. .
Politik im Ausland
Schlagzeilen Themen Mobil iPad Blogs Investigativ Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka
sternTV - Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

stern Investigativ
stern Investigativ

Das Recherche-Team des stern. Erfahren Sie mehr über die Recherchespezialisten und ihre Enthüllungen von Terrorismus bis Wettmanipulation. mehr...

 
6. April 2008, 17:27 Uhr

Beten mit dem Dalai Lama

Das Aufbegehren der Tibeter gegen die chinesische Besetzung ihres Heimatlandes hat Dharamshala am Fuß des Himalayas globale Berühmtheit gebracht. Der Dalai Lama hat zusammen mit rund 1000 Exil-Tibeter für die Opfern der Repressalien gebetet. stern-Korrespondent Teja Fiedler war dabei.

Rund 1000 Exil-Tibter haben im indischen Dharamshala den Opfer der chinesischen Repressalien gedacht© Jay Ullal

Erst will der Mann mir Reis verkaufen. "Oder brauchst du Linsen?" Beide Male Kopfschütteln meinerseits. Und dann sagt er: "Willst du die E-Mail-Adresse von Jesus Christus?" Er zeigt mir einen leicht speckigen Zettel. Leider ist die Zeile mit dem direkten Link zum Himmel schon ziemlich verwischt. Ich stehe auf dem Marktplatz von Dharamshala und verzichte dankend, Hier ist diese an und für sich schon überraschende Offerte besonders absurd. Denn der Gebirgsort Dharamshala im Norden von Indien ist als Exilsitz des Dalai Lama, wenn man so will, seit 1959 ausgelagertes Zentrum des tibetischen Buddhismus. Und das Aufbegehren der Tibeter gegen die chinesische Besetzung ihres Heimatlandes hat Dharamshala am Fuß des Himalayas endgültig globale Berühmtheit gebracht. Das zieht Menschen aller Schattierungen an - bis hin zu denen, die die E-Mail von Gottes Sohn kennen.

Die tausendköpfige Menge, die sich am Sonntagmorgen zu einem zweistündigen Gebet für die Opfer der chinesischen Repression vor dem Tempel unterhalb des Palastes, den der Dalai Lama bewohnt, trifft, ist denn auch ausgesprochen bunt gemischt. Die Mehrzahl sind Exil-Tibeter. Alte Leute, die noch eine Erinnerung an die Heimat im Himalaya-Hochland haben, junge Menschen, die schon in Indien geboren wurden und Tibet nur aus den Erzählungen von Eltern oder Großeltern kennen. Sie drehen andächtig Gebetsmühlen und zählen die Perlen ihrer Gebetsschnüre ab wie Katholiken die am Rosenkranz. Sie tun es mit sachlich-frommer Selbstverständlichkeit. Manche tragen Wollmützen mit der Aufschrift "Free Tibet", manche eine der in ihrer Heimat von den Chinesen verbotenen Nationalflaggen mit der Sonne drauf. Ein paar Kinder laufen fröhlich und laut zwischen den Erwachsenen auf dem Vorplatz herum, niemand hindert sie - der Buddhismus ist eine tolerante Religion.

Ausländer mit weit erhöhter Andächtigkeit

Von weit erhöhter Andächtigkeit sind die meisten der Ausländer unter den Anwesenden. Sie scheinen das großartige Panorama der schneebedeckten Gipfel hinter dem Tempel so wenig wahrzunehmen wie die Raubvögel, die majestätisch in der Thermik des blauen Himmels kreisen. Sie sind mit geschlossenen Augen, wippendem Oberkörper und korrektem Schneidersitz tief in sich und im Kosmischen versunken. Obwohl ich mich manchmal nicht gegen den Eindruck wehren kann, der oder die eine schielt schon mal seitwärts, ob auch die anderen erkennen, wie tief versunken sie sind.

