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Lupita García - Donald Trumps erstes Abschiebeopfer

Lupita García lebte als Köchin, Putzfrau, Mutter in den USA. Ohne Papiere. Seit 22 Jahren. Dann befahl Präsident Trump, das Einwanderungsgesetz mit ganzer Härte durchzusetzen. Und Lupita verlor alles.

Lupita

Abgeschoben nach 22 Jahren: Heute lebt Lupita García im Haus ihrer Mutter in Acámbaro

Lange bevor Lupita García das erste Opfer von Präsident Trump wurde und eine Heldin der Mexikaner und ein Lehrstück für Migranten und auch noch das Symbol für eine nationalistische Zeitenwende, war sie eine einfache Putzfrau aus der Vorstadt Mesa in Arizona. Sie zog zwei Kinder groß und bekochte ihren Mann und ging sonntags in die Kirche, ja, sie leitete sogar eine Gebetsgruppe. Sie war so etwas wie ein Musterexemplar aus dem Katalog der Republikaner. Mit einem Haken: Sie kam aus Mexiko. Sie kam nicht freiwillig.

"Bist Du traurig, Mama?"

Ihre Eltern schleppten Lupita vor 22 Jahren über die Grenze nach , sie war 14. Von da an führte sie das Leben einer aufstrebenden Amerikanerin, sie arbeitete hart als Putzfrau in einem Vergnügungspark und einem Zweitjob als Köchin, sie zog von einer kleinen Wohnung in eine größere und schließlich in ein Haus, sie half als Freiwillige in gemeinnützigen Organisationen. Sie machte America great again. 22 Jahre lang. Bis zu dem Tag, als sich die "Detonation" ereignete, und wie schwer die war, erfahren wir bei einem herzzerreißenden Telefonat im Haus der Garcías in Arizona.

"Mama, wie geht’s dir?" , sagt ihre Tochter, die 14-jährige Jackie.
"Nicht gut", sagt Lupita, 2200 Kilometer entfernt in Mexiko.
"Bist du traurig?"
Stille in der Leitung. Schluchzen.
"Bist du traurig, Mama?"
"Ich vermisse euch so sehr."
Wieder Stille.
"Ich weiß nicht, was ich hier in Mexiko soll."
"Du kommst bald zurück, Mama."
"Ja", sagt Lupita niedergeschlagen, und es klingt eher wie: Du weißt, dass ich zehn Jahre nicht zurückdarf.

Es ist früh am Abend in der Kleinstadt Mesa, ihrer Wahlheimat, aus der Guadalupe García de Rayos, genannt Lupita, am 8. Februar jäh gerissen wurde - Trumps Abgeschobene Nummer eins. Ihre Tochter Jackie, 14, ihr Sohn Angel, 16, und ihr Mann Juan* sitzen am Esstisch, den Lupita an jedem Abend für sie deckte. Sie essen jetzt Fertiggerichte, die ihnen nicht schmecken. Sie warten auf den Gutenachtkuss, der nicht mehr kommt. "Wir haben uns abends immer mit Mama ins Bett gekuschelt und Filme geguckt", sagt Jackie.

Abschiebung nach Routinebesuch

Immer wieder kommen ihnen die Bilder vom 8. Februar. Lupita wollte an jenem Mittwoch ihren Routinebesuch bei der Immigrationsbehörde ICE machen. Einmal im Jahr meldete sie sich dort und erhielt nach wenigen Minuten die Verlängerung der Arbeitserlaubnis. Sie lebte ohne Dokumente im Land und war das, was Republikaner eine "Illegale" nennen. Aber Präsident Obama ließ viele dieser "Dreamer" gewähren, die sich nichts zuschulden kommen ließen und mit US-Staatsbürgerschaft hatten.

Diesmal war Lupita nervös. Knapp zwei Wochen zuvor hatte Präsident Trump seine Executive Order verkündet, sie gab Grenztruppen den Freiraum, jeden der elf Millionen "Undokumentierten" abzuschieben. Lupita ging davon aus, dass dies nicht umgehend vollzogen würde, schon gar nicht in so einem harmlosen Fall wie ihrem.


