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"Mama Merkel macht Europa kaputt"

Daniel Cohn-Bendit, EU–Abgeordneter der Grünen, über seine europäische Identität, das Versagen Angela Merkels und die Vereinigten Staaten von Europa.

Würden Sie sich als Europäer bezeichnen?
Ja, selbstverständlich.

Was ist ein Europäer?
Heutzutage hat jeder eine ganze Palette von Identitäten. Man kann Mann oder Frau sein, hetero oder schwul. Man kann Hamburger oder Frankfurter oder aus Paris oder Rom sein, man kann aus einer bestimmten Region sein. Aus all dem speist sich die Identität. Man hat eine nationale Identifikation, die mobilisiert sich beim Fußball. Und dann ist man Europäer. Wenn man wissen will, was die europäische Identität ist, muss man nur nach China oder Amerika gehen. Wenn man zurückkommt, wo auch immer in Europa, sagt man: Hier bin ich wieder zu Hause.

Was ist der Europäer in Ihnen?
Dass ich eine Lebensvorstellung habe, die viele in Europa teilen. Dass ich das Gefühl habe, dieses Europa beschützt mich. Wenn ich nur Franzose oder Deutscher wäre, kriege ich Angstzustände, weil dies zu klein ist.

Das ist rein defensiv formuliert.
Nein, das ist positiv. Alles was ich denke, wie ich fühle: Was ist der Sozialstaat, was ist die Kultur - das ist alles ein Sammelsurium mit der Überschrift: europäische Identität.

Aber was sind Eigenschaften eines Europäers?
Beim Deutschen denkt man ja an Dinge wie ordnungsverliebt, pünktlich, et cetera. Doch das ist Unsinn, das ist doch Pippifax.

Wie ist das beim Europäer?
Das will ich nicht sagen, weil es einfach dümmlich ist. Man muss doch nicht eine dümmliche Antwort geben.

Wenn sie sagen, wir unterscheiden und von Chinesen oder Amerikanern, will man schon wissen: Worin?
Ganz einfach. In Europa ist es selbstverständlich, dass es eine Sozial- und Krankenversicherung gibt. In Amerika gibt es eine Auseinandersetzung über Krankenversicherung, wo die einen sagen: "Das ist Stalinismus." Das ist doch gaga. Wenn sie durch Amerika gehen, merken sie: Das ist eine durch und durch neoliberale Gesellschaft. Aber wir haben eine andere Vorstellung. Ich hab eine andere Vorstellung von Kultur.

Glauben Sie, dass die Europäer das teilen?
Es gibt nichts, was alle Leute teilen.

Wie viele Menschen sagen von sich, dass sie Europäer sind?
Weiß ich nicht. Immer diese Frage: Wer teilt alles.

Es geht nicht darum, alles zu teilen. Aber Sie brauchen eine große Zahl von Menschen, die ähnlich denken wie sie, die sagen: Ja, wir haben eine europäische Identität.
Wissen Sie, wenn ich 1933 in Deutschland gewesen wäre mit meinen Eltern, wäre es eine kleine Zahl, die das alles teilte, was ich gedacht hätte. Als Jude 1937 haben sie Pech gehabt in Deutschland, und trotzdem haben sich viele als Deutsche gefühlt. Aber die Mehrheit der Leute hat gesagt: Nein, du bist kein Deutscher.

Aber...
Nee, das ist nicht aber, das ist Realität. Immer damit zu kommen, was die Mehrheit der Menschen denken, ist eine Einbahnstraße.

Es ist gefährlich, ein so großes Projekt wie Europa an den Menschen vorbei zu machen.
Das ist ja was anderes.

Und meine Frage ist...
Sie können mit mir nicht so spielen.

