Den Tibetern ist er menschgewordener Gott, im Westen gilt er als größte Sehnsuchtsleinwand für Sinnsucher. Eine Begegnung mit dem 14. Dalai Lama, der auszog, sein Land zu befreien und die Welt Weisheiten des Buddhismus lehrte.

Der Dalai Lama - immer für ein Scherzchen zu haben© Ullstein/AP
Der Gott ist älter geworden. Er ist auch nur ein Mensch. An seinem Gang kann man es sehen. Die Schalmeien röhren, die Tore sind geöffnet, Sarnath, Indien, wo einst Buddha lehrte. Das Volk steht auf, als der Gott in den Saal schreitet. Er geht vornübergebeugt. Das Volk legt die Hände zusammen, führt sie zum Kinn, vorn die roten Mönche, dann die Pilger, dann die Weltlichen. Die Köpfe senken sich nach unten, so verharren sie eine halbe Stunde, den Blick von unten heraus auf ihn gerichtet. Wenn man Ehrfurcht beschreiben will, dann so.
Wenn man einen großen Entertainer beschreiben will, dann so: Setzt sich auf seinen Thron auf der Bühne, harrt im Lotussitz, und während ein Begrüßungsredner eine halbe Stunde langweilt, wippt er da oben vor sich hin, meditiert und lächelt abwechselnd, während alles ehrfurchtsstarr auf ihn blickt, baut zwischendurch einen Kugelschreiber auseinander, schaut ins Röhrchen: eine Mine. Grinst. Spitzbübisch. Dann endlich bekommt er das Wort, nach fünf Minuten folgt vom Gott der erste Witz. Der Gott lacht. Alle lachen, sogar die Rotgewandeten. Ihr Gott, so sagen manche, hat den Mönchen erst das Lachen gelehrt.

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Er ist ein Glücksbringer, der 14. Dalai Lama, Gottkönig Tibets. Die Tibeter glauben, dass der Herr des unendlichen Mitgefühls in ihm wieder und wieder Mensch wird, um sein Volk zu Glück und Erlösung zu führen. Als Dalai Lama, was im Deutschen "Ozean der Weisheit" bedeutet, leitet er sie nicht nur auf dem Weg des Buddhismus, sondern regiert auch das Land: als Gott und König, der nie verloren geht, weil er nach dem Tod immer wieder geboren wird. Yeshe Norbu nennen sie ihn auch, das "wunscherfüllende Juwel". Wer besäße nicht gern ein solches Juwel?
Das Juwel spricht an diesem Tag im "Tibetan Center of Higher Education" in Sarnath über Tibet, China, Bildung, Fortschritt und Glaube. Wirbelt mit den Händen in der Luft, lacht, zwinkert, grollt. Großer Auftritt. Danach empfängt es Delegationen und Presse. Der Gott sitzt breitbeinig im Sessel, hat die Fäuste auf die Knie gestützt. Aus dem ärmellosen Gewand ragen einstmals kräftige Arme, der Nacken ist breit, wie bei einem alten Boxer. Gibt es etwas, was Sie bereuen im Leben, Eure Heiligkeit? Ein Grollen aus tiefer Kehle: "No, no", Tibetan-English, "alle großen Entscheidungen haben sich als richtig erwiesen." Dann blitzt etwas in seinen Augen, ironisch, und noch während er erzählt, ahnt man es: das befreiende Gewitter. "Nur eines bereue ich", Pause, "damals, in den 40ern und 50ern", Pause, "da hab ich mich mehr aufs Spielen als aufs Studieren konzentriert." Die Journalisten lachen, der Übersetzer lacht, der Mönch daneben lacht. Der Auftritt geht weiter. Nicht unbedingt gekünstelt. Eher ein Naturtalent, mit Zauberkraft gefunden.
Die Mönche hatten es fern der Wolken von Lhasa entdeckt. In Amdo, wo der Wind das Land leer gefegt hat zu endloser Steppe. Und war es nicht genau diese Richtung, die der 13. Dalai Lama, tot und einbalsamiert, ihnen als Weg zu seinem Nachfolger gewiesen hatte? Sein Leichnam war ein letztes Mal auf den Thron gesetzt worden, über Nacht hatte er den Kopf gedreht, dann, am Morgen, blickte er genau Richtung Nordost. Und hatte nicht auch Reting, der Regent, im Spiegel des Bergsees Lhamoi Latso ein Bild gesehen, ein Haus mit türkisfarbenen Ziegeln und sonderbarer Rinne? Glaub es oder glaub es nicht. In diesem Haus fanden sie das Kind, so heißt es. Lhamo Thöndup, den die Mutter am 6. Juli 1935 im Stall der Familie entbunden hatte, war die 14. Wiedergeburt des Dalai Lama.
Acht Männer trugen den Jungen auf einer vergoldeten Sänfte durch die Tore der heiligen Stadt, Erde-Hase Jahr, 8. Oktober 1939. Tausende standen stumm da, den Kopf geneigt, die Hände gefaltet, manche weinten. Ungern erzählt sich der Westen, dass es ziemlich gestunken haben dürfte seinerzeit in den Gassen von Lhasa, weil die Menschen darin offen ihre Notdurft verrichteten. Zu schön ist die Geschichte bis hierhin, die Geschichte vom Glück, das in die Welt kam. Und, so schreibt der Dalai Lama heute: "Schon vom Augenblick an, in dem der Mensch in diese Welt eintritt, sehnt er sich nach dem Glück."
