Trotz strenger Zensur erreichten den stern neue Fotos vom Aufstand gegen China. Durch die Gewalt in seiner Heimat ist der Dalai Lama zwischen die Fronten geraten. Er muss Peking die Stirn bieten und gleichzeitig seine zornigen Anhänger im Zaum halten. Von Teja Fiedler

Auf einer Prachtstraße im Zentrum von Lhasa hastet eine Frau an einem brennenden Lieferwagen vorbei. Die Flammen schlagen so hoch aus dem Auto, als würde gerade der Tank explodieren© Rune Backs/ AFP
Es war seine Entscheidung, als religiöses Oberhaupt vor seine Anhänger zu treten und nicht als politischer Führer. In Indiens Hauptstadt Neu-Delhi spricht der Dalai Lama diese Woche zu den Menschen, um sie in Buddhas Lehre zu unterweisen. Doch auch vor der Schar ausgewählter Wahrheitssucher im Hotel "Ashok" konnte er dem zermürbenden Zweifrontenkrieg nicht entrinnen, den er seit dem Ausbruch der blutigen Unruhen in Tibet zu führen hat. "Ich fühle mich so hilflos und hoffnungslos wie vor 50 Jahren, als ich fliehen musste", sagte er müde vor dem Auditorium.
Einerseits muss sich der Friedensnobelpreisträger gegen die anhaltenden Beschuldigungen der Chinesen wehren, er und seine "Clique", die tibetische Exilregierung im indischen Dharamsala am Fuß des Himalaya, seien die Drahtzieher des Aufruhrs in Tibet. Andererseits kann er nicht zusehen, wie ihm die tibetische Jugend dies- und jenseits der Grenze entgleitet, deren Überschwang die bitteren Realitäten von Macht und Ohnmacht nicht anerkennen will. So wie viele der etwa 300 meist jungen Exiltibeter, die seit Tagen im Norden Indiens symbolisch auf dem Weg in ihre Heimat sind, um der Welt und den Chinesen zu zeigen: Das ist unser Land. Ihr Protestmarsch wird spätestens an der Grenze enden. Die Chinesen dulden keine "aufwieglerischen Elemente" in der "autonomen chinesischen Region Tibet".
Dem Dalai Lama sind diese Protestler im wahrsten Sinn des Wortes enteilt. "Er hat seine eigene Sicht der Dinge, und die respektieren wir", sagt die Studentin Dolma, "doch es ist Zeit, den Chinesen mit gleicher Münze zurückzuzahlen." Die junge Generation steht dem behutsamen Kurs des Dalai Lama skeptisch gegenüber, auch wenn sie ihn noch immer als ihren spirituellen Führer und als Symbolfigur des Widerstands verehrt.
Als illusionsloser Realpolitiker hat der Dalai Lama seit der Flucht aus Tibet im Jahr 1959 Schritt für Schritt seine Ziele zurückgesteckt, hat 1988 die Oberhoheit Chinas über die ehemalige Theokratie Tibet anerkannt und fordert heute nur noch eine nicht genau definierte "wirkliche Autonomie" für sein Land. Erst seit es bei Protestaktionen in Tibets Hauptstadt Lhasa Dutzende von Toten gab, schwenkte er auf einen härteren Kurs ein. Er bezeichnete die chinesische Politik in Tibet als "Terrorregime" und "kulturellen Völkermord" und forderte eine UN-Untersuchung der Zustände in seinem Land. Doch mit Gewalt verbundene Aktionen lehnt er weiterhin ab. "Hass und Aggression lösen keine Probleme."
Während die Marschierer in Richtung Grenze Transparente mit der Aufschrift "Boykott der Olympischen Spiele in Peking" tragen, sprach der Dalai Lama sich auch am vergangenen Sonntag, zwei Wochen nach Beginn des Protestes, erneut für Spiele in Peking aus. Ein weltweiter Boykott würde die Haltung Chinas gegenüber Tibet nur verhärten. Die Regierung in Peking, einmal um ihr Prestige-Objekt Olympia gebracht, könnte dann ohne Rücksicht auf Verluste vorgehen.
Chinesische Sicherheitskräfte haben die Situation in Lhasa inzwischen im Griff. Auch die Unruhen und lokalen Aufstände, die außerhalb der tibetischen Hauptstadt und in den angrenzenden, von Tibetern bewohnten Provinzen aufflackerten, sind abgeflaut. Nach dem Ultimatum der chinesischen Behörden, die "kriminellen Elemente" müssten sich ergeben, um auf Milde hoffen zu können, führte das Regierungsfernsehen "reumütige" Tibeter vor. Einige hätten sich an den Gewalttaten beteiligt, ohne zu wissen, worum es gehe.

Demonstranten haben eine Geschäftsstraße in Lhasa mit ungestürzten Polizei-Absperrungen blockiert. Sie schlugen Scheiben ein, zerrten Schaufensterpuppen, Mobiliar und Ware aus den Läden und zündeten sie an© Rune Backs/ AFP
Nach einigen Tagen friedlicher, meist von Mönchen geführter Demonstrationen waren am 14. März in Lhasa Streifenwagen, chinesische Geschäfte und Banken in Flammen aufgegangen. "Ich kann Panzerfahrzeuge auf der Straße sehen. Feuer an vielen Stellen überall in der Stadt", schilderte ein Restaurantbesitzer am Handy die Situation in der vergangenen Woche, "mörderische Banden durchstreifen die Stadt und attackieren uns Chinesen und unser Eigentum. Wir warten dringend, dass die Regierung etwas unternimmt."
Ein dänischer Tourist berichtete, Tibeter würden an ihre Haustüren die traditionellen weißen Gebetsschals hängen, um vor Übergriffen ihrer Landsleute sicher zu sein.
Die Behörden schlugen zurück - mit großer Brutalität. 130 Menschen kamen nach Angaben der tibetischen Exilregierung bei den Einsätzen der Sicherheitskräfte ums Leben. Doch da China seinen selbst deklarierten Kampf "auf Leben und Tod" für die "Einheit des Vaterlands" unter Ausschluss unabhängiger Augenzeugen führt, sind diese Zahlen schwer zu erhärten. Ausländische Journalisten und Touristen wurden nach Beginn der Unruhen ausgewiesen.
Nach offiziellen Angaben kamen 19 "unschuldige Bürger", wie die Chinesen in Tibet genannt werden, ums Leben, darunter ein Polizist. Im offiziellen Sprachgebrauch vermeidet Peking, zwischen den zugezogenen und den angestammten Bewohnern zu unterscheiden. Die "autonome Region" gilt als Teil des "unteilbaren Vaterlands".
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 14/2008
Die große China-Serie im stern Lesen Sie in Teil 2:
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