Das Tempelinnere ist gefüllt mit Mönchen in Safranrot und tibetischen Schulkindern. Mitten in der Halle steht der riesigen vergoldeten Buddha-Statue gegenüber der Sessel, auf dem er gleich Platz nehmen wird. Er, der 14. Dalai Lama. Friedensnobelpreisträger 1989 und Ikone der tibetischen Freiheitshoffnungen. Und dann kommt über den Vorplatz der unauffällige, bebrillte Mann mit seinem Markenzeichen, dem ansteckenden Lächeln, umgeben von Mönchen, Leibwächtern und eskortiert von ein paar indischen Polizisten mit Uraltkarabinern - nicht vergessen, wir sind in Indien! Die Menschen fallen auf die Knie, die Westler wieder besonders verzückt - sollte Karel Woytila von oben herunterschauen, muss er seine interreligiöse Freude daran haben.

Der Dalai Lama schreitet heiter grüßend in den Tempel, nimmt auf seinem Sessel Platz für ein einstündiges Gebet, das mich an katholische Litaneien erinnert. Es bittet die höheren Mächte um Freiheit und Wohlergehen für Tibet und seine Menschen. Helfer servieren den Andächtigen Buttertee in Styroporbechern, für den untrainierten Gaumen eine zwiespältige Erfahrung. "Man muss ihn als Suppe sehen", sagt mir eine deutsche Tibetologin und das hilft mir mental über den ersten Schock hinweg.

Nach Ende der Andacht verliest der Dalai Lama auf Tibetisch eine Botschaft: Dank an die Solidarität aus aller Welt für die tibetische Frage, eine gemessene Aufforderung an die Regierungen des Westens, noch etwas mehr diplomatischen Druck auf China auszuüben und ein erneutes Ja zu den Spielen in Peking. Das chinesische Volk, das Volk, wohlgemerkt, habe diese Spiele verdient. (Dies alles laut Übersetzung meiner netten tibetischen Nachbarin auf dem Rasen.) Dann schreitet der Dalai Lama zwischen tausendfachem Kniefall und abebbendem Weihrauchdunst wieder von dannen. Lächelnd, doch ein wenig abgespannt. Fünfzig Jahre Anstrengung für Tibet. Fünfzig Jahre Gewaltlosigkeit. Fünfzig Jahre spiritueller Macht. Und materieller Ohnmacht. Mir fällt Stalins berühmter Zynismus über die moralische Autorität de Papstes ein: "Wie viele Divisionen hat er denn?"

Im blauen Himmel kreisen weiter die Raubvögel. Die Menge zerstreut sich, strömt hinaus in die engen, steilen Gassen von Dharamshala. Dorthin, wo Spruchbänder hängen mit Aufschriften wie "Während Sie dies lesen, wird in Tibet ein Mensch umgebracht oder gefoltert." Oder: "Boykott von Olympia 2008 in Peking." Wo jeden Abend ein ergreifender Umzug stattfindet, bei dem die Menschen brennende Kerzen als Freiheitssymbol in der Hand tragen. Wo man die tibetische Küche lernen kann, die tibetische Sprache und traditionelle tibetische Malerei - so steht es auf gedruckten und handgeschriebenen Plakaten.

Was ist "Guerrilla Yoga"?

Man kann auch in tibetische Astrologie eintauchen, tibetische "Universal Massage von Lonely Planet empfohlen, öffnet Energiekanäle und Chakras", und natürlich auch in generell Östliches wie Ayurveda, Reiki und Yoga. Ein Schild verspricht sogar "Guerrilla Yoga", was auch immer das sein mag. (Ich kann das Institut leider nicht finden.) Ein Bierlokal am Platze lockt Buddha-Müde mit: "Buchen Sie eine private Disco-Party." Und eine verwirrte Seele mit der Mail-Adresse vom Lieben Gott.

Teja Fiedler, Dharamshala
 
 
KOMMENTARE (10 von 12)
 
