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Das Beben geht weiter

Es war eine der schlimmsten Naturkatastrophen in der Geschichte Chinas. Das Erdbeben von Sichuan vor einem Jahr hat das Land mehr verändert als die Olympischen Spiele. Der stern hat die Unglücksregion besucht - und Menschen getroffen, die zwischen Wut, Neuanfang und Resignation schwanken.

Von Janis Vougioukas, Beichuan

  • Janis Vougioukas

Wie an jedem Morgen besucht Wu Jiafang das Grab seiner Frau, gleich neben dem Weizenfeld. Er hat frische Äpfel mitgebracht und legt sie vor sich hin: "Die sind für dich." Manchmal setzt sich der 46-Jährige zu ihr auf den Boden und erzählt von seinen Sorgen.

Es ist später Nachmittag geworden im kleinen Dorf Guangping, in der zentralchinesischen Provinz Sichuan. Wu spricht langsam, die Erinnerungen schmerzen. Er sitzt auf einem blauen Plastikhocker vor dem Zelt, in dem er jetzt schon fast ein Jahr wohnt. Geblieben sind ihm: ein kleiner Tisch, eine Glühlampe, die Waschmaschine und das Ehebett.

An dem Tag, als Shi starb, hatten sie zusammen Mittag gegessen. Shi wollte in die Stadt, um neues Guthaben auf ihr Handy zu laden. Wu brachte sie mit dem Motorrad zur Bushaltestelle und fuhr weiter zur Arbeit. Das war das letzte Mal, dass er sie lebend sah. Es war der 12. Mai 2008.

Stärke 7,9 auf der Richterskala

Um 14.28 Uhr Ortszeit bebte die Erde in der chinesischen Provinz Sichuan. Der Erdstoß mit Stärke 7,9 auf der Richterskala war eine der schlimmsten Naturkatastrophen in der chinesischen Geschichte. Auf einer Länge von rund 250 Kilometern brach der Untergrund. Berge rissen auseinander und begruben ganze Dörfer unter Felsen und Schlamm. In der Stadt Wenchuan, in der Nähe des Epizentrums, blieb kaum ein Gebäude stehen. Fast 70.000 Menschen starben an diesem Tag. Knapp 18.000 gelten noch immer als vermisst. Etwa fünf Millionen Menschen wurden obdachlos.

Die Katastrophe löste eine Welle der Hilfsbereitschaft aus. Rentner spendeten ihre Pensionen. Studenten eilten nach Sichuan statt in den Hörsaal, um den Opfern zu helfen. Nie war China so vereint und solidarisch wie in den Wochen danach. Selbst die Kommunistische Partei vergaß für einen Moment ihre Prinzipien und erlaubte den chinesischen Medien, unzensiert zu berichten. Im Schock entstand eine Aufbruchsstimmung, die sich im ganzen Land ausbreitete. Kein anderes Ereignis in den vergangenen 30 Jahren hat in China so tiefe Spuren hinterlassen wie das Erdbeben von Sichuan.

Inzwischen läuft der Wiederaufbau auf vollen Touren. In vielen Orten sind die gröbsten Schäden längst behoben. Doch der Geist des Neuanfangs ist größtenteils schon wieder erloschen. Und die Überlebenden leiden noch immer.

Nur an Haarclip und Handtasche erkannt

Das Beben dauerte 80 Sekunden. Wu Jiafang überlebte nur knapp, fast wäre er unter den schweren Maschinen in seiner Zementfabrik zerquetscht worden. Das Handynetz war zusammengebrochen. Wu schwang sich sofort auf sein Motorrad und raste über die kaputten Straßen nach Hause. Doch dort fand er nur seinen Sohn, der gerade die Waschmaschine aus den Trümmern des Hauses in Sicherheit brachte. Wu fuhr weiter in die Stadt. Er grub mit bloßen Händen und fand seine Frau schließlich in den Trümmern eines Teehauses. Die Leiche war so entstellt, dass er sie nur an ihrem Haarclip und an der Handtasche erkannte.

Sorgfältig säuberte er seine Frau. Er weinte nicht, er dachte an nichts in diesem Moment. Seine Hände wussten auch so, was sie tun mussten. Soldaten halfen ihm schließlich, den Leichnam zum Motorrad zu tragen. Er hob seine Frau auf den Rücken, legte ihre Arme um seinen Bauch und band sie fest. Dann setzte er sich auf das Motorrad: So brachte Wu Jiafang seine Frau nach Hause zurück.

Irgendwann erfuhren die chinesischen Medien von der Geschichte des treu sorgenden Ehemannes, der seine Frau mit dem Motorrad zu ihrer letzten Ruhestätte in das Weizenfeld gebracht hatte. So wurde Wu in China zu einem der Helden des Erdbebens.