"Uns war bewusst, dass in diesen neuen Zeiten die Möglichkeit einer Abschiebung bestand", sagt ihr Mann Juan. "Aber meine Frau wollte sich nicht verstecken. Sie wollte den aufrechten Weg gehen. Also betrat sie mit ihrem Anwalt die Behörde."
Und dann?, fragen wir.
"Es dauerte merkwürdig lang. Nach Stunden kam ihr Anwalt raus und sagte, man habe sie festgenommen."
Was war der Grund?
"Ein weit zurückliegendes Vergehen aus dem Jahr 2008. Sie hatte eine Versichertennummer erfunden, um arbeiten zu können."
Und dann?
"Am Abend fuhr ein Bus mit Häftlingen aus dem Gebäude", erzählt nun seine Tochter Jackie. "Wir schmissen uns davor. Einer kettete sich an die Reifen und hielt ihn auf. Aber irgendwann kam ein Swat-Team und führte Mama in Fußfesseln ab, wie eine Schwerkriminelle. Wohin, wussten wir nicht. Am nächsten Morgen erhielten wir Mamas Anruf aus Mexiko: 'Sie haben mich abgeschoben.'"
Juan und seine Kinder stehen vom Esstisch auf und machen ihre Traurigkeit mit sich selbst aus. An der Wand blicken sie auf Fotos ihrer Mutter. In der Küche auf ihre Essenspläne. Im Wohnzimmer auf ein Ölgemälde der Jungfrau von Guadalupe, dem bedeutendsten Marienheiligtum . Alles hier ist: Lupita.

Träume und Tränen

"Aus dem Haus müssen wir im Juni raus", sagt Juan. "Ich kann die Miete allein nicht tragen, 1200 Dollar. Das Haus war Lupitas Traum, mit Garten, drei Zimmer." Juan kämpft gegen Tränen an. "Ich versuche, vor den Kindern stark zu sein." Bei allen Spekulationen über die Folgen von Trumps Politik: Hier zerstört er konkret Leben.

Jackie geht zum Weinen hinaus auf die Terrasse. Sie sagt: "Mama hat meine Quinceañera vorbereitet (das so wichtige Fest der 15-Jährigen). Sie wollte noch einen Job annehmen, um die teure Feier auszurichten. Ohne sie will ich nicht mehr feiern."
Wie könnt ihr euch wehren?
"Ich kämpfe um ein Treffen mit dem Papst", sagt sie, etwas naiv, "ich habe gehört, er könne einen Pass ausstellen, mit dem sie überall leben darf."
Sie malt gerade ein Bild und holt es hervor. Es zeigt Trump mit Hitlerbart und Swastika.
Ziemlich hart, wenden wir ein.
"Ich stehe dazu", sagt sie.
Ihr Bruder Angel arbeitet an einem Graffiti mit dem Schriftzug: "Fuck Trump".
Es ist so: Trump hat sie zu Aktivisten gemacht. Ein Leben lang, so schwören sie.

Lupita Kinder in Arizona

Das Bildnis der heiligen Maria Guadalupe hilft der tiefgläubigen Familie: Jackie und Angel mit Vater Juan (M.) in ihrem Haus in Mesa, Arizona.


Für den Präsidenten ist der "Fall Lupita" ein Triumph. Er hat endlich die passende Geschichte zu seinem Versprechen, Amerikas Obersheriff zu werden. Im Wahlkampf hatte er von Mexikanern als Vergewaltigern, Mördern, Jobräubern gesprochen und sie zu Sündenböcken für alles Mögliche gemacht. Mit der Abschiebung einer vorbildlichen Mutter hat er eine Warnung an alle "Undokumentierten" im Land geschickt: Es kann jeden von euch treffen.
Dabei sind Juan und Lupita und die elf Millionen das Rückgrat der amerikanischen Gesellschaft. Sie schuften auf Baustellen und pflegen Gärten, sie pflücken Erdbeeren und zerlegen in Fabriken Hühner. Die Gleichung geht so: Lupita und Juan machten die Drecksarbeit, damit Trumps weiße Wähler perfekte Golfplätze haben, billiges Obst, saubere Toiletten.
Gibt es eine Lösung?, fragen wir. "Vielleicht Kirchenasyl", antwortet Juan, "dann könnten wir Lupita täglich sehen. Aber dafür müsste sie wieder ins Land kommen." Es klopft an der Tür.
"Ich erwarte keinen", sagt er, Panik kriecht in sein Gesicht. Er blickt durch den Schlitz und öffnet nicht.
"Ich lebe seit 24 Jahren hier, habe aber keine Dokumente", erläutert Juan in akzentfreiem Englisch. "Ich habe Angst, dass ich der Nächste bin, weil ich mich gegen Trump äußere. Ich belege Verteidigungskurse, um das zu verhindern."