mitscher (07.04.2008, 14:03 Uhr)
Pro-Peking protest in Duesseldorf
Links zum Protest.
http://web.wenxuecity.com/BBSView.php?SubID=mychina&MsgID=253070
http://de.youtube.com/watch?v=-nOeaHTuHYg
Der Protest war schon sehr gross.Aber ich wundere mich,warum keine deutsche Medien davon berichtet haben,angesichts dass die deutschen Medien nie eine Einzelheit darauf,was in Tibet,was bei Tibetern passiert sind,verzichten.
mitscher (07.04.2008, 13:46 Uhr)
Pro-Peking Proteste
am 13.04 ab 13:00 Sonntag wird es ein Protest von Chinesen gegen westliche Verfaelschung der Nachrichten in Stuttgart stattgefunden.Die deutschen Medien sollten alles berichten..Kriegen Sie bitte alle Informationen von deutschen Medien.
Es wurden schon in Duesseldorf und in Muenchen und auch in Kanada viele Proteste gegen westliche Medien von normalen Chinesen stattgefunden.Aber deutsche Medien lassen wahrscheinlich die Deutsche nicht davon wissen,weil vielleicht sie Angst haben,als CHINA-Asskisser genannt zu werden
Anemone (07.04.2008, 09:08 Uhr)
WER wird angebetet???
12limes12 - hallo!
Sie fragen, warum der Dalai Lhama nicht auf seine politische (!!) Führungsrolle verzichtet. Ich meine, weil er dann 1. nicht mehr im Mittelpunkt des Interesses von Menschen und 2. keinen geistlichen Einfluß mehr auf die westliche Welt mit ihrem Buddhismuswahn (totale Naivität) nehmen könnte.
"Er könnte sofort zurück in seine Heimat und würde dann seinem Friedensnobelpreis entsprechend würdig handeln."
Er ist eines "Friedensnobelpreises" ebenso unwürdig wie ein Arafat. Wölfe im Schafspelz!
Oshun (07.04.2008, 01:12 Uhr)
nicht totschweigen
Wichtig ist weiter zu berichten. Es darf nicht sein, daß dieser konflikt, sobald nicht mehr gewalttätig protestiert wird, wie immer unter den Teppich gekehrt wird.
Schlimm, das weltweite Vorgehen gegen friedliche Demonstranten.
12limes12 (07.04.2008, 00:16 Uhr)
Bitte wo bleibt die Vernunft?
Lieber Stern, was sollen solche Berichte? Aufklärung über die Lage in Tibet? Ich finde es einfach beschämend, wenn nach dem Massaker für die Opfer gebetet wird. Warum wird nicht vorher die Vernunft eingeschaltet? Warum tritt der Dalai Lama eigentlich nicht zurück? 100 Tote oder 20 Tote, je nach Standpunkt, sind das nicht viel zu viele? Wieviele müssen es denn für den Dalai Lama sein? Ohne den Aufruhr hätte es keinen einzigen Toten gegeben. Die Buddhisten können heute in ganz China leben und beten wie sie wollen. Viele zerstörten Tempel werden aufgebaut. Das wird von niemandem bestritten. Einzig ein unabhängiges Tibet wird China nicht erlauben. Warum verzichtet denn der Dalai Lama nicht auf seine politische Führungsrolle? Er könnte sofort zurück in seine Heimat und würde dann seinem Friedensnobelpreis entsprechend würdig handeln. Der Stern würde aber auch verantwortlich handeln, wenn er nicht nur Gebetsreportagen kritiklos veröffentliche würde, vom "geistlichen" Oberhaupt der Tibeter reden, sondern korrekt vom "geistlichen" und gleichzeitig "politischen" Oberhaupt dieser Buddhismusrichtung. Vielleicht ergäbe dies mit der Zeit eine bessere Diskussion als das gegenwärtige einseitige China-Bashing. Es ist wie vor dem Irakkrieg. Alle Bush-Lügen wurden geglaubt mit den schlimmsten Folgen für viele unschuldige Menschen.
Na ja, vielleicht trägt die Stern-Serie etwas zur Ehrenrettung des deutschen Journalismus bei.
gmathol (07.04.2008, 00:12 Uhr)
New Yorker Polizei drischt auf tibetische Demonstranten vor dem UN Gebaeude ein!
Mein Wunsch an seine Heiligkeit - bitte schliessen Sie auch diese Opfer in ihre Gebete mit ein.
Merkwuerdig das gerade jetzt dieser Konflikt wieder zum Vorschein kommt! Ist es vielleicht deswegen weil China seine Transaktionen auf Multi-Currency umstellt und sich damit aus der Dollarfalle entfernen will?
