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Ein Slum als Trendviertel

Indien ist einer der aufstrebenden neuen Großmächte. In einer siebenteiligen Serie hat stern.de den faszinierenden Subkontinent porträtiert. Diesmal: Der Slum Dharavi, mitten in Mumbai. Die gigantische Siedlung mausert sich zu einem pulsierenden Wirtschaftsstandort und Trendviertel.

Von Teja Fiedler, Mumbai

Sieben Kisten stehen in dem winzigen, stickigen Raum ohne Ventilator und sieben Menschen sitzen mit gebücktem Rücken davor und betreiben manuelle Mülltrennung. Sie klauben Stück für Stück den Abfall-Haufen vor sich aus. Dunkles Plastik in den einen Container, heller Kunstoff in einen anderen. Alles, was Metall ist, in den dritten. Besonders harte Teile in den vierten. Und so weiter. Wenn die Kisten voll sind, schüttet ein Mann mit Gummilatschen den Inhalt in einen Shredder, der Plastikkörner daraus macht. In einer klobigen Anlage wie aus den Tagen der europäischen Frühindustrialisierung entsteht dann durch Erhitzen eine Art Brei. Der wird durch Düsen gepresst und endlose Kunststoff-Spaghetti quellen heraus, die ein automatisches Messer in kleine Schnipsel zerhackt - Rohmaterial für neue Plastik-Artikel vom Yogurtbecher bis zum Fernseher-Gehäuse.

Hauptsache ein Auskommen

Willkommen im Recycling-Zentrum Dharavi. Willkommen in einem der größten Slums der Welt. Offiziell leben hier mitten in Mumbai 600.000 Menschen, wahrscheinlicher aber ist es eine Million. Draußen riecht es penetrant nach Abfall und Fäulnis. Der Kanal, der Dharavi entwässern soll, ist eine Brühe, die sich durch ein Bett aus Plastikflaschen, Blechdosen, Küchenabfall und Exkrementen aller Art ihren Weg sucht. Auf der Betoneinfassung des Kanals schläft ein Hund. Er ist fett. In Dharavi verhungert man nicht.

Den Menschen hier geht es deutlich besser als den Heerscharen der Zuwanderer, die jeden Tag in die Boomstadt Mumbai strömen und auf den Bürgersteigen und den Mittelstreifen der Ausfallstraßen unter freiem Himmel oder armseligen Plastikplanen kampieren. Denn Dharavi hat Strom und jeden Tag eine Stunde Wasser. "Klar, uns fehlen Toiletten, wenn die Natur ruft, gehen wir meist aufs freie Feld dahinten, denn die paar öffentlichen Groß-Klos sind ekelig", sagt der Barbier, der im Freien zwischen den Werkstätten für umgerechnet zwanzig Cent die Haar schneidet. "Wir haben auch keine Kanalisation, wie Sie riechen. Doch wir haben unser Auskommen."

Mit schwäbischem Fleiß

Dharavi besitzt vor allem eines: anscheinend unerschöpfliche Energie. Dieses Gewirr aus ein- und zweistöckigen Gebäuden ist kein Slum, in dem die Menschen apathisch die Tage verstreichen lassen oder höchstens als Klein-Kriminelle aktiv werden. Hier werkeln in über 200 Recycling-Betrieben für Plastik, ein paar hundert Lederwerkstätten, Töpfereien und Kartonage-Fabriken jeden Tag Zehntausende meist von neun Uhr morgens bis neun Uhr abends. Sie schaffen mit schwäbischem Fleiß in Kabuffen, die nur über Hühnerleitern erreichbar sind. Sie schmieden und schweißen die Maschinen, die sie für ihre Arbeit brauchen, häufig selbst in niedrigen, rußigen Schuppen durch deren Düsternis die Funken sprühen.

Sie treffen sich in Kinos, wo der Eintritt 15 Rupien kostet, 25 Cent, und man auf dem Boden sitzend indische Liebesgeschichten mit viel Tanz, Gesang, wehendem Haar, doch ohne Küsse goutiert. Ein Fernsehgerät steht fast in jeder Hütte, auch wenn sich meist eine Großfamilie vier mal vier Quadratmeter teilen muss. Untertags kocht Muttern im einzigen Raum. Abends werden die Schlafmatten ausgerollt. Das Handy ist hier ein normaler Gebrauchsgegenstand, das Internet kein exotischer Begriff, selbst das indische IT-Vorzeige-Unternehmen "Infosys" bietet in Dharavi Computerkurse "oberstes Niveau" an.

Juweliere im Slum

Auf der gewundenen Hauptsraße von Dharavi kommen zwei Autos nur mit Mühe aneinander vorbei - diese Stadt in der Stadt wurde nie geplant, sie ist aus einem Fischerdorf zu ihrer heutigen Form und Größe in Jahrzehnten wild gewuchert. Doch hier an der "Dharavi Main Road" sind zwischen windschiefen Hütten und handgemalten Hinweisschildern wie eine Fata Morgana in Fortsetzungen postmoderne Fassaden in Marmor, Stuck und verspiegeltem Glas eingezwängt. Abends sind sie üppig beleuchtet. Und dann schimmert es golden aus den Läden.