Öffnet nie der Polizei die Tür

Am Montag fährt Juan für den Kurs zu Puente, einer Organisation für Migranten. Sie hat ihren Sitz in einem Hinterhof von Phoenix, der Hauptstadt Arizonas, wo die Immobilienpreise Garant für eine Segregation von Weißen und Hispanics sind. Seit Trumps Machtübernahme füllen an jedem Abend Hunderte ängstliche Migranten den Saal. Die Luft ist dick, vorn auf der Bühne hängt ein Banner mit dem Schriftzug: Keine Abschiebungen mehr. Und darunter: Kein Mensch ist illegal.

Der Leiter, Ernesto Lopez, ein kräftiger Mann mit 20 Jahren Erfahrung bei Abschiebungen, erklärt ihnen die Regeln: Öffnet der Polizei nie die Tür. Klärt die Vormundschaft der Kinder, sonst kommen sie ins Heim. Seid freundlich bei Verkehrskontrollen, beantwortet aber keine Fragen zum Aufenthaltsstatus. "Trump hat ICE-Beamten freie Hand gegeben. Schaut, was Lupita zugestoßen ist. Sie hat sich geopfert."

Alle hier kennen den Fall Lupita. Sie nennen sie die Rosa Parks der Mexikaner, ein Verweis auf die schwarze Bürgerrechtlerin, die sich einst weigerte, im segregierten Bus hinten zu sitzen. Noch am Tag von Lupitas Abschiebung passierte etwas Erstaunliches: Ihr Fall ging um die Welt und zeigte den Rechtlosen, wie brutal der neue Staat vorgeht. Trump mochte seinen Triumph haben. Mexikaner hatten ihre Rosa Parks.
"Soll ich mit meinem Boss reden?", fragen die Arbeiter im Saal.

Geht nur mit Vorsicht raus

"Lieber nicht", sagt Lopez. In der Ära Trump haben erste Gewerkschafter ihre mexikanischen Kollegen verpfiffen, um Jobs für Amerikaner zu bewahren.
"Kann ich überhaupt noch rausgehen?", fragen sie kleinlaut.
"Nur mit Vorsicht. Nicht auffallen. Kein Alkohol. Kein Streit. Bloß keine Polizeikontrolle."
Da blicken sie sich an: Ihr Leben in Amerika ist gerade sehr klein geworden. Die beste Verteidigung ist es, das Haus nicht mehr zu verlassen.
Ernesto Lopez hat Lupita in diesen Wochen begleitet. Er hat sie direkt nach der Abschiebung auch in der mexikanischen Grenzstadt Nogales besucht und ist die Optionen mit ihr durchgegangen.
Ist Kirchenasyl eine Lösung?, fragen wir ihn.
"Möglich", sagt Lopez, "aber dann müsste sie erst illegal zurück. Und die Kirchen hier ahnen nicht, was es bedeutet, jemanden jahrelang zu betreuen. Zudem machen sie sich gemäß der neuen Executive Order zu Komplizen. Trump kann Kirchen stürmen. Auch unser Zentrum."
Was bleibt ihr sonst?
"Vielleicht Kalifornien", sagt er. Dort gibt es rund 40 "Sanctuary Cities", wo die Polizei nicht mit den Immigrationsbehörden kollaboriert.
Kaum ein Staat ist so rassistisch wie Arizona. Die weißen Rentner kamen des Klimas wegen und merkten: Oh Gott, hier sind ja viele Braune. Also wählten sie Rassisten zu Sheriffs und Abgeordneten und jetzt auch noch einen ins Weiße Haus.


