Hillary Clintons Erfolg in New Hampshire ist auch ein Ergebnis ihrer neuen Doppelstrategie. Sie hat von ihrem Kontrahenten Barack Obama gelernt, mit Menschlichkeit zu punkten. Im Duell um die Herzen und Köpfe der Wähler ist es nun an Obama, von ihr zu lernen. Von Katja Gloger, New Hampshire

Zeigte ihre menschliche Seite und punktete damit bei den Vorwahlen in New Hampshire: Hillary Clinton© Carlos Barria/Reuters
Vielleicht war es wirklich jener längst abermillionenfach wiederholte Moment in Portsmouth, der die Dynamik dieses phänomenalen Wahlkampfes verkörpert und die Geschichte einer Frau, die sich gerade neu erfindet.
Da saß sie zwischen 14 meist weiblichen Wählern im "Café Espresso" der kleinen Hafenstadt an der Ostküste, so müde gekämpft, vor sich eine leere Tasse, einen leeren Teller, der "Event" war als "Frühstücksgespräch" deklariert. Ungezählte Fragen hatte sie in den vergangenen Tagen über sich ergehen lassen müssen, immer wieder Fragen über ihn, Barack Obama, ihren Albtraum. Jede Sekunde ihrer Auftritte wurde gnadenlos seziert, jedes Zucken ihrer Mundwinkel, jede Falte unter den dicken Lagen Fernsehschminke. Denn die Medien hatten ihre große Story, es ist die Story vom tiefen Fall einer Spitzenkandidatin, und kaum etwas ist schöner als das. Nur Eins: die erfolgreiche Wiederauferstehung nach dem tiefen Fall. Das Comeback.
Und dies ist jetzt ihre Story.
Sie hatte auf Führungsstärke, Entscheidungskraft, Entschlossenheit gepocht, auf jene eiserne Härte, die der Job im Weißen Haus erfordert. "Ready to lead - from day one". Mit dieser Botschaft führte Hillary Clinton den Kampf um die Kandidatur. "Bereit zu führen, - vom ersten Tag an." Unausweichlich. Die Kandidatur - eine Krönungszeremonie. Die Niederlage von Iowa, die katastrophalen Umfrageergebnisse von New Hampshire zeigten - es war die falsche Strategie.
Und vielleicht war es wirklich diese freundliche Frage im Café in Portsmouth, die sie aus der Fassung brachte, zum ersten Mal in diesem Wahlkampf einen Menschen hinter dem Panzer offenbarte, vielleicht gar einen winzigen Blick in ihre Seele zuließ. "Wie bleiben Sie so guten Mutes?", fragte die Wählerin Marianne Pernold am vergangenen Montag die Senatorin aus New York. "Und wie kriegen Sie es eigentlich hin, dass Ihre Frisur immer noch sitzt?" Da stockte Hillary Rodham Clinton, sie schluckte, sie kämpfte mit den Tränen. "Es ist nicht einfach. Es ist nicht einfach. Und wenn ich nicht so leidenschaftlich daran glauben würde, das Richtige zu tun, dann würde ich es nicht durchstehen."
Es war vielleicht ein ehrlicher, ein authentischer Moment im Leben der Politikerin Hillary Clinton, endlich einmal etwas, was nicht kontrolliert war - zumindest wollten dies die Wählerinnen in New Hampshire glauben, die sie jetzt zurück gewann.
In diesem Moment, inszeniert oder nicht, begann Hillary Rodham Clinton, sich neu zu erfinden. "In der vergangenen Woche habe ich Euch zugehört", sagte die Siegerin gestern Abend. "Und in diesem Prozess habe ich meine eigene Stimme gefunden." Sie hat gelernt - von Barack Obama.
Gestern Abend, bei ihrem Siegesauftritt, jubelten hinter ihr Jungwähler, viele Frauen darunter, energiegeladen, dynamisch, sie schwenkten Plakate. Gestern Abend präsentierte sich eine neue Hillary Clinton. Nicht mehr gemeinsam mit den alten Kämpfern aus den 90er Jahren, die so fatal an das Gestern erinnern, an den Versuch, eine Dynastie zu etablieren. Gestern war Hillarys Nacht. Und zum ersten Mal versicherte sie glaubwürdig, dass sie die Sorgen der Menschen ernst nimmt. Sich wirklich um ihre Basis bemüht - die "blue collar Democrats", die Arbeiterschaft, die konkrete Lösungen für ihre Probleme will, nicht nur das nette Versprechen der Hoffnung. Die älteren Frauen, die Entbehrungen und Ungerechtigkeiten ihres Lebens in Hillary Clinton gespiegelt sehen. Diese Demokraten muss sich Barack Obama holen. Er muss von ihr lernen.
Dabei schien ihr Wahlkampf in New Hampshire schon beinahe tragische Züge anzunehmen. Sie, seit 35 Jahren eine öffentliche Person, verheiratet mit einem charmanten Dauerfremdgänger, dessen Affären sie öffentlich verteidigen musste. Sie hatte alle Demütigungen überlebt, hatte sich ihre Kompetenz, die Erfahrung hart erarbeitet. Sie hat ein gutes Wahlprogramm. Detailgenau, jede Prozentzahl sitzt, jedes Problem findet bei ihr eine Lösung. Irak, die Tücken des Gesundheitswesens, die Steuern, die Fehler bei Testverfahren in Schulen. Sie weiß alles, sie kennt alles, brachte Gesetze durch. So nah war sie an der Erfüllung ihres Traumes: es als Frau besser zu machen als alle anderen. Es besser zu machen als selbst er, Bill Clinton. Doch dann verlor sie in Iowa, dann lag sie in den Umfragen von New Hampshire katastrophal zurück, und jede Zahl war ein neuer Tiefschlag für sie. "She is so ... Yesterday", musste sie über sich in den Zeitungen lesen. Noch gestern Morgen richteten sich ihre Strategen auf eine katastrophale Niederlage ein.
Denn es schien, als hätten die Menschen jemanden gefunden, der noch besser ist als Hillary Clinton. Einen Hoffnungsträger mit Substanz. In der vergangenen Woche hatte Barack Obama alle Rekorde geschlagen. Noch nie war die Beteiligung an den Vorwahlen in Iowa so hoch wie in der vergangenen Woche: doppelt so hoch wie vor vier Jahren. 100 Prozent mehr Wähler. Noch nie gaben so viele Erstwähler ihre Stimme ab. Und sie stimmten für Barack Obama. So will er eine neue demokratische Mehrheit für Amerika zimmern. Die begeisterungsfähigen Erstwähler gehören dazu, aber auch unzufriedene Republikaner - und vor allem die landesweit möglicherweise entscheidenden 20 Prozent der Wähler, die sich als "unabhängig" bezeichnen. Bei ihnen fischt Barack Obama nach Stimmen - zunächst für seine eigene Kandidatur. Aber in Wahrheit schon längst für die Präsidentenwahl im kommenden November.