Hochzeit nach neun Tagen

Seitdem schicken ihm fremde Menschen Briefe. Mitte Oktober klingelte sein Handy, und Wu hörte die Stimme einer Unbekannten: "Das Schicksal der Menschen in Sichuan berührt mich. Ich habe mein ganzes Leben lang einen Mann mit deinem Verantwortungsbewusstsein gesucht." Liu Rufang arbeitete in einer Elektronikfabrik in der Industriestadt Shenzhen an der chinesischen Südküste. Anfang November trafen sie sich zum ersten Mal. Neun Tage später beschlossen sie zu heiraten.

Wu würde das Erdbeben und sein altes Leben am liebsten schnell vergessen, auch wenn er seine tote Frau weiterhin jeden Tag besucht. Gemeinsam mit seiner neuen Frau baut er ein neues Haus. Sie haben sich Geld geliehen. Bis die Schulden abbezahlt sind, wird Liu Rufang Hunderte Kilometer entfernt in der Fabrik in Shenzhen arbeiten. 170 Euro zahlen sie jeden Monat zurück. Sie haben ausgerechnet, dass sie in zwei Jahren ihre Schulden beglichen haben.

Viele der Menschen, die bei dem Beben in Sichuan ihren Lebenspartner verloren, sind inzwischen wieder verheiratet. Die Regierung organisiert Massenhochzeiten und spendiert den neuen Paaren die Flitterwochen auf der Tropeninsel Hainan. So bewältigen Chinesen ihre Probleme seit Jahrhunderten: Nach einem Moment der Trauer richten sie den Blick nach vorn und versuchen, das Unglück möglichst schnell zu vergessen.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Eltern, die ihre Kinder verloren haben, können nicht vergessen und in den Taschen korrupter Beamter versickert die Millionen-Aufbauhilfe für die Schulen von Sichuan

Eltern wollen nicht vergessen

Nur die Eltern, die nach dem Beben ihre Kinder begraben mussten, wollen nicht vergessen. Ihre Wut ist zu groß. 7000 Klassenzimmer stürzten ein. 19.065 Schüler starben nach Angaben der Regierung.

Die 36-jährige Yang Rong wohnt am Rand von Fuxin in einem halb fertigen Rohbau mit nackten Betonwänden, knapp 100 Kilometer vom Epizentrum des Bebens entfernt. Yangs Tochter Leilei wäre im Jahr der Katastrophe elf Jahre alt geworden. Sie besuchte die vierte Klasse der Grundschule Nummer 2 in Fuxin. 127 Kinder kamen ums Leben, als das Schulgebäude innerhalb weniger Sekunden in sich zusammenfiel. "Das Klassenzimmer meiner Tochter befand sich im Erdgeschoss, doch sie hatte keine Chance, nach draußen zu rennen", sagt Yang.

Die Schule war erst vor wenigen Jahren gebaut worden. Und doch war das Gebäude so marode, dass es einstürzte, während fast alle anderen Gebäude in Fuxin dem Beben standhielten. Tagelang suchten Eltern in den Ruinen nach ihren Kindern. Als die Hoffnung erloschen war, trugen sie ihre Verzweiflung auf die Straße und demonstrierten. Rund 80 Eltern, begleitet von 200 Polizisten. Sie hielten Bilder ihrer Kinder hoch und forderten eine Untersuchung. Sie drohten, sich bei der Zentralregierung in Peking zu beschweren. Dann tauchte Jiang Guohua auf, der lokale Generalsekretär der Kommunistischen Partei. Er kniete sich vor die Eltern auf die Straße und bat sie, nach Hause zu gehen. Das machte Yang Rong nur noch wütender. Sie schrie ihn an: "Steh auf! Sieh dir das Bild meiner Tochter an!"

Hoher Sicherheitsstandard für Schulen

Als die Eltern anfingen zu protestieren, erkannte die chinesische Regierung die gewaltige soziale Sprengkraft, die von dem Erdbeben ausging. 1998 hatte die Pekinger Führung ein neues Baugesetz für von Erdbeben bedrohte Gebiete erlassen. Schulen müssen demnach den hohen "Sicherheitsstandard B" erfüllen. In den vergangenen Jahren investierte Peking umgerechnet rund eine Milliarde Euro in den Ausbau der Schulgebäude. Im Jahr 2007 erhielten allein die Schulen von Sichuan umgerechnet 70 Millionen Euro. Doch ein großer Teil des Geldes versickerte in den Taschen korrupter Beamter und Bauunternehmer.

