Der Gottesstaat

26. Juli 2009, 20:43 Uhr

Der verhasste Schah flieht 1979 ins Exil, unter dem Jubel der Massen kehrt Ayatollah Chomeini zurück. Von nun an regieren die Mullahs. Ein Jahr später überfallen Saddam Husseins Truppen den Iran. Nach Chomeinis Tod beginnt das Regime zögernd, den Menschen mehr Freiheiten zuzugestehen. Doch dann kommt Mahmud Ahmadinedschad an die Macht. Von Steffen Gassel

Schah, Historie, Ayatollah Chomeinis, Teheran, Mullah, Resa Pahlawi, Iran-Irak-Krieg

Mahmud Ahmadinedschad ist der Präsident der kleinen Leute und der Hardliner©

Zweimal streicht die Boeing 747 der Air France am frühen Morgen des 1. Februar 1979 im Sichtflug über den Teheraner Airport hinweg. In der Kabine herrscht bange Stille. Keiner der Passagiere weiß, ob die Maschine landen darf. Aus Sorge, das Rollfeld könnte mit Barrieren gesperrt oder von Panzern blockiert sein, hat der Pilot vor dem Start in Paris extra viel Kerosin tanken lassen. Er ist bereit, die Landung jederzeit abzubrechen und umzukehren.

Nur einer an Bord scheint unbekümmert: In seinem Sessel auf dem Oberdeck hat Ayatollah Ruhollah Chomeini ein Nickerchen gehalten, gebetet, ist dann wieder in die Sandalen geschlüpft, hat den schwarzen Turban aufgesetzt und sich anschließend zum Frühstück ein Omelett servieren lassen. Als einer der mitgereisten Journalisten den 76-Jährigen kurz vor dem Landeanflug fragt, was er in diesem Moment empfinde, antwortet der weißbärtige Alte nur: "Hitschi - gar nichts." Als sei seine Rückkehr in den Iran nach 14 Jahren Exil eine Selbstverständlichkeit. Oder göttliche Fügung.

So jedenfalls empfinden sie Millionen seiner Landsleute. Als der Jumbo mit Chomeini im dritten Anlauf auf dem Rollfeld aufsetzt, gerät Teheran in kollektive Verzückung. "Der Heilige ist gekommen", rufen die Leute. "Er ist das Licht unseres Lebens." Zu Hunderttausenden säumen Iraner aus allen Teilen des Landes die Straßen. Das Gedränge ist so dicht, dass Chomeinis Wagen nur im Schritttempo vorwärtskommt und zum Schluss ganz in der Menschenmenge stecken bleibt. Ein Hubschrauber muss ihn schließlich befreien und die letzten Kilometer zum Gräberfeld Behescht-e Sahra fliegen. Dort hält er eine Totenmesse für die Märtyrer, die im Kampf gegen den verhassten Schah ihr Leben verloren haben. "Wo sind die Menschenrechte, wenn wir eine neue Regierung wählen wollen und dafür einen Friedhof voller Toter ernten?", fragt Chomeini. Ein Knabenchor singt: "Möge jeder Tropfen ihres Blutes sich in eine Tulpe verwandeln und für immer blühen." Die Massen rufen: "Chomeini, oh Imam."

Rebellischer Prediger

Wer ist dieser Alte, den sie wie einen Messias willkommen heißen an diesem kühlen iranischen Wintertag vor 30 Jahren?

Es ist ein Mann, der sich sein Leben lang als Werkzeug Gottes betrachtet hat. Als Kämpfer für die Rechte der Unterdrückten und gegen die Arroganz der Macht. Der Vater wurde wenige Monate nach seiner Geburt im September 1902 von einem Großgrundbesitzer erschlagen, der junge Ruhollah wächst bei der Mutter auf. Er besucht die Koranschule in seinem Heimatort Chomein, 160 Kilometer südwestlich von Qom, dem Zentrum schiitischer Gelehrsamkeit. Hierher wechselt er später ans Seminar eines einflussreichen Klerikers und studiert neben den heiligen Schriften des Islam auch die Texte der griechisch-römischen Antike. Platos Lehre vom Philosophen-Herrscher wird sein Denken entscheidend prägen.

Bald argumentiert der junge Prediger entgegen schiitischer Tradition, die Mullahs müssten sich stärker in die Politik einmischen, und erwirbt sich so den Ruf eines Rebellen. Als 1944 der junge Schah das Seminar besucht, weigert Chomeini sich als Einziger, zur Begrüßung aufzustehen. Von nun an wird er nicht müde, gegen den Herrscher in Teheran zu wettern. Sein Charisma reißt viele Zuhörer mit. Vor 100.000 Menschen sagt er 1963 in Qom, man müsse "nur mit dem Finger schnippen", um den Schah hinwegzufegen. Der stellt den aufsässigen Kleriker - inzwischen ist er in den Rang eines Ayatollah aufgestiegen - unter Hausarrest, steckt ihn mehrfach ins Gefängnis und zwingt ihn schließlich 1964 ins irakische Exil. Dort, in der Pilgerstadt Nadschaf, entwickelt Chomeini in einer Vorlesungsreihe seine Theorie vom "Welajat-e Faqih", der "Herrschaft des Rechtsgelehrten" - die von Plato inspirierte Blaupause der islamischen Revolution.