Es ist kein Spiel.
Doch. Sie haben mich gefragt, wie ich mich fühle und jetzt fragen Sie mich: Teilt das die Mehrheit der Menschen? Und da sage ich: Nein. Aber wie ich mich in Deutschland fühle, teilt auch nicht die Mehrheit der Deutschen. Das will ich nur sagen

Ist verstanden.
Ich hab nicht gesagt, dieses Europa ist jetzt Allgemeingut. Das ist ein Kampf. Und wenn ich sehe, wie sich die deutsche Bundeskanzlerin verhält, sage ich: Sie will kein Europa. Sie weiß nicht, was das ist. Sie kommt aus Mecklenburg-Vorpommern und hat keine Ahnung. Und das Schlimme ist, dass sie dabei ist, dieses Europa kaputt zu machen. Das kann man machen. Die historische Verantwortung kann man übernehmen. Aber das wird teuer. Dann wird man die Klugscheißer sehen, wie sie jammern und 'Mama' sagen. 'Mama, warum hast du uns in die Irre geführt? Mama, warum hast du uns in dieses Schlamassel geführt?'

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Was steht auf dem Spiel?
Unsere Lebensweise. Wenn dieses Europa in 30 Jahren kaputt ist, wird es nichts mehr bedeuten. In 25 bis 30 Jahren wird kein europäischer Staat mehr Mitglied der G8-Staaten sein, nicht mal Deutschland. Das werden dann Mexiko sein, Indonesien, China, Indien, Brasilien, Russland. Wir mit unseren Vorstellungen, auch widersprüchlichen Vorstellungen, werden nur mit Europa existieren.

Um so mehr brauchen sie Europäer, die sich mit Europa verbunden fühlen.
Wissen Sie, wären Sie 1933 durch Deutschland gegangen, hätten die Leute gesagt: Die Zukunft mit Hitler ist wunderbar. Was wäre die Schlussfolgerung gewesen? Die Deutschen glauben, dass Hitler der Beste für sie ist. Und dann kam der Krieg. Dann kam die Barbarei. Und dann haben die gemerkt, dass sie am Arsch sind.

Ob die Analogie nun so...
Genau so kann ich durch einen Teil von Frankreich gehen, wo 30 bis 40 Prozent sagen: Jawohl, Marie Le Pen ist unsere Zukunft. Sie hat eine Vision, die lautet: Raus aus Europa. Es gibt viele Menschen, die so denken. Wenn wir nichts dagegensetzen, wenn wir nicht kämpfen, wird der Untergang teuer bezahlt werden.

In Deutschland mag die Euroskepsis derzeit groß sein, aber immerhin gibt es keinen Front National, keine Marie Le Pen.
Die Deutschen sind fest überzeugt: Unsere Wirtschaft ist sicher. Wenn Europa zusammenbricht, wohin wird Deutschland dann exportieren? Man sieht jetzt schon, dass die Italiener und Spanier nicht mehr importieren. Natürlich können sie sagen: Wir sind deutsch, wir sind Exportweltmeister. Aber in Wahrheit sind wir abhängig von Europa. Es gibt nur noch kein Bewusstsein darüber.

Wer sind die großen Köpfe, die dieses europäische Bewusstsein schaffen, die Menschen mitnehmen könnten?
Das sind Leute wie Habermas, Joschka Fischer, so jemand wie Monti. Helmut Schmidt. In der Bundesregierung keiner außer Schäuble. Nur Schäuble hat die Kraft, der Merkel zu sagen: Das geht nicht mehr so, was du hier machst. Und wenn Helmut Kohl sagt, die Kleine macht mein Europa kaputt, ist das nicht nur eine Floskel.

Was kann Angela Merkel konkret tun?
Sie muss sagen: Ich bin bereit, einen Schuldentilgungsfonds zu schaffen, damit Spanier und Italiener nicht von den Zinsen erwürgt werden.

