Dieser Skandal verdient seinen Namen: In Frankreich steht der adelige Ex-Premierminister Villepin wegen einer Intrige vor Gericht. Der Nebenkläger ist sein Erzfeind, ein aufgestiegenes Migrantenkind: Präsident Sarkozy. Von Lutz Meier, Paris

Lang gehegte Erzfeindschaft: Präsident Nicolas Sarkozy (r.) und der ehemalige Premier Dominique de Villepin auf einem Parteikongress im Oktober 2006© Horacio Villalobos/DPA
Er steht still an der Metallabsperrung. Wie immer zeigt er ein geduldiges Lächeln, auch an diesem Tag, an dem schon vorher klar ist, dass es nicht gut aussieht für sein Idol. Der alte Mann mit dem karierten Sakko ist fast jeden Verhandlungstag in den Pariser Palais de Justice gekommen. Er ist keiner der Zuschauer, die sich um die wenigen Plätze balgen, bei dem "Jahrhundertprozess", den man ihnen angekündigt hat, hier in dem Saal, in dem das Revolutionstribunal 1793 Königin Marie Antoinette gerichtet hat, verurteilt zum Tod durch das Fallbeil. Er steht da, ein stiller Verehrer, manchmal verteilt er Pralinen. Und fast immer hat er Blumen mitgebracht für seinen Helden, Dominique de Villepin.
Dieser war einst Generalsekretär des Élysée, war Minister des Innern, war Verteidigungs- und Außenminister, war Kronprinz von Präsident Jacques Chirac und Premierminister. Am Donnerstag ist er Angeklagter im sogenannten Clearstream-Prozess. Und doch hat er noch Fans. Auch an dem Tag, nachdem der Chefankläger von Paris, Jean-Claude Marin, in einem eineinhalbstündigen Plädoyer ein schlechtes Bild von ihm gezeichnet hat und eine harte Strafe gefordert: 18 Monate Bewährungsstrafe und 45.000 Euro Geldbuße. Für Beihilfe zur verleumderischen Denunziation. Villepin, davon ist der Staatsanwalt überzeugt, hat vor fünf Jahren zumindest durch bewusste Untätigkeit an dem Versuch mitgewirkt, seinen Gegner mithilfe gefälschter Papiere zu diskreditieren. Sein Gegner hieß und heißt: Nicolas Sarkozy
Es ist ein Prozess, der Frankreich aufregt. Doch ganz anders, als dies in Deutschland der Fall wäre. In diesem Verfahren geht es nur am Rande um Schuld oder Unschuld. Viel mehr geht es um die Inszenierung, um das Schauspiel. Und die Protagonisten könnten dafür nicht besser gewählt sein: der Staatschef gegen den früheren Regierungschef, der Emporkömmling gegen den Aristokraten.
Die Vorgeschichte ist schnell erzählt. Einem Richter wurden anonym Kontenlisten des Börsenabwicklers Clearstream zugespielt, darauf angebliche Schmiergeldempfänger aus einem Rüstungsgeschäft. Der wichtigste Betroffene auf diesen Listen war Nicolas Sarkozy, damals Minister und Villepins Rivale um die Präsidentschaftskandidatur. Villepin soll bei dem Rufmord beteiligt gewesen sein. Und wenn der Staatsanwalt schon nicht nachweisen kann, dass Villepin Auftraggeber war, so wirft er ihm doch vor, er habe als damaliger Innenminister bewusst nichts für die Aufklärung getan. Bis Freitag dauern die Verhandlungen. Ein Urteil wird Anfang kommenden Jahres erwartet.
Und es kann nur einen Freispruch geben - findet Villepin. Dafür kämpft er, mit etwas Juristerei und viel Schauspielkunst. Gleich drei Rollen spielt er, seit das Gerichtsverfahren vor vier Wochen begonnen hat: den Unbeugsamen; das Opfer der Machtspiele Sarkozys; den sittlich und intellektuell Überlegenen. Unbegreiflich wäre es ihm, gewänne am Ende der Rivale.
Auch an diesem Mittwoch, nach dem bösen Plädoyer des Staatsanwalts, tritt er von links in den Gerichtssaal. Mit durchgedrücktem Rücken und gewinnendem Lächeln. Er ist Villepin der Politiker, der das Publikum zu gewinnen sucht, statt die Richter zu überzeugen. Der von einem politischen Verfahren spricht, von einem Schauprozess, vom Vernichtungswillen des Nicolas Sarkozy, der in diesem Verfahren als Nebenkläger auftritt. Mit ruhigen Worten hat er am Dienstag auf das Plädoyer reagiert: "Nicolas Sarkozy hat versprochen, mich an den Fleischerhaken zu bringen", sagte er. "Ich sehe, dass das Versprechen gehalten worden ist."
So hat er den Vorraum der ersten Kammer im Justizpalast zur letzten großen Bühne eines Staatsschauspielers gemacht, der einst die halbe Welt beeindruckt hat, als er als Außenminister vor der Uno in New York mit gewogenen Worten den Irakkrieg der US-Regierung von George W. Bush verurteilte. Ohne diese Bühne wäre Villepin längst ein machtloser Ex-Politiker. Einer, der durch die Talkshows zieht. Einer, der Sarkozy egal sein könnte. So ist er viel mehr, wenn auch nicht das, was er gern wäre. Mag Villepin noch so sehr an sein Comeback glauben, daran, bei den Präsidentschaftswahlen 2012 Sarkozy im konservativen Lager zu verdrängen. Viel Rückhalt hat er auch bei Sarkozy-Feinden nicht.
Es ist ausgerechnet Sarkozy, der seinem Feind diese Bühne bereitet hat. Er hat nach seiner Wahl zum Präsidenten an seiner Rolle als Nebenkläger festgehalten, was auch Freunde mit Unverständnis kommentiert haben. Und er hat auch seine Ankündigung nie zurückgenommen, er werde denjenigen ans Metzgerbrett bringen, der ihm die Clearstream-Sache eingebrockt hat. Wie sehr er auf Rache sinnt, hat Sarkozy zu Beginn des Prozesses gezeigt, als er Villepin einen überführten "Schuldigen" nannte. Villepin suchte den Lapsus des Juristen Sarkozy auszuschlachten und reichte Klage ein. Die aber wird wegen der Immunität des Präsidenten nicht verfolgt.
Lesen Sie auf der folgenden Seite, wie Frankreich auf den Skandal reagiert und welcher prominente Politiker ebenfalls zu den Hintermännern der Intrige gerechnet wird.
Dieser Artikel.... ...ist erschienen in der "Financial Times Deutschland".