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Wie Obama seine Magie verlor

Barack Obama kommt nach Berlin. Dort wird er eine Rede halten, es soll eine große Rede werden. Natürlich. Mit Worten muss er sich die Autorität zurückholen, die er mit seinen Taten untergräbt.

Von Martin Knobbe

  Im Kreise seiner Familie fühlt sich Obama am Wohlsten. Empfänge, politische Termine und Menschenmengen sind nicht seine Sache - keine gute Vorrausetzung für einen Präsidenten.

Im Kreise seiner Familie fühlt sich Obama am Wohlsten. Empfänge, politische Termine und Menschenmengen sind nicht seine Sache - keine gute Vorrausetzung für einen Präsidenten.

  • Martin Knobbe

Als er 2008 vor der Siegessäule in Berlin dazu einlud, gemeinsam die Welt zu erneuern, da hingen wir Deutschen an seinen Lippen. Er war unsere Hoffnung auf ein Amerika, in das man wieder gern reist, nach den düsteren Jahren von Bush, nach Abu Ghraib und den nackten Gefangenen.

Wir trauten Obama zu, Terrorismus anders zu bekämpfen als mit Soldaten, und wir vertrauten ihm, dass er seinem Land endlich den Klimawandel erklärt. Es war sein Versprechen in Berlin, 200.000 Jubelnde waren seine Zeugen. Wenn Obama nun wieder die deutsche Hauptstadt besucht, dann kehrt er als einer zurück, der dieses Versprechen gebrochen hat.

Die Geschichte einer Entfremdung

Seine Reden fesseln immer noch, er ist ja ein rhetorischer Verführer. Er regt Menschen mit einer großartigen Idee an, dann aber kommt es vor, und das ist das Irritierende an diesem Präsidenten, dass er leise geht und plötzlich ganz verschwunden ist. Nach knapp viereinhalb Jahren stellt man fest, wie wenig doch seine Worte mit seinen Taten zu tun haben. Dieses Gefühl hat einen schon länger beschlichen, nun wird es, auch im Licht des jüngsten Abhörskandals, immer stärker. Es folgt die Geschichte einer Entfremdung, die von uns Deutschen von unserer Sehnsuchtsfigur Obama.

Man konnte es vor wenigen Wochen wieder erleben. Der amerikanische Präsident stand in einer Universität am Pult, hinter ihm acht amerikanische Flaggen. Er sprach flüssig und frei, und sah dann kurz in die Ferne, wie immer, wenn er eine bedeutende Rede hält.

Es ging um Amerika und seine Sicherheit, um al Kaida und die Drohnen. Amerika müsse diesen Kampf neu definieren, sonst definiere er Amerika, sagte der Präsident. Ein typischer Obama-Satz war das, so simpel wie klug. Er erzählte, wie sehr er die zivilen Opfer der Drohneneinsätze bedauere und dass sie ihn in Gedanken ein Leben lang verfolgen werden. Es sei nun an der Zeit, das eigene Handeln zu disziplinieren.

In 6000 Worten die Welt neu ordnen

Da war er also wieder, Obama, der Präsidiale, Obama, der Prediger, so wie wir Deutschen ihn lieben gelernt hatten. Als einen, der es vermag, die Welt in 6000 Worten neu zu ordnen. Der allen, ob rechts oder links, für eine halbe Stunde das Gefühl gibt, ganz seiner Meinung zu sein. Das ist die eine Seite. Die andere: Barack Obama hat über vier Jahre lang einen Drohnenkrieg geführt, mit geschätzten 4700 Toten, nicht alle waren Terroristen, manche waren Kinder. Es gab keine Prozesse und keine Richter, es war der Präsident, der das Todesurteil sprach. Nun also soll dieser Krieg ganz anders werden, transparent, kontrolliert, durchdacht. Warum erst jetzt? Was kann man Obama noch glauben? "Ich renne gegen den Barack Obama von 2008 an", hat er selbst einmal gesagt.

Für den Obama von 2013 läuft es gerade nicht gut, seit Monaten schon nicht. Es gelingt dem wiedergewählten Präsidenten nicht, seine Themen durchzusetzen, er kommt nicht dazu, zu regieren. Und wenn er es versucht, scheitert er allzu oft.

Mitte April steht er im Rosengarten des Weißen Hauses, neben ihm, mit einer roten Blumenbrosche am Jackett Gabby Giffords, die einstige Kongressabgeordnete, die Anfang 2011 fast gestorben wäre, als ein Attentäter sie niederschoss. "Es ist ein beschämender Tag für Washington", sagt Barack Obama und kneift die Augen zusammen. So viel Wut hat man selten gesehen in seinem Gesicht.

"Wen repräsentieren wir hier eigentlich?"

Kurz zuvor hat eine Minderheit im Senat ein Gesetz verhindert. Es sollte strengere Kontrollen beim Erwerb einer Waffe einführen. Ein kleiner Schritt, denkt man, doch für das Land, in dem die Menschen den Begriff der Freiheit vor sich her tragen wie der Priester die Monstranz, wäre es ein großer gewesen. Obama hatte dazu viele Reden gehalten.

90 Prozent der Amerikaner standen hinter dem Vorhaben des Präsidenten, doch im Senat fehlten am Ende sechs Stimmen. Nicht einmal alle Demokraten, seine eigenen Leute, hatte Obama hinter sich bringen können. "Wen repräsentieren wir hier eigentlich?", fragt der Präsident und starrt lange in den grauen Himmel der Stadt.

