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29. Juni 2009, 14:33 Uhr

Die erste Supermacht

Als Rom noch ein Bauernstaat war und die Germanen in Sümpfen lebten, gründeten Perserkönige ein riesiges Reich. Auch der heutige Iran beruft sich auf die einstige Kultur und Größe. Dabei ist die Politik des Westens geprägt vom historischen Zwist mit dem Orient - und droht die alten Fehler zu wiederholen. Lesen Sie den ersten Teil der stern-Serie über die Geschichte des Iran. Von Teja Fiedler

Iran, Perserkönige, Historie, Geschichte, Hellenen

Ein Wald aus Lanzen steht über dem hochgerüsteten persischen Heer, das König Darios 333 v. C hr. bei Issos in die Schlacht führt. Trotz zahlenmäßiger Überlegenheit verliert er gegen den barhäuptig anstürmenden Alexander© Picture-Alliance

Das Land hat von Anfang an Europas Geschichte entscheidend bestimmt. Schon das erste persische Großreich vor 2500 Jahren rühmte sich der Allmacht seiner Könige und trat in Widerspruch zur Freiheitsliebe der Griechen. Generationen deutscher Gymnasiasten haben sich mit den großen Schlachten gequält: Marathon (490 v. Chr.), Thermopylen (480 v. Chr.) und schließlich 333 - bei Issos Keilerei. Stets war es der Kampf edler Hellenen gegen despotische Perser, abendländischer Hochkultur gegen orientalische Rückständigkeit. Diese Schulbuchsicht verstellte den Blick auf die persische Kultur, die nicht nur eine moderne Staatsorganisation hervorbrachte und der Welt das Schach schenkte, das königliche Spiel, sondern die es auch vermochte, verschiedene Völker in einer Nation friedlich zu vereinen.

Die vermeintliche Überlegenheit des Westens verführte in den vergangenen Jahrhunderten die Kolonialmächte, nach Persien zu greifen. Doch keiner der Invasoren konnte sich lange in dem Staat halten, der sich seit 1935 Iran nennt - "Land der Arier". Auch die moderne Variante der Einflussnahme, der Sturz der gewählten Regierung in Teheran durch ein britisch-amerikanisches Geheimdienstkomplott 1953, bescherte dem Schah nur vorübergehend die Herrschaft auf dem Pfauenthron. Bis 1979 ein bärtiger Ayatollah zur Revolution aufrief und den Iran zum Gottesstaat machte. Einem Staat, der inzwischen nach der Atombombe greift und auf dem Weg ist, zur neuen regionalen Großmacht zu werden. Und für dessen Selbstverständnis die Hochzeit des persischen Reichs eine zentrale Rolle spielt - jene Phase, die mit König Kyros begann. Dem ersten Herrscher des Landes, dem die antiken Geschichtsschreiber den Beinamen "der Große" gaben.

Seine Herkunft bekommt in der Überlieferung, wie meist in solchen Fällen, legendäre Züge. Er sei der Sohn eines Wegelagerers und einer Ziegenhirtin gewesen. Nein, er sei von einer Wölfin gesäugt und aufgezogen worden.

Der Weg zur Macht

Tatsache ist, dass Kyros der Sohn eines persischen Kleinkönigs aus dem Geschlecht der Achaimeniden war, der in Abhängigkeit zum Reich der Meder stand. Meder und Perser sind beide indoeuropäische Volksstämme und nahe Verwandte. Die medischen Könige hatten Ende des 8. Jahrhundert v. Chr. auf der iranischen Hochebene ein Reich geschaffen, das mithilfe einer gut organisierten Beamtenschaft von einem allmächtigen Herrscher regiert wurde, "in dessen Gegenwart lachen und ausspeien allen verboten" war. Das Reich bestand über 100 Jahre. Bis Mitte des 6. Jahrhunderts das Wolfsblut auf den Plan tritt.

Kyros, dem jungen Fürsten wird allseits Klugheit, schnelle Auffassungsgabe, Aufrichtigkeit und auch noch blendendes Aussehen zugesprochen. "Die Götter sind auf seiner Seite", bemerkt der König von Babylon, der noch nicht ahnt, welche Konsequenzen das für ihn haben sollte. Zunächst zieht Kyros gegen die Meder ins Feld. Zu einer Schlacht kommt es nicht. Das medische Heer erhebt sich gegen seinen König, läuft über zur neuen Lichtfigur Kyros und übergibt ihm als Mitbringsel den gefesselten König.

Mit einem Schlag wird der bisherige Kleinfürst Kyros Herrscher eines Großreichs und regiert zur allgemeinen Überraschung so, wie es zum sympathischen Markenzeichen vieler Perserkönige werden sollte: mit relativem Großmut. Anders als etwa die Assyrer, deren Spezialität es war, die Besiegten zu häuten, zu verstümmeln oder als Zugtiere zu benutzen, schont Kyros das Leben der Meder und sogar das ihres Königs. Zwar kassiert er ihre Schätze und einen Teil ihrer Ländereien ein. Doch die Beamten können ihre Posten behalten, sie bekommen allerdings persische Aufpasser zur Seite gestellt, und die Soldaten werden seinem Heer eingegliedert. Obendrein übernimmt Kyros die Idee des medischen Herrschertums mit seinem höfischen Zeremoniell und der absoluten Königsmacht. Es ist, als bestünde das Mederreich weiter, nur jetzt unter neuer - persischer - Leitung.

