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15. Juli 2008, 10:58 Uhr

Auf Rachefeldzug mit Rebellen

Der sudanische Staatschef ist wegen Völkermords angeklagt. Seine Armee und ihre verbündeten Reitermilizen ziehen seit Jahren marodierend durchs Land. Mohammed steht auf der anderen Seite, Regierungstruppen haben seine Familie abgeschlachtet. Unterwegs mit einem Rebellen auf Rachefeldzug. Von Carsten Stormer, Darfur

Die Rebellen der "Sudanese Liberation Army" (SLA) auf Patrouille in Nord-Darfur© Carsten Stormer

Am liebsten würde er sie alle abknallen. Männer, Frauen, Kinder. So wie sie es getan haben. Egal. Hauptsache Rache nehmen. An den Arabern und deren Reitermilizen, sagt er und fährt sich mit Daumen und Zeigefinger über den Flaum an seiner Oberlippe. Weil sie ihm alles genommen haben, was er einst geliebt hat. Die Eltern ermordet, die Schwester vergewaltigt und sein Dorf niedergebrannt - seine Zukunft. Einige habe er schon erwischt, sagt er. Doch das reicht ihm nicht. "Nie werde ich verzeihen, nie vergessen können", sagt der Mann, dessen Körper mit Hijabs behangen ist, dunklen Lederbeuteln, in die Koranverse eingenäht sind. "Sie schützen mich vor den Kugeln meiner Feinde. Sie machen mich unbesiegbar."

Mohammed erzählt wie jemand, der sein Schicksal angenommen hat. Die Stimme kräftig, die Augen glasig. Seine Hände kneten die Finger, bis die Knöchel weiß unter der dunklen Haut hervortreten. Immer wieder kehrt Mohammed an den Ort zurück, der seinem Gesicht die Farbe und seinen Augen den Glanz nimmt. Er sitzt auf einer Hügelkuppe, um ihn herum ausgebrannte Ruinen. Der Wind rüttelt an ausgefransten Vorhängen. Vor ihm liegen die mumifizierten Überreste von elf Menschen. Zerfallene Körper, an denen die Kleider in Fetzen hängen. Es riecht süßlich nach Tod und Verwesung. Seine Hände streicheln über den Wüstenboden. In seinem Blick liegt etwas Entrücktes, als befände er sich in unerreichbarer Ferne. Unten im Tal liegt das zerstörte Dorf Farawija, sein Dorf. "Wer nicht schnell genug laufen konnte, den haben sie erschossen", sagt Mohammed Idris und fährt sich mit Daumen und Zeigefinger über den Flaum an seiner Oberlippe.

Töten. "Darin bin ich gut"

Er zuckt zusammen, als wäre er gerade aus einem Traum erwacht. Ein junger Mann. Weißer Turban, verspiegelte Sonnenbrille, Plastiksandalen. Gerade neunzehn Jahre alt, beseelt von einem einzigen brennenden Gedanken: Töten. "Darin bin ich gut", sagt er und grinst makellos weiße Zähne frei.

Mohammed Idris gehört zum Stamm der Zhagava. Ein Volk von Nomaden, Bauern und Viehhirten. Schwarzafrikaner. Durch Darfur verläuft die imaginäre Grenze, wo das arabische Afrika an das schwarzafrikanische stößt. Hier prallen verschiedene Kulturen, Traditionen und Rituale aufeinander. Jahrhundertelang hielten Araber Schwarze als Sklaven. So wie Mohammeds Vorfahren. Der Krieg in Darfur ist ein ethnischer. Längst geht es nicht mehr nur um Freiheit und Gleichberechtigung, sondern um Macht und Lebensraum. Auf beiden Seiten. Uralte Kämpfe zwischen den Rassen, bis heute in den Köpfen der Menschen festgebrannt. Ein rechtsfreies Vakuum, in dem Menschenrechte mit Füßen getreten werden und Moslems Moslems umbringen.

Was aus ihm wird, sei ihm gleichgültig, sagt Mohammed als er den Hügel hinunterstolpert. "Sollen sie mich doch töten. Ich habe nichts zu verlieren", sagt er. Denn er habe nichts, wofür es sich zu leben lohne. Keine Zukunft, keine Gegenwart, nur seine Vergangenheit. Mohammed Idris ist Rebell der Sudanese Liberation Army (SLA) in Darfur. Wie die meisten Männer aus seiner Heimat im Nordwesten des Sudan, dem flächenmäßig größten Land Afrikas. Einige haben sich dem Kampf angeschlossen, um für die Freiheit und gegen die Unterdrückung der arabischstämmigen Regierung zu kämpfen. Andere, weil sie die Schmach nicht ertragen wollten aus ihrem eigenen Land vertrieben zu werden, um in den Flüchtlingslagern im benachbarten Tschad zu vegetieren. Und manche wollen nichts weiter als Rache nehmen für das, was ihnen angetan wurde. So wie Mohammed Idris.