Das Glück ist auch im Westen angekommen. 1,2 Millionen Mal haben es allein die Amerikaner gekauft in den Buchgeschäften, in der Variante "The Art of Happiness" vom 14. Dalai Lama. In 138 anderen Varianten kann man es im Internet beim Buchhändler amazon.de bestellen. "The world's No. 1 feel-good-guru" nennt ihn die "New York Times". 65 000 Menschen lauschten voriges Jahr den Worten des Dalai Lama im New Yorker Central Park, für seine Vorlesungen werden bis zu 3000 Dollar gezahlt pro Karte. Und in Übergröße strahlte er schon auf den Times Square hinab als Leuchtreklame.
Damals in Lhasa erfüllte der Junge sofort die Erwartungen, kannte im Norbulingka-Palast Räume wie aus früheren Leben, fand eine Schachtel, sagte, bevor er sie öffnete, "das sind meine Zähne", und drin lag tatsächlich das künstliche Gebiss des 13. Dalai Lama. So erzählt man sich's noch heute, auch im Westen. Autorin Mary Craig, Britin, aufgeklärtes Abendland, schreibt es mit einem Ausrufezeichen in ihrer Dalai-Lama-Biografie. "Der Mensch", schreibt der Dalai Lama, "braucht spirituelle Nahrung ebenso wie materielle." Von keinem nimmt der Westen sie so gern wie von ihm. Anno 2002, 198 Jahre nach Kant, pilgerten rund 10 000 nach Graz, um, geführt vom Dalai Lama, am Kalachakra-Ritual teilzunehmen, benannt nach einer vielarmigen Gottheit, um spirituelle Energie in sich aufzunehmen. Und bei einer Umfrage in Deutschland nach dem Weisesten der Welt nannte ein Drittel den Dalai Lama, Sieg der Magie.
Vielleicht war es auch schlicht die Ausbildung, die den Mensch zum Gott formte. Der Junge, auf den Mönchsnamen Tenzin Gyatso getauft, wurde hinter den Mauern der Paläste geschult. Im Potala dienten 175 Mönche allein der Aufgabe, den Dalai Lama zu lehren. Meditation, Achtsamkeit, religiöse Texte, die fünf Säulen buddhistischer Wissenschaft und unzählige Nebengänge. Und nicht, dass er ein eifriger Schüler gewesen wäre. Er zog lieber durch die Gänge, träumte, Gott des Mitgefühls, von Panzern, veranstaltete mit Mönchsdienern Schlachten.
Spielgefährte war nur sein älterer Bruder Lobsang. Keine Freunde, im Sommer im Norbulingka, im Winter unter den goldenen Dächern des Potala, wo es kalt und zugig war und Mäuse im kargen Zimmer raschelten. Doch ein Buddhist vernichtet kein Leben, lernte er. Der Junge war gelangweilt von alten Riten, aber gierig nach Neuem, Fremdem. Er begann, sich für Technik zu interessieren, baute Uhren und Spielzeug auseinander und meist auch wieder zusammen. Und durch ein altes Fernrohr blickte der Junge von oben auf sein Volk herab.
Die Welt unten war kein Paradies. Korrupt, machtgierig und unkeusch waren auch im Mönchsapparat einige. Es kam sogar zu einem Putschversuch gegen den Regenten, der den Dalai Lama vertrat. 200 Mönche starben. Und hinter dem Tod des unbeliebten Vaters des Dalai Lama vermuteten manche ein Mordkomplott. Vom Jungen wurde das meiste fern gehalten. Er widmete sich dem Studium. Begann, sich für den Westen zu interessieren, ließ sich von den Ausländern der Stadt in Audienzen von fernen Welten berichten, sah Wochenschauen, blätterte amerikanische Zeitschriften, lauschte BBC. Seine Neugierde würde die Westler noch später erstaunen.
Und die Tibeter verändern. Eben noch im Institut hat er erzählt, wie er am berühmten M.I.T. in Boston vor ausverkaufter Halle gesprochen hat. Und wie wichtig es sei, dass man den Buddhismus mit der Wissenschaft verbinde, Astronomie, Kernphysik, Neurophysiologie. "Wir brauchen Leute, die den Buddhismus international präsentieren können", hat er gesagt, im Lotussitz, mit nackten Armen. Die Mönche haben es andächtig gehört.
Damals versteckte sich das Volk hinter dem Wall des Himalaya vor negativen ausländischen Einflüssen, seit es 1913 die Unabhängigkeit erklärt hatte. In den 200 Jahren zuvor waren meist chinesische Soldaten in Tibet stationiert. Nun war der Kern von Tibet unabhängig - und isoliert. Dem Sturm, der aufzog, stand man ungeschützt gegenüber.
Die Monate vor dem Sturm waren eine Zeit von Zorn und Zeichen. Mütter warfen Monstren in die Welt, ein Komet zog durch die Nacht, die Erde schüttelte sich. Schreckliches naht, lasen die Tibeter daraus.