Deutschland ist nicht mehr finanzierbar, weil China immer mächtiger wird - das ist die provozierende These eines Buches von Frank Sieren. Matthias Schepp sprach mit dem Autor über den "China Code" und wie schwer es ist, ihn zu knacken.

"Ich liebe unsere Kunden und mehre ihr Vermögen": Morgenappell bei Klimaanlagenhersteller Yuanda in Changsha© Michael Wolf
Herr Sieren, wenn es um die China-Investitionen deutscher Großkonzerne wie Volkswagen oder Thyssen geht, sprechen Sie von einer Konkubinenwirtschaft. Was meinen Sie damit?
Die Chinesen zwingen konkurrierende ausländische Konzerne, Gemeinschaftsunternehmen mit einem chinesischen Mutterkonzern zu bilden. Sie müssen dann um die Gunst diese Konzerns buhlen wie die Konkubinen um die Gunst des Kaisers. In Auto-, Stahl- oder Chemieindustrie ist dies gang und gäbe.
Was sind die Folgen für die Konzerne?
Die Chinesen können in diesem Spiel nur gewinnen. Die Ausländer, meist westliche oder japanische Großunternehmen, bleiben im chinesischen Markt nur zweiter Sieger. Da hatten es die Konkubinen noch besser. Sie konnten immerhin Kaiserinmutter werden, wenn es Ihnen gelang, dem Kaiser ein Kind zu gebären.
Sie schreiben, dass die meisten internationalen Unternehmen in China "weit davon entfernt sind, eine schwarze Null zu schreiben". Warum investieren BASF, Daimler-Chrysler und andere dennoch Milliarden?
Auch große Konzerne können in die Lage kommen, sich zwischen zwei schlechten Möglichkeiten entscheiden zu müssen. Nach Abwägung der Chancen und Risiken finden Sie, dass es günstiger ist, es zu versuchen, als von vornherein darauf zu verzichten. Ich teile diese Einschätzung in der Regel. Außerdem halte ich es für normal, dass es in einem neuen, hart umkämpften Markt eine längere Investitionsphase gibt.
Ihr Buch heißt "China Code". Wie ist der für Unternehmer zu knacken?
Man darf sich keine Illusionen machen. Man ist in China nur ein kleiner Fisch, selbst wenn man Siemens oder Volkswagen heißt. Wichtig ist, dass man nicht glaubt, man könne dort die Spielregeln bestimmen. Vielmehr muss man lernen, nach den Spielregeln der Chinesen zu spielen. Das ist für viele deutsche Topmanager eine gewaltige Umstellung.
Nach den Spielregeln der Chinesen zu spielen, bedeutet doch oft, sich von ihnen über den Tisch ziehen zu lassen. Die spielen ihr Blatt genial, oder?
Erst einmal profitieren sie von günstigen weltwirtschaftlichen Umständen. Die Konzerne brauchen neue Absatzmärkte und Produktionsstätten, um im immer härteren Wettbewerb zu bestehen. China bietet in der Mischung aus Preis, Qualität und Marktgröße einstweilen die günstigsten Bedingungen. Es hat also weniger mit Genialität, sondern mit Glück zu tun.
Würden Sie sagen, dass die Chinesen diese glücklichen Umständen sehr schlau ausnutzen?
Ja. Sie verfolgen ein Modell, das besser ist als das der Japaner in den Siebzigern und Achtzigern. Japan hat sich gegenüber dem Westen abgeschottet und dessen Produkte auf eigene Faust nachgebaut. Die Chinesen hingegen nutzen die Energie ihrer Konkurrenten für ihre eigenen Zwecke. Ihre Wirtschaftsplaner erfanden die "Konkubinenwirtschaft" als System.
Können die Konzerne irgendetwas gegen den Technologietransfer und manchmal auch Technikklau tun?
Das ist sehr schwierig. Keine internationale Institution, keine Nation, auch die Weltmacht USA nicht, ist mächtig genug, die Chinesen zu zwingen, uns nicht zu beklauen. Die einzelnen Unternehmen müssen sich selbst etwas einfallen lassen. Manche Hersteller haben Erfolg, indem sie Provinzregierungen damit drohen, den Standort zu wechseln. Am besten ist, seine Produkte so schnell weiter zu entwickeln, dass die Kopierer nicht hinterher kommen. Allerdings wird das immer schwieriger, weil die Chinesen selbst immer bessere Forscher haben.