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Der politische Lustgreis möchte noch einmal

Silvio Berlusconi zieht es mit aller Macht auf die politische Bühne zurück. Der Cavaliere spricht aus, was viele nicht zu denken wagen: Nur er könne Italien retten und die Eurokrise beenden.

Von Niels Kruse

  Multi-Milliardär, dreifacher Ex-Regierungschef, Lebemann: All diese Attibute reichen Berlusconi nicht, er will unbedingt auf den Chefsessel zurück.

Multi-Milliardär, dreifacher Ex-Regierungschef, Lebemann: All diese Attibute reichen Berlusconi nicht, er will unbedingt auf den Chefsessel zurück.

Allein das Foto sagt schon alles: Da sitzt er an einem italo-barocken Schreibtisch mit viel goldenem Bling-Bling. Die Hände tatkräftig nach vorne gereckt, das Gesicht schmaler als zuletzt. Vor ihm liegt ein Haufen sicher sehr wichtiger Papiere, hinter ihm hängt die italienische Flagge einträchtig neben der europäischen. Da ist er wieder - Silvio Berlusconi, Staatsmann, Macher, selbsternannter Retter Italiens, einer, der Sätze sagt wie: "Wir wünschen uns von Berlin eine weitblickende, solidarische und offene Europapolitik." Wir sagt er, aber wer ist wir? Wir Silvio Berlusconi? Wir AC Mailand, dessen Präsident er ist? Wir Italiener? Vermutlich eher: Wir, die künftige Regierung des Landes mit ihm selbst an der Spitze.

So jedenfalls liest sich sein jüngstes Interview. Geführt mit der "Bild-Zeitung". Es ist die Bestätigung vieler Andeutungen und - aus Sicht seiner zahllosen Kritiker in ganz Europa - schlimmster Befürchtungen: den vielmaligen Ex-Regierungschef zieht es zurück auf die politische Bühne - und zwar mit aller Macht.

Dabei ist es nicht einmal ein Jahr her, dass Berlusconi vom Amt des italienischen Ministerpräsidenten zurückgetreten ist. Oder zurückgetreten wurde. Damals, im November 2011, war seine Koalition am Ende. Einmal zu oft war der politische Lustgreis durch eine große Klappe bei gleichzeitigem Nichtstun aufgefallen. Und einmal zu oft hatte sich der 75-Jährige mit blutjungen Schönheiten amüsiert. Dem Cavaliere blieb nichts anderes übrig, als die Amtsgeschäfte jemand anderen zu überantworten.

Seitdem versucht sein Nachfolger Mario Monti das Land auf Vordermann zu bringen. Durchaus erfolgreich. Über ihn sagt Berlusconi: Dessen Stärke sei, die stärkste Unterstützung zu haben, über die je ein Premier verfügt habe. Das klingt nach etwas Anerkennung und viel Neid. Denn eigentlich wollte er ja "Reformen ermöglichen". So sagt es der Cavaliere - und zwischen den Zeilen ist ein selbstmitleidiges "man hat mich nur nicht gelassen" zu hören.

Berlusconi wird "oft und hartnäckig" gebeten

Dass sich der selbstbewusste Milliardär nicht einfach so mit seinem unrühmlichen Abgang zufrieden geben würde, hatte er - typisch Berlusconi - unmittelbar nach seinem Rücktritt durchblicken lassen. Damals kündigte er an, sich voll und ganz seiner Partei PdL widmen zu wollen. Also nichts von wegen Verdrossenheit und/oder Politrentner. Doch nach drei mehr oder weniger skandalgetränkten Amtszeiten hatten selbst Parteifreunde nicht mehr damit gerechnet, dass er je wiederkommen würde. Bis vor Kurzem. Vergangene Woche berichtete die Zeitung "Corriere della Sera", Berlusconi werde für den Posten des Regierungschefs kandidieren. Vor allem weil er so "oft und hartnäckig" darum gebeten werde, wie er "Bild" anvertraute.