Wochen später besteht das politische Alltagsgeschäft nur noch aus Skandalen: in der Steuerbehörde, die bei rechten Organisationen genauer geprüft hat als bei linken; im Justizministerium, das Journalisten bespitzelt hat; in fünf Untersuchungsausschüssen zum Anschlag auf das US-Konsulat in Bengasi. Und schließlich in der National Security Agency (NSA), Amerikas größtem Geheimdienst, der offenbar im In- wie im Ausland so gierig Daten sammelt wie ein verhungertes Eichhörnchen seine Nüsse nach der Winterruhe. "Yes we scan", macht man sich im Netz schon über den Präsidenten lustig. Es ist ein tragischer Niedergang.

Für die Deutschen war Obama beinahe Sozialdemokrat

Er hatte ja keine Erfahrung, wie man einen Regierungsapparat lenkt, als er 2009 ins Weiße Haus einzog. Er glaubte aber, er könne einerseits radikale Reformen durchsetzen und andererseits das Land versöhnen. Die Rettung der Autoindustrie trug seinen Namen. Und sein größtes Werk passierte ebenfalls den Kongress, dank einer demokratischen Mehrheit in beiden Kammern: die Einführung der Krankenversicherung für alle. Bisherige Präsidenten waren daran gescheitert. Es war ein starker Start, den Obama da hinlegte.

Für uns, die Deutschen, schien in solchen Momenten ein echter Sozialdemokrat am Werk, einer, der den Begriff der Solidarität so in sich zu haben schien wie wir. Im eigenen Land aber schlug ihm Hass entgegen, die Rechten schimpften ihn einen Sozialisten.

Von Anfang an mied Obama Washingtons Politikszene, er tut es noch heute. Die obligatorischen Pflichtempfänge im Weißen Haus verlässt er meist früh und geht dann nach oben in sein Arbeitszimmer. Dort studiert er Akten, im Fernsehen laufen nebenbei die Basketballspiele der NBA. Barack Obama braucht Momente, in denen er nur bei sich ist. Er ist ein politischer Autist. Das Bedürfnis nach dem Alleinsein liegt tief in seiner Natur.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Obama ist längst nicht so warm, wie er sich inszenieren lässt. Und am Ende bleiben ihm nur seine Reden

Reden sichern ihm das politische Überleben

Die Macht des Präsidenten, das muss man Obama zugestehen, ist beschränkt, wenn die anderen Zentren der Macht gegen ihn arbeiten, wie es die Rechten der Tea Party tun, seitdem die Republikaner vor zweieinhalb Jahren die Mehrheit im Abgeordnetenhaus bekommen haben. Er ist wie ein Gefangener im politischen System, er sieht sich auch gern in dieser Rolle. "Sie reden über mich wie über einen Hund", klagte er einmal.

Es sind Reden, die ihm das politische Überleben sichern. Durch das gesprochene Wort holt er sich immer wieder seine Autorität zurück. Manchmal reicht dafür ein einziger Satz. Als Trayvon Martin, ein junger Afroamerikaner, auf der Straße erschossen wird, sagt der Präsident: "Wenn ich einen Sohn hätte, er sähe so aus wie Trayvon." Das Bild, das uns Obama nach außen vermittelt, strahlt voller Farben, voller Wärme und ist für jeden abrufbar, auf Flickr, der kostenlosen Bilddatenbank. Da ist zum Beispiel der Präsident zu sehen, wie er im Oval Office vor einem kleinen Mädchen wegrennt, beim Fangenspielen. Obama kontrolliert seine Außenwirkung wie kaum ein anderer Präsident vor ihm.

Doch die warmen Aufnahmen täuschen darüber hinweg, wie gefühllos und unberechenbar Obama sein kann. Die Ideale sind dann vergessen, auch die Reden von gestern. Dann handelt er wie einer jener Machtpolitiker, die er doch so verachtet. Das ist Obamas Dilemma: So untergräbt er seine Glaubwürdigkeit.

Vermutlich wird er dennoch als erfolgreicher Präsident gehen

Es gibt viele Beispiele, die belegen, wie widersprüchlich dieser Präsident ist. Dem Iran bietet Obama zu Beginn einen friedlichen Dialog an, um ihn kurze Zeit später mit Hightech-Angriffen gegen sein Atomprogramm attackieren zu lassen. Er verspricht die "transparenteste" Regierung aller Zeiten, verfolgt in Wahrheit aber so viele Whistleblower, die Geheiminformationen an Journalisten weitergegeben haben, wie keine Regierung zuvor. Er setzt sich auf seinen Reisen für Bürgerrechte ein, lässt zuhause die NSA zugleich noch viel mehr Daten über Menschen innerhalb und außerhalb der USA sammeln als sein Vorgänger George W. Bush. Den Plan, die Attentäter von 9/11 vor ein ziviles Gericht zu stellen, gibt Obama nach Protesten schnell wieder auf, genauso wie sein Versprechen, Guantánamo zu schließen.

Wenn Barack Obama 2017 abtritt, dann wird er vermutlich als erfolgreicher Präsident gehen, trotz dieser Widersprüche, trotz aller Unzulänglichkeiten. Er ist der Präsident, der den Amerikanern den Gesundheitsschutz brachte und das Land vor einer großen Depression bewahrte. Er hat Amerika von zwei Kriegen befreit und Osama bin Laden töten lassen.

Obama hat das weniger durch politisches Geschick erreicht als durch seine Worte. Die Rede bleibt seine stärkste Waffe, doch sie wird wohl nicht ausreichen, um ihn auch in seiner zweiten Amtszeit zu einem großen Präsidenten zu machen. Wenn Barack Obama jetzt nach Deutschland kommt, ist unser Blick auf ihn ein anderer als vor fünf Jahren. Die Leidenschaft ist abgekühlt. Er hat nach wie vor große Visionen, in seinem politischen Handeln aber zeigen sie sich kaum. In Deutschland wäre Barack Obama ein exzellenter Bundespräsident, ein guter Bundeskanzler wäre er wohl nicht.

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