HOME

Gabriel will Kölner Schriftsteller vor Auslieferung retten, Erdogan geht auf Gabriel los

Die Türkei lässt den kritischen deutschen Schriftsteller Dogan Akhanli in Spanien festnehmen. Die Bundesregierung will seine Auslieferung an die Türkei verhindern. Sigmar Gabriel verhandelt, Erdogan hält mit einer Verbalattacke dagegen.

Die Festnahme des deutschen Schriftstellers auf Betreiben der Türkei in Spanien entwickelt sich immer mehr zum Politikum. Außenminister Sigmar Gabriel telefonierte am Samstagabend mit seinem spanischen Kollegen Alfonso Dastis, wie das Auswärtige Amt in Berlin bestätigte.

Dabei habe er den Wunsch geäußert, dass Akhanli nicht an die ausgeliefert und Deutschland in das Auslieferungsverfahren einbezogen wird. Außerdem habe er um schnellstmögliche konsularische Betreuung des Schriftstellers gebeten.

Der türkischstämmige Kölner Schriftsteller war am Samstag im Urlaub in Spanien auf Betreiben der Türkei festgenommen worden. Akhanli lebt seit seiner Flucht aus der Türkei 1991 in und hat ausschließlich die deutsche Staatsbürgerschaft. Über eine mögliche Auslieferung muss nun die spanische Justiz entscheiden. 

Antrag auf Festnahme von Akhanli kam aus Türkei

Akhanli werde die Mitgliedschaft in einer bewaffneten, terroristischen Vereinigung vorgeworfen, berichtete die spanische Nachrichtenagentur Europa Press unter Berufung auf Polizeikreise. Offiziell bestätigt ist das bislang nicht.

Akhanlis Anwalt Ilias Uyar sagte der Deutschen Presse-Agentur, der Festnahmeantrag sei aus der Türkei gekommen. Dies bestätigte auch die spanische Polizei. Akhanlis Anwalt zufolge lag bei eine sogenannte Red Notice zu dem Schriftsteller vor. Damit kann ein Land dazu auffordern, eine gesuchte Person ausfindig zu machen und vorläufig festzunehmen. Laut Interpol entscheiden die Länder selbst, wie sie mit einer Red Notice umgehen.

Akhanli schreibt über die Verfolgung der Armenier Akhanli steht der türkischen Regierung kritisch gegenüber. In seinen Werken befasst sich der 1957 geborene Schriftsteller auch mit der Verfolgung der Armenier in der Türkei - einem höchst kontroversen Thema, bei dem in Akhanlis alter Heimat regelmäßig die Emotionen hochkochen.

Akhanli selbst wurde nach dem Militärputsch als Mitglied der kommunistischen TDKP 1984 verhaftet. Von 1985 bis 1987 saß er in Istanbul in einem Militärgefängnis. Er floh 1991 nach Deutschland und nahm 2001 die deutsche Staatsbürgerschaft an. In Deutschland löste seine Empörung aus. "Das Verhalten von Präsident Erdogan trägt inzwischen paranoide Züge", sagte Kanzlerkandidat Martin Schulz zu "Bild am Sonntag".


Erdogan greift Gabriel an: "Beachten Sie Ihre Grenzen!"

Präsident Erdogan warnte derweil Bundesaußenminister Gabriel in einer scharfen persönlichen Attacke vor weiterer Kritik an der Türkei. "Er kennt keine Grenzen", kritisierte Erdogan in einer Rede vor Anhängern in der Provinz Denizli mit Blick auf Gabriel. Erdogan richtete sich direkt an den deutschen Minister: "Wer sind Sie, dass Sie mit dem Präsidenten der Türkei reden? Beachten Sie Ihre Grenzen!"

Zudem kritisierte der türkische Präsident, dass Gabriel versuche, "uns eine Lektion zu erteilen". Wiederum an den Bundesaußenminister gerichtet fügte Erdogan hinzu: "Wie lange sind Sie eigentlich in der Politik? Wie alt sind Sie?"

Mit seiner Kritik reagierte Erdogan offenbar darauf, dass sich Gabriel - wie andere deutsche Politiker auch - jede Einmischung des türkischen Präsidenten in den deutschen Wahlkampf verbeten hatte. Zuvor hatte Erdogan türkischstämmige Wähler in Deutschland aufgefordert, bei der Bundestagswahl nicht CDU, SPD oder Grüne zu wählen.

In seiner Rede am Samstag wiederholte Erdogan den Aufruf. Vor weiteren Reaktionen Deutschlands müsse sich die Türkei nicht fürchten, sagte Erdogan: "Es ist nicht wichtig für uns, ob Deutschland die Türen offen hält oder nicht. Wir haben genug Türen."

DJV mahnt Journalisten 

Der Journalistenverband DJV rief Journalisten indessen dazu auf, sich vor Auslandsreisen beim Bundeskriminalamt über mögliche Haftbefehle oder Fahndungen im Ausland zu informieren. Man rate türkeikritischen Kollegen "dringend", eine Selbstauskunft beim BKA zu beantragen.

pg/AFP/DPA

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren