus von deutschen Maschinengewehrkugeln getroffen wurde© Wakil Kohsar
Er hat das harte Bellen eines Maschinengewehrs gehört, dann heißes Metall an der Schulter und der linken Hand gespürt, erinnert sich der Taxifahrer Ismail, 22. Mit letzter Kraft hat er das Auto noch in eine Einfahrt steuern können. Als er sich umdrehte, sah er ein Blutbad: Die Frau, die er eben noch von einer nahen Hochzeitsfeier nach Hause fuhr, war tot, ebenso zwei ihrer Kinder. Glassplitter, Blut, Hirn lagen überall im Auto, dass er selbst zwei Finger verloren hat, merkte er erst hinterher. "Wer das gesehen hat", wird er drei Tage später in seinem Haus im Dorf Amschi zornbebend sagen, "der kann nur noch an eines denken: Rache!"
Die Schüsse aus dem Maschinengewehr MG3 der Bundeswehr, Kaliber 7,62 Millimeter, die am vergangenen Donnerstag um kurz vor zehn Uhr abends die Schwester des Bräutigams und zwei ihrer Kinder töteten, stehen am Ende einer wochenlangen Kette von Ereignissen. Höhepunkt einer Eskalation, in der die Taliban einen Hauptfeldwebel töteten und mehrere Männer schwer verletzten. In der die Bundeswehr in einen Krieg gezwungen wird, den sie nicht führen will. Bis am Ende ein Soldat nicht die Reifen, sondern die Insassen eines davonfahrenden Fahrzeugs traf. Es ist eine mörderische Falle der Taliban, der sich keine Truppe entziehen kann. Sie greifen so lange an, bis die Soldaten immer schneller zurückschießen - und irgendwann die Falschen treffen.
Lange Zeit ist es in den drei Nordprovinzen ruhig geblieben, nur zwei Prozent aller Anschläge auf die internationalen Truppen finden im Stationierungsgebiet der Deutschen statt. Die Bundeswehreinheiten in Afghanistan haben sich seit 2002 stets als Ordnungstruppe verstanden, nicht als Besatzer, die Krieg führen. Nach der Vertreibung der Taliban durch die Amerikaner und die Truppen der sogenannten Nord-Allianz in der Folge von Nine-Eleven gehörten sie zum Kontingent internationaler Truppen, die den Wiederaufbau des zerstörten Landes fördern und sichern sollten. Die Deutschen wurden vor sechs Jahren mit offenen Armen empfangen, als sie sich daran machten, Brücken zu bauen und die Versorgung von Kranken zu verbessern.
Schwierig wurde der Einsatz der internationalen Schutztruppe (Isaf) dadurch, dass die Amerikaner mehr daran interessiert waren, Taliban und Al-Qaida-Mitglieder zu jagen, als den Wiederaufbau in der ihnen zugewiesenen Region zu fördern. Mit ihren Angriffen aus der Luft brachten sie die gesamte Bevölkerung gegen sich auf, weil US-Piloten dabei immer wieder Zivilisten töteten. Das nutzten die Taliban, um sich im Schutz der wütenden Bevölkerung vor allem im Süden des Landes wieder festzusetzen und die fremden Truppen zu attackieren.
Schon bald forderten Militärs und Politiker aus den USA, Kanada und Großbritannien angesichts steigender Verluste, auch die Deutschen sollten sich stärker engagieren. Davor zucken die Politiker in Berlin bis heute zurück. Denn sie scheuen sich aus Furcht vor dem Wähler, offen über die wahren Risiken zu sprechen. Als der internationale Druck immer stärker wurde, erklärte sich die Bundesregierung schließlich im vergangenen Jahr bereit, Tornados in Masar-i-Scharif zu stationieren, um ausländische Truppen mit Aufklärungsflügen zu unterstützen. Und Verteidigungsminister Franz Josef Jung schickt demnächst weitere 1000 Mann zur Verstärkung an den Hindukusch. Denn seit diesem Sommer hat sich die Lage verändert:
Fast täglich kommen konkrete Anschlagswarnungen. Am 6. August sprengte sich ein Selbstmordattentäter südlich von Kundus, als Bundeswehrsoldaten ihr liegen gebliebenes Fahrzeug reparieren wollten. Drei Männer wurden schwer verletzt. Am Mittwoch vergangener Woche starb der Hauptfeldwebel Michael M. auf Patrouillenfahrt, als ein Attentäter per Draht seinen Sprengsatz zündete.
Seit Jahren arbeiten in Kundus, dem am meisten gefährdeten deutschen Militärstützpunkt, deutsche Nachrichtendienstler und ihre Kollegen vom afghanischen Geheimdienst NDS eng zusammen. Doch selten sind deren Hinweise so konkret gewesen wie jener vom vergangenen Donnerstag.
Ein "Sarradscha", ein Toyota Corolla Kombi, eines der gängigsten Fahrzeuge in Afghanistan, sei von Südosten unterwegs nach Kundus; voll mit Taliban und Waffen. "Für den Abend haben die Deutschen uns dringend aufgefordert, einen gemeinsamen Checkpoint in Khanabad einzurichten", erinnert sich Major Abd al-Rahman Aqtasch, der Vizepolizeichef von Kundus: "Warum genau, haben sie uns nicht gesagt." Gegen 21 Uhr beziehen mehrere Dutzend afghanische Soldaten und Polizisten sowie etwa 30 Bundeswehrsoldaten Stellung an der Überlandstraße. Vorerst bleibt alles ruhig: Autos halten an, die Fahrer lassen sich kontrollieren. Bis gegen 21.50 Uhr ein Sarradscha von einem Feldweg auf die Hauptstraße biegt und kurz vor der Straßensperre bremst. Wendet. Davonrast.
Direkt hinter ihm fährt Ismail, auch in einem Toyota Corolla, und begeht den Fehler seines Lebens: Er wendet ebenfalls. "Ich kenne das so. Wenn die ausländischen Truppen an ihrem Checkpoint die Scheinwerfer aufblenden, soll man sich fernhalten", sagt er, "und als ich die ersten Schüsse hörte, bin ich nur noch schneller gefahren." Es ist ein unübersichtliches Terrain voller Häuser, Lehmwälle, Bäume. In jenen wenigen Sekunden, als alles passiert, bewegt sich Ismails Toyota genau zwischen dem entkommenden Wagen und den deutschen Soldaten. Die erst in die Luft schießen, dann, von einem etwa 100 Meter entfernten, gepanzerten Dingo, mit dem Maschinengewehr feuern. Nicht auf die Reifen, sondern auf die Insassen. Außerdem aufs falsche Auto. Der Wagen, dem die ganze Operation galt, entkommt in der Dunkelheit und der Deckung von Ismails Taxi.
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Stern
Ausgabe 37/2008
Der CDU-Verteidigungsexperte Willy Wimmer hält den Rückzug der Bundeswehr aus Afghanistan für "überfällig". Im stern spricht sich Wimmer sogar für einen einseitigen Rückzug der deutschen Soldaten aus. "Es ist nicht unser Krieg", sagt er. mehr...
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