Es ist ein ungleicher Kampf, der da in Darfur geführt wird. Die Rebellen wehren sich mit alten Maschinengewehren, rostigen Panzerfäusten und Kamelen gegen Raketenwerfer, Hubschrauber und Jagdbomber der sudanesischen Regierung und ihren Verbündeten. Den Jenjaweed, die gefürchteten arabischen Reitermilizen. Mehr als 300.000 Tote hat der Konflikt bereits gefordert, zwei Millionen befinden sich auf der Flucht. Im Augenblick herrscht ein brüchiger Waffenstillstand, der von beiden Seiten immer wieder gebrochen wird. Eine Tragödie im toten Winkel der Informationsgesellschaft.

"Hier starben meine Freunde. Und meine Seele"

"Hier habe ich meine Familie beerdigt. Hier starben meine Freunde. Und meine Seele", sagt Mohammed als er Farawija erreicht. Er nennt diesen Platz Tatort, als wenn hier ein Verbrechen geschehen wäre, das keiner aufgeklärt hat. Oder aufklären will. Seine Stimme bricht. Hätte ich meine Familie retten können? Habe ich etwas falsch gemacht? Dabei war er doch nur Brennholz suchen, in den umliegenden Hügeln.

Es ist später Nachmittag. Die Sonne kriecht langsam hinter die Mauer der Berge. Ein blutroter Feuerball taucht die Wüste in rosafarbenes Licht. Postkartenidylle, wenn die Nacht an den Tag stößt. Für Mohammed ist dies die schönste Zeit des Tages. "In diesem Licht wird mein Land rein gewaschen", sagt er. Sein Körper erschaudert, als wollte er eine lästige Fliege verscheuchen. Dann beginnt er seine Geschichte.

Die Mörder kamen am Morgen. Mohammed packte gerade Holzscheite auf einen Haufen, irgendwo außerhalb des Dorfes. Dort, wo er immer Holz suchte. Ein unbeschwerter junger Mann, der Jura studieren wollte und davon träumte, einmal ein schönes Mädchen aus seinem Dorf zu heiraten. Er hatte zwar von den Massakern an seinem Volk gehört, doch der Krieg schien weit entfernt. Warum sollte er auch nach Farawija kommen? Sie waren Viehhirten und Bauern. Bei ihnen gab es nichts zu holen, außer ein paar Ziegen und Kamele. Nichts, wofür es sich zu kämpfen lohnen würde. Wenig später hörte er das Brummen der Flugzeuge am Himmel und kurz darauf die Explosionen. Sah Rauch aufsteigen. Dort, wo sich sein Dorf befand. Instinktiv ließ er das Holz fallen und rannte in Richtung der Schüsse und Schreie, die dumpf über die Wüste hallten. Panik schnürte seinen Hals zu. Sein Herz raste wie ein Presslufthammer. Eine Stunde rannte er ohne Pause, bis er das brennende Dorf erreichte. Über Farawija lag Stille und der Rauch brennender Häuser. Das Dorf hatte aufgehört zu existieren. Ausgelöscht. Zwischen den Rundhütten stapelten sich die Leichen. Frauen, Kinder, und Greise. Tote, die nicht mehr wie Menschen aussahen. Selbst das Vieh wurde abgeknallt. Die Hütten niedergebrannt. Zwischen den Ruinen saßen Überlebende und blickten apathisch auf das Ausmaß des Terrors. "Allah, lass sie leben", flehte er in Gedanken, als er auf sein Elternhaus zurannte.

Der Konflikt Der seit 2003 wütende Bürgerkrieg in der westsudanesischen Krisenregion Darfur nimmt laut internationalen Beobachtern immer deutlicher Züge eines systematischen Völkermords an. Gemeinsam mit regulären Armee-Einheiten sollen arabische Reitermilizen - ausgerüstet und finanziert von der Zentralregierung in Khartum - in den westlichen Landesteilen mindestens 70.000 Angehörige der schwarzen Bevölkerungsmehrheit gezielt getötet haben. Die Opferzahl in Darfur liegt Schätzungen zufolge zwischen 200.000 und 300.000. Die Ursachen des Darfur-Konflikts sind sowohl politischer als auch wirtschaftlicher Art. Seit Jahren fordern die "Sudanesische Befreiungsbewegung" (SLM) und die "Bewegung für Gerechtigkeit und Gleichheit" (JEM) mehr Mitspracherechte für die mehrheitlich schwarze Zivilbevölkerung in der Grenzprovinz, die etwa so groß wie Frankreich ist. Zugleich wollen die Aufständischen ihre Kontrolle über die Erdölfelder im Süden Darfurs ausweiten.

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