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6. Januar 2005, 12:31 Uhr

Gesellschaft von Greisen

Die Geburt des 1,3 milliardsten Chinesen feiern die Kommunisten als Erfolg ihrer Ein-Kind-Politik, sonst wären es 300 Millionen mehr. Doch damit fängt ein anderes Dilemma an: China muss immer mehr Rentner versorgen.

Ältere Chinesinnen in Shanghai: Probleme durch unzufriedene Junggesellen© Eugene Hoshiko/AP

Wenn die Zahl der Chinesen an diesem Donnerstag offiziell 1,3 Milliarden erreicht, ist zwar von einem Erfolg der Geburtenkontrolle die Rede, da es sonst sogar 300 Millionen mehr wären. Doch mit der sinkenden Geburtenrate steigt die Überalterung der Gesellschaft. Immer drängender steht China vor der Frage, wie es immer mehr Rentner versorgen kann. Allein auf sein rasantes wirtschaftliches Wachstum zu vertrauen, ist nach Warnungen von Experten ein Irrweg, da das Land schneller alt als reich wird. Heute ist schon jeder zehnte Chinese über 60 Jahre alt, 2030 wird es jeder vierte sein, 2050 jeder dritte Chinese.

"Bauern trauen dem Versicherungssystem nicht"

"Um die alten Leute zu versorgen, müssen viele Probleme bewältigt werden", sagte Liu Hongyuan vom Forschungszentrum für Bevölkerung und Entwicklung in Peking. "Das soziale Sicherungssystem für die Alten funktioniert nicht richtig - in den Städten wohl noch besser, aber auf dem Lande ist es ein Riesenproblem." Können heute rein rechnerisch drei Werktätige einen Rentner unterstützen, werden es in gut zwei Jahrzehnten nur noch zwei Beschäftigte sein. Zwei Drittel der Werktätigen stehen nach einer Studie ohnehin außerhalb eines formellen Rentensystems. "Die Bauern trauen dem Versicherungssystem nicht", sagte Liu Hongyuan. Was überhaupt in Pensionsfonds fließt, wird sofort wieder ausgezahlt und auch nicht für die Zukunft gespart.

Waren früher die Staatsunternehmen und "Arbeitseinheiten" (Danwei) für die Renten zuständig, verschwindet das alte kommunistische Versorgungssystem mit Chinas "sozialistischer Marktwirtschaft", ohne ersetzt zu werden. Da bleibt nur die Familie als soziales Netz. Trotz aller Probleme will die Regierung die 1979 eingeführte Ein-Kind- Politik aber nicht weiter lockern. Denn China besitzt nur begrenzte Ressourcen, leidet heute schon unter kritischem Wassermangel. Mit 22 Prozent der Weltbevölkerung verfügt das Land nur über 7 Prozent der landwirtschaftlich nutzbaren Fläche.

Zehn Millionen Chinesen mehr pro Jahr

Auf dem Lande, wo 70 Prozent der Chinesen leben, gibt es ohnehin meist die Zwei-Kind-Familie. Wenn das erste Kind ein Mädchen ist, dürfen Bauern noch einmal versuchen, den begehrten männlichen Nachkommen zu zeugen. Ethnische Minderheiten, acht Prozent der Bevölkerung, können zwei oder mehr Kinder haben. In den Städten sind unter anderem zwei Kinder erlaubt, wenn die Eltern als Einzelkinder aufgewachsen sind. Wer genug Geld hat, kann heute auch einfach die fällige Geldstrafe für ungenehmigten Familienzuwachs zahlen. Das Milliardenvolk wächst derzeit um zehn Millionen Menschen im Jahr.

Bis 2050 wird der Höhepunkt mit 1,6 Milliarden erreicht - nicht genug für die Renten, aber heute schon zu viel für den Arbeitsmarkt. Mehr als 100 Millionen überschüssige ländliche Arbeitskräfte ziehen durch das Land. "Ein weiteres großes Problem ist das Ungleichgewicht zwischen Männern und Frauen", sagte Liu Hongyuan. Traditionell gelten männliche Nachkommen in China als Altersversorgung.

Mit Ultraschall wird bei Schwangeren häufig das Geschlecht ermittelt, um weibliche Föten abzutreiben. Auf 100 Mädchen kommen auf diese Weise 120 Jungen. In zehn Jahren dürften 40 bis 60 Millionen Frauen fehlen. Experten warnen vor sozialen Problemen durch unzufriedene Junggesellen, weiter wachsenden Frauenhandel, mehr Prostitution und Kriminalität durch umherwandernde Männer vom Lande, die keine Familien gründen können.

Der 1,3 Milliardste Chinese Mit der Geburt eines Jungen namens Gu Xulian um zwei Minuten nach Mitternacht im Spital für Gynäkologie und Geburtshilfe in Peking hat China am Donnerstag die Marke von 1,3 Milliarden Einwohnern erreicht. Gegen Mittag erblickte der 3,66 Kilogramm schwere Säugling in einem Pekinger Krankenhaus das Licht der Welt, meldete die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua. Der Vater des Jungen, der 37-jährige Zhong Tong, sagte, er sei der glücklichste Mann der Welt. "Mein Junge wird sein ganzes Leben gesegnet sein".

Während es in den drei Jahrzehnten zuvor jeweils nur fünf Jahre gebraucht hatte, um hundert Millionen mehr Chinesen hervorzubringen, benötigte das Land diesmal zehn Jahre, um von 1,2 Milliarden zu 1,3 Milliarden Bürgern zu gelangen. Das, heißt es, wäre ohne die Ein-Kind-Politik Pekings undenkbar.

Dass gerade der 6. Januar 2005 zum Datum dieses Ereignisses wird, liegt an einer statistischen Erhebung, die 2004 durchgeführt worden ist. Dieser zufolge soll es Ende des vergangenen Jahres in China 1.299.860.000 Chinesen gegeben haben - nicht mitgezählt jene Chinesen in Macao, Hongkong oder Taiwan. Da im Jahr 2004 im Schnitt jeden Tag 28.000 Kinder geboren wurden, ist nun einfach das erste Kind, das heute geboren wurde der Jubiläumsbürger.

Andreas Landwehr/DPA
 
 
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