Der Besuch bei der Immigrationsbehörde ICE, einem bunkerartigen Gebäude in der Innenstadt von Phoenix, scheitert schon am Eingang. Keiner hier will sich zitieren lassen. Im Wahlkampf haben die Grenzer Trump mit der Behauptung unterstützt: Obamas und Hillary Clintons Politik führt zum Verlust Tausender Leben. Trump sei der Einzige, der die Sicherheit wiederherstellt.

Die Stunde der Rassisten ist gekommen

In Hintergrundgesprächen geben sich die Beamten merkwürdig aggressiv. Man werde ja noch sein Land verteidigen dürfen, lautet ihr Lieblingssatz. Sie wollten nur die Gesetze umsetzen, und endlich habe Trump ihnen dafür freie Hand gegeben. Das ganze System funktioniert nach dem Schema: Trump hat einen rassistischen Erlass gegen Muslime und Migranten geschaffen. Jetzt können Rassisten bei der Umsetzung auf ihr gesetzmäßiges Handeln verweisen.

Drei Tage später betritt Lupitas Mann Juan Gerichtssaal 602 in Downtown Phoenix. Es läuft der Fall Puente versus Sheriff Arpaio. Es geht um die Rechtmäßigkeit der Razzien des berüchtigten Sheriffs Joe Arpaio, denen auch Lupita 2008 zum Opfer fiel. Arpaio hat sich einen Namen als "Amerikas härtester Sheriff" gemacht. Er nannte sein Gefängnis im Landkreis Maricopa "Konzentrationslager" und machte Jagd auf Migranten. Er ließ Gefangene in pinkfarbenen Unterhosen bei 48 Grad arbeiten. Trump wurde zu seinem größten Fan.

Lupita in Mexiko

Eine Woche lang konnten Angel und Jackie ihre Mutter in ihrer Bleibe in Mexiko besuchen. Beide waren vorher noch nie in das Land gereist.


Auf der rechten Seite des Saals sitzt Trumps Amerika: die Anwälte und Unterstützer Arpaios, ausnahmslos weiße Männer, Vertreter einer weltweiten Bewegung, die Identität wieder an Blut und Erde festmachen will. Sie repräsentieren das alte, vergängliche Amerika, das bei dieser Wahl aufzuckte.
Auf der linken Seite sitzt das neue Amerika: Asiaten, Juden, Hispanics, Migranten, junge Leute - die Zukunft des Landes, wenn die dunklen Jahre vorbei sind. Der Richter, ein alter weißer Mann, deutet an: Arpaios Razzien gegen Migranten waren rechtens. Ein weiterer Rückschlag für Lupita. Der Rechtsweg ist ihr damit versperrt. Es ist die alte Heuchelei: Ihr Illegalen seid willkommen, solange ihr unsere Billigjobs macht. Wenn ihr euch schnappen lasst, greift die Härte des Gesetzes. Lupitas Anwalt Ray Maldonado verlässt aufgebracht den Saal. Er versucht, Juan Mut zu machen: "Wir gehen bis in die letzte Instanz", verspricht er. "Lupitas einziges Vergehen war es, ihren Kindern eine bessere Zukunft zu schenken."

Trumps Kriegserklärung an alle Immigranten

Später sprudelt es aus ihm heraus: "Trumps Executive Order ist eine Kriegserklärung an alle Immigranten und Farbige. Sie können dich schon abschieben, wenn es nur einen Verdacht gibt. Und die große Welle der Abschiebungen kommt noch. ICE kriegt im Lauf des Jahres 10.000 neue Stellen, darunter Leute, die mit Schaum vorm Mund Migranten jagen wollen. Obama war schon schlimm und hat mehr als 2,5 Millionen Menschen abschieben lassen, allerdings zumeist direkt nach illegalem Grenzübertritt oder nach schweren Straftaten. Trump will diese Zahlen unbedingt übertreffen."


