Längst haben US-Agenten Anfang 2000 einige der späteren Attentäter vom 11.September im Visier. Doch eifersüchtig behalten sie ihre Informationen für sich. Das Drama nimmt seinen Lauf. Von Oliver Schröm und Dirk Laabs

Das World Trade Center ist eingestürzt; fast 3000 Menschen sind in Flammen und Trümmern gestorben: In der Terror-Abteilung der CIA bricht hektische Betriebsamkeit aus© Stern Montage: DPA; Bettmann/Corbis
Am 6. Januar hat das entscheidende Vorbereitungstreffen für die Anschläge des 11. September stattgefunden. Die malaysischen Behörden haben die Teilnehmer des Terrorgipfels seit ihrer Einreise nach Kuala Lumpur auf Schritt und Tritt beschattet. Agenten von acht Außenbüros der CIA in Asien sind daran beteiligt, einen der Verdächtigen, Khalid al-Midhar, von Saudi-Arabien bis zu dem konspirativen Apartment in Bandar Sungai Long zu verfolgen. Die Ergebnisse der dreitägigen Operation stellt der malaysische Geheimdienst den Amerikanern zu Verfügung. Da haben die meisten Teilnehmer des Treffens das Land bereits verlassen, einige von ihnen Richtung Amerika.
Los Angeles, 15. Januar 2000
Zusammen mit Tawfiq bin Attash, dem einbeinigen Al-Qaeda-Operationschef, sind Khalid al-Mihdhar und sein Jugendfreund Nawaf al-Hazmi vor sieben Tagen von Kuala Lumpur nach Bangkok geflogen. In der thailändischen Hauptstadt trennen sie sich. Während sich "der Einbeinige" auf den Weg nach Afghanistan macht, fliegen die beiden Saudis nach Los Angeles, um sich auf eine Märtyrermission vorzubereiten. Nur Ort, Zeitpunkt und genauer Ablauf des Anschlags sind noch nicht geklärt. Al-Mihdhar und al-Hazmi sind nur die Vorhut. Mehrere Selbstmordkommandos sollen gleichzeitig zuschlagen. Dafür müssen zusätzliche Männer in die USA eingeschleust werden. Die geeigneten Kandidaten sind bereits gefunden.
Bei der Passkontrolle in Los Angeles zeigen die beiden ihre saudischen Ausweise vor. Der Beamte der Einwanderungsbehörde INS kontrolliert die Visa und gibt die Nummern ihrer Dokumente in den Computer ein. Damit hat er sowohl Zugriff auf NAILS, die Datenbank seiner Behörde, als auch auf TIPOFF, die weit umfangreichere Datenbank des Außenministeriums. Darin sind die Namen von mehr als 70 000 Verdächtigen gespeichert, denen entweder die Einreise verweigert werden soll oder gegen die ein internationaler Haftbefehl vorliegt. Unter anderem handelt es sich um Verbrecher, Terroristen und Mitglieder extremistischer Gruppen und Organisationen. Sie wurden von CIA, FBI oder einer anderen Behörde mit der Bitte an das Außenministerium gemeldet, sie zur Fahndung auszuschreiben.
Das Computersystem der INS arbeitet zuverlässig. Wenn Name oder Passnummer einer unerwünschten oder gesuchten Person eingegeben werden, erscheint auf dem Bildschirm eine Doppelnull: das Zeichen, umgehend die Polizei zu verständigen. Bei den Namen der beiden Saudis kommt jedoch kein Warnhinweis. Routinemäßig fragt sie der Beamte in Los Angeles nach dem Grund ihres Aufenthalts. Al-Mihdhar kann dazu mit seinem gebrochenen Englisch nicht viel sagen. Aber das ist für den Beamten nichts Ungewöhnliches, er händigt ihm seine Papiere aus und lässt die beiden passieren.
Sie verlieren keine Zeit in L.A. und fahren nach San Diego weiter, 124 Kilometer südlich, direkt an der Grenze zu Mexiko am Pazifik. Die Männer quartieren sich etwas außerhalb in den Parkwood Apartments ein. Ein hellbrauner Betonbau mit dunkelbraun getönten Fenstern und Balkonen sowohl zur Straße als auch zum Innenhof. Es ist ein ruhiger Komplex mit insgesamt 175 Zimmern. Die Terroristen beziehen das Apartment 127. Beim Einzug legt al-Hazmi seinen Pass vor und unterschreibt den Mietvertrag mit sechsmonatiger Laufzeit.
Die Al-Quaeda-Männer beschaffen sich Sozialversicherungskarten und Führerscheine, eröffnen ein Bankkonto und kaufen ein Auto, einen blauen Toyota, Baujahr 1988, für 3000 Dollar. Immer geben sie ihre richtigen Namen an. Sie halten es nicht für nötig, sich zu tarnen. Al-Hazmi beantragt einen Telefonanschluss und lässt sich sogar für die Auskunft registrieren. Mit vollem Namen und Adresse steht er im Telefonbuch von San Diego: al-Hazmi Nawaf M, 6401 Mount Ada. Rd. - 6582795919.
Dubai, Vereinigte Arabische Emirate, 30. Januar 2000
Über zwei Monate war Ziad Jarrah, der Flugzeugbaustudent aus Hamburg, in Afghanistan - wochenlang wurde er in einem Al-Qaeda-Trainingscamp gedrillt und auf seinen Einsatz vorbereitet. Bislang lief alles glatt. Doch jetzt hängt der Libanese fest. Er ist in eine Kontrolle der Behörden der Vereinigten Arabischen Emirate geraten. Seit Stunden wird er am Internationalen Flughafen von Dubai verhört.
Es scheint, als würde ihm seine Ausbildung im Al-Qaeda-Camp zum Verhängnis. Dort war er mit seinen Freunden aus Hamburg: Mohammed Atta und Marwan al-Shehhi. Am Ende des Trainings hat Jarrah erfahren, wofür er gedrillt wurde. Pilot soll er werden, so lautet der Auftrag. Alles weitere soll der Libanese später erfahren.
Wie die meisten Al-Qaeda-Rekruten wurde Jarrah vom Terrorcamp aus nach Pakistan zurückgeschmuggelt. In Karatschi buchte er dann einen Linienflug nach Dubai. Von dort will er weiter nach Deutschland. Doch im Transitbereich des Flughafens von Dubai ist vorerst Endstation. Der 24-Jährige ist den Offizieren sofort aufgefallen - in seinem Pass war eine Seite des Korans kopiert. Außerdem sind seine Reisetaschen voll mit Propagandavideos der Gotteskrieger. Seit über einem halben Jahr stoppen die Behörden in Dubai auf Bitten der US-Behörden Männer, bei denen der Verdacht besteht, dass sie direkt aus den Al-Quaeda-Lagern kommen.