Die Navy war seine Familie. Nie hätte Kapitänleutnant Swift gedacht, dass er seine militärische Karriere opfern würde, um dem Fahrer von Osama bin Laden vor Gericht beizustehen. Doch sein Glaube an die Gerechtigkeit war ihm wichtiger Von Katja Gloger

Charles Swift in Paradeuniform vor dem Obersten Gericht in Washington. In den heiligen Hallen erringt er einen spekakulärem Sieg© Stephen Voss / WpN
Es war wohl dieser Moment vor gut drei Jahren, der sein Leben veränderte. Die knappen Worte seines Mandanten, der ihm gegenübersaß, an den Händen gefesselt, einen Fuß am Boden angekettet. Und ihn, den Militäranwalt in seiner feschen Uniform, fragte: "Was machen Sie überhaupt hier? Die Wachen sagen doch, hier gibt es kein Gesetz." Es klang freundlich, es schien ihm sogar, als hätte der Gefangene Mitleid mit ihm. Und im Nachhinein, sagt er, wisse er gar nicht mehr, ob er naiv war, arrogant oder einfach nur tollkühn. Doch in diesem Moment entschloss sich Kapitänleutnant Charles Swift, das gute Amerika zu retten. "Und ob es hier Recht und Gesetz gibt!", entgegnete er seinem Mandanten Salim Ahmed Hamdan, Gefangener Nr. 0149 in Guantánamo. "Wir werden vor dem Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten kämpfen. Und wir werden gewinnen!" Am liebsten hätte er mit der Faust auf den kleinen Plastiktisch geschlagen.
"Hamdan gegen Rumsfeld u. a." Im Namen seines Mandanten, Chauffeur und Bodyguard von Osama bin Laden, des meistgefürchteten Terroristen der Welt, verklagte der amerikanische Militäranwalt Charles Swift den Verteidigungsminister der USA. Welch ein Fall! Sein Fall! Er, ein kleiner Leutnant, rebellierte gegen seinen obersten Vorgesetzten - und das auch noch öffentlich. Denn mit der Klage entlarvte Charles Swift das wahre Wesen der US-Militärkommissionen. Jener Gerichte, mit denen die US-Regierung in Guantánamo ausgewählte Terrorverdächtige nach Gutdünken aburteilen lässt. Er stellte damit die Kriegsherren im Pentagon ebenso an den Pranger wie Präsident George W. Bush.
Sein Kreuzzug für Recht und Gesetz führte Swift tatsächlich vor das Oberste Gericht der USA. Er wurde als Held gefeiert, als Symbol für das andere, das "gute Amerika". Er galt als einer der besten Anwälte seines Landes. Doch der Kapitänleutnant zahlte dafür einen hohen Preis. Der Fall seines Lebens kostete ihn seine Karriere. Er wurde gefeuert, Ende Mai muss er die Navy verlassen, er, der über 20 Jahre lang gedient hat. Seine Ehe ging in die Brüche. Am schlimmsten für den Patrioten Swift aber ist: Er sieht seine Ideale verraten, seinen Glauben an das gute Amerika. Und sein Mandant bleibt ein rechtloser Gefangener.
Er ist auf die Minute pünktlich. Lieutenant Commander Charles Swift, Strafverteidiger, stellt er sich vor. Fester Händedruck. Rote Wangen, Strubbelhaar. Rotes Hemd, blaues Jackett. Er ist 45 Jahre alt, doch er erscheint fast jungenhaft. Gerade ist er zurück aus Guantánamo, sein 32. Besuch. Eine lebenswichtige Abwechslung für Hamdan, 37, der seit fünf Jahren auf Guantánamo gefangen gehalten wird. Sein Anwalt ist der Einzige, mit dem er sprechen darf. Vor einiger Zeit wurde Hamdan nach Camp 6 verlegt, in den neuen, blitzeblanken Hochsicherheitstrakt. Dort sitzt er 23 Stunden am Tag allein in seiner winzigen Zelle. Kein Radio, kein Fernsehen, Briefe dauern sechs bis neun Monate. Er leidet unter Depressionen. Nun wurde offiziell Anklage gegen Hamdan erhoben. Swift weiß, dass seinem Mandanten lebenslange Haft droht. "Was ich ihm sage? Wir müssen weiterhin gegen die Unterdrückung kämpfen. Und für das Recht. Ich sage ihm, dass wir keine Alternative haben. Das versteht er. Doch er ist vollkommen entmutigt."

