Lange haben sie ihn gejagt, und es war eine peinliche Reihe von Fehlschlägen - bis zur Aktion in Abbottabad. Wie die USA bin Laden töteten. Chronologie eines Racheakts. Von Sabine Muscat, Washington

Nach über zehn Jahren Suche ist die Freude über die Nachricht von Osamas Tod in den USA groß© Andrew Gomert/DPA
Wie Raubvögel senken sich die Hubschrauber aus dem Nichts der Nacht über der pakistanischen Stadt Abbottabad. Mit dröhnenden Motoren nehmen die Maschinen von Typ MH-60 Black Hawk Kurs auf ihr Ziel: ein dreistöckiges Gebäude in der Kakul Road im Villenviertel Thanda Choha, verschanzt hinter fünf Meter hohen Mauern mit Stacheldraht. "Ich hörte ein Donnern, gefolgt von schwerem Geschützfeuer. Dann haben die Schüsse plötzlich aufgehört", beschreibt der Anwohner Mohammad Haroon Rasheed gegenüber Reuters. "Danach war wieder Donner zu hören und schließlich eine große Explosion." Andere Nachbarn sehen, wie die Black Hawks im Staub landen, wie Männer aussteigen, die das Haus umstellen. Nach 45 Minuten ist es wieder still in der Stadt. Totenstill.
Es ist das Ende eines lange geplanten Geheimkommandos gegen Amerikas Staatsfeind Nummer eins. In der Nacht zum 1. Mai erschossen amerikanische Elitesoldaten im pakistanischen Abbottabad den meistgesuchten Terroristen aller Zeiten, Osama bin Laden, den Drahtzieher der Anschläge auf das World Trade Center vom 11. September 2001. Gegen ein Uhr am Morgen drangen die Soldaten in den Gebäudekomplex ein und töteten den Topterroristen durch zwei Schüsse in den Kopf.
In Abbottabad war es schon wieder hell, als am anderen Ende der Welt US-Präsident Barack Obama im nächtlichen Washington vor die Kameras trat. "Der Tod von bin Laden markiert die bisher bedeutendste Errungenschaft im Kampf unserer Nation gegen al Kaida", sagte er. "Heute Nacht haben wir einmal mehr daran erinnert, dass Amerika alles schaffen kann, was es anstrebt." Für den Präsidenten ist dieser Moment einer seiner größten Erfolge, für die Nation ist es eine Erlösung.
Die Jagd auf Osama bin Laden war für die USA eine peinliche Serie von Fehlschlägen. Seit mehr als einem Jahrzehnt haben amerikanische Geheimdienste und Spezialkräfte versucht, den Terrorfürsten mit gezielten Anschlägen zu stoppen. Bereits der damalige US-Präsident Bill Clinton gab 1998 die erste Freigabe, bin Laden notfalls zu töten, doch Raketenangriffe in Afghanistan und im Sudan verfehlten ihr Ziel. Spätestens seit den Attacken auf das World Trade Center und das Pentagon war bin Laden dann Staatsfeind Nummer eins.
US-Präsident George W. Bush wollte ihn "tot oder lebendig". Die mächtigste Nation der Welt setzte ein Kopfgeld von 50 Mio. Dollar aus, schickte Spezialeinheiten in die unwegsamsten Gegenden. Ohne Erfolg. Immer wieder entwischte bin Laden seinen Häschern. Sogar als amerikanische Spezialeinheiten den afghanischen Höhlenkomplex Tora Bora nahe der pakistanischen Grenze eroberten. bin Laden konnte ins bergige Nirgendwo entwischen - eine peinliche Niederlage für die Weltmacht.
Lange hatten die USA den Al-Kaida-Führer danach in der unzugänglichen Region vermutet, wo die Grenze zwischen Afghanistan und Pakistan verschwimmt. In dieser Region haben paschtunische Stammesführer und islamistische Fanatiker mehr zu sagen als die Regierungen in Kabul oder Islamabad. In der Grenzstadt Peshawar verscherbeln die Händler im Zentrum Kalaschnikows, am Stadtrand bauen sich die Drogenhändler große Villen. Doch bin Laden blieb unsichtbar, ein verhasstes Phantom, nie kamen ihm die Amerikaner nahe genug. Dann kam die Wende.
Die heiße Spur finden die Jäger bereits vor etwa vier Jahren, ohne es damals zu wissen. CIA-Agenten werden auf einen Kurier des Terrornetzwerks aufmerksam. Name und Auftrag des Mannes müssen sie mühsam herausfinden. Erst nach zwei Jahren können sie die Gegend einkreisen, in der der Mann und sein Bruder leben. Mehr und mehr sind sich die Ermittler sicher, eine Verbindung zur Spitze des Terrornetzwerks gefunden zu haben: Wer sich so gut tarnt, muss etwas zu verbergen haben.
Im vergangenen August dann spüren die Terrorfahnder die Residenz auf, die die Brüder bereits im Jahr 2005 am Stadtrand von Abbottabad gebaut haben. Ein Volltreffer. "Als wir den Komplex sahen, waren wir schockiert", berichtet ein ranghoher Regierungsbeamter. Der Gebäudekomplex am staubigen Ende der Kakul Road ähnelt einer Festung. Die Anlage ist achtmal so groß wie die Gebäude in der Nachbarschaft, etwa 1 Mio. Dollar soll sie wert sein. Fünf Meter hohe Mauern sind mit Stacheldraht gesichert, dazu gibt es mehrere Innenmauern und Sicherheitsschleusen. Fenster an den Außenwänden gibt es kaum. Es dringt eh wenig nach draußen: Die Bewohner sind diskret, sie verbrennen ihren Müll und benutzen weder Internet noch Telefone.
Gefunden in ... ... dem Online-Auftritt der Financial Times Deutschland.