Mobile Ansicht
Wechseln Sie für eine bessere
Darstellung auf die mobile Ansicht
Weiterlesen Mobile Ansicht
HOME

"Helft uns, unsere Mutter zu retten"

Wegen eines angeblichen "Ehebruchs" soll die Iranerin Sakineh Mohammadi e Ashtiani gesteinigt werden. Ihre Kinder versuchen, das Todesurteil zu verhindern. Am Samstag entscheidet ein Gericht über das letzte Gnadengesuch.

Von Manuela Pfohl

Jeder kann das Foto im Internet sehen: Ein schmales Gesicht, eingerahmt vom schwarzen Tuch eines Schleiers. Sakineh Mohammadi e Ashtiani. Iranerin, 43 Jahre alt, Mutter von Farideh und Sajjad. Vor ein paar Tagen haben ihre Tochter und ihr Sohn einen Brief zum Foto gestellt. Es ist ein verzweifelter Hilfeschrei. Denn Farideh und Sajjad haben Todesangst um ihre Mutter. Die junge Frau soll sterben, weil ein iranisches Gericht ihr vorwirft, sie habe ein "unerlaubtes Verhältnis" zu einem fremden Mann gehabt.

Ein Kapitalverbrechen in der Islamischen Republik Iran. Das Urteil: Tod durch Steinigung. Dass Sakineh Mohammadi e Ashtiani den Vorwurf bestreitet und auch keine Beweise für eine außereheliche Liebesbeziehung existieren, spielte bislang keine Rolle. Seit 2006 sitzt die inzwischen 43-Jährige im Gefängnis von Tabriz im Westen Irans. Alle Versuche, der drohenden Hinrichtung zu entgehen, scheiterten. So bestätigte der Oberste Gerichtshof am 27. Mai 2007 das Urteil, und auch die Kommission für Amnestien lehnte zwei Gnadengesuche ab. Sakinehs Kinder kämpften zusammen mit zwei Anwälten trotzdem verzweifelt weiter. Bis jetzt. Denn nun gibt es nur noch eine winzige Chance: Am Samstag wird die Amnestie-Kommission ein letztes Mal den Fall Ashtiani prüfen. Die 17-jährige Farideh und ihr 22-jähriger Bruder Sajjad hoffen auf ein Wunder und appellieren an "die Menschen auf der ganzen Welt": "Helft uns zu verhindern, dass dieser Alptraum zur Realität wird. Rettet unsere Mutter. Wir sind nicht in der Lage, zu erklären, welche Qualen wir jeden Moment, jede Sekunde unseres Lebens erleiden. Worte können unsere Angst nicht beschreiben…"

Das Opfer muss lange um sein Leben kämpfen

Was mit ihrer Mutter passiert, wenn das Gnadengesuch abgelehnt wird, ist in den "Strafgesetzen zur Ahndung des unerlaubten Geschlechtsverkehrs in Iran" festgehalten. Und es liest sich wie das zynische Drehbuch zu einem Thriller über das Mittelalter: § 101 - "Der religiöse Richter soll die Bevölkerung vom Zeitpunkt der Vollstreckung einer hadd-Strafe unterrichten; bei der Vollstreckung muss eine Anzahl von Gläubigen anwesend sein, die nicht weniger als drei betragen darf."

§ 102 - "Bei der Steinigung wird der Mann bis unter den Gürtel und die Frau bis unter die Brust in eine Grube eingegraben. Dann wird die Steinigung vollstreckt." Selbst zur Dauer der qualvollen Prozedur gibt es eine eindeutige Vorschrift. Sie verlangt, dass das Opfer möglichst lange um sein Leben kämpfen muss: § 104 - "Die Steine dürfen bei einer Steinigung nicht so groß sein, dass die Person bereits getötet wird, wenn sie von einem oder zwei davon getroffen wird und auch nicht so klein, dass man sie nicht mehr als Steine ansehen kann."

Mit Schaufeln die Schädel eingeschlagen

Eine Zeugenaussage, die Amnesty International 1987 veröffentlichte, beschreibt das Unbeschreibliche: "Der Lastwagen lud eine große Zahl von Steinen und Kieseln neben dem Exekutionsplatz ab und dann wurden zwei weiß gekleidete Frauen, die Säcke über den Köpfen trugen, zu dem Punkt geführt (…) Sie wurden in einen Steinregen gehüllt und in zwei rote Säcke verwandelt (…) Die verwundeten Frauen fielen zu Boden und die Revolutionswächter schlugen ihnen mit Schaufeln die Schädel ein, um sicherzustellen, dass sie tot sind."

