Sehnsucht nach alter Größe

14. Juli 2009, 17:33 Uhr

Die Herrscher auf dem Pfauenthron sind für ihre Grausamkeiten und politische Erfolglosigkeit bekannt. Der Iran wird zum Spielball der Kolonialmächte. Dabei geht es vor allem ums Öl. In den 1950er Jahren hilft die CIA, einen Ministerpräsidenten aus dem Amt zu putschen. Und fördert den letzten Schah in seinem Größenwahn. Von Teja Fiedler

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Iran, Persepolis, Persisches Reich, Resa Pahlawi, Aga Mohammad, Teheran

Bis zur Ermordung an seinem 65. Geburtstag, dem 1. Mai 1896, herrscht Nasir al-Din 48 Jahre. Er überlässt einem Briten das Tabakmonopol und löst dadurch Unruhen aus©

Bei seiner Krönung zum Schah 1796 lässt Aga Mohammad keinen Zweifel daran, wie er regieren will: "Seid euch darüber im Klaren, dass eure Mühen jetzt erst so richtig beginnen", sagt er zum versammelten Hofstaat, "denn ich kann die Krone unmöglich aufsetzen, wenn sie nicht mit der Machtfülle verbunden ist, wie sie die größten Herrscher Persiens hatten." Das Gefolge applaudiert begeistert.

Fünfzig Jahre nach seiner Entmannung hat der kleine, drahtige, bartlose Herrscher mit dem bitteren Zug um den Mund endlich sein Ziel erreicht. Als Aga Mohammad gerade erst vier oder fünf Jahre alt war, hatte der damalige Schah den Jungen vorsichtshalber kastrieren lassen. Er wollte verhindern, dass der Sohn eines aufsässigen Stammesfürsten seiner Sippe als Mann gefährlich werden könnte.

Er hat sich verrechnet. Denn Aga Mohammad aus dem Geschlecht der turkmenischen Kadscharen zeigt zwar sein Leben lang kein Interesse an Frauen. Doch das kompensiert er mit einem umso ausgeprägteren Hang zur Macht. Ohne Ablenkung durch erotische Eskapaden, die sonst die Herrscher auf dem Pfauenthron eine Menge Energien kosten, arbeitet er sich langsam vom Provinzfürsten nach oben, mit Intelligenz, Tatkraft und einer selbst für persische Verhältnisse ungewöhnlichen Grausamkeit: Nachdem er Lotf Ali Khan, seinen Hauptkonkurrenten, besiegt hat, lässt er den Gefangenen erst von seinen Leibwächtern vergewaltigen, ihm dann die Augen ausstechen und schließlich in Teheran, das Aga Mohammad anstelle von Isfahan zur neuen Hauptstadt bestimmt hat, strangulieren.

Grausamer Herrscher

Zuvor hatte er nach der Einnahme von Kerman - einer Stadt, die dem unglücklichen Lotf Ali Khan treu gelieben war - den Befehl gegeben, alle überlebenden Männer zu blenden. 40.000 Augäpfel werden Aga Mohammad in großen Körben als Beweis für die Gräueltat in den Palast gebracht. Noch 20 Jahre später - so der Augenzeugenbericht des englischen Diplomaten Malcolm - sei das Land voll von Blinden gewesen, die ihr trauriges Los beklagten.

Schah Ruch Schah, den besiegten Herrscher der abtrünnigen Provinz Chorasan, foltert er so lange, bis der ihm seinen immensen Kronschatz Stück für Stück überlässt. Dessen Prunkstück, einen hühnereigroßen Rubin, gibt Schah Ruch Schah erst preis, nachdem man ihm glühendes Blei auf den Kopf gegossen hat. Auf dem Deportationsweg nach Teheran stirbt er.

Passend zu seinem Leben ist das Ende des Eunuchen selbst. In einem Vorzimmer des Palasts streiten sich zwei Sklaven so laut, dass sie die Ruhe ihres Herrn stören. Der erzürnte Herrscher befiehlt ihre Hinrichtung. Weil aber Freitag ist, der heilige Tag der Woche, soll die Exekution erst am nächsten Morgen stattfinden. Bis dahin, so der Schah, haben die zwei Todgeweihten ihren normalen Dienst zu verrichten. Mit einem weiteren Diener schleichen sie sich nachts in das Schlafzimmer des Schahs und erdolchen ihn.

Ruhe und Ordnung

Trotz aller Brutalität ist Aga Mohammad ein fähiger Herrscher. Zeitgenössische britische Beobachter sind sogar der Meinung, dass er gerade deswegen so erfolgreich ist. Im chronisch zerstrittenen Persien des 18. und 19. Jahrhunderts habe auf Dauer nur der regieren können, der den rivalisierenden Adelscliquen immer wieder klarmachte, dass allein Wort und Wille des Schahs zählten - und seien seine Entscheidungen noch so willkürlich und brutal. Wer nicht direkt von den Schreckensaktionen des Aga Mohammad betroffen ist - und das ist mit Ausnahme des Massakers von Kerman kaum jemand außerhalb des Palastes und des Adels -, lebt in Frieden. Und so blühen unter ihm Handel und Gewerbe.