Kampf um die Staatskontrolle

Die jedoch ist mit der gefeierten Rückkehr des Imam noch lange nicht gewonnen. Zwar stimmt eine überwältigende Mehrheit der Iraner bei einer Volksabstimmung Ende März 1979 auf die Frage "Wollt ihr eine Islamische Republik?" mit Ja. Doch um die Macht im Land zwischen Kaspischem Meer und Persischem Golf ist unter den Revolutionären ein erbitterter Kampf entbrannt.

Da erschießen Unbekannte namhafte Kleriker auf offener Straße. Da werden ehemalige Schah-Getreue von religiösen Standgerichten im Schnellverfahren zum Tod verurteilt und auf Hausdächern per Genickschuss hingerichtet. Da konkurriert eine neue zivile Regierung liberaler Nationalisten mit einem von Mullahs dominierten Revolutionsrat um die Kontrolle über den Staat. Beide wiederum bekämpft eine Guerilla radikaler Studenten, die sich schwer bewaffnet auf dem Universitätscampus verschanzt und niemandes Autorität anerkennen will. Und draußen in der Provinz begehren die Kurden und andere Minderheiten Unabhängigkeit.

Über allem thront Chomeini, an der Spitze der von ihm selbst entworfenen Hierarchie des Gottesstaats, im Amt des geistlichen Führers. Dieser Posten ist es, der die neue Islamische Republik im Göttlichen verankert. Denn sie bezieht ihre Legitimation nicht etwa aus den Wahlen, zu denen das Volk in regelmäßigen Abständen aufgerufen wird. Im Gegenteil: Die demokratischen Entscheidungen des Volks wären nichtig und wertlos ohne die Aufsicht und Anleitung des geistlichen Führers. Er ist der Statthalter des Imam, des "Messias", der nach schiitischem Glauben am Jüngsten Tag aus der Verborgenheit wiederkehren und eine Herrschaft absoluter Gerechtigkeit einläuten wird.

Punktesieg für die Kleriker

Die Rolle dieses Statthalters in der weltlichen Ordnung hat sich der charismatische Ayatollah auf den Leib geschrieben. Dieser schon recht gebrechliche alte Mann, der es selten schafft, mehr als fünf Stunden am Tag zu arbeiten - und vor dem der einst so mächtige Schah Reißaus genommen hat. Den sie alle irgendwie verehren, auf dessen Wort alle irgendwie hören - noch. Denn im Chaos der ersten Monate nach dem Umsturz droht selbst er den Halt zu verlieren. Der Anführer der Bewegung wird zum Getriebenen der Ereignisse.

Da besetzen im Morgengrauen des 4. November 1979 ein paar Tausend Studenten die Botschaft der USA im Zentrum Teherans und nehmen 66 Diplomaten in Geiselhaft. Ihr Ziel: eine Auslieferung des krebskranken Schahs, der sich seit knapp zwei Wochen in einem US-Krankenhaus behandeln lässt. Keiner der Geiselnehmer hat Chomeini um Erlaubnis gefragt. Der erfährt von der Aktion der Studenten in seiner Residenz in Qom - und erkennt eine goldene Gelegenheit. Während die zivile Regierung in Teheran die US-Regierung noch beschwichtigt und eine baldige Freilassung der Amerikaner in Aussicht stellt, schickt der Imam seinen Sohn zu den Studenten - um ihnen zu gratulieren. Der liberale Ministerpräsident reicht daraufhin seinen Rücktritt ein. Genau das hatte Chomeini bezweckt: einen Punktsieg für die Kleriker im Kampf um die Macht.

So funktioniert er das Geiseldrama von Anfang an um zum Instrument im internen Machtkampf gegen die Konkurrenz der Kleriker, gegen die Liberalen und die Linken, gegen Kommunisten und Militärs. Das Drama um die US-Botschaft wird genau so lange dauern, wie es ihm nützlich ist: 444 Tage. In dieser Zeit wird der junge Gottesstaat in einer ersten großen Repressionswelle auf Linie gebracht: Die Universitäten werden geschlossen und Frauen einem strengen islamischen Dresscode unterworfen, in Schulen, Ministerien und der Armee finden Säuberungen statt, denen Tausende missliebige Beamten und Offiziere zum Opfer fallen. Wer aufmuckt, wird als Schwächling in Zeiten der Konfrontation mit dem "großen Satan" USA gebrandmarkt.

Desaströs gescheitert

Die rituelle Verdammung mit der Formel "Marg bar Amrika - Tod für Amerika" wird von nun an zu einer tragenden Säule des Systems (so wie es die öffentlichen Flüche gegen die Osmanen zur Zeit der Safawiden waren). Die US-Regierung von Jimmy Carter gerät immer stärker unter Druck, etwas zu unternehmen, um die Geiseln nach Hause zu holen.

Acht RH-53D-Hubschrauber heben am 24. April 1980 nach Sonnenuntergang vom US-Flugzeugträger "Nimitz" im Golf von Oman ab. Ihr Ziel ist die Salzwüste südöstlich von Teheran. Dort haben Stunden zuvor Transportmaschinen ein paar Dutzend US-Elitesoldaten abgesetzt. Zusammen mit den Helikopterverbänden sollen sie die Geiseln in Teheran befreien und ausfliegen. Doch der tollkühne Plan endet im Desaster.

Übernommen aus ... Stern Ausgabe 30/2009

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