Das Beben geht weiter

12. Mai 2009, 11:40 Uhr

Es war eine der schlimmsten Naturkatastrophen in der Geschichte Chinas. Das Erdbeben von Sichuan vor einem Jahr hat das Land mehr verändert als die Olympischen Spiele. Der stern hat die Unglücksregion besucht - und Menschen getroffen, die zwischen Wut, Neuanfang und Resignation schwanken. Von Janis Vougioukas, Beichuan

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China, Erdbeben, Sichuan

Krankenschwester Gu Yun Xian über den Jungen, dem sie die Hand hielt: "Ob er überlebt hat, habe ich nie erfahren"©

Wie an jedem Morgen besucht Wu Jiafang das Grab seiner Frau, gleich neben dem Weizenfeld. Er hat frische Äpfel mitgebracht und legt sie vor sich hin: "Die sind für dich." Manchmal setzt sich der 46-Jährige zu ihr auf den Boden und erzählt von seinen Sorgen.

Es ist später Nachmittag geworden im kleinen Dorf Guangping, in der zentralchinesischen Provinz Sichuan. Wu spricht langsam, die Erinnerungen schmerzen. Er sitzt auf einem blauen Plastikhocker vor dem Zelt, in dem er jetzt schon fast ein Jahr wohnt. Geblieben sind ihm: ein kleiner Tisch, eine Glühlampe, die Waschmaschine und das Ehebett.

An dem Tag, als Shi starb, hatten sie zusammen Mittag gegessen. Shi wollte in die Stadt, um neues Guthaben auf ihr Handy zu laden. Wu brachte sie mit dem Motorrad zur Bushaltestelle und fuhr weiter zur Arbeit. Das war das letzte Mal, dass er sie lebend sah. Es war der 12. Mai 2008.

Stärke 7,9 auf der Richterskala

Um 14.28 Uhr Ortszeit bebte die Erde in der chinesischen Provinz Sichuan. Der Erdstoß mit Stärke 7,9 auf der Richterskala war eine der schlimmsten Naturkatastrophen in der chinesischen Geschichte. Auf einer Länge von rund 250 Kilometern brach der Untergrund. Berge rissen auseinander und begruben ganze Dörfer unter Felsen und Schlamm. In der Stadt Wenchuan, in der Nähe des Epizentrums, blieb kaum ein Gebäude stehen. Fast 70.000 Menschen starben an diesem Tag. Knapp 18.000 gelten noch immer als vermisst. Etwa fünf Millionen Menschen wurden obdachlos.

Die Katastrophe löste eine Welle der Hilfsbereitschaft aus. Rentner spendeten ihre Pensionen. Studenten eilten nach Sichuan statt in den Hörsaal, um den Opfern zu helfen. Nie war China so vereint und solidarisch wie in den Wochen danach. Selbst die Kommunistische Partei vergaß für einen Moment ihre Prinzipien und erlaubte den chinesischen Medien, unzensiert zu berichten. Im Schock entstand eine Aufbruchsstimmung, die sich im ganzen Land ausbreitete. Kein anderes Ereignis in den vergangenen 30 Jahren hat in China so tiefe Spuren hinterlassen wie das Erdbeben von Sichuan.

Inzwischen läuft der Wiederaufbau auf vollen Touren. In vielen Orten sind die gröbsten Schäden längst behoben. Doch der Geist des Neuanfangs ist größtenteils schon wieder erloschen. Und die Überlebenden leiden noch immer.

Nur an Haarclip und Handtasche erkannt

Das Beben dauerte 80 Sekunden. Wu Jiafang überlebte nur knapp, fast wäre er unter den schweren Maschinen in seiner Zementfabrik zerquetscht worden. Das Handynetz war zusammengebrochen. Wu schwang sich sofort auf sein Motorrad und raste über die kaputten Straßen nach Hause. Doch dort fand er nur seinen Sohn, der gerade die Waschmaschine aus den Trümmern des Hauses in Sicherheit brachte. Wu fuhr weiter in die Stadt. Er grub mit bloßen Händen und fand seine Frau schließlich in den Trümmern eines Teehauses. Die Leiche war so entstellt, dass er sie nur an ihrem Haarclip und an der Handtasche erkannte.

Sorgfältig säuberte er seine Frau. Er weinte nicht, er dachte an nichts in diesem Moment. Seine Hände wussten auch so, was sie tun mussten. Soldaten halfen ihm schließlich, den Leichnam zum Motorrad zu tragen. Er hob seine Frau auf den Rücken, legte ihre Arme um seinen Bauch und band sie fest. Dann setzte er sich auf das Motorrad: So brachte Wu Jiafang seine Frau nach Hause zurück.

Irgendwann erfuhren die chinesischen Medien von der Geschichte des treu sorgenden Ehemannes, der seine Frau mit dem Motorrad zu ihrer letzten Ruhestätte in das Weizenfeld gebracht hatte. So wurde Wu in China zu einem der Helden des Erdbebens.

Hochzeit nach neun Tagen

Seitdem schicken ihm fremde Menschen Briefe. Mitte Oktober klingelte sein Handy, und Wu hörte die Stimme einer Unbekannten: "Das Schicksal der Menschen in Sichuan berührt mich. Ich habe mein ganzes Leben lang einen Mann mit deinem Verantwortungsbewusstsein gesucht." Liu Rufang arbeitete in einer Elektronikfabrik in der Industriestadt Shenzhen an der chinesischen Südküste. Anfang November trafen sie sich zum ersten Mal. Neun Tage später beschlossen sie zu heiraten.

Wu würde das Erdbeben und sein altes Leben am liebsten schnell vergessen, auch wenn er seine tote Frau weiterhin jeden Tag besucht. Gemeinsam mit seiner neuen Frau baut er ein neues Haus. Sie haben sich Geld geliehen. Bis die Schulden abbezahlt sind, wird Liu Rufang Hunderte Kilometer entfernt in der Fabrik in Shenzhen arbeiten. 170 Euro zahlen sie jeden Monat zurück. Sie haben ausgerechnet, dass sie in zwei Jahren ihre Schulden beglichen haben.

Viele der Menschen, die bei dem Beben in Sichuan ihren Lebenspartner verloren, sind inzwischen wieder verheiratet. Die Regierung organisiert Massenhochzeiten und spendiert den neuen Paaren die Flitterwochen auf der Tropeninsel Hainan. So bewältigen Chinesen ihre Probleme seit Jahrhunderten: Nach einem Moment der Trauer richten sie den Blick nach vorn und versuchen, das Unglück möglichst schnell zu vergessen.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Eltern, die ihre Kinder verloren haben, können nicht vergessen und in den Taschen korrupter Beamter versickert die Millionen-Aufbauhilfe für die Schulen von Sichuan

Übernommen aus ... Stern Ausgabe 20/2009

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