Wie viele Menschen im Iran durch Steinigung ums Leben kommen, kann nur vermutet werden, da nicht alle Fälle öffentlich werden. Laut Amnesty International sind jedoch mindestens elf Personen bekannt, die aktuell vor einer Hinrichtung durch Steinigung stehen. Und das, obwohl der Sprecher der iranischen Justiz, Alireza Jamshidi, am 5. August 2008 in Teheran angekündigt hatte, dass anhängige Urteile zur Steinigung nicht mehr vollstreckt würden und die Todesstrafe durch Steinigung in Iran abgeschafft werden solle.

"Ist die Welt so grausam?"

Sakineh Mohammadi e Ashtiani saß zu diesem Zeitpunkt schon fast zwei Jahre in Haft. Eine Frau, die nicht nur um ihr eigenes Leben fürchten, sondern auch hilflos mit ansehen muss, wie ihre Kinder in der Angst, ihre Mutter zu verlieren schier verzweifeln - ohne einen Trost. "Ist die Welt so grausam, dass sie bei dieser Katastrophe tatenlos zusieht", fragen Farideh und Sajjad.

Da der Iran Vertragspartei des Internationalen Paktes über bürgerliche und politische Rechte (IPBPR) ist, wäre die Regierung eigentlich rechtlich dazu verpflichtet, die Vorschriften des Paktes einzuhalten. Und die besagen, dass der Vollzug der Todesstrafe durch Steinigung ebenso verboten ist, wie Folter oder andere grausame, unmenschliche und erniedrigende Behandlungen oder Strafen. Doch der immer wieder bestätigten Vertragsverletzung hatte die Staatengemeinschaft bislang wenig mehr entgegenzusetzen, als diplomatische Protestnoten. Die wiederum verpufften an der offensichtlichen Skrupellosigkeit der iranischen "Partner". So erklärte laut Amnesty International im September 2007 ausgerechnet der Generalsekretär der iranischen Menschenrechtszentrale und Stellvertreter der Obersten Justizautorität, Mohammad Javad Larijani, "die Steinigung ist weder Folter noch eine unangebrachte Strafe". Außerdem sei sie weniger hart als andere Formen der Hinrichtung, "weil der Angeklagte bei der Steinigung die Chance hat, zu überleben".

"Stop stoning forever"

Tatsächlich sind es neben internationalen Menschenrechtsgruppen, die in den vergangenen Jahren immer wieder die Praxis der Steinigung im Iran und anderen Ländern anprangerten, vor allem die Frauen und Männer der Kampagne "Stop stoning forever", die mit ihren erschütternden Berichten über die Opfer von Steinigungen weltweit für öffentlichen Protest sorgten - und das auch unter Einsatz ihres Lebens. Das Netzwerk iranischer Menschenrechtsverteidiger wurde 2006 gegründet und wird von der Rechtsanwältin Shadi Sadr sowie der Journalistin Asieh Amini geführt, deren Reportagen der Initiative den Anstoß gaben.

"Wir brauchen jede Unterstützung"

Auch Mina Ahadi kämpft für die Rechte von Frauen und gegen die Todesstrafe, besonders die durch Steinigung. 2001 gründete sie das Internationale Komitee gegen Steinigung und ist Vorsitzende des 2004 gegründeten International Committee Against Executions (I.C.A.E.). Die in Deutschland lebende, gebürtige Iranerin steht seit Jahren mit Farideh und Sajjad Mohammadi e Ashtiani in engem Kontakt. Von Köln aus versucht sie den beiden zu helfen und vor allem auch den Protest gegen die Steinigung ihre Mutter zu organisieren. Fast 16.000 Facebook-Freunde konnte sie für das Anliegen schon gewinnen. Mehr als 6000 Protestbriefe an das iranische Parlament sind auf ihre Initiative hin von Gegnern der Steinigung geschickt worden.

Gegen die Steinigung haben sich bislang neben der EU-Außenministerin Baroness Ashton, dem US Kongress, dem UN High Commissioner for Human Rights und den die Regierungen in Kanada und Großbritannien auch der irische Senat, Guido Westerwelle, Robert Redford, Emma Thompson, Juliette Binoche und Colin Firth ausgesprochen.

Auch von Amnesty International wird Mina Ahadi mit einem Appell unterstützt. Und dennoch: "Wir brauchen bis Samstag jede Unterstützung, die wir bekommen können, um die Regierung in Teheran unter Druck zu setzen", wirbt die 53-Jährige. Und Farideh und ihr Bruder Sajjad bitten: "Helft uns, unsere Mutter zu retten. Schreibt an Politiker und Beamte und bittet sie, sie zu befreien. Sagt ihnen, dass nichts gegen sie vorliegt und dass sie nichts Falsches getan hat. Unsere Mutter darf nicht hingerichtet werden. Hört uns jemand und eilt uns zur Hilfe?"

täglich & kostenlos
Täglich & kostenlos

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Partner-Tools