Folgenschwere Herausforderung

Da fühlt sich Krösus, der sagenhaft reiche König von Lydien, berufen, Kyros herauszufordern. Als er das Orakel von Delphi befragt, scheint das seinen Plänen Erfolg zu verheißen: "Wenn du den Fluss Halys überschreitest, wirst du ein großes Reich zerstören."

Er überschreitet den Grenzfluss. Doch sein Heer wird zurückgeschlagen. Der Perserkönig Kyros dringt ins Reich des Krösus vor, erobert die Hauptstadt Sardes und steckt sie in Brand. Krösus hat ein großes Reich zerstört - sein eigenes. Er kommt in den Flammen um.

Jetzt gehört Kyros auch Kleinasien, die heutige Türkei. Was nun noch verlockend vor seinen Augen liegt, sind die weiten, fruchtbaren Ebenen des Zweistromlandes um Babylon und die Küsten des Mittelmeeres mit den Häfen und Schiffen der Phönizier.

Gnädiger Eroberer

Kyros schlägt das babylonische Heer und zieht dann kampflos in die Stadt ein. "Schilfzweige wurden vor ihm ausgebreitet, als er bei seinem Eintreffen den Frieden für das ganze Land verkündet", heißt es in zeitgenössischen Chroniken. Wieder lässt Kyros politisch Milde walten. Der besiegte König wird begnadigt und angeblich sogar als Provinzgouverneur weiterbeschäftigt. Den Israeliten, die nach einem verlorenen Krieg rund 50 Jahre in dem berühmten "babylonischen Exil" zugebracht hatten, ermöglicht er, nach Hause zurückzukehren. Seine Beamten durchstöbern sogar die Schatzkammern nach kostbarem Tempelgerät, das als Beute aus Jerusalem weggeschleppt worden war, und geben es an die Juden zurück. Der Großkönig macht sich beliebt im Nahen Osten.

Sein Sohn Kambyses II. führt das Eroberungswerk fort, besiegt die Ägypter und setzt sich als Pharao aus den persischen Bergen auf den Goldthron. Anders als sein Vater bleibt er den Chronisten als grausamer Herrscher in Erinnerung, der etwa, nur um seine Treffsicherheit zu zeigen, den Sohn eines Hofbeamten mit einem Pfeilschuss tötet. Nach nur acht Jahren Regierung stirbt er überraschend.

In den Wirren, die folgen, setzt sich ein entfernter Vetter des Kambyses durch. Dieser Darios erweist sich in seiner 36-jährigen Regierungszeit als so begabter und gerechter Regent, dass auch ihn das Prädikat "der Große" ziert. Als neuen Regierungssitz wählt er Susa, das am Rand der mesopotamischen Ebene liegt, doch in Sichtweite der iranischen Bergketten. Ein Sinnbild der Einheit, die Persien und das Zweistromland, heute Iran und Irak, für viele Jahrhunderte bilden sollten. Sein Herrschaftsgebiet erstreckte sich im Osten bis zum Aralsee und zum Indus, im Westen bis an den Bosporus und in Nordafrika über Ägypten hinaus bis ins heutige Libyen. Es war das bis dahin größte Reich der Welt. Zur selben Zeit - um 500 v. Chr. - war Rom noch ein bäuerlicher Kleinstaat in Mittelitalien. Die griechischen Stadtstaaten machten gerade mal ihre ersten demokratischen Gehversuche. Die germanischen Stämme kannten noch keine Schrift und keine Städte.

Auf einer Stufe mit Gott

Darios ist König und Gott, im verschwenderisch ausgestatteten Palast gewöhnlichen Menschen entrückt, abgeschirmt durch Wachen, Vorzimmerfluchten, Scharen von Höflingen. Wer bis zu ihm vordringt, hat sich auf den Boden zu werfen und sieht den König nur schemenhaft hinter transparenten Vorhängen. Lediglich hohe Adelige dürfen sich ihm auf Tuchfühlung nähern, ihn aber nur mit seitwärts gewandtem Gesicht und einer Hand vor dem Mund ansprechen, damit ihr Atem den höchsten Herrscher nicht belästige. Wer ohne Aufforderung redet, wird hingerichtet. "Von euch Griechen geht die Rede, dass ihr Freiheit und Gleichheit über alles schätzt. Bei uns aber ragt über viele treffliche Gesetze dieses als das Schönste hervor: den König zu verehren und vor ihm niederzufallen als dem Abbild Gottes, der alles schützt und erhält", lassen die Perser ihre Nachbarn wissen.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 27/2009

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