Anwalt Maldonado ist ein Kind der Grenze. Er wuchs 100 Meter vom Grenzzaun auf der US-Seite auf, seine Mutter 100 Meter auf mexikanischer Seite. Als Junge sah er Flüchtlinge, die fünf Tage durch die Wüste zogen auf der Suche nach einer besseren Zukunft - und dabei verdursteten. Er ging später auf die Eliteuniversität Stanford und bekam Angebote aus der Großindustrie, sah aber ein, dass die Migranten ihn brauchten. 600 Abschiebungsfälle hat er pro Jahr, "viele dürfen bleiben".
Und Lupita?, fragen wir auch ihn.
"Die Chancen stehen nicht gut", gibt er zu. "Wir brauchten ein juristisches Wunder, durch das ihre Abschiebung als unrechtmäßig anerkannt wird."
Was bleibt ihr dann?
Er überlegt, ob er es aussprechen soll. Dann sagt er: "Sie müsste unerkannt wieder einreisen. Und dann untertauchen. Aber so wie ich Lupita kenne, ist das keine Option. Ich habe nie im Leben eine aufrechtere Person getroffen."

Nachts kommt die Traurigkeit 

2200 Kilometer weiter südlich kühlt der Abendwind den erhitzten Tag. Cumbia-Musik dringt aus der Bäckerei. Der Geruch von Tortillas läutet den Abend ein. In der Ferne schimmern die kargen Berge einer Region ohne Wasser. So plätschert das Leben vor sich hin in der Kleinstadt Acámbaro im mexikanischen Staat Guanajuato. Lupita sitzt in ihrem Kindheitszimmer vor einem Ölporträt von Jesus Christus und betet um Beistand für die Nacht. Sie hat gerade wieder mit Juan telefoniert und ihm erklärt, wie man Enchiladas zubereitet. Sie sagt: "Nachts kommt die Traurigkeit. Dann frage ich mich: Warum ich? Warum ich als Erste? Meine Mutter schläft bei mir und hält mich dann."

"Kommst du zum Essen, Lupita?", ruft ihre Mutter.
Sie geht die brüchigen Steintreppen hinunter in einen Innenhof, den man in den USA als Schuttablageplatz bezeichnen würde. Lupita ist eine kleine Frau mit langen schwarzen Haaren und sanfter Stimme. Sie lebt jetzt mit Vater, Mutter und 15 Familienmitgliedern in drei Räumen. Zurück im Schoß der Großfamilie und doch unendlich einsam.

Lupita Trump als Hitler

Angst und Wut sitzen tief. Tochter Jackie malt Trump als Hitler mit Hakenkreuz. Er habe sie zu Aktivisten werden lassen, sagen die Kinder.


Alle im Haus sind schon mal in die USA geflohen, Lupitas Mutter gar sechsmal, jedes Mal hat sie ein Kind mitgenommen. Drei ihrer Kinder leben in den USA, drei hier, einer kehrte freiwillig zurück, andere wurden abgeschoben. "Wir sind eine Familie von Mojados", sagt sie, - "Nasse", eine abwertende Bezeichnung für mexikanische Migranten.

27 Milliarden Dollar überweisen sie nach Mexiko

Die Familie García steht mit ihrem Weg für ganz Acámbaro. Nachdem die Eisenbahn dichtmachte und alle Arbeitsplätze mitnahm, begann der Exodus gen Norden. Heute lebt die Stadt von den "Remesas", den Überweisungen, die Familienangehörige aus den USA schicken. Mehr als 27 Milliarden Dollar überwiesen sie im vergangenen Jahr nach Mexiko. Würde Trump die Remesas besteuern, wie er drohte, um damit seine Mauer zu bezahlen, bräche Mexikos Wirtschaft ein. Das Monatsgehalt in Acámbaro beträgt 120 Euro. "In den USA war meins 20 Mal so hoch", sagt Lupita. Ein einfacher Satz, aber er bringt die ganze Problematik des 21. Jahrhunderts auf den Punkt.