Salim Hamdan war Fahrer von Osama bin Laden. Seit fünf Jahren sitzt er in Guantánamo© AP
Swift holt Kaffee, den großen Becher, zieht das Jackett aus, krempelt die Ärmel hoch, dann legt er los. Laut und leidenschaftlich. Als ob er ein Dauerplädoyer auf das gute Amerika halten müsste. Die Ideale der Verfassung, die weisen Gründerväter Amerikas, der langjährige Kampf um Bürgerrechte, selbst die Magna Charta darf nicht fehlen. Und dann hebt er den Zeigefinger und beugt sich vor: "Wenn sich ein Angehöriger des Militärs gegen seinen Oberkommandierenden erhebt, gilt dies in vielen Ländern als Putsch. Bei uns heißt es ‚Hamdan gegen Rumsfeld‘." Seine Ohren glühen. Er sieht stolz aus. "Es geht um die Regeln des Rechts", ruft er. Darauf habe er schließlich einen Eid geschworen. Als Militäranwalt und als Amerikaner.
Doch die Militärkommissionen, vor denen neben Hamdan auch 14 weiteren, sogenannten high value detainees - Gefangenen von hohem Wert - der Prozess gemacht werden soll, sind höchst umstritten, selbst bei den Militärs. Die Angeklagten haben nicht einmal die Rechte, die sie vor einem Militärgericht hätten, geschweige denn in einem normalen Strafprozess. Vor den "Military Commissions" kann die Anklage selbst Aussagen, die unter Zwang, womöglich unter Folter, gemacht wurden, verwenden. Die Anwälte dürfen Verhörprotokolle und eventuell durch Folter gewonnene Geständnisse mit ihren Mandanten nicht besprechen. Überdies sind die Anwälte dem Pentagon unterstellt und handeln auf Befehl. Allerdings hatten ihre Vorgesetzten wohl nicht damit gerechnet, wie ernst sie diesen Befehl, die Gefangenen von Guantánamo zu verteidigen, nehmen würden.
Swift arbeitet mit rund einem Dutzend Kollegen in "Suite 2000 E", einer Etage in einem Bürogebäude an der 14. Straße in Washington, ein Zimmer mit Fenster steht nur den höheren Diensträngen zu. An ihren Türen kleben kleine, aufmüpfige Schilder: "Verbietet Folter!" oder "Boykottiert Guantánamo!" Die meisten Anwälte hier fordern, die Militärkommissionen abzuschaffen, denen sie jedoch zugleich dienen müssen. Darin sehen sie keinen Widerspruch - im Gegenteil: Sie sind stolz darauf, hier zu arbeiten. "Wir sind die Guten." Wenn es sein muss, würden sie auch den Präsidenten verklagen, sagen sie. Hier hat auch Swift sein schmales Arbeitszimmer, ihm steht ein Fenster zur Straße zu. Auf dem Schreibtisch liegt ein kleines Buch, die Genfer Konventionen. An seiner Tür hängt eine Karikatur gegen die "Schauprozesse" von Guantánamo. Die nimmt er ab, wenn Besucher kommen. Und zieht die Uniform an. "So sind die Regeln", sagt er. Die Regeln des Militärs.
Nach ihnen hat er sein Leben ausgerichtet, seit er sich im Sommer 1980 mit 19 Jahren an der "United States Naval Academy" in Annapolis meldete. Nach ihrem Ehrenkodex "Ehre. Mut. Verpflichtung" werden Militärs wie Politiker ausgebildet, die Führungselite der Nation. Disziplin ist eisernes Gebot, doch zugleich sollen Eigenständigkeit und Prinzipienfestigkeit gefördert werden. Seekadett Swift macht das Examen, heiratet ein Mädchen aus der Stadt. Die Navy wird seine Heimat. Er fährt zur See, übernimmt erste Fälle als Pflichtverteidiger. Das gefällt ihm. Es scheint ihm, er müsse nur lange und überzeugend reden, und seine Mandanten kommen frei. Und reden, das kann er. "Er würde sogar jedem Eskimo Eis verkaufen", sagt man über ihn. Sein Jurastudium beendet er "cum laude", und für jeden seiner Mandanten, die er in den kommenden Jahren vor Militärgerichten verteidigt, führt er einen Kreuzzug. Glühend. Laut. Leidenschaftlich. Swift liebt den großen Auftritt vor Gericht, er verliert so gut wie keinen Fall. Man nennt ihn "Terminator". Zugleich ist er neugierig, umgänglich, einer, mit dem man gern ein Bier trinkt.
Ungeduldig wartet er auf seine Chance. Auf den ganz großen Fall. "Ich wollte einmal in meinem Leben die Gelegenheit haben, wirklich etwas zu verändern", sagt er. Und so stimmt er begeistert zu, als er im März 2003 zu den Militärkommissionen berufen wird. Für ihn klingt es ein bisschen nach den Nürnberger Prozessen gegen die Nazis. Nach Gerechtigkeit. Abrechnung mit dem Bösen in der Welt. Er zieht zu seiner Großmutter in einen Vorort von Washington. Dort hat er ein kleines Kellerzimmer mit Bad. Seine Frau Debbie, eine Verkehrspilotin, hat Arbeit in einer anderen Stadt gefunden. Es heißt, sein Einsatz werde höchstens sechs Wochen dauern.