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10 Jahre, 52 Tote - keine Hoffnung

Seit 10 Jahren ist die Bundeswehr in Afghanistan. Deutschland kennt nun wieder Veteranen und Gefallene. Und am Hindukusch herrschen Anarchie und Misstrauen. Eine Bilanz.

Von Marc Lindemann

Einen Festakt wird es bei diesem Jubiläum nicht geben, das dürfte klar sein. Die Politik wird leise und von Amts wegen würdigen, aber sicher nicht feiern. Was sollte man auch auf die Einladungskarten drucken lassen? "10 Jahre Einsatz für Frieden, Demokratie und Mädchenschulen"? Ex-Verteidigungsminister Franz-Josef Jung hätte vielleicht sogar noch 2009 die Chuzpe gehabt, auf die Art zum Umtrunk zu bitten. Aber heute? Das seinerzeit übliche Maß an Realitätsferne wäre nur noch etwas für bissige Kabarettisten. Man könnte sich natürlich auch Peter Strucks Bonmot bedienen und "herzlich zu 10 Jahren Verteidigung Deutschlands am Hindukusch" einladen. Die Veranstalter hätten den eigentlichen Sinn des Einsatzes damit zwar schon wesentlich besser erfasst, würden aber auch Fragen provozieren, deren Antworten niemand hören will.

Nein, es gibt nichts zu feiern nach zehn Jahren Einsatz in Afghanistan. Bei Kriegen werden gemeinhin deren Siege gefeiert, in Deutschland auch die bitteren Niederlagen. Am Hindukusch ist jedoch erstes mittlerweile ausgeschlossen und zweites auf 2014 datiert. So wird Thomas de Maizière, der vierte Minister, der für den Einsatz Verantwortung trägt, also keine Einladungen verschicken und kann sich mit ganzer Kraft auf die Abwicklung desselbigen konzentrieren.

Kampf war politisch nicht vorgesehen

Nach zehn deutschen Kriegsjahren in Afghanistan ist das Ergebnis verheerend, nur wenige Ziele wurden erreicht. Zwischen den ersten Bildern deutscher Soldaten, die im Herbst 2001 in Kabul zu patrouillieren begannen, und heutigen Aufnahmen liegen Welten. Freundlich winkende Fallschirmjäger des ersten deutschen Einsatzkontingents liefen damals durch die Straßen der Hauptstadt und verteilten Schokolade an Kinder. Schutz war kaum nötig. Das Gewehr schien eher Teil der Uniform zu sein, denn Waffe zum Kämpfen. Und Kampf war politisch auch gar nicht vorgesehen.

Heute wirken diese Szenen planlos, ja fast schon naiv. Zehn Jahre und 52 gefallene Bundeswehrsoldaten später, hat der Kampf längst seinen Weg auch zu den Deutschen gefunden. Stundenlange Gefechte mit den wiedererstarkten Taliban gehören nun zum Alltag der Truppen im Großraum Kunduz. Artillerieeinsatz auf feindliche Stellungen, gesprengte Schützenpanzer und Luftnahunterstützung auf gekaperte Tanklaster. Der vermeintliche Friedenseinsatz hat sich in einen handfesten Guerillakrieg verwandelt.

  Grabenkämpfe in der afghanischen Provinz Helmand

Grabenkämpfe in der afghanischen Provinz Helmand

Mission accomplished?

Und auf der Habenseite? Wenig Greifbares und noch weniger, das den Rückzug der Nato überstehen wird. Natürlich gibt es Zahlenangaben der Bundesregierung, wie viele Schulen eingerichtet wurden, in welchen Bereichen sich das Gesundheitssystem verbessert hat und wie viel Prozent der Regierungsstellen inzwischen mit Frauen besetzt sind. Aber reicht das aus? Mission accomplished?

Die Wahrheit ist, dass in den entscheidenden Bereichen zur Stabilisierung Afghanistans einfach viel zu wenig erreicht wurde. Um einer "Übergabe in Verantwortung" an die Kabuler Regierung zumindest eine Chance zu geben, hätten vor allem die Sicherheitskräfte des Landes in einen soliden Zustand versetzt werden müssen. Wer soll denn nach 2014 die errichteten Schulen schützen, wenn nicht die afghanische Polizei? Wer die von Pakistan einsickernden Stammeskrieger und Taliban in Schach halten, wenn nicht die afghanische Nationalarmee?

Die Bundesregierung hat in den letzten zwei Jahren versucht, die verlorene Zeit bei der Ausbildung der einheimischen Sicherheitskräfte aufzuholen. Es wird nicht mehr reichen. In der Masse ist die afghanische Polizei immer noch mehr Landplage als Ordnungsfaktor. Unfähigkeit und Korruption zählen noch zu den leichteren Problemen. Und auch wenn die ANA, die Afghan National Army, in einem leicht besseren Zustand ist als die Truppen des Innenministeriums, hat sie mit Drogenkonsum, Stammesverflechtungen und Desertionsraten von bis zu 40 Prozent zu kämpfen. Es ist schlicht utopisch, dass diese beiden Institutionen in drei Jahren das schaffen sollen, was ihnen heute mit der Unterstützung von 120.000 NATO-Soldaten nicht gelingt.

Es gilt, sich neu zu positionieren

Das von Barack Obama vorgegebene Abzugsdatum erledigt den Rest. Wie ein Damoklesschwert schwebt es über allen Bemühungen, das Ruder am Hindukusch noch herumzureißen. Bei den Afghanen ist jegliches Vertrauen in die westlichen Truppen verschwunden, die Kooperationsbereitschaft auch. Moderate Führungspersönlichkeiten, wie der Ende September getötete Ex-Präsident Rabbani, werden von den Taliban gezielt ausgeschaltet. Auch im deutschen Einsatzgebiet verlängert sich diese Todesliste stetig. Ob Distriktmanager, Polizeichefs, Provinzgouverneure oder Armeegeneräle - wer der afghanischen Regierung dient, lebt gefährlich.

Auch außerhalb des Einsatzgebiets hat der Krieg in Afghanistan bemerkenswerte Auswirkungen verursacht. Der Damm, der die Bundesrepublik jahrzehntelang von internationalen Kampfeinsätzen fernhielt, ist parteiübergreifend - außer in der Linkspartei - eingerissen worden. Der befürchtete Gegenwind des Wählers war überraschend schwach. Nicht einmal als Wahlkampfthema war "Raus aus Afghanistan" bisher tauglich.

Grenze des utopischen Weltverbesserungswillens

Dass deutsche Soldaten in fernen Kriegen kämpfen, ist heute normal. Auch sprachlich und visuell sind diese Veränderungen spürbar. Es gibt ein verstecktes Ehrenmal für getötete und gefallene Soldaten der Bundeswehr. Der Verteidigungsminister gestattet den Afghanistankämpfern, sich Veteranen zu nennen, und manch Parlamentarier trägt eine goldene Solidaritätsschleife am Revers.

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