Sie hassen und lieben die USA Am nächsten Tag kommt Alma, eine Assistentin des Bürgermeisters, in weißer Uniform vorbei. Sie bietet an, Lupita eine Maschine zu kaufen, um eine Tortilleria aufzumachen. Der Staat bezahlt zudem den Besuch ihrer Kinder und etwas Eingliederungshilfe. Der Gouverneur hat sich mit Lupita präsentiert, der Bürgermeister, womöglich bald auch der Staatspräsident. Seit ihrer Rückkehr begann ein wahres Rennen um Lupita. So wie Trump Lupita für seinen Triumph und Puente sie als Warnung nutzte, so nutzen Mexikos Politiker sie jetzt für ihre Propaganda. Eine Situation, die man zynisch als win-win bezeichnen könnte. "Ich habe nichts zu gewinnen", sagt Lupita.

Der Staat zahlt tatsächlich die Flüge

Wenn es um eine Lösung geht, hat auch Alma, die Frau von der Stadt, einen Rat: "Ich würde die Familie nachholen. In den USA werden Diskriminierung und Ausbeutung immer schlimmer." Ihre Haltung ist in Mexiko weitverbreitet. Die Menschen hegen tiefe Abscheu gegen den Staat im Norden, einerseits. Andererseits ist er dennoch ihre Traumdestination. "Die Zahl der Auswanderer in Acámbaro ist seit Trumps Wahlsieg um 70 Prozent zurückgegangen", sagt Alma. "Sie haben Angst." Trump würde das einen großartigen Sieg nennen, wenden wir ein. "So muss man das wohl sehen", gesteht sie ein.

Mitte März bezahlt der Staat tatsächlich die Flüge der Kinder. Jackie und Angel besuchen die Mutter, in Begleitung mexikanischer Medien. Lupita ist in Tränen aufgelöst, alles fließt aus ihr heraus, was sich über sechs Wochen Sehnsucht angestaut hat. Jackie kommt mit Designertasche und Angel mit Elvis-Tolle. Sie sind zum ersten Mal in Mexiko. Sie sehen zum ersten Mal die Großeltern, zum ersten Mal Ziegenherden auf Feldern, Ochsenkarren in Straßen, richtige Armut.
"Ich mag Mexiko", sagt Jackie, "aber leben könnte ich hier nicht."
"Ich mag es", sagt Angel, "aber es ist sehr anders."

Da kommen zwei US-Teenager in ein fremdes Land. In den USA werden sie Mexikaner genannt.

Lupita geht mit den Kindern durch die Stadt. Alle wollen sie fotografieren - "la víctima de Trump", Trumps Opfer. Sie geht Hand in Hand mit ihrer Tochter, später, in der Stille der Kirche, sagt sie: "Ich will nicht, dass meine Kinder hier leben. Gerade wurden drei Menschen im Krieg der Drogenkartelle erschossen. Die Banden erpressen auch die Familien, die Remesas empfangen." So geht der Billiglohn in Amerika einen langen Weg - bis in die Kassen der Kartelle.

Warten bis nach "Monster" weg ist

Nach fünf Tagen muss sich Lupita von ihren Kindern verabschieden. Sie bringt sie zum Flughafen. Es bricht ihr das Herz, womöglich wird sie die beiden in den nächsten zehn Jahren nur einmal pro Jahr sehen, ihren Mann Juan gar nicht.
Und jetzt?, fragen wir sie in der Stille des Zimmers nach unserer Woche mit der Familie.
"Warten, ob sich juristisch etwas ergibt", antwortet sie.
Und wenn nicht? Kirchenasyl, wie ihr Mann vorschlägt?
"Das halte ich nicht aus."
Untertauchen, wie ihr Anwalt sagt?
"Das traue ich mich nicht. Die Beamten haben mir bei der Abschiebung gesagt, wenn ich erwischt werde, bekomme ich 20 Jahre."
Und sonst?
"Warten."
Wie lange?
"Vier Jahre, bis das Monster weg ist."
Nach einer Pause fügt sie etwas hoffnungsvoll hinzu: "Vielleicht stürzt er bei all seinen Skandalen ja schon früher."
* Name von der Redaktion geändert

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