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Ein Denkmal für Draghi

Am Ende raufen sich die Europäer dann doch zusammen. Warum die Eurokrise vorbei, das Vertrauen in den Kontinent zurückgekehrt ist und die Währung kräftige Muskeln bekommen hat.

Von Andreas Hoffmann

  Der Präsident der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi, half mit einem Bluff, die Eurokrise zu beenden

Der Präsident der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi, half mit einem Bluff, die Eurokrise zu beenden

Psst. Ich verrate ihnen ein Geheimnis: Die Eurokrise ist vorbei.

Glauben Sie nicht? Wo alle sagen, wir seien nicht überm Berg. Die Griechen müssten sich anstrengen, die Portugiesen, die Iren, die Spanier, die Italiener, ja die Franzosen. Ständig leiern es die Experten herunter, selbst die Kanzlerin und ihr Finanzminister stimmen mit ein. Und diese Partei namens "Alternative für Deutschland" mitsamt ihren Professoren. Sie warnt, mahnt und zetert. Das dicke Ende komme noch.

So geht das seit Jahren: Mal sollte der Kapitalismus zusammenbrechen, mal die Inflation die Vermögen auffressen, mal der Euro ganz Europa zerstören. Nichts davon trat ein. An den Börsen ist der Euro mehr wert denn je, der Kapitalismus ist putzmunter, die Inflation so niedrig, dass manchen die Preise fast zu stark fallen.

Angst fördert Auflage

Dass Fachleute und Politiker weiter mahnen, hat einen ganz anderen Grund. Die Krisenmaschinerie nützt ihnen. Die Experten möchten ihre Bücher verkaufen, Angst fördert Auflage. Diese angebliche "Alternative für Deutschland", eine Schar graugesichtiger Herren, die vom 19. Jahrhundert träumt, lebt von der Euro-Angst. Sie war der Geburtshelfer der Partei; ohne Krise fehlt ihr die Daseinsberechtigung. Die Motive von Angela Merkel und Wolfgang Schäuble? Sie wollen den Rest von Europa eindeutschen. Der Kontinent soll disziplinierter, reformbereiter und wettbewerbsfähiger sein. Es geht um die Macht. Um Merkels Macht.

Doch alle Rituale ändern nichts an der Tatsache: Die Eurokrise ist vorbei.

Ja, ja, ich weiß schon. Der stern wieder. Können die in Hamburg nicht rechnen? Italien, Griechenland, Portugal drücken hohe Schulden; geht es nicht erst wieder nach oben, wenn die unten sind?

Hohe Schulden hemmen Wachstum nicht

Unsinn. Die Japaner haben einen höheren Schuldenberg als Griechenland, selbst gemessen an ihrer größeren Wirtschaftskraft, und sie wuchsen stärker als jedes Land der Eurozone. Ähnlich ist es mit den USA. Sie haben auch mehr Schulden als die Eurozone und wuchsen trotzdem kräftiger. Hohe Schulden hemmen das Wirtschaftswachstum nicht, auch wenn die Lehrbücher das behaupten. Die Realität folgt selten der ökonomischen Theorie. Endscheidend waren auch gar nicht die Schulden.

Wie bitte? Dieser verfluchte Euro hat uns doch reingeritten, verführte die Griechen und alle anderen. Wie Süchtige haben sie sich Darlehen gefixt, keiner dachte an das Morgen, aber wir Deutsche sollten zahlen.

Der Euro war kein Schuldenmotor

Falsch. Der Euro hat die Staaten nicht zum Schuldenmachen verführt. In Irland beispielsweise ist nach der Euro-Einführung der Schuldenberg gesunken. Das zeigt eine Zahl, das Verhältnis von Schulden und dem, was ein Land erwirtschaftet, also dem Bruttoinlandsprodukt. Von 2002 bis 2007, den ersten fünf Jahren des Euros, sank diese Schuldenstandsquote in Irland von 31,8 Prozent auf 24,7 Prozent und in Spanien von 52,6 Prozent auf 36,3 Prozent. Selbst die Griechen waren keine Kreditjunkies; ihre Quote stieg in der Zeit zwar um sechs Prozentpunkte, in Deutschland aber kletterte die Quote ähnlich stark.

