Libyens endloser Krieg

3. November 2012, 17:00 Uhr

Vor einem Jahr töteten Aufständige den verhassten Machthaber von Tripolis. Gadaffis Tod hat dem Land keinen Frieden gebracht. In Misrata wird weiter gekämpft. Doch einige Bürger wollen nicht mehr. Von Raphael Geiger

Libyen, Misrata, Tripoli, Gadaffi, Bürgerkrieg

Männer, vorwiegend aus Misrata, feiern in Bani Walid, nachdem sie die Kontrolle über die Stadt ergreifen konnten©

Abends vor dem Krankenhaus von Misrata, eine Masse von Menschen, an den Wänden Listen mit Namen: die Verwundeten von der Front. An diesem Abend ist Muammar al-Gaddafi ein Jahr tot, in Libyen herrscht immer noch Krieg. Die Menschen rufen Gerüchte über die Zahl der Toten. Am Ende werden es 23 sein, allein an diesem Tag. Über 200 Männer kommen verletzt nach Hause.

Ambulanzen fahren vor, und es ist ein Wunder, dass sie niemanden überfahren, weil alle die Verwundeten sehen wollen und sich um die Wagen drängeln. Lautes Geschrei. "Allahu Akbar! Allah ist groß!" Die Verwundeten sind Helden. In der Luft liegt eine Lust am Kämpfen.

Die Männer kommen zurück aus Bani Walid, einer kleinen Stadt in der Wüste, zwei Autostunden südlich von Misrata, das am Mittelmeer liegt. Seit Jahrzehnten sind Misrata und Bani Walid verfeindet. Bekämpft haben sie sich, als Misrata im Bürgerkrieg gegen Gaddafi aufstand und Bani Walid dem Diktator treu blieb.

Vor einigen Wochen entführten Männer aus Bani Walid den Mann, der vor einem Jahr Gaddafi gefangen nahm. Sie haben den Mann umgebracht. Daraufhin zogen die Männer aus Misrata los, unterstützt von der Regierung. Hier ging es um Revolution gegen altes Regime, aber es ging auch um eine alte Feindschaft. Wie es so ist mit Feindschaften: Niemand weiß mehr so genau, woher sie stammt, aber sie wird gepflegt.

Libyen ein Jahr danach. Ein Land, in dem Milizen noch immer mächtig sind. Solche wie die Kämpfer aus Misrata, eine Truppe mit 800 Panzern. Sie haben die Gaddafi-treuen Städte eine nach der anderen erobert, manche haben sie niedergebrannt. Misrata hat im Krieg am stärksten gelitten, dafür haben sie sich gerächt. Noch ist Libyen kein friedliches Land, sondern eins, in dem sich Städte bekriegen.

Am nächsten Tag, in Bani Walid wird weiter gekämpft, in Misrata läuft Ahmed* die Tripoli-Straße hinunter, vergangenes Jahr waren hier heftige Gefechte, die Häuser sind ausgebombt und zerschossen. Eine Trümmerwüste. Ein Café heißt "Stalingrad", manche Jungen tragen Poloshirts, auf denen steht: "Misratagrad".

Keine Lust mehr aus Hass

Ahmed ist 24, er trägt enge Jeans, bunte T-Shirts, spricht gut Englisch. Eigentlich studiert er, aber die Uni hat das Semester verschoben, damit die Studenten zum Kämpfen nach Bani Walid fahren können. Ahmed ist in Misrata geblieben, sein Vater ist tot, er muss sich um seine Geschwister kümmern. Außerdem hat er keine Lust mehr auf Hass.

"Sie behaupten, dass sie gestern Khmis Gaddafi getötet haben", sagt Ahmed. Khmis war Gaddafis jüngster Sohn. "Aber sie zeigen keine Bilder seiner Leiche. Sie lügen uns doch an. Das ist nur PR. Sie wollen, dass wir kämpfen."

Dann erzählt er von seinen Freunden, mit denen er nicht offen reden kann. Sie verachten jeden, der nicht aus Misrata kommt. Sie verachten Leute aus Misrata, die während des Krieges flohen. Feiglinge, deren Häuser brennen sollen.

Ahmed erzählt: "Eine Familie, die zu Verwandten in Zintan fuhr, auch eine verfeindete Stadt, kam nach ein paar Tagen zurück und einige Typen waren in ihr Haus eingebrochen und haben es besetzt. Einfach so. Die Familie kann nichts tun. Sie steht auf der Straße, weil sie Verwandte besucht hat."

Wir laufen zum Platz der Freiheit im Zentrum Misratas. Nebenan steht das Versicherungsgebäude, ein Hochhaus, aus dem Gaddafis Heckenschützen auf alles schossen, was sich unten bewegte. Jetzt ist das Gebäude eine Ruine.

Ahmed will die Graffiti übersetzen, die an einer Mauer im Park stehen. Dann gibt er auf. "Das ist zu übel", sagt er. "Es geht um die Leute aus Tuarga, sie seien Ratten, sie sollten verschwinden, und..." Er bricht ab. Will nicht weiter übersetzen. Tuarga: Auch eine verfeindete Stadt.

Gaddafi hat das Land wie ein Kolonialherr regiert. Familien, die ihn offen unterstützten, bekamen Geld. Städte, die sich zu bekannten, bekamen neue Straßen, Schulen, Krankenhäuser. Gaddafi hat sich Anhänger erkauft.

Von der derzeitigen Regierung weiß niemand, ob sie ihren Namen verdient. Sie versucht, die Leute anzulügen, verbreitet Gerüchte. Sie bestätigt offiziell, dass Khmis Gaddafi, der Sohn, tot sei. Sie hat es schon einige Male offiziell bestätigt. "Wir lassen uns nicht mehr anlügen", sagt Ahmed.

Kopfschmerzen von Lybien

Zurück auf der Tripoli-Straße besuchen wir das Kriegsmuseum. Ausgebrannte Gaddafi-Panzer, verschossene Munition. Drinnen hängen Bilder der Märtyrer, Gaddafis Stuhl, Gaddafis Mütze. Und die alte Statue: Eine goldene Faust zerquetscht ein US-Kampfflugzeug. Früher stand die Faust in Tripolis, jetzt vor dem Museum in Misrata. Beschmiert mit Graffiti und zugeklebt mit Plakaten.

Ahmed sagt, dass er Kopfschmerzen habe von Libyen. Er müsse mal raus, Urlaub machen in Europa. Und er sagt, dass er nicht allein sei mit seiner Hassmüdigkeit. Leute, die genauso denken, trifft er im Netz. Weniger Leute aus Misrata, aber viele aus Tripolis und Bengasi. Leute, die keine Waffen mehr sehen wollen, und die alte Feindschaften nicht mehr interessieren.

Ahmed sagt, im Internet entstehe eine neue Ebene. Eine zweite Revolution finde statt, eine leise, langsame. Ein offenes Klima entsteht. Ohne Tabus, ohne Angst. Aus Untertanen werden Bürger.

* Name von der Redaktion geändert

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