Diese Schaufensterfronten gehören zu den Juweliergeschäften, für die Dharavi in Mumbai und Umgebung berühmt ist und die man in einem Slum am allerwenigsten erwarten würde. "Es gibt hier genau 104 Schmuckläden", sagt stolz Mr. Suthar, der Besitzer von "Shree Nellai Juwellers". Er ist auf südindische Goldschmiedarbeit spezialisiert, führt sein Geschäft bereits in der dritten Generation und hat seine Stammkundschaft. "Die haben oft eine Anfahrt von über zwei Stunden. Doch viele kommen seit Jahren, weil sie wissen bei uns ist es billiger als in den schicken Vierteln von Mumbai und wir betrügen sie nicht."

Mr. Suthar wohnt mit seiner Familie in der üblichen Dharavi-Enge im einzigen Geschoß über dem Laden, lässt am Abend die Stahlgitter vor Schaufenster und Eingang herunter, lässt aber auch jede Nacht ein anderes Familienmitglied unten inmitten des Goldschmucks schlafen. "Sicher ist sicher, obwohl hier selten was passiert. Dazu passen schon die Nachbarn zu gut auf."

Ambitionierte Sanierung

Die Enge inmitten von Abfall und Goldglanz, Unterentwicklung und Unternehmungsgeist hat in Dharavi Nähe geschaffen, eine einmaliges Gefühl von Stolz und Zusammengehörigkeit. Umso mehr stehen die meisten Einwohner den Plänen der Stadtregierung, ihren Slum im Lauf der kommenden Jahre zu sanieren, misstrauisch gegenüber.

Denn Mumbai plant, aus den 200 Hektar des anarchischen Dharavi ein Vorzeigeviertel zu machen. Einkaufspassagen, Grünanlagen, überdachte Fußgängerbrücken, Produktionsstätten auf dem neuesten Stand und siebenstöckige Wohnblocks mit allem Komfort. Dort sollen auch die Slumbewohner eine neue Heimat finden. Für jede Familie ist eine Wohnung mit 26 Quadratmetern vorgesehen. Finanziert werden soll dieses Milliarden-Projekt durch ein auf den ersten Blick überzeugendes Konzept. In den geplanten Hochhäusern kann man auf der gleichen Fläche ein Vielfaches der Menschen unterbringen wie in den höchstens dreistöckigen Slumgebäuden. Dadurch wird Platz frei. Platz ist im übervölkerten Mumbai das wertvollste Gut, schon heute sind hier die Grundstückspreise mit die höchsten in der Welt. Auf den frei werdenden Flächen kann man Luxus-Appartments errichten, teuer verkaufen und aus dem Profit die Dharavi-Sanierung bezahlen. Die Realisierung des Projekts will die Stadt privaten Bau-Unternehmern übertragen.

Die Leute aus dem Slum sind skeptisch. "Natürlich haben wir nichts gegen Spülklos in der Wohnung, gegen Kanalisation und Grünanlagen, " sagt ein Handtaschenfabrikant in seiner Mini-Werkstatt, "aber hier in Dharavi ist in jedem zweiten Haus ein Geschäft. Wo sollen die alle hin in den Hochhäusern? Niemand fährt doch zu einem Laden im fünften oder siebten Stock hoch."

Am meisten aber fürchten die Menschen, dass die Privatfirmen nur daran interessiert sein könnten, die Flächen für die höchst profitablen Luxusappartments frei zu kriegen und die Verpflichtung zum Bau der Wohnungen für die Slumbewohner auf die leichte Schulter nehmen. "Die wollen uns hier doch nur raushaben, um nach Herzenslust teuer bauen und verkaufen zu können. Was dann mit uns geschieht, ist denen doch egal." In einer Stadt wie Mumbai mit einer korrupten Verfilzung von Politik und Geschäftemacherei ist dieser Verdacht nicht unbegründet.

"Das gesamte Sanierungsprojekt wurde bisher über unsere Köpfe hinweg betrieben", so Joaquim Arputham, streitbarer Vorsitzender der 'Nationalen Vereinigung der Slum-Bewohner', "es ist endlich an der Zeit, dass unsere Sorgen und Wünsche berücksichtigt werden." Er fordert doppelt so große Wohnungen für die Leute von Dharavi und die Versicherung, dass diese Appartments wirklich in Dharavi und nicht irgendwo am Stadtrand stehen. Und wenn die Stadtverwaltung sich nicht einsichtig zeige? "An Dharavi führen die beiden Eisenbahnlinien in das Zentrum von Mumbai vorbei. Die Züge sind jeden Tag überfüllt", sagt der rundliche Mann listig lächelnd, "was denken Sie, welches Chaos ausbricht, wenn Tausende von Slumbewohnern die Schienen für ein paar Stunden blockieren?"

Liebe Leser, die Serie "Planet Indien" ist im September dieses Jahres erschienen - also vor den Terroranschlägen in Mumbai. Wir haben uns entschieden, die Texte nicht entsprechend zu aktualisieren, d. Red.

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