Erinnern wir uns an den Iraq - nachdem Saddam Hussein angekuendigt hatte iraqisches Oil zukuenftig in Euro zu handeln wurde er angegriffen!
Merkwuerdig das der Konflikt in Burma der immer noch schwelt fast voellig in Oelinteressen abgesoffen ist: Frankreich, USA und Grossbritannien.
Menschenrechte spielen hier keine Rolle - hier soll wohl wieder ein Stellvertreterkonflikt angeheizt werden. Allen die ein Zusammenbruch des chinesischen Reiches wuenschen, muessen sich hinther allerdings auch damit abfinden das Fluechtlingsstroeme auch ihre Grenzen erreichen werden.
China ist keine wirtschaftliche Grossmacht! 80% der chinesischen Bevoelkerung hat kaum oder gerade genug zu essen.
Reality (06.04.2008, 20:03 Uhr)
Wird dieser Konflikt geschürt ?
Wenn ja, von wem ?
Wer könnte daran interessiert sein sich am Dach der Welt festzusetzen, einnisten zu wollen ?
Wem würde dies in seinen geostrategischen Plan passen so kurz vor der Grenze zu China ?
Viel Fragen.
Die Antworten wird die Geschichte schreiben.
Doch die Schablone passt schon
zu sehr vielen vorhergegangenen Ereignissen.
Es wird wieder offensichtlich mit der Dummheit und Unwissenheit der Weltbevölkerung gerechnet.
Georges13437 (06.04.2008, 19:50 Uhr)
Ich lasse mich nicht manipulieren
Ich habe immer noch die Propaganda- Berichterstattung bezüglich der Balkankonflikte im Kopf. Ich kann solche Beiträge unserer Medien nicht mehr ertragen, die Lügen stinken zum Teil gewaltig gegen den Himmel. Der Tibetkonflikt liegt doch mal wieder im westlichen Interesse und somit werde ich demonstrativ die Klappe halten.
MfG Georges P.
paulmaz (06.04.2008, 19:29 Uhr)
Wer steckt dahinter?
Die Unruhen in Tibet werden von den
ehemaligen weltlichen und klerikalen
Feudalherren gesteuert. Bevor die
Chinesen kamen, war Tibet das rück-
ständigste Land der Erde. Die Bauern
wurden in Leibeigenschaft gehalten.
Analphabetentum 98%. Kindersterblich-
keit 65%. Gewaltige Hungersnöte wa-
ren an der Tagesordnung. Bevor man
die verlogene, einseitige Propaganda der Feudalherren und der westlichen
Medien nachplappert, sollte man in
eine Bücherei gehen und sich miteinem
OBJEKTIVEN Buch über die jahrhunder-
te langen Beziehungen zwischen China
und Tibet informieren.
CeeTo (06.04.2008, 19:20 Uhr)
mitscher (
Wofür haben die Chinesen denn protestiert? Für freie Meinungsäußerung? Gegen die Unterdrückung der Tibeter? Für Menschenrechte? Dann sollte man sehr wohl davon berichten.
Ansonsten sollte man so einem Regime und seinen Sympatisanten keine Bühne bieten.
MEHR ZUM ARTIKEL
Tibet-Konflikt Neue Gewaltausbrüche in Tibet

In Tibet ist es erneut zu Unruhen gekommen: In der Präfektur Garze soll es am Donnerstagabend eine Protestaktion gegeben haben. Dabei sei mindestens ein Beamter "angegriffen und schwer verwundet" worden, so chinesische Medien. mehr...

China/Tibet Brandherd Tibet

Trotz strenger Zensur erreichten den stern neue Fotos vom Aufstand gegen China. Durch die Gewalt in seiner Heimat ist der Dalai Lama zwischen die Fronten geraten. Er muss Peking die Stirn bieten und gleichzeitig seine zornigen Anhänger im Zaum halten. mehr...

Tibets Tragödie Angst vorm Vergessen

Nur spärlich sickern Informationen aus Tibet nach draußen, und wenn, sind sie für die Tibeter im Exil Angst einflößend. In Hamburg forderten rund 400 Tibeter und Menschenrechtsaktivisten die chinesische Regierung erneut auf, die Gewalt zu beenden und die politischen Gefangenen freizulassen. mehr...

 
Leser werben Leser

Jetzt den stern empfehlen und attraktive Prämie sichern!

 
 
 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (23/2012)
Rettet die Liebe