Nein, der Euro war kein Schuldenmotor. Die Schulden wuchsen erst, als die Finanzkrise ausbrach und das Ver-trauen zerbrach. Warum?

Weil Vertrauen der Klebstoff des Finanzsystems ist. Ohne Vertrauen bekommen die Banken kein Geld, weil ihnen keiner seine Euros überlässt. Ohne Vertrauen bekommen auch die Länder kein Geld, weil ihnen keiner die Staatsanleihen abnimmt. Unseren Lebensstandard bezahlt die Welt. Kaum ein Staat kann sich nur über Steuern finanzieren, fast jeder muss Kredite aufnehmen. Dazu verkauft er Staatsanleihen. Er sagt den Investoren: Gibst Du mir etwas Geld, dann zahle ich es Dir in fünf oder zehn Jahren zurück. Jedes Jahr bekommst du einen hübschen Zinsgewinn.

Die Europäer richteten Chaos an

Jahrelang lief das Geschäft gut, bis die Investmentbank Lehman Brothers 2008 schlapp machte und die Welt erstarrte. Die internationalen Geldgeber waren verunsichert. Sie schauten in ihre Bücher. Wem haben wir Geld geliehen? Sind die Geschäfte noch sicher? Sie entdeckten in Irland, dass die dortigen Banken ein großes Rad gedreht hatten. Banken und Staat waren auf der grünen Insel eng verwoben, und so trauten die Anleger dem Staat auch bald nicht mehr. Irische Staatspapiere wurden zu Schmuddelkindern.

Ähnliches geschah in Griechenland. Deren Banken hatten sich zwar an den faulen Geschäften der Wall-Street nicht beteiligt, aber ihre Politiker hatten geschummelt. Sie hatten viel mehr Schulden angehäuft, als sie öffentlich angegeben hatten. Fast ein halbes Jahr forschten sie, wie viele Kredite es tatsächlich waren. Was treiben diese Griechen, fragten sich die internationalen Geldgeber. Was machen die Europäer?

Die Europäer? Sie richteten Chaos an. Mal wollten sie helfen, mal wollte sie die Griechen aus der Eurozone rausschmeißen, das Hin- und Her machte alle verrückt. Besonders wackelten Angela Merkel und Wolfgang Schäuble, und die Finanzwelt grübelte: Wenn die Deutschen nicht mehr an den Euro glauben, wieso sollen wir es tun? Weitere europäische Staatsanleihen verwandelten sich nun in Schmuddelkinder, nur deutsche und französische Papiere fanden Freunde.

Unsere Währung galt als Zombie

Es kam noch schlimmer. Angela Merkel und Nicolas Sarkozy wollten helfen. Im Herbst 2010 sagten sie: Wir erlassen den Griechen teilweise die Schulden, dafür müssen die Gläubiger bluten. Das wird Europa aus der Krise führen. Von wegen. Die Krise beschleunigte sich. Der Schuldenschnitt für griechische Staatsanleihen halbierte zwar über Nacht den Wert der Papiere, half aber dem Land nicht; die Schuldenstandsquote blieb so hoch wie vorher. Dafür wussten die internationalen Geldgeber mit Gewissheit: Wir verlieren Geld in Europa. Zuerst nur in dem kleinen Griechenland, aber was droht in Irland, Portugal, Spanien, Italien? HILFE. RAUS AUS EUROPA.

Ziemlich fertig waren wir Europäer in den Jahren 2011 und 2012. Keiner traute uns mehr über den Weg, unsere Währung galt als Zombie. Ein lebender Leichnam, dessen endgültigen Tod die Firmen bereits einplanten. Bis ein Mann im Juni 2012 in London redete. Mario Draghi, der Chef der Europäischen Zentralbank (EZB). "Alles nötige" werde er tun, um den Euro zu retten, sagte er. Notfalls werde die Notenbank unbegrenzt Staatsanleihen von Krisenstaaten kaufen.