Vor seiner Machtergreifung ist Persien ein chaotisches Land gewesen. Die letzten Herrscher aus dem einst glanzvollen Geschlecht der Safawiden sind so schwach wie fromm - einer von ihnen verbietet neben Bordellen, Kaffeehäusern und Tanzen auch ein so unschuldiges Vergnügen wie das Drachensteigen.

Den letzten Schah der Safawiden setzt Nadir Qoli, ein begabter Feldherr, 1736 ab, nachdem er sich durch Siege über das Osmanische Reich und afghanische Fürsten im Osten unentbehrlich gemacht hat. Für ein paar Jahre kann Nadir sich rühmen, Nachfolger der mongolischen Eroberer Dschingis Khan und Timur zu sein. Denn unter ihm dehnt sich das Reich im Süden bis in den Irak, im Osten bis weit ins heutige Pakistan und im Norden fast bis zum Schwarzen Meer aus. Auf einem Feldzug erobert er sogar das indische Delhi, lässt 30.000 Bewohner niedermetzeln und kehrt mit dem berühmten Diamanten Kohinoor als Beute zurück. Als man ihm erzählt, im Paradies gebe es keinen Krieg, soll er gerufen haben: "Ja, was soll denn dort dann der Spaß sein!"

Dunkle Zeiten

Seine Eroberungszüge aber ruinieren Persien finanziell. Außerdem ist Nadir ein schwerer Trinker, der zunehmend an Verfolgungswahn leidet. Er lässt seinem eigenen Sohn die Augen ausstechen, weil er ihn der Verschwörung verdächtigt. Bald darauf bereut er seine Tat und befiehlt, alle Zeugen der Blendung umzubringen. 1747 fällt er einer Offiziersverschwörung zum Opfer.

Die Jahrzehnte der Wirren nach Nadirs Tod nennt der britische Historiker Michael Axworthy eine Zeit, die jeder schnell überschlagen sollte, "der seinen Glauben an das angeborene Gute im Menschen nicht verlieren möchte". So herrscht in Persien Erleichterung, als schließlich Aga Mohammad nach 50 Jahren Bürgerkrieg an die Macht kommt und das Land auf seine zwar brutale, doch effiziente Weise regiert.

Die von ihm gegründete Dynastie der Kadscharen wird bis über den Ersten Weltkrieg hinaus an der Macht bleiben. Unter Aga Mohammads Nachfolgern gibt es zwar keinen großen Schah. Doch immerhin gebärden sie sich als relativ vernünftige Herrscher, ihre Willkürakte halten sich in Grenzen. Gefährlich leben allerdings ihre Ministerpräsidenten. Einer von ihnen wird, zu mächtig geworden, in einen Kessel mit siedendem Öl geworfen. Einen anderen, der zu häufig widerspricht, lässt sein Herr in einen Teppich rollen und ersticken. Er wählt diese extravagante Art der Hinrichtung, weil er geschworen hat, nie des Ministerpräsidenten Blut zu vergießen.

Ein Lichtblick für den Fortschritt

Amir Kabir, der fähigste unter den persischen Ministerpräsidenten des 19. Jahrhunderts, wirkt drei Jahre lang zur vollen Zufriedenheit von Nasir al-Din Schah (1848 bis 1896). Amir Kabir gründet die erste naturwissenschaftliche Universität Persiens, versucht, die Landwirtschaft zu fördern und einheimische Industriebe- triebe zu errichten, modernisiert die völlig veraltete Armee und macht sich daran, die Einkommen und Pensionen der Höflinge zu begrenzen. So macht er sich Feinde bei Hofe und fällt schließlich in Ungnade. Im Bad seines Palastes schneidet man ihm 1852 die Pulsadern auf. Persien ist um eine Hoffnung auf eigenständige Modernisierung ärmer.

Zu dieser Zeit pflegt das Land bereits engeren Kontakt mit der westlichen Welt. Schon unter Aga Mohammads Neffen Fath Ali Schah hat sich das Reich erstmals in Richtung Europa geöffnet. Fath Ali geht 1807 sogar ein Bündnis mit Frankreich gegen Russland und Großbritannien ein. Doch weil Napoleon kurz darauf Frieden mit Russland schließt, wird der Pakt schon zwei Jahre später wieder aufgekündigt. Allein auf sich gestellt, verliert Fath Ali 1813 und 1828 zwei Kriege gegen die Russen und damit weite Gebiete im heutigen Georgien, Aserbaidschan und im Kaukasus. Erfolgreich aber war der Schah zu Hause. Angeblich zeugt er mit 158 Frauen 260 Kinder und bekommt den Beinamen "Vater seines Landes".

Übernommen aus ... Stern Ausgabe 29/2009

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