Chinas Medien dürfen inzwischen nicht mehr über die eingestürzten Schulen berichten. Interviews zu dem Thema sind streng verboten. In ganz Sichuan sind kritische Eltern in Arbeits- und Umerziehungslagern verschwunden. Offizielle Begründung: "Gefährdung der sozialen Ordnung." Aus Angst vor Repressalien fürchten sich viele Anwälte, die Eltern von Sichuan zu vertreten. Und die Gerichte weigern sich, ihre Klagen überhaupt anzunehmen. Der chinesische Staat zeigt wieder sein hässliches Gesicht. Nur zu einem Zugeständnis konnte sich die Regierung durchringen: Um die Trauer der Eltern zu lindern, wurde die Ein-Kind-Politik im Erdbebengebiet ausgesetzt. Peking schickte sogar ein spezielles Medizinerteam nach Sichuan, um Sterilisationsoperationen rückgängig zu machen. Tatsächlich gibt es in der Region wieder einen kleinen Babyboom. Doch die Hoffnung, dass sich im Land tatsächlich etwas verändern würde, haben die Eltern verloren.

Li Yang, Schüler an der Beichuan Mittelschule, war in der ganzen Stadt als guter Hip-Hop-Tänzer bekannt. Der heute 17-Jährige war am 12. Mai vom Unterricht befreit worden, um in der Gemeindehalle aufzutreten. Als die Erde bebte, wartete Li gerade auf seinen Auftritt. 1300 Mitschüler und Lehrer wurden unter den Trümmern des Schulgebäudes begraben, unter ihnen viele seiner Freunde. Li rannte die zwei Kilometer zurück zur Schule. Er versuchte, sein Klassenzimmer zu finden, das im fünften Stock gelegen hatte. Doch in den Trümmern war es nicht zu finden. Er rief: "Ich bin Li Yang, ich komme, um euch zu helfen!" Unter einer eingestürzten Wand entdeckte er schließlich die Körper von drei Klassenkameraden. Er konnte nicht sehen, ob sie noch lebten. In den ersten Stunden waren Lehrer und Schüler die Einzigen, die in den Ruinen suchten. Als die Rettungsteams endlich eintrafen, drückten die Ärzte Li Yang einen Tropf für seinen verletzten Basketballkumpel Liao Bo in die Hand. Liao hatte überlebt, doch sein linkes Bein musste amputiert werden.

Schuldgefühle

Seit dem Erdbeben hat Li Yang nie wieder getanzt. Seine Freunde sagen, er mache sich Vorwürfe, weil er überlebt hat und so viele andere nicht. Li Yang sagt: "Wenn ich schneller zur Schule gelaufen wäre, hätte ich vielleicht noch mehr meiner Mitschüler retten können."

"Viele Kinder fürchten sich jetzt in der Dunkelheit", sagt die Biologielehrerin Yang Shihui, die an Lis Schule unterrichtet. Sie selbst hat bei dem Erdbeben ihren Mann verloren. Er war Taxifahrer und wartete vor dem Beichuan Hotel auf Kunden. "Unser Leben fing gerade an besser zu werden. Dann passierte das Erdbeben, und mir ist nichts geblieben außer meiner Tochter", sagt Yang.

Beichuan ist heute eine Geisterstadt. Zwischen den Ruinen liegen noch immer Kühlschränke, Sofas, aufgerissene Matratzen. In einer Küche im zweiten Stock hängt noch die Wäsche auf der Leine. Unter den Trümmern rotten Tausende Leichen. Die Region ist ihr Friedhof. In Beichuan starb jeder zehnte Einwohner.

Besucher und Souvenirläden

Wer überlebt hat, wohnt heute in einem der Fertighäuser in den riesigen Flüchtlingslagern, die mittlerweile in ganz Sichuan stehen. Das Militär hat Beichuan abgeriegelt und kontrolliert den Zugang, um Plünderungen zu verhindern. Chinas Regierungschef Wen Jiabao hatte die Idee, die zerstörte Stadt in ein gewaltiges Erdbebenmuseum zu verwandeln. Schon jetzt kommen an manchen Wochenenden Tausende Besucher. Entlang der Zufahrtsstraßen haben bereits die ersten Souvenirläden eröffnet.

Die Regierung hat den heimatlosen Überlebenden den Bau eines neuen Beichuan versprochen: größer, schöner und vor allem sicherer als das alte Beichuan. Bis dahin werden die Obdachlosen noch mindestens anderthalb Jahre in den Notunterkünften mit den blauen Wellblechdächern wohnen. Allerdings sind die Fertighäuser zwischenzeitlich selbst zum Problem geworden. Lokale Medien berichteten, dass in den vergangenen Wochen Dutzende schwangere Frauen ihre Babys verloren haben. Allein im Flüchtlingslager von Dujiangyan soll es zu 100 Fehlgeburten gekommen sein. Ärzte vermuten, der hohe Formaldehydgehalt in den Fertighäusern könnte die Ursache sein.

Die Provinzregierung reagierte schnell: Mitte April setzte die Propagandaabteilung das Thema auf die Zensurliste.

Mitarbeit: Hong Xiaoyan

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