Draghi musste seine Worte nie einlösen

In Deutschland kamen Draghis Worte gar nicht gut an. Dieser unglückselige Italiener. Der verscherbelt unser Vermögen, wenn die EZB ungebremst Geld verteilt. Die Geldgeber im Rest der Welt aber sagten sich: Hey, da ist jemand, der einspringt, wenn's brennt. Der zahlt mir mein Geld zurück, ich muss mir keine Sorgen machen, kann meine Anleihen liegen lassen oder sogar neue kaufen.

Das Beste an Draghis Worten war: Er musste sie nie einlösen. Seit jenem Juni vor bald zwei Jahren hat die EZB keine einzige Staatsanleihe gekauft. Draghi hat geblufft. So wie Angela Merkel und Peer Steinbrück im Jahr 2008 geblufft haben. Sie wollten nach der Lehman-Pleite eine Massenpanik verhindern und versprachen: Der Staat garantiert alle Sparguthaben in Deutschland. Niemals hätte der Staat alle Sparer auszahlen können. Woher hätte er auf einen Schlag mehr als vier Billionen Euro nehmen sollen?

Aber der Bluff wirkte. So wie Draghis Bluff wirkte. Bis heute haben ihn viele nicht durchschaut. Die AfD wettert gegen das Anleihekaufprogramm der EZB, viele Ökonomen ebenfalls. Monatelang befasste sich das Bundesverfassungsgericht damit, bis es den Fall dem Europäischen Gerichtshof überließ, und die CSU fordert in ihrem Europawahlprogramm, das "Ankaufprogramm unverzüglich einzustellen". Nur, wie gesagt, die EZB hat seit jenem Herbst 2012 keine einzige Staatsanleihe von Krisenstaaten gekauft. Draghi schuf die perfekte Rettungskulisse. Alle glauben daran.

Wir stehen in der Not zusammen

Mit Fakten haben Finanzmärkte wenig zu tun, mit Psychologie viel. Anleger kaufen oder verkaufen, wenn andere Anleger kaufen oder verkaufen. Es geht ums Gefühl. Draghi bediente das Gefühl. Kapital, das Europa mied, kehrte zurück, Staatsanleihen fanden wieder Käufer, langsam entwanden sich die Länder der Krise. Irland und Portugal bekamen Hilfen, die Spanier Geld für ihre Banken; selbst als Zypern abstürzte, fand sich eine Lösung. Nach vielen Irrwegen bewiesen die Europäer endlich: Wir stehen in der Not zusammen.

Längst bekommen alle Krisenländer wieder Geld von den weltweiten Investoren, selbst Griechenland. Ja, das Land erwirtschaftete im vergangenen Jahr erstmals einen Primärüberschuss: Der Staat nahm mehr Geld ein als er ausgab - zieht man die Zinszahlungen und Bankhilfen ab. Das schaffte Athen in den letzten zehn Jahren nicht.

Natürlich lebt Europa nicht im Paradies, besonders im Süden spüren die Menschen die Krise weiter. Viele ha-ben keinen Job, vor allem Jugendliche; in Griechenland fehlen Kranken die Medikamente, Armen die Stütze und vielen Menschen die Hoffnung. Ob noch Banken Pleite gehen, weiß keiner, und welche Folgen das hat erst recht nicht.

Der Euro ist zu stark geworden

Das ändert aber nichts daran, dass die Krise im Kern besiegt ist. Die Europäer haben gezeigt, dass sie sich am Ende zusammenraufen. Die Welt vertraut dem Kontinent wieder, die Geldgeber kaufen Euros und Staatsanleihen. Kräftige Muskeln hat die gemeinsame Währung bekommen, so kräftige dass die Exportfirmen klagen. Wir können nicht mehr genug nach China oder USA verkaufen. Der Euro ist zu stark geworden.

Dass die Krise überwunden ist, verdanken wir vor allem der Europäischen Zentralbank. Mario Draghi hat den Euro und die Vermögen der Deutschen gerettet - mit einem Bluff. Er sollte ein Denkmal bekommen. Aber Pssst.

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