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Wie Donald-Trump-Gegner lernen, Nein zu sagen

Sie sind Hausfrauen, Kinderärztinnen, Yogalehrerinnen. Die meisten von ihnen mischen sich das erste Mal in die Politik ein. Wie in Rye bei New York treffen sich überall im Land Trump-Gegner und lernen, wie man effektiv protestiert. Ein Hausbesuch.

Protest gegen Donald Trump

Protest gegen Donald Trump in Manhatten

Neulich war ich bei einem Treffen von Frauen, die Proteste gegen Trump vorbereiten wollen. Als die Runde zwei Stunden später wieder auseinander ging, dachte ich: Was die Frauen machen, könnte auch eine Blaupause für den Widerstand gegen die in Deutschland, gegen Marine Le Pen in Frankreich oder gegen Geert Wilders in den Niederlanden sein. Es ist gar nicht so schwer und eine kostenlose Gebrauchsanweisung für den Widerstand gibt es auch.

Aber klingeln wir erst einmal an der Haustür von Andrea Hessekiel im Städtchen Rye, nicht weit von New York entfernt.

"Wir wollen Donald Trump stoppen"

Im Eingang liegen ein paar alte Handtücher auf dem Parkett, damit die Gäste den nassen Schnee von ihren Stiefeln klopfen können. Seit Stunden schneit es. Die Räumdienste kommen kaum nach. Vom nahen Long Island Sound weht es eisig. Aber trotz glatter und gesperrter Straßen, Punkt halb acht am vergangenen Donnerstagabend versammelten sich ein Dutzend Frauen bei Andrea Hessekiel im Wohnzimmer.

Da saßen Hausfrauen, Kinderärztinnen, Personalberaterinnen und Yogalehrerinnen um einen Tisch. Alle sagten: "Wir wollen Trump stoppen. Wir verteidigen unsere ." Für die meisten ist es das erste Mal, dass sie sich in die Politik einmischen. Sie sagen, mit Trump als Präsident im Weißen Haus gebe es keine Ausreden mehr.


Mit Filzstiften schreiben sie zunächst auf bunte Zettel, wofür es sich zu kämpfen lohnt. Sie wollen "besseren Umweltschutz", "fair bezahlte Jobs", "eine Krankenversicherung für alle", "neue Moral, Ehrlichkeit und Freundlichkeit". Kurzum, die Welt soll ein besserer Ort werden. Aber die Frauen erfahren gleich,  dass das der falsche Ansatz ist. Zumindest für die nächsten vier Jahre, so lange Trump im Oval Office sitzt.

Die bessere Taktik gehe so, erklärt Gastgeberin Andrea Hessekiel: "Um politisch etwas zu erreichen, müssen wir erst einmal lernen, 'Nein!' zu sagen." Nein zu Trumps Politik. Nein zu Trumps Gefolgsleuten im Kongress.

Zigtausend Protestgruppen gibt es bereits

Jede Frau in der Runde soll deshalb die Abgeordneten und Kandidaten der Republikaner im Wahlbezirk anrufen und ihnen klipp und klar sagen, sie werde ihn nicht wählen, so lange er Trump unterstütze. Jede soll zu den Sprechstunden des Abgeordneten gehen und genau diese einfache Botschaft überbringen: wir sagen "Nein". Das sei genug. Für politische Visionen und Pläne sei später Zeit.

Es gibt inzwischen Zigtausend solcher Gruppen in Amerika wie die von Andrea Hessekiel und Jackie Frederick-Berner. Sie treffen sich in Wohnzimmern und Cafes, in Yogastudios und Kirchen.

Donald Trump Protest-Gruppe

Andrea Hessekiel (vorne l.) und ihre Protest-Neulingsgruppe aus Rye, Nahe New York 


Vielleicht ist es der Anfang einer neuen politischen Bewegung. Vielleicht werden Andrea Hessekiel und Jackie Frederick-Berner aus dem Städtchen Rye bei New York in ein paar Jahren sagen können: Wisst ihr noch? Wir waren von Anfang an dabei. Wir haben unser Land von Trump zurück erobert.

Die Gruppen vernetzen sich mehr und mehr untereinander. Sie folgen einem Drehbuch, das ehemalige Mitarbeiter und Wahlkampfexperten demokratischer Abgeordneter nach der Wahl Trumps ins Netz gestellt haben. Es trägt den Titel: "Unteilbar - ein Leitfaden zum Widerstand gegen Trump". Die Schrift ist kostenlos. Rund 1,5 Millionen Mal wurde sie im Netz heruntergeladen

Ihr Ziel: Den Politikern die Show vermasseln

Die Blaupause der Anti-Trump-Schrift stammt von der Tea-Party. Die erzkonservative Bewegung der Republikaner war nach der Wahl Barack Obamas entstanden. Sie hatte nur ein Ziel: die Regierung des neu gewählten Präsidenten zu blockieren. Sie agierte sehr erfolgreich. Eine relativ kleine Anzahl von Polit-Aktivisten hatte auf einmal großes Gewicht in der Politik. Überall wo die Abgeordneten im Wahlkreis auftraten, tauchten Tea-Party-Leute auf. Sie stellten unangenehme Fragen und vermasselten den Politikern wo immer sie konnten die Show. Lokale Medien berichteten. Die Tea-Party wurde zur gefürchteten Macht im Lande.

