"Mama Merkel macht Europa kaputt"

29. August 2012, 14:16 Uhr

Daniel Cohn-Bendit, EU–Abgeordneter der Grünen, über seine europäische Identität, das Versagen Angela Merkels und die Vereinigten Staaten von Europa.

© Jan Christoph Wiechmann Daniel Cohn-Bendit, ist EU-Abgeordneter der Grünen. Zusammen mit dem späteren Außenminister Joschka Fischer war er in den 70er Jahren in der Frankfurter Sponti-Szene aktiv. Zuvor hatte er sich einen Namen als Studentensprecher in Paris gemacht. Der Deutsch-Franzose gilt als einer der prominentesten Befürworter Europas.>

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Würden Sie sich als Europäer bezeichnen?

Ja, selbstverständlich.

Was ist ein Europäer?

Heutzutage hat jeder eine ganze Palette von Identitäten. Man kann Mann oder Frau sein, hetero oder schwul. Man kann Hamburger oder Frankfurter oder aus Paris oder Rom sein, man kann aus einer bestimmten Region sein. Aus all dem speist sich die Identität. Man hat eine nationale Identifikation, die mobilisiert sich beim Fußball. Und dann ist man Europäer. Wenn man wissen will, was die europäische Identität ist, muss man nur nach China oder Amerika gehen. Wenn man zurückkommt, wo auch immer in Europa, sagt man: Hier bin ich wieder zu Hause.

Was ist der Europäer in Ihnen?

Dass ich eine Lebensvorstellung habe, die viele in Europa teilen. Dass ich das Gefühl habe, dieses Europa beschützt mich. Wenn ich nur Franzose oder Deutscher wäre, kriege ich Angstzustände, weil dies zu klein ist.

Das ist rein defensiv formuliert.

Nein, das ist positiv. Alles was ich denke, wie ich fühle: Was ist der Sozialstaat, was ist die Kultur - das ist alles ein Sammelsurium mit der Überschrift: europäische Identität.

Aber was sind Eigenschaften eines Europäers?

Beim Deutschen denkt man ja an Dinge wie ordnungsverliebt, pünktlich, et cetera. Doch das ist Unsinn, das ist doch Pippifax.

Wie ist das beim Europäer?

Das will ich nicht sagen, weil es einfach dümmlich ist. Man muss doch nicht eine dümmliche Antwort geben.

Wenn sie sagen, wir unterscheiden und von Chinesen oder Amerikanern, will man schon wissen: Worin?

Ganz einfach. In Europa ist es selbstverständlich, dass es eine Sozial- und Krankenversicherung gibt. In Amerika gibt es eine Auseinandersetzung über Krankenversicherung, wo die einen sagen: "Das ist Stalinismus." Das ist doch gaga. Wenn sie durch Amerika gehen, merken sie: Das ist eine durch und durch neoliberale Gesellschaft. Aber wir haben eine andere Vorstellung. Ich hab eine andere Vorstellung von Kultur.

Glauben Sie, dass die Europäer das teilen?

Es gibt nichts, was alle Leute teilen.

Wie viele Menschen sagen von sich, dass sie Europäer sind?

Weiß ich nicht. Immer diese Frage: Wer teilt alles.

Es geht nicht darum, alles zu teilen. Aber Sie brauchen eine große Zahl von Menschen, die ähnlich denken wie sie, die sagen: Ja, wir haben eine europäische Identität.

Wissen Sie, wenn ich 1933 in Deutschland gewesen wäre mit meinen Eltern, wäre es eine kleine Zahl, die das alles teilte, was ich gedacht hätte. Als Jude 1937 haben sie Pech gehabt in Deutschland, und trotzdem haben sich viele als Deutsche gefühlt. Aber die Mehrheit der Leute hat gesagt: Nein, du bist kein Deutscher.

Aber...

Nee, das ist nicht aber, das ist Realität. Immer damit zu kommen, was die Mehrheit der Menschen denken, ist eine Einbahnstraße.

Es ist gefährlich, ein so großes Projekt wie Europa an den Menschen vorbei zu machen.

Das ist ja was anderes.

Und meine Frage ist...

Sie können mit mir nicht so spielen.

Es ist kein Spiel.

Doch. Sie haben mich gefragt, wie ich mich fühle und jetzt fragen Sie mich: Teilt das die Mehrheit der Menschen? Und da sage ich: Nein. Aber wie ich mich in Deutschland fühle, teilt auch nicht die Mehrheit der Deutschen. Das will ich nur sagen

Ist verstanden.

Ich hab nicht gesagt, dieses Europa ist jetzt Allgemeingut. Das ist ein Kampf. Und wenn ich sehe, wie sich die deutsche Bundeskanzlerin verhält, sage ich: Sie will kein Europa. Sie weiß nicht, was das ist. Sie kommt aus Mecklenburg-Vorpommern und hat keine Ahnung. Und das Schlimme ist, dass sie dabei ist, dieses Europa kaputt zu machen. Das kann man machen. Die historische Verantwortung kann man übernehmen. Aber das wird teuer. Dann wird man die Klugscheißer sehen, wie sie jammern und 'Mama' sagen. 'Mama, warum hast du uns in die Irre geführt? Mama, warum hast du uns in dieses Schlamassel geführt?'

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