Es ist sicher kein Zufall, dass er sich ausgerechnet mit Hilfe des Boulevardblatts zurückmeldet. Denn der nach eigener Aussage "erste westliche Politiker, der die Gefahr der Finanzkrise erkannt hat", will offenbar Wahlkampf gegen Deutschland machen. Und damit auch gegen Montis Expertenregierung, die letztlich nur den in Berlin ersonnenen übertrieben strengen Sparkurs umsetze. "Wir wünschen uns ein europäischeres Europa", sagt der 75-Jährige, und kein "deutscheres" Europa. Angesprochen dürften sich der schuldenmüde Italiener als solcher fühlen als auch Kanzlerin Angela Merkel. Denn aufgepasst: Mit Berlusconi ist die Krise kein Problem: "Wenn wir unseren Staatshaushalt wieder im Griff haben, ist das zum Großteil meiner Regierung zu verdanken."

Das Krise nimmt er nicht so gerne in den Mund

So kann man das mit viel Wohlwollen sehen. Es war tatsächlich seine letzte Amtshandlung, das Stabilitätsgesetz durchs Parlament zu bringen. Allerdings war es auch seine Regierung, die mit einer Spendierhosenpolitik das Land erst in die Bredouille brachte. Erst vor wenigen Tagen hatte die Ratingagentur Moody's die Bonität Italiens von A3 auf Baa2 runtergestuft. Damit liegt das Land nur zwei Stufen über dem sogenannten Ramschstatus, also bei dem der Besitzer einer römischen Staatsanleihe nicht darauf wetten sollte, sein an Italien verliehenes Geld jemals wiederzusehen. Von einer Krise will Berlusconi trotzdem nichts wissen. Stattdessen spricht er von psychologischen Faktoren, die das Drama erst produzierten. Seiner Ansicht nach ist es die Aufgabe von Regierungen, Optimismus und Vertrauen zu verbreiten.

Dass Berlusconi stets mit einem fröhlichen Pfeifen auf den - oft lächelnden - Lippen unterwegs ist, glaubt man ihn unbesehen. Glaubt man allerdings den Umfragen, dann hat seine Zuversicht nicht viel gebracht. 54 Prozent der Italiener glauben, dass der Medienunternehmer das Land zum Negativen verändert hat - nur 13 Prozent gehen vom Gegenteil aus.

Fragt man Berlusconi selbst, so gewährt er einen verräterischen Blick auf sein demokratisches Selbstverständnis. Ein Ministerpräsident habe eigentlich nichts zu sagen. Außer: "Leider ist Italien bis heute kaum regierbar: Der Regierungschef kann kein Dekret erlassen, das sofort wirksam wird."

Die Italiener wählen einfach nur schlecht

Leider - und das sei ebenfalls ein "Schlamassel" -, so die Klage des Cavaliere, wählten die Italiener einfach "schlecht". "Wir hatten 37,8 Prozent bei der letzten Wahl und mussten kleinere Parteien in das Bündnis einbeziehen. Leider denkt keine dieser kleinen Parteien an Land und Gemeinwohl. Es geht immer nur um die kleinen politischen Ambitionen ihrer kleinen politischen Anführer." Mit Kleinigkeiten, das muss man dem Mann lassen, gibt er sich tatsächlich nicht ab.

Vielleicht beendet er demnächst auch noch den Bürgerkrieg in Syrien. Zumindest werde er sich demnächst mit dem Führer des Landes treffen, das im UN-Sicherheitsrat weitreichende Sanktionen gegen das syrische Regime blockiert: mit Russlands Präsident Wladimir Putin. Privat, versteht sich. "Er sieht mich ein wenig als seinen großen Bruder. Wir sprechen über alles", sagt Berlusconi gewohnt unbescheiden. Vielleicht holt er sich beim Kremlchef Tipps, wie man "schlechte" Wähler von den Urnen fernhält.

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