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Als Herrn Wen der Kopfhörer abfiel

Beim Thema Menschenrechte haderte Chinas Premier mit der Technik. Und den Auftritt des Satiremagazins "Extra 3" hat er wohl auch nicht verstanden. Wichtig war Wen etwas anderes: Geld!

Von Lutz Kinkel

Die Pressekonferenz im Kanzleramt ist eigentlich schon beendet, als das heikelste Thema herein platzt. Tobi Schlegl steht auf, Moderator und Satiriker von Extra 3, und reckt eine chinesische Glückskatze in die Höhe. Am linken Winke-Winke-Arm ist ein Schlagstock montiert, den Schlegl eifrig auf- und niedersausen lässt. "Freie Fahrt für die Wirtschaft, für Milliardenverträge", ruft der TV-Moderator. "Wer braucht da schon noch Menschenrechte?!"

Angela Merkel taxiert Schlegl nur kurz und geleitet ihren Gast Wen Jiabao mit sanftem Druck auf die Schulter hinaus. Das Bild danach: vorne zwei leere Stehpulte, links davon, hinter der Absperrung, eine etwas verwundert dreinschauende chinesische Delegation und auf den Publikumsplätzen ein einsamer Satiriker, der sich bald unter den herausströmenden Menschen verliert. Ein symbolischer Schlussakt der deutsch-chinesischen Regierungskonsultationen, in denen es vor allem um eins ging - um Geld.

Die Sache mit dem Kopfhörer

Es ist nicht so, als hätte die Kanzlerin das Thema Menschenrechte nicht auf der Pressekonferenz angesprochen. Sie verwies auf den Rechtsstaatsdialog mit China, begrüßte die Freilassung Ai Weiweis und mahnte, das Verfahren gegen den Künstler müsse transparent sein. Aber just in diesem Moment haderte der chinesische Premier mit seinem Kopfhörer, der ihm die Übersetzung zuspielte, zog die Ohrmuschel an und wieder ab, viel kann er nicht mitbekommen haben. Merkel unterbrach, setzte neu an, Regierungssprecher Steffen Seibert reichte hektisch einen neuen Kopfhörer.

In seiner eigenen Ansprache ging Wen nicht weiter auf Ai Weiwei und den Rechtsstaatsdialog ein. Er sagte nur, es gäbe zwischen Deutschland und China Unterschiede, was Geschichte, Kultur und politisches System beträfe. "In manchen Fragen sind wir nicht immer der gleichen Auffassung", floskelte Wen. Über die Agenturen lief zu diesem Zeitpunkt bereits die Meldung, dass China gerade den vom Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag gesuchten sudanesischen Präsidenten Omar al-Baschir empfängt. Und zwar als Führer eines "befreundeten Landes".

Shoppingtour für 10,6 Milliarden Euro

Viel Raum nehmen diese Menschenrechtsthemen indes auch nicht bei den Agenturen ein. Wichtiger sind andere Schlagzeilen. Zum Beispiel: "Daimler erweitert Produktion in China"; "China ordert 88 Airbus A320"; "China wird Partnerland der Hannover Messe" - und, das ist vielleicht akut die wichtigste Nachricht: "China will Euroland in der Schuldenkrise beistehen". Tatsächlich sagte Wen im Kanzleramt ein paar Worte, die aufhorchen ließen: Er vertraue in Europa und den Euro, sein Land werde, wenn nötig, Staatsanleihen von überschuldeten Ländern in angemessener Menge kaufen. "Wenn Europa Schwierigkeiten hat, strecken wir die helfende Hand aus", sagte der Premier. In Griechenland, Spanien, Portugal und Irland wird diese Haltung sicher dankbar betrachtet, auch Deutschland, das Milliarden für die wackelige Währung bereit stellt, muss sich freuen. China wird vermutlich in nicht allzu ferner Zukunft die wirtschaftlich stärkste Macht der Welt sein, noch vor den USA. Das Reich der Mitte ist nicht länger auf Gaben aus dem Westen angewiesen, sondern der Westen buhlt um seine Gunst.

Merkel, die davon sprach, dass in den deutsch-chinesischen Beziehungen ein "neues Kapitel" aufgeschlagen werde, hat sich in dieser Hinsicht bestens positioniert. Allein der Fakt, dass Wen mit 13 Ministern anreiste, zeigt, wie wichtig ihm die Beziehungen zu Deutschland sind. Deren Ertrag lässt sich vorerst nur in Zahlen darstellen: Der Wert der bei dieser Regierungskonsultation abgeschlossenen Verträge beträgt 15 Milliarden US-Dollar, also 10,6 Milliarden Euro. Außerdem gab es eine ganze Reihe von gemeinsamen Erklärungen und Memoranden, die vor der Pressekonferenz feierlich unterzeichnet wurden. Wirtschaftsminister Philipp Rösler lässt ein neues Generalkonsulat in China errichten, Verkehrsminister Peter Ramsauer kooperiert bei der Wärmedämmung von Häusern, Umweltminister Norbert Röttgen hatte das Thema Batterien-Recycling am Wickel, auch Daimler-Chef Dieter Zetsche und Siemens-Vorstand Peter Löscher schritten vor laufenden Kameras zur Unterschrift. Ledermappe auf, Ledermappe zu, Händeschütteln, Lächeln, das lief völlig reibungslos.

Meeting, Deal

Wäre Schlegl nicht gewesen - die Pressekonferenz hätte wie das erfolgreiche Treffen zweier Weltkonzerne ausgesehen. Deutschland GmbH meets China AG. Deal. Congratulation.

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