Im Protest-Leitfaden steht, wie man sich am Telefon von Mitarbeitern des Abgeordneten oder Kandidaten nicht so schnell abwimmeln lässt. Es gibt einen Gesprächsdialog zum Einüben. Oder wie sich kleine Gruppen mit Fragen auf Diskussionsveranstaltungen mit dem politischen Gegner vorbereiten. Ein Rat lautet: "Bringt keine Plakate mit. Gebt euch nicht als Opposition zu erkennen, sonst bekommt ihr nie das Mikrofon in die Hand und könnt eure Fragen erst gar nicht stellen."


Genauso wollen Andrea und ihre Mitstreiterinnen jetzt auch gegen Trump vorgehen. Im Leitfaden steht: Zehn Leute sind schon genug, um eine Veranstaltung mit kritischen Fragen zu kapern. Auch der Zeitaufwand sei nicht groß. Ein paar Stunden im Monat genügen.

Abgeordnete der Republikaner in Washington berichten bereits von gesprengten Bürgersprechstunden und überlasteten Telefonanlagen, weil sich so viele kritische Wähler zu Wort melden. Andrea und ihre neuen Mitstreiterinnen haben sich für dieses Wochenende zur ersten Aktion verabredet, wenn der Bürgermeister, ein Republikaner, zum Bürgerkaffee einlädt. 

Washington in Unruhe

Der Leitfaden stellt zugleich eine Plattform her, damit die zigtausend Anti-Trump-Gruppen im Land voneinander erfahren und sich koordinieren können. Man gibt die Postleitzahl ein und sieht, wo es in der Nähe bereits Initiativen gibt. Eine ähnliche Vernetzung bieten auch die Organisatorinnen des Women's March an, zu deren Erkennungszeichen die pinkfarbene  selbstgestrickte "Pussy-Hat" wurde. Sie haben sich zehn Aktionen gegen Trump in den ersten 100 Tagen seiner Regierungszeit vorgenommen. 

In Washington sorgen die Aktionen der Anti-Trump-Bewegung bereits für Unruhe unter den Republikanern. Der für seine Hemdsärmeligkeit bekannte Konservative Jason Chaffetz aus Utah sah sich bei einem Bürgergespräch plötzlich umringt von Dutzenden Frauen und Männern die Plakate in die Höhe hielten. Auf allen stand: "Nicht einverstanden!".

Entsteht hier eine neue Bewegung?

Abgeordnete aus North Carolina, Kalifornien und Florida berichteten in vertraulichen Sitzungen in Washington von "gesprengten Veranstaltungen" in ihren Wahlkreisen. Die Parteiführung riet ihnen: "Bleibt immer freundlich aber holt euch einen Moderator an die Seite und ein paar private Sicherheitskräfte." Andere erzählten von überlasteten Telefonanlagen, weil sich auf einmal so viele Bürger zu Wort melden.

Entsteht eine neue Bewegung? Verschwindet sie bald wieder wie "Occupy Wall Street"? Oder wird sie so erfolgreich wie die Tea-Party? Experten sagen, es sei für Prognosen zu früh. Die vier Millionen Teilnehmer beim Women's March am Tag nach Trumps Amtseid seien aber ein Hinweis, dass die Basis des Protest sehr breit sei.

Ziad Munson  von der Lehigh Universität in Pennsylvania forscht über soziale Bewegungen. Er glaubt, dass die Anti-Trump-Gruppen vieles richtig machen, um dauerhaft erfolgreich zu sein. Die Protestierer, so Munson, sollten sich nicht nur auf das Organisieren von Demonstrationen konzentrieren. Ein Fehler der zum Scheitern der Occupy-Bewegung führte. Wichtig sei es, in kleinen Gruppen zu agieren, in den sich die Mitglieder kennen und nach Niederlagen oder Fehlschlägen motivieren.

Sie trainieren nicht für einen Sprint

So gesehen machen die Frauen aus Rye vieles richtig. Andrea Hessekiel verabschiedete ihre Mitstreiterinnen mit den Worten: "Wir trainieren für einen Marathon, nicht für einen Sprint."

Nach zwei Stunden geht das Treffen in Rye zu Ende. (Ein wichtiger Tipp: Solche Zusammenkünfte soll nie zu lange dauern.) Auf der Heimfahrt geht mir durch den Kopf, wie viele schöne Wörter es in Europa gibt, um "Nein" zu sagen: No, Nee, Nie, Neen, Nej, Ne. Klingt doch wunderbar.





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