Ginge es nicht auch mal um eine große Rede, eine andere Sprache? Die Bürger mitreißen?
Ja, aber Merkel hat von Europa keine Ahnung. Die war höchstens mal in Südtirol. Warum gibt es denn den Euro? Haben sich die Deutschen das mal gefragt? Es gibt den Euro, weil bei der Wiedervereinigung Francois Mitterand, der den Krieg noch miterlebt und Angst vor der Hegemonie Deutschland hatte, zu Helmut Kohl gesagt hat: Deutsche Einheit ist wunderbar, aber wir brauchen die Vertiefung Europas. Und dann haben sie politisch entschieden und nicht ökonomisch: Wir müssen eine gemeinsame Währung schaffen, das wird uns perspektivisch zusammen halten. Das sind Lernprozesse aus der Geschichte. Ich stelle fest: Angela Merkel weiß nicht, was historische Prozesse sind.

Sie ist eine neue Generation. Sie hat den Krieg nicht mehr miterlebt.
Merkel ist eine deutsche Souveränistin. Sie hat keinen europäischen Horizont. Wenn sie über Europa redet, sind das Sonntagsreden. Das hat ihr jemand aufgeschrieben. Das kommt nicht vom Herzen. Das ist nun mal so. Soll ich Ihnen mal sagen, wie so eine Sitzung verläuft?

Gern.
Da sitzen Rajoy, Monti, Hollande und Merkel zusammen. Monti beginnt mit seinen Argumenten. Dann geht es einmal um den Tisch. Dann noch mal, und nach dem zweiten Mal macht sie den Aktenordner zu und sagt: Jetzt ist vorbei.

Das wissen Sie?
Das weiß ich.

Aus guter Quelle?
Aus guter Quelle. Das ist unser Problem. Wissen Sie, Monti, der Mann ist ein Neoliberaler und der sagt: Hier, ich habe alles gemacht. Ich kann nicht sieben Prozent Zinsen zahlen. Lass uns über eine Absicherung reden - nein!

Sie sind richtig wütend.
Soll ich Ihnen sagen, woher meine Wut kommt? Die Merkel hat eine schwarze Pädagogik: Die Leute müssen für ihre Fehler bezahlen. Wie war das 1950? Da wurden den Deutschen alle Schulden storniert, selbst die Griechen haben mitgemacht. Das ist die Wahrheit. Die Deutschen hatten die griechische Nationalbank geplündert, um ihren Krieg zu bezahlen. Sie haben Juden ausgeplündert, Nationalbanken ausgeplündert, um ihren Krieg zu bezahlen. Und da stellt sich 70 Jahre später eine Deutsche hin und sagt: Man muss bis zum Ende bezahlen.

Das kann sie nicht einfach durchsetzen. Sie braucht Mehrheiten im Volk.
Glauben Sie, die griechische oder französische Bevölkerung hätte damals zugestimmt? Das waren Politiker. Hätte man die Bevölkerung gefragt, hätte es keinen Marshallplan gegeben.

Welche Vision haben Sie für Europa? Wollen Sie die Vereinigten Staaten von Europa?
Ja, eine föderale Union. Wir brauchen sie, um unsere sozialen Sicherungssysteme und unsere Freiheit zu verteidigen. Was ist der Nationalstaat heute denn noch? Er soll uns gegen Krieg verteidigen. Das kann kein Nationalstaat mehr, das geht gemeinsam oder gar nicht. Der Nationalstaat soll Grenzen organisieren, das können wir auch nur in Europa. Gesundheitssystem, Schulsystem - das können wir nur zusammen in Europa.

Und wie lange wird es dauern, bis die Völker zusammen wachsen?
Wie lange hat es gedauert, bis Bayern und Preußen sich mit etwas Gemeinsamem identifizieren konnten? Das war am Anfang nicht so. Wie lang hat es gedauert, bis Deutschland mehr zählte als Bayern oder Preußen? Man soll mir über den Nationalstaat keine Märchen erzählen. Jetzt hat die Epoche begonnen, da wir diesen Nationalstaat in ein föderales Europa überführen.>

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Jan Christoph Wiechmann

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