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Der Diktator und sein Henker

Um den Prozess und die Hinrichtung des rumänischen Staatschefs Nicolae Ceausescu und dessen Ehefrau Elena ranken sich viele Mythen. stern-Reporter Matthias Schepp sprach mit einem Mitglied des Erschießungskommandos.

Ionel Boeru, 47, ist der Henker des rumänischen Staatschefs Nicolae Ceausescus. Als Hauptmann leitete er 1989 die standrechtliche Erschießung des kommunistischen Diktators. Zu einem seiner seltenen Interviews traf er sich mit Matthias Schepp und dem Hamburger Fotografen Samuel Zuder in einem Park in Giurgiu, fünfzig Kilometer südlich von Bukarest. In der Kleinstadt am Donauufer lebt Boeru mit seiner zweiten Frau in einer Plattenbauwohnung.

stern: Sind Sie froh, Ceausescu erschossen zu haben?

Ionel Boeru: Befehl ist Befehl. Und wahrscheinlich war sein Tod besser für das Land.

Wie haben Sie Ceausescu getötet?

Mit einer Kalaschnikow. Wir waren zu dritt und schossen aus der Hüfte, aus einer Entfernung von etwa sieben Metern. Jeder hatte 30 Kugeln, also insgesamt 90 Kugeln.

Was fühlten Sie in dem Moment, in dem sie abdrückten?

Ich hatte kein Mitleid mit ihm und seiner Frau Elena. Alles ging sehr schnell. Ich vermied, den beiden in die Augen zu schauen. Das ist wie wenn Du ein Tier tötest. Bloß kein Blickkontakt.

Was waren Ceausescus letzten Worte?

Er rief "Lang lebe das freie Rumänien" und "Lang lebe der Sozialismus". Ich packte ihn bloß am Arm, als Warnung damit er nicht länger herumschrie. Wir hatten allerdings strenge Anweisung, die Gefangenen anständig zu behandeln und sie nicht zu schlagen.

Gab es einen fairen Prozess?

Nein, der Prozess war natürlich eine reine Farce. Die Verteidiger von Ceausescu verteidigten ihn nicht wirklich und auch die Richter waren alles andere als neutral. Sie klagten Ceaucescu an, an sich eine Aufgabe der Staatsanwälte. Schon vor dem Beginn des Standgerichts sagte mir der kommandierende General Stanculescu, dass ich einen Platz aussuchen solle, wo Ceausescu und seine Frau hingerichtet werden sollen.

Es gab also keine Chance, dass Ceausescu der Hinrichtung hätte entgehen können?

Nun ja, er wurde gefragt, ob er geisteskrank sei. Wenn Ceausescu das bejaht hätte, wäre er vielleicht in eine Anstalt eingewiesen worden.

Was tat Ceausescu stattdessen?

Er wurde sehr wütend, schrie den Staatsanwalt an und drohte ihm mit den Worten: "Warte nur ab, was ich mit Dir anstelle, wenn das hier ausgestanden ist".

Welche Verbrechen wurden dem Diktator zur Last gelegt?

Er wurde des Staatsverrates und wegen Völkermordes angeklagt, weil angeblich 60.000 Menschen bei der versuchten Niederschlagung des Aufstandes gegen Ceausescu getötet worden waren. Diese Zahl war aber übertrieben. Richter und Staatsanwalten hielten ihm auch den jahrelangen Hunger und die Zerstörung ganzer Dörfer vor. Außerdem wollten sie wissen, wo sein Geld geblieben ist.

Wie reagierte Ceausescu auf die Vorwürfe und auf die Frage nach seinem persönlichen Vermögen?

Er wiederholte mehrmals, dass dieser Prozess illegal sei und ihn allenfalls die Große Nationalversammlung des Volkskongresses absetzen könne, damals gleichsam das rumänische Parlament, wenn auch nicht frei gewählt.

Warum waren Sie eigentlich bei dem Prozess anwesend?

Ich hatte den Befehl, die beiden sofort zu erschießen, falls jemand versuchen sollte, sie zu befreien. Zu dem Zeitpunkt war der Machtkampf in unserem Land ja noch nicht eindeutig und endgültig entschieden.

Was geschah direkt nach der Urteilsverkündung?

Ceausescu reagierte sehr gefasst. Er und seine Frau baten darum, zusammen sterben zu dürfen. Dieser Wunsch wurde ihnen gewährt.

Wie verhielt sich seine Frau Elena?

Sie stank wie eine Bettlerin und hatte sich wohl vor Angst in die Hose gemacht. Während des Standgerichts musste ich sie mehrfach ermahnen, sich zu beruhigen. Ich legte meine Hand auf ihren Oberschenkel und sagte ihr, sie solle aufhören, sich wie eine Zigeunerin zu benehmen.

Quälen Sie manchmal Gewissensbisse oder Albträume?

Nein, im Gegensatz zu meinen beiden Kollegen, die die Hinrichtung vollzogen haben, absolut nicht. Alle drei aber leiden wir mehr oder weniger stark an Verfolgungswahn.

Wieso, wer ist hinter ihnen her?

Schauen Sie, heute morgen um fünf Uhr bei meinem Spaziergang im Park sehe ich die Menschen, die vor der Apotheke nach Medikamenten anstehen. Für diese Menschen hat sich die Situation nach Ceausescu verschlechtert. Würden sie wissen, wer ich bin, hätten sie mich vielleicht gelyncht. Es tut mir leid, das zu sagen, aber Ceausescus Prophezeiung, die er während des Standgerichts äußerte, ist leider wahr geworden: Er hatte vorausgesagt, dass es den Menschen schlechter gehen werde.

Das klingt, als sympathisierten Sie heute noch mit Ihrem Opfer...

Nein. Aber heute gibt es auch viele Probleme. Wir haben viele Reiche in Rumänien, aber auch extreme Armut. Es fehlt eine Mittelklasse. Auch unter Ceaucescu gab es Vetternwirtschaft, aber nur an der Spitze. Heute hat die Korruption das ganze Land erfasst.

Was bedeutete Ceausescu damals für Sie?

Er war Oberkommandierender der Armee. Ein General, der die Militärparaden in einer paramilitärischen Uniform á la Castro abnahm. Erst später verstand ich, dass er gar kein wirklicher Militär war. Damals dachte ich, dass er schlecht informiert sei, dass er nichts wusste über die Situation des Volkes, weil seine Ratgeber diese Wahrheiten von ihm fernhielten. Ich träumte davon, zu einer Audienz zu ihm vorgelassen zu werden, um ihm davon zu erzählen.

Wie waren Ihre Lebensumstände?

Wir lebten damals im Stadtviertel Rahova, am Rande von Bukarest. Abends, nach sieben Uhr gab es kein Wasser. Im Fernsehen lief am Abend gerade mal anderthalb Stunden Programm, die meiste Zeit Neuigkeiten über Ceausescu. Meine beiden Kinder waren gerade geboren. Es war so verdammt schwer, Milch und Milchprodukte zu finden.

Wie kamen sie durch?

Als Offizieren ging es uns trotzdem nicht ganz so schlecht: Außerdem hatten wir Landwirtschaft in der Nähe der Kasernen. Ich schäme mich das zu sagen, aber wir haben von den Feldern geklaut, Äpfel, Trauben, Kartoffeln